II. Wissenschaftliche Behandlungsarten
des Schnen und der Kunst

Fragen wir nun nach der Art der wissenschaftlichen Betrachtung,so begegnen uns auch hier wieder zwei entgegengesetzte Behandlungsweisen, von welchen jede die andere auszuschlieen und uns zu keinem wahren Resultat gelangen zu lassen scheint.
Einerseits sehen wir die Wissenschaft der Kunst sich nur etwa auen herum an den wirklichen Werken der Kunst bemhen, sie zur Kunstgeschichte aneinanderreihen, Betrachtungen ber die vorhandenen Kunstwerke anstellen oder Theorien entwerfen, welche die allgemeinen Gesichtspunkte fr die Beurteilung wie fr die knstlerische Hervorbringung liefern sollen.
Andererseits sehen wir die Wissenschaft sich selbstndig fr sich dem Gedanken ber das Schne berlassen und nur Allgemeines, das Kunstwerk in seiner Eigentmlichkeit nicht Treffendes, eine abstrakte Philosophie des Schnen hervorbringen.
1. Was die erste Behandlungsweise betrifft, welche das Empirische zum Ausgangspunkt hat, so ist sie der notwendige Weg fr denjenigen, der sich zum Kunstgelehrten zu bilden gedenkt. Und wie heutzutage jeder, wenn er sich auch der Physik nicht widmet, dennoch mit den wesentlichsten physikalischen Kenntnissen ausgerstet sein will, so hat es sich mehr oder weniger zum Erfordernis eines gebildeten Mannes gemacht, einige Kunstkenntnis zu besitzen, und ziemlich allgemein ist die Prtention, sich als ein Dilettant und Kunstkenner zu erweisen.
a) Sollen diese Kenntnisse aber wirklich als Gelehrsamkeit anerkannt werden, so mssen sie mannigfacher Art und von weitem Umfange sein. Denn das erste Erfordernis ist die genaue Bekanntschaft mit dem unermelichen Bereich der individuellen Kunstwerke alter und neuer Zeit, Kunstwerke, die zum Teil in der Wirklichkeit schon untergegangen sind, zum Teil entfernten Lndern oder Weltteilen angehren und welche die Ungunst des Schicksals dem eigenen Anblick entzogen hat. Sodann gehrt jedes Kunstwerk seiner Zeit, seinem Volke, seiner Umgebung an und hngt von besonderen geschichtlichen und anderen Vorstellungen und Zwecken ab, weshalb die Kunstgelehrsamkeit ebenso einen weiten Reichtum von historischen, und zwar zugleich sehr speziellen Kenntnissen erfordert, indem eben die individuelle Natur des Kunstwerks sich aufs Einzelne bezieht und das Spezielle zu seinem Verstndnis und Erluterung ntig hat. - Diese Gelehrsamkeit endlich bedarf nicht nur wie jede andere des Gedchtnisses fr Kenntnisse, sondern auch einer scharfen Einbildungskraft, um die Bilder der Kunstgestaltungen nach allen ihren verschiedenen Zgen fr sich festzuhalten und vornehmlich zur Vergleichung mit anderen Kunstwerken prsent zu haben.
b) Innerhalb dieser zunchst geschichtlichen Betrachtung schon ergeben sich verschiedene Gesichtspunkte, welche, um aus ihnen die Urteile herzuleiten, bei Betrachtung des Kunstwerks nicht aus dem Auge zu verlieren sind. Diese Gesichtspunkte nun, wie bei anderen Wissenschaften, die einen empirischen Anfang haben, bilden, indem sie fr sich herausgehoben und zusammengestellt werden, allgemeine Kriterien und Stze und in noch weiterer formeller Verallgemeinerung die Theorien der Knste. Die Literatur dieser Art auszufhren ist hier nicht am Orte, und es kann deshalb gengen, nur an einige Schriften im allgemeinsten zu erinnern. So z. B. an die Aristotelische Poetik, deren Theorie der Tragdie noch jetzt von Interesse ist; und nher noch kann unter den Alten Horazens Ars poetica und Longins Schrift ber das Erhabene eine allgemeine Vorstellung von der Weise geben, in welcher solches Theoretisieren gehandhabt worden ist. Die allgemeinen Bestimmungen, welche man abstrahierte, sollten insbesondere fr Vorschriften und Regeln gelten, nach denen man hauptschlich in den Zeiten der Verschlechterung der Poesie und Kunst Kunstwerke hervorzubringen habe. Doch verschrieben diese rzte der Kunst fr die Heilung der Kunst noch weniger sichere Rezepte als die rzte fr die Wiederherstellung der Gesundheit.
Ich will ber Theorien dieser Art nur anfhren, da, obwohl sie im einzelnen viel Lehrreiches enthalten, dennoch ihre Bemerkungen von einem sehr beschrnkten Kreise von Kunstwerken abstrahiert waren, welche gerade fr die echtschnen galten, jedoch immer nur einen engen Umfang des Kunstgebietes ausmachten. Auf der anderen Seite sind solche Bestimmungen zum Teil sehr triviale Reflexionen, die in ihrer Allgemeinheit zu keiner Feststellung des Besonderen fortschreiten, um welches es doch vornehmlich zu tun ist; wie die angefhrte Horazische Epistel voll davon und daher wohl ein Allerweltsbuch ist, das aber eben deswegen viel Nichtssagendes enthlt: omne tulit punctum etc., hnlich so vielen parnetischen Lehren - Bleib im Lande und nhre dich redlich -, welche in ihrer Allgemeinheit wohl richtig sind, aber der konkreten Bestimmungen entbehren, auf die es im Handeln ankommt. - Ein anderweitiges Interesse bestand nicht in dem ausdrcklichen Zweck, direkt die Hervorbringung von echten Kunstwerken zu bewirken, sondern es trat die Absicht hervor, durch solche Theorien das Urteil ber Kunstwerke, berhaupt den Geschmack zu bilden, wie in dieser Beziehung Homes1) Elements of criticism [1762], die Schriften von Batteux2) und Ramlers Einleitung in die schnen Wissenschaften [4 Bde., 1756-58]3) zu ihrer Zeit vielgelesene Werke gewesen sind. Geschmack in diesem Sinne betrifft die Anordnung und Behandlung, das Schickliche und Ausgebildete dessen, was zur ueren Erscheinung eines Kunstwerks gehrt. Ferner wurden zu den Grundstzen des Geschmacks noch Ansichten hinzugezogen, wie sie der vormaligen Psychologie angehrten und den empirischen Beobachtungen der Seelenfhigkeiten und Ttigkeiten, der Leidenschaften und ihrer wahrscheinlichen Steigerung, Folge usf. abgemerkt worden waren. Nun bleibt es aber ewig der Fall, da jeder Mensch Kunstwerke oder Charaktere, Handlungen und Begebenheiten nach dem Mae seiner Einsichten und seines Gemts beurteilt, und da jene Geschmacksbildung nur auf das uere und Drftige ging und auerdem ihre Vorschriften gleichfalls nur aus einem engen Kreise von Kunstwerken und aus beschrnkter Bildung des Verstandes und Gemtes hernahm, so war ihre Sphre ungengend und unfhig, das Innere und Wahre zu ergreifen und den Blick fr das Auffassen desselben zu schrfen.
Im allgemeinen verfahren solche Theorien in der Art der brigen nichtphilosophischen Wissenschaften. Der Inhalt, den sie der Betrachtung unterwerfen, wird aus unserer Vorstellung als ein Vorhandenes aufgenommen; jetzt wird weiter nach der Beschaffenheit dieser Vorstellung gefragt, indem sich das Bedrfnis nherer Bestimmungen hervortut, welche gleichfalls in unserer Vorstellung angetroffen und aus ihr heraus in Definitionen festgestellt werden. Damit befinden wir uns aber sogleich auf einem unsicheren, dem Streit unterworfenen Boden. Denn zunchst knnte es zwar scheinen, als sei das Schne eine ganz einfache Vorstellung. Doch ergibt es sich bald, da in ihr sich mehrfache Seiten auffinden lassen, und so hebt denn der eine diese, der andere eine andere heraus, oder wenn auch die gleichen Gesichtspunkte bercksichtigt sind, entsteht ein Kampf um die Frage, welche Seite nun als die wesentliche zu betrachten sei.
In dieser Hinsicht wird es zur wissenschaftlichen Vollstndigkeit gerechnet, die verschiedenen Definitionen ber das Schne aufzufhren und zu kritisieren. Wir wollen dies weder in historischer Vollstndigkeit, um alle die vielerlei Feinheiten des Definierens kennenzulernen, noch des historischen Interesses wegen tun, sondern nur als Beispiel einige von den neueren interessanteren Betrachtungsweisen herausstellen, welche nher auf das hinzielen, was in der Tat in der Idee des Schnen liegt. Zu diesem Zweck ist vorzugsweise an die Goethesche Bestimmung des Schnen zu erinnern, welche Meyer seiner Geschichte der bildenden Knste in Griechenland4) einverleibt hat, bei welcher Gelegenheit er, ohne Hirt zu nennen, die Betrachtungsweise desselben gleichfalls anfhrt.
Hirt5), einer der grten wahrhaften Kunstkenner unserer Zeit, fat in seinem Aufsatz ber das Kunstschne (Die Horen, 1797, 7. Stck), nachdem er von dem Schnen in den verschiedenen Knsten gesprochen hat, als Ergebnis zusammen, da die Basis zu einer richtigen Beurteilung des Kunstschnen und Bildung des Geschmacks der Begriff des Charakteristischen sei. Das Schne nmlich stellt er fest als das Vollkommene, welches ein Gegenstand des Auges, des Ohres oder der Einbildungskraft werden kann oder ist. Das Vollkommene dann weiter definiert er als das Zweckentsprechende, was die Natur oder Kunst bei der Bildung des Gegenstandes - in seiner Gattung und Art - sich vorsetzte, weshalb wir denn also, um unser Schnheitsurteil zu bilden, unser Augenmerk soviel als mglich auf die individuellen Merkmale, welche ein Wesen konstituieren, richten mten. Denn diese Merkmale machen gerade das Charakteristische desselben aus. Unter Charakter als Kunstgesetz versteht er demnach jene bestimmte Individualitt, wodurch sich Formen, Bewegung und Gebrde, Miene und Ausdruck, Lokalfarbe, Licht und Schatten, Helldunkel und Haltung unterscheiden, und zwar so, wie der vorgedachte Gegenstand es erfordert. Diese Bestimmung ist schon bezeichnender als sonstige Definitionen. Fragen wir nmlich weiter, was das Charakteristische sei, so gehrt dazu erstens ein Inhalt, als z. B. bestimmte Empfindung, Situation, Begebenheit, Handlung, Individuum; zweitens die Art und Weise, in welcher der Inhalt zur Darstellung gebracht ist. Auf diese Art der Darstellung bezieht sich das Kunstgesetz des Charakteristischen, indem es fordert, da alles Besondere in der Ausdrucksweise zur bestimmten Bezeichnung ihres Inhalts diene und ein Glied in der Ausdrckung desselben sei. Die abstrakte Bestimmung des Charakteristischen betrifft also die Zweckmigkeit, in welche das Besondere der Kunstgestalt den Inhalt, den es darstellen soll, wirklich heraushebt. Wenn wir diesen Gedanken ganz populr erlutern wollen, so ist die Beschrnkung, die in demselben liegt, folgende. Im Dramatischen z. B. macht eine Handlung den Inhalt aus; das Drama soll darstellen, wie diese Handlung geschieht. Nun tun die Menschen vielerlei; sie reden mit ein, zwischenhinein essen sie, schlafen, kleiden sich an, sprechen dieses und jenes usf. Was nun aber von all diesem nicht unmittelbar mit jener bestimmten Handlung als dem eigentlichen Inhalt in Verhltnis steht, soll ausgeschlossen sein, so da in bezug auf ihn nichts bedeutungslos bleibe. Ebenso knnten in ein Gemlde, das nur einen Moment jener Handlung ergreift, in der breiten Verzweigung der Auenwelt eine Menge Umstnde, Personen, Stellungen und sonstige Vorkommenheiten aufgenommen werden, welche in diesem Momente keine Beziehung auf die bestimmte Handlung haben und nicht zum bezeichnenden Charakter derselben dienlich sind. Nach der Bestimmung des Charakteristischen aber soll nur dasjenige mit in das Kunstwerk eintreten, was zur Erscheinung und wesentlich zum Ausdruck gerade nur dieses Inhalts gehrt; denn nichts soll sich als mig und berflssig zeigen.