
2. Die Allegorie
Das Entgegengesetzte des Rtsels ist in diesem Kreise, der von der Allgemeinheit der Bedeutung anhebt, die Allegorie. Auch sie zwar sucht die bestimmten Eigenschaften einer allgemeinen Vorstellung durch verwandte Eigenschaften sinnlich konkreter Gegenstnde der Anschauung nherzubringen, doch nicht des halben Verhllens und rtselhafter Aufgaben wegen, sondern gerade mit dem umgekehrten Zweck der vollstndigsten Klarheit, so da die uerlichkeit, deren sie sich bedient, fr die Bedeutung, welche in ihr erscheinen soll, von der grtmglichen Durchsichtigkeit sein mu.
a) Ihr nchstes Geschft besteht deshalb darin, allgemeine abstrakte Zustnde oder Eigenschaften sowohl aus der menschlichen als auch der natrlichen Welt - Religion, Liebe, Gerechtigkeit, Zwietracht, Ruhm, Krieg, Frieden, Frhling, Sommer, Herbst, Winter, Tod, Fama - zu personifizieren und somit als ein Subjekt aufzufassen. Diese Subjektivitt aber ist weder ihrem Inhalte noch ihrer ueren Gestalt nach wahrhaft an ihr selbst ein Subjekt oder Individuum, sondern bleibt die Abstraktion einer allgemeinen Vorstellung, welche nur die leere Form der Subjektivitt erhlt und gleichsam nur ein grammatisches Subjekt zu nennen ist. Ein allegorisches Wesen, wie sehr demselben auch menschliche Gestalt gegeben werden mag, bringt es weder zu der konkreten Individualitt eines griechischen Gottes noch eines Heiligen oder irgendeines wirklichen Subjekts, weil es die Subjektivitt, um sie der Abstraktion ihrer Bedeutung kongruent zu machen, so aushhlen mu, da alle bestimmte Individualitt daraus entschwindet. Man sagt es daher mit Recht der Allegorie nach, da sie frostig und kahl und bei der Verstandesabstraktion ihrer Bedeutungen auch in Rcksicht auf Erfindung mehr eine Sache des Verstandes als der konkreten Anschauung und Gemtstiefe der Phantasie sei. Poeten wie Vergil haben es deshalb besonders mit allegorischen Wesen zu tun, weil sie individuelle Gtter, wie die Homerischen, nicht zu erschaffen wissen.
b) Zweitens aber sind die Bedeutungen des Allegorischen in ihrer Abstraktion zugleich bestimmte und erst durch diese Bestimmtheit erkennbar, so da nun der Ausdruck solcher Besonderheiten, da er nicht unmittelbar in der zunchst nur berhaupt personifizierten Vorstellung liegt, fr sich neben das Subjekt als die erklrenden Prdikate desselben treten mu. Diese Trennung von Subjekt und Prdikat, Allgemeinheit und Besonderheit ist die zweite Seite der Frostigkeit in der Allegorie. Hergenommen nun wird die Veranschaulichung der bestimmter bezeichnenden Eigenschaften aus den uerungen, Wirkungen, Folgen, welche durch die Bedeutung, wenn sie im konkreten Dasein Wirklichkeit erlangt, zum Vorschein kommen, oder aus den Instrumenten und Mitteln, deren sie sich in ihrer wirklichen Realisation bedient. Kampf und Krieg z. B. werden durch Waffen, Speere, Kanonen, Trommeln, Fahnen, die Jahreszeiten durch die Blumen und Frchte bezeichnet, welche vornehmlich unter dem gnstigen Einflu des Frhlings, Sommers, Herbstes gedeihen. Dergleichen Gegenstnde knnen dann auch wieder nur symbolische Beziehungen haben, wie die Gerechtigkeit durch die Waage und Binde kenntlich gemacht wird, der Tod durch Stundenglas und Sense. Indem nun aber die Bedeutung in der Allegorie das Herrschende und die nhere Veranschaulichung ihr ebenso abstrakt unterworfen wird, als sie selber eine bloe Abstraktion ist, so gewinnt die Gestalt solcher Bestimmtheiten hier nur den Wert eines bloen Attributs.
c) In dieser Weise ist die Allegorie nach beiden Seiten hin kahl. Ihre allgemeine Personifikation ist leer, die bestimmte uerlichkeit nur ein Zeichen, das fr sich genommen keine Bedeutung mehr hat; und der Mittelpunkt, der die Mannigfaltigkeit der Attribute in sich zusammenfassen mte, hat nicht die Kraft einer subjektiven, in ihrem realen Dasein sich selbst gestaltenden und sich auf sich beziehenden Einheit, sondern wird eine blo abstrakte Form, fr welche die Erfllung mit dergleichen zum Attribut herabgesetzten Besonderheiten etwas uerliches bleibt. Daher ist es auch der Allegorie mit der Selbstndigkeit, zu der sie ihre Abstraktionen und deren Bezeichnung personifiziert, kein rechter Ernst, so da also dem an und fr sich Selbstndigen nicht eigentlich die Form eines allegorischen Wesens gegeben werden mte. Die Dike der Alten z. B. ist keine Allegorie zu nennen; sie ist die allgemeine Notwendigkeit, die ewige Gerechtigkeit, das allgemeine, mchtige Subjekt, die absolute Substantialitt der Verhltnisse der Natur und des geistigen Lebens und damit das absolut Selbstndige selber, dem die Individuen, Menschen wie Gtter, zu folgen haben. Herr Friedrich von Schlegel hat zwar, wie wir schon oben bemerkten, geuert: jedes Kunstwerk msse eine Allegorie sein; dieser Ausspruch jedoch ist nur wahr, wenn er nichts anderes heien soll, als da jedes Kunstwerk eine allgemeine Idee und in sich selbst wahrhafte Bedeutung enthalten msse. Was wir dagegen hier Allegorie genannt haben, ist eine im Inhalt wie in der Form untergeordnete, dem Begriff der Kunst nur unvollkommen entsprechende Darstellungsweise. Denn jede menschliche Begebenheit und Verwicklung, jedes Verhltnis, jede Situation hat irgendeine Allgemeinheit in sich, welche sich auch als Allgemeinheit herausziehen lt; aber solche Abstraktionen hat man auch sonst schon im Bewutsein, und um sie in ihrer prosaischen Allgemeinheit und uerlichen Bezeichnung, zu der es die Allegorie allein bringt, ist es in der Kunst nicht zu tun.
Auch Winckelmann hat ein unreifes Werk ber die Allegorie geschrieben*), in welchem er eine Menge von Allegorien zusammenstellt, grtenteils aber Symbol und Allegorie verwechselt.
Unter den besonderen Knsten, innerhalb welcher allegorische Darstellungen vorkommen, tut die Poesie unrecht, wenn sie zu solchen Mitteln ihre Zuflucht nimmt, wogegen die Skulptur nicht berall ohne dieselben fertig werden kann, hauptschlich die moderne, welche das Portrtartige vielfach zult und nun zur nheren Bezeichnung der mannigfaltigen Beziehungen, in welchen das dargestellte Individuum steht, sich allegorischer Figuren bedienen mu. Auf Blchers Denkmal z. B., das hier in Berlin errichtet ist, sehen wir den Genius des Ruhms, des Sieges, obschon in Rcksicht auf die allgemeine Handlung des Befreiungskrieges dies Allegorische durch eine Reihe einzelner Szenen, als z. B. Auszug des Heeres, Marsch, Siegeseinzug, auch wieder vermieden ist. Im ganzen aber hilft man sich bei Portrtstatuen gern damit, die einfache Bildsule mit Allegorien zu umgeben und zu vermannigfachen. Die Alten dagegen, auf Sarkophagen z. B., bedienten sich mehr allgemeiner mythologischer Darstellungen von Schlaf, Tod usf.
Die Allegorie gehrt berhaupt weniger der antiken als der mittelalterlichen romantischen Kunst an, wenn sie auch als Allegorie nichts eigentlich Romantisches ist. Dies hufige Vorkommen der allegorischen Auffassung in dieser Epoche lt sich folgendermaen erklren. Auf der einen Seite hat das Mittelalter zu seinem Inhalt die partikulre Individualitt mit ihren subjektiven Zwecken der Liebe und Ehre, mit ihren Gelbden, Irrfahrten und Abenteuern. Die Mannigfaltigkeit dieser vielen Individuen und Begebnisse gibt der Phantasie einen breiten Spielraum fr das Erfinden und Ausbilden zuflliger, willkrlicher Kollisionen und Lsungen. Den bunten weltlichen Abenteuerlichkeiten steht nun das Allgemeine der Lebensverhltnisse und Zustnde gegenber, das nicht wie bei den Alten zu selbstndigen Gttern individualisiert ist und deshalb gern und natrlich fr sich abgesondert in seiner Allgemeinheit neben jene besonderen Persnlichkeiten und deren partikulre Gestalten und Ereignisse tritt. Hat nun der Knstler solche Allgemeinheiten in seiner Vorstellung und will er sie nicht in die eben beschriebene zufllige Form kleiden, sondern als Allgemeinheiten hervorheben, so bleibt ihm nichts als die allegorische Darstellungsweise brig. Ebenso geht es im religisen Gebiet. Maria, Christus, die Taten und Schicksale der Apostel, die Heiligen mit ihren Bungen und Martern sind zwar auch hier wieder ganz bestimmte Individuen; aber das Christentum hat es gleichmig auch mit allgemeinen geistigen Wesenheiten zu tun, welche sich nicht zur Bestimmtheit lebendiger, wirklicher Personen verkrpern lassen, da sie gerade als allgemeine Verhltnisse, wie z. B. Liebe, Glaube, Hoffnung, zur Darstellung kommen sollen. berhaupt sind die Wahrheiten und Dogmen des Christentums religis fr sich bekannt, und ein Hauptinteresse auch der Poesie besteht darin, da diese Lehren als allgemeine Lehren hervortreten, die Wahrheit als allgemeine Wahrheit gewut und geglaubt werde. Dann aber mu die konkrete Darstellung das Untergeordnete und dem Inhalte selbst uerliche bleiben, und die Allegorie wird die Form, welche diesem Bedrfnisse am leichtesten und geeignetsten Genge tut. In diesem Sinne hat Dante in seiner Gttlichen Komdie viel Allegorisches. So erscheint z. B. die Theologie bei ihm verschmolzen mit dem Bilde seiner Geliebten, der Beatrice. Diese Personifikation schwebt aber, und das macht das Schne an ihr aus, zwischen eigentlicher Allegorie und einer Verklrung seiner Jugendgeliebten. Im neunten Jahr seines Lebens sah er sie zum erstenmal; sie schien ihm nicht die Tochter von einem sterblichen Menschen, sondern von Gott; seine feurige italienische Natur fate eine Leidenschaft fr sie, welche nie wieder erlosch; und wie sie in ihm den Genius der Dichtkunst erweckt hatte, setzte er, nachdem ihm mit ihrem frhen Tode das Liebste verloren war, in dem Hauptwerke seines Lebens gleichsam dieser inneren subjektiven Religion seines Herzens jenes wunderbare Denkmal.
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*) Versuch einer Allegorie, besonders fr die Kunst, Dresden 1766