Achtes Kapitel.
[Klugheit und deren verschiedene Sphren]


Die Klugheit aber hat es mit den irdischen und menschlichen Dingen zu tun, mit Dingen, die Gegenstand der berlegung sind. Bezeichnen wir es doch als den Hauptvorzug eines klugen Mannes, dass er sich seine Sache gut zu berlegen wei; niemand aber berlegt und beratschlagt ber Dinge, die sich nicht anders verhalten knnen und die nicht ihre greifbare Bestimmung haben, und zwar eine solche, die ein fr den Menschen erreichbares Gut darstellt. Der Mann der guten berlegung schlechthin aber ist wer durch Nachdenken das grte durch Handeln erreichbare menschliche Gut zu treffen wei.

Auch geht die Klugheit nicht blo auf das Allgemeine, sondern auch auf die Erkenntnis des Einzelnen. Denn sie hat es mit dem Handeln zu tun, das Handeln aber bezieht sich auf das Einzelne und Konkrete. Daher sind auch manche, die keine Wissenschaft haben, praktischer oder zum Handeln geschickter als andere mit ihrem Wissen; besonders sind dies die Leute mit viel Erfahrung. Denn wenn z. B. jemand wte, dass leichtes Fleisch gut verdaulich und gesund ist, ohne aber zu wissen, welches Fleisch leicht ist, so wrde er damit keinen gesund machen, wohl aber wird es derjenige vermgen, der wei, dass Vogelfleisch leicht und gesund ist. Die Klugheit ist aber praktisch, und darum mu man beides, Kenntnis des Allgemeinen und des Besondern, haben oder, wenn nur eines, lieber das letztere.

Es gibt aber auch wohl hier, in den irdischen und menschlichen Dingen, ein architektonisches, leitendes Vermgen. Die Staatskunst und die Klugheit sind nmlich im Grunde ein und derselbe Habitus, jedoch ist ihr Sein oder ihr Begriff nicht ein und derselbe. Von der auf den Staat gerichteten Klugheit ist aber der leitende und fhrende Teil diejenige Klugheit, die sich in der Gesetzgebung bettigt. Diejenige aber, die sich mit dem Einzelnen befat, hat den gemeinsamen Namen Staatskunst, und sie ist praktische und berlegende Klugheit. Denn die Stimmabgabe ist das Letzte, was es im politischen Handeln gibt. Darum bezeichnet man nur diejenigen, die es hiermit zu tun haben, als Staatsmnner, da nur sie im Staatsleben eigentlich und unmittelbar nach Art der Handwerker handeln.

Klugheit scheint vorzglich jene zu sein, die sich auf die eigene und eine Person bezieht. Sie behlt den gemeinsamen Namen Klugheit. Von jenen ihren Arten aber, die sich auf eine Vielheit von Personen beziehen, ist die eine die konomie oder Haushaltungskunst, die andere die Gesetzgebungskunst und die dritte die Staatskunst, und diese ist wiederum teils beratende, teils richterliche Staatskunst.


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