
Elftes Kapitel.
[Verstndigkeit und Diskretion]
Auch die Verstndigkeit und die Unverstndigkeit, wonach man von verstndigen und unverstndigen Leuten spricht, (1143a) ist einerseits nicht mit Wissenschaft oder Meinung ganz identisch denn sonst wre jedermann verstndig , noch ist sie anderseits eine einzelne, partikulare Wissenschaft, wie die Medizin die Wissenschaft von dem Gesunden oder die Geometrie die Wissenschaft von der Gre ist. Denn die Verstndigkeit hat es weder mit dem immer Seienden und Unbewegten, noch mit irgendeinem Enstehenden zu tun, sondern mit dem, was Gegenstand des Zweifelns und berlegens sein kann. Daher hat sie einerlei Gebiet mit der Klugheit, ohne dass jedoch Verstndigkeit und Klugheit dasselbe ist; denn die Klugheit ist gebietend, da es ihr Ziel ist, zu bestimmen, was man tun oder nicht tun soll; die Verstndigkeit dagegen ist nur beurteilend; denn Verstndigkeit und Wohlverstndigkeit und verstndig und wohlverstndig ist dasselbe.
Verstndigkeit ist weder der Besitz noch die Erlangung der Klugheit, sondern wie man beim Lernen von Verstehen spricht, wenn einer die Wissenschaft, die er schon hat, entsprechend anwendet, so auch, wenn man die Meinung anwendet, um ber das, was der Klugheit obliegt, fremder Rede gegenber zu urteilen, das heit zutreffend zu urteilen. Denn wohl und zutreffend ist einerlei. Und der Name der Verstndigkeit, durch die man wohlverstndig ist, kommt daher, nmlich von dem Verstehen beim Lernen. Denn wir sagen oft Verstehen fr Lernen.
Die sogenannte Gnome, Diskretion oder Unterscheidung, dergem wir von diskreten Personen reden, und sagen, man besitze Diskretion, ist die richtige Beurteilung des Billigen. Ein Zeichen dessen ist dieses. Dem Mann der Billigkeit sagen wir nach, er neige vorzglich zur Nachsicht (Syngnome), und Billigkeit ist uns soviel als mit manchem Nachsicht haben. Nun ist aber die Nachsicht eben eine richtige Beurteilung des Billigen. Richtig aber ist jenes Urteil, das der Wahrhafte fllt.