
b. Unterschied der poetischen und prosaischen Vorstellung
Denselbigen Inhalt aber fat auch das prosaische Bewutsein auf und lehrt sowohl die allgemeinen Gesetze, als sie auch die bunte Welt der einzelnen Erscheinungen zu unterscheiden, zu ordnen und zu deuten versteht; es fragt sich deshalb, wie schon gesagt, bei solcher mglichen Gleichheit des Inhalts nach dem allgemeinen Unterschiede der prosaischen von der poetischen Vorstellungsweise.
α) Die Poesie ist lter als das kunstreich ausgebildete prosaische Sprechen. Sie ist das ursprngliche Vorstellen des Wahren, ein Wissen, welches das Allgemeine noch nicht von seiner lebendigen Existenz im einzelnen trennt, Gesetz und Erscheinung, Zweck und Mittel einander noch nicht gegenberstellt und aufeinander dann wieder rsonierend bezieht, sondern das eine nur im anderen und durch das andere fat. Deshalb spricht sie nicht etwa einen fr sich in seiner Allgemeinheit bereits erkannten Gehalt nur bildlich aus; im Gegenteil, sie verweilt ihrem unmittelbaren Begriff gem in der substantiellen Einheit, die solche Trennung und bloe Beziehung noch nicht gemacht hat.
αα) In dieser Anschauungsweise stellt sie nun alles, was sie ergreift, als eine in sich zusammengeschlossene und dadurch selbstndige Totalitt hin, welche zwar reichhaltig sein und eine weite Ausbreitung von Verhltnissen, Individuen, Handlungen, Begebnissen, Empfindungen und Vorstellungsarten haben kann, doch diesen breiten Komplex als in sich beschlossen, als hervorgebracht, bewegt von dem Einen zeigen mu, dessen besondere uerung diese oder jene Einzelheit ist. So wird das Allgemeine, Vernnftige in der Poesie nicht in abstrakter Allgemeinheit und philosophisch erwiesenem Zusammenhange oder verstndiger Beziehung seiner Seiten, sondern als belebt, erscheinend, beseelt, alles bestimmend und doch zugleich in einer Weise ausgesprochen, welche die alles befassende Einheit, die eigentliche Seele der Belebung, nur geheim von innen heraus wirken lt.
ββ) Dieses Auffassen, Gestalten und Aussprechen bleibt in der Poesie rein theoretisch. Nicht die Sache und deren praktische Existenz, sondern das Bilden und Reden ist der Zweck der Poesie. Sie hat begonnen, als der Mensch es unternahm, sich auszusprechen; das Gesprochene ist ihr nur deswegen da, um ausgesprochen zu sein. Wenn der Mensch selbst mitten innerhalb der praktischen Ttigkeit und Not einmal zur theoretischen Sammlung bergeht und sich mitteilt, so tritt sogleich ein gebildeter Ausdruck, ein Anklang an das Poetische ein. Hiervon liefert, um nur eins zu erwhnen, das durch Herodot uns erhaltene Distichon ein Beispiel, welches den Tod der zu Thermopyl gefallenen Griechen berichtet. Der Inhalt ist ganz einfach gelassen: die trockene Nachricht, mit dreihundert Myriaden htten hier die Schlacht viertausend Pelopon-nesier gekmpft; das Interesse ist aber, eine Inschrift zu fertigen, die Tat fr die Mitwelt und Nachwelt, rein dieses Sagens wegen, auszusprechen, und so wird der Ausdruck poetisch, d. h. er will sich als ein noislv erweisen, das den Inhalt in seiner Einfachheit lt, das Aussprechen jedoch absichtlich bildet. Das Wort, das die Vorstellungen fat, ist sich von so hoher Wrde, da es sich von sonstiger Redeweise zu unterscheiden sucht und zu einem Distichon macht.
γγ) Dadurch bestimmt sich nun auch nach der sprachlichen Seite hin die Poesie als ein eigenes Gebiet, und um sich von dem gewhnlichen Sprechen abzutrennen, wird die Bildung des Ausdrucks von einem hheren Wert als das bloe Aussprechen. Doch mssen wir in dieser Beziehung, wie in Rcksicht auf die allgemeine Anschauungsweise, wesentlich zwischen einer ursprnglichen Poesie unterscheiden, welche vorder Ausbildung der gewhnlichen und kunstreichen Prosa liegt, und der dichterischen Auffassung und Sprache, die sich inmitten eines schon vollstndig fertigen prosaischen Lebenszustandes und Ausdrucks entwickelt. Die erstere ist absichtslos poetisch im Vorstellen und Sprechen; die letztere dagegen wei von dem Gebiet, von welchem sie sich loslsen mu, um sich auf den freien Boden der Kunst zu stellen, und bildet sich deshalb im bewuten Unterschiede dem Prosaischen gegenber aus.
β) Das prosaische Bewutsein zweitens, das die Poesie von sich aussondern mu, bedarf einer ganz anderen Art des Vorstellens und Redens. αα) Auf der einen Seite nmlich betrachtet dasselbe den breiten Stoff der Wirklichkeit nach dem verstndigen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel und sonstigen Kategorien des beschrnkten Denkens, berhaupt nach den Verhltnissen der uerlichkeit und Endlichkeit. Dadurch tritt jedes Besondere einmal in falscher Weise als selbstndig auf, das andere Mal wird es in bloe Beziehung auf anderes gebracht und damit nur in seiner Relativitt und Abhngigkeit gefat, ohne da jene freie Einheit zustande kommt, die in sich selbst in allen ihren Verzweigungen und Auseinanderlegungen dennoch ein totales und freies Ganzes bleibt, indem die besonderen Seiten nur die eigene Explikation und Erscheinung des einen Inhaltes sind, welcher den Mittelpunkt und die zusammenhaltende Seele ausmacht und sich als diese durchdringende Belebung auch wirklich bettigt. Diese Art des verstndigen Vorstellens bringt es deshalb nur zu besonderen Gesetzen der Erscheinungen und verharrt nun ebenso in der Trennung und bloen Beziehung der partikulren Existenz und des allgemeinen Gesetzes, als ihr auch die Gesetze selbst zu festen Besonderheiten auseinanderfallen, deren Verhltnis gleichfalls nur unter der Form der uerlichkeit und Endlichkeit vorgestellt wird.
ββ) Andererseits lt das gewhnliche Bewutsein sich auf den inneren Zusammenhang, auf das Wesentliche der Dinge, auf Grnde, Ursachen, Zwecke usf. gar nicht ein, sondern begngt sich damit, das, was ist und geschieht, als blo Einzelnes, d. h. seiner bedeutungslosen Zuflligkeit nach, aufzunehmen. In diesem Falle wird zwar durch keine verstndige Scheidung die lebendige Einheit aufgehoben, in welcher die poetische Anschauung die innere Vernunft der Sache und deren uerung und Dasein zusammenhlt; was aber fehlt, ist eben der Blick in diese Vernnftigkeit und Bedeutung der Dinge, die fr das Bewutsein damit wesenlos werden und auf das Interesse der Vernunft keinen weiteren Anspruch machen drfen. Das Verstehen einer verstndig zusammenhngenden Welt und deren Relationen ist dann nur mit dem Blick in ein Neben- und Durcheinander von Gleichgltigem vertauscht, das wohl eine groe Breite uerlicher Lebendigkeit haben kann, aber das tiefere Bedrfnis schlechthin unbefriedigt von sich lt. Denn die echte Anschauung und das gediegene Gemt findet nur da eine Befriedigung, wo es in den Erscheinungen die entsprechende Realitt des Wesentlichen und Wahrhaften selber erblickt und empfindet. Das uerlich Lebendige bleibt dem tieferen Sinne tot, wenn nichts Inneres und in sich selbst Bedeutungsreiches als die eigentliche Seele hindurchscheint.
γγ) Diese Mngel des verstndigen Vorstellens und gewhnlichen Anschauens tilgt nun drittens das spekulative Denken und steht dadurch von der einen Seite her mit der poetischen Phantasie in Verwandtschaft. Das vernnftige Erkennen nmlich macht es sich weder mit der zuflligen Einzelheit zu tun oder bersieht in dem Erscheinenden das Wesen desselben, noch begngt es sich mit jenen Trennungen und bloen Beziehungen der verstndigen Vorstellung und Reflexion, sondern verknpft das zur freien Totalitt, was fr die endliche Betrachtung teils als selbstndig auseinanderfllt, teils in einheitslose Relation gesetzt wird. Das Denken aber hat nur Gedanken zu seinem Resultat; es verflchtigt die Form der Realitt zur Form des reinen Begriffs, und wenn es auch die wirklichen Dinge in ihrer wesentlichen Besonderheit und ihrem wirklichen Dasein fat und erkennt, so erhebt es dennoch auch dies Besondere in das allgemeine ideelle Element, in welchem allein das Denken bei sich selber ist. Dadurch entsteht der erscheinenden Welt gegenber ein neues Reich, das wohl die Wahrheit des Wirklichen, aber eine Wahrheit ist, die nicht wieder im Wirklichen selbst als gestaltende Macht und eigene Seele desselben offenbar wird. Das Denken ist nur eine Vershnung des Wahren und der Realitt im Denken, das poetische Schaffen und Bilden aber eine Vershnung in der wenn auch nur geistig vorgestellten Form realer Erscheinung selber.
γ) Dadurch erhalten wir zwei unterschiedene Sphren des Bewutseins: Poesie und Prosa. In frhen Zeiten, in welchen sich eine bestimmte Weltanschauung, ihrem religisen Glauben und sonstigen Wissen nach, weder zum verstndig geordneten Vorstellen und Erkennen fortgebildet noch die Wirklichkeit der menschlichen Zustnde sich einem solchen Wissen gem geregelt hat, behlt die Poesie leichteres Spiel. Ihr steht dann die Prosa nicht als ein fr sich selbstndiges Feld des inneren und ueren Daseins gegenber, das sie erst berwinden mu, sondern ihre Aufgabe beschrnkt sich mehr nur auf ein Vertiefen der Bedeutungen und Klren der Gestalten des sonstigen Bewutseins. Hat dagegen die Prosa den gesamten Inhalt des Geistes schon in ihre Auffassungsweise hineingezogen und allem und jedem den Stempel derselben eingedrckt, so mu die Poesie das Geschft einer durchgngigen Umschmelzung und Umprgung bernehmen und sieht sich bei der Sprdigkeit des Prosaischen nach allen Seiten hin in vielfache Schwierigkeiten verwickelt. Denn sie hat sich nicht nur dem Festhalten der gewhnlichen Anschauung im Gleichgltigen und Zuflligen zu entreien und die Betrachtung des verstndigen Zusammenhanges der Dinge zur Vernnftigkeit zu erheben oder das spekulative Denken zur Phantasie gleichsam im Geiste selber wieder zu verleiblichen, sondern mu ebenso auch in dieser mehrfachen Rcksicht die gewohnte Ausdrucksweise des prosaischen Bewutseins zur poetischen umwandeln und bei aller Absichtlichkeit, welche solch ein Gegensatz notwendig hervorruft, dennoch den Schein der Absichtslosigkeit und ursprnglichen Freiheit, deren die Kunst bedarf, vollstndig bewahren.