Portrait

Portrait. (Malerei) Ein Gemlde, das nach der hnlichkeit einer lebenden Person gemacht ist und vornehmlich deren Gesichtsbildung zeigt. Es ist eine nicht erkannte, aber gewisse Wahrheit, dass unter allen Gegenstnden, die das Auge reizen, der Mensch in allen Absichten der interessanteste ist. Er ist das hchste und unbegreiflichste Wunder der Natur, die einen Klumpen toter Materie so zu bilden gewut hat, dass er Leben, Ttigkeit, Gedanken, Empfindungen und einen sittlichen Charakter sehen lsst. Dass wir nicht beim Anblick eines Menschen voll Bewunderung und Erstaunen stille stehen, kommt blo daher, dass die unablssige Gewohnheit den grten Wundern ihre Merkwrdigkeit benimmt. Daher hat die menschliche Gestalt und das Angesicht des Menschen selbst, fr gemeine, unachtsame Menschen nichts, das sie zur Aufmerksamkeit reizt. Wer aber ber das Vorurteil der Gewohnheit sich nur einigermaen wegsetzen und bestndig vorkommende Gegenstnde noch mit Aufmerksamkeit und Nachdenken ansehen kann, dem ist jede Physionomie1 ein merkwrdiger Gegenstand. Wie ungegrndet den meisten Menschen die Physiognomik oder die Wissenschaft aus dem Gesicht und der Gestalt des Menschen seinen Charakter zu erkennen, vorkommen mag; so ist doch nichts gewissers als dass jeder aufmerksame und nur einigermaen fhlende Mensch, etwas von dieser Wissenschaft besitzt; indem er aus dem Gesicht und der brigen Gestalt der Menschen etwas von ihrem in demselben Augenblick vorhandenen Gemtszustand mit Gewissheit erkennt. Wir sagen oft mit der grten Zuversicht, ein Mensch sei traurig, frhlich, nachdenkend, unruhig, furchtsam u.s.w. auf das bloe Zeugnis seines Gesichts und wrden uns sehr darber verwundern, wenn jemand uns darin widersprechen wollte.

 Nichts ist also gewisser als dieses, dass wir aus der Gestalt der Menschen, vorzglich aus ihrer Gesichtsbildung etwas von dem erkennen, was in ihrer Seele vorgeht; wir sehen die Seele in dem Krper. Aus diesem Grunde knnen wir sagen, der Krper sei das Bild der Seele oder die Seele selbst, sichtbar gemacht.

 Da nun kein einziger Gegenstand unserer Kenntnis wichtiger fr uns sein kann als denkende und fhlende Seelen; so kann man auch daran nicht zweifeln, dass der Mensch nach seiner Gestalt betrachtet, wenn wir auch das Wunderbare darin, dessen wir oben gedacht haben, beiseite setzen, der wichtigste aller sichtbaren Gegenstnde sei.

 Ich habe vor ntig erachtet, diese Betrachtungen dem, was ich ber das Portrait zu sagen habe, vorangehen zu lassen; weil das, was ich zu sagen habe, sich grtenteils darauf grndet.

 Woher mag es doch kommen, dass man an einigen Orten einen schlechten Portraitmaler im Spa einen Seelenmaler nennt, da der gute Knstler dieser Gattung ein eigentlicher wahrer Seelenmaler ist? Es folgt aus obigen Anmerkungen, dass jedes vollkommene Portrait ein wichtiges Gemlde sei, weil es uns eine menschliche Seele von eigenem persnlichen Charakter zu erkennen gibt. Wir sehen in demselben ein Wesen, in welchem Verstand, Neigungen, Gesinnungen, Leidenschaften, gute und schlimme Eigenschaften des Geistes und des Herzens auf eine ihm eigene und besondere Art gemischt sind. Dieses sehen wir so gar im Portrait meistenteils besser als in der Natur selbst; weil hier nichts bestndig, sondern schnell vorbergehend und abwechselnd ist: Zu geschweigen dass wir selten in der Natur die Gesichter in dem vorteilhaften Lichte sehen, in welches der geschickte Maler es gestellt hat.

 Hieraus lsst sich also leicht die Wrde und der Rang, der dem Portrait unter den Werken der Malerei gebhrt, bestimmen. Es steht unmittelbar neben der Historie. Diese selbst bekommt einen Teil ihres Werts von dem Portrait. Denn der Ausdruck, der wichtigste Teil des historischen Gemldes wird um so viel natrlicher und krftiger sein, je mehr wirklicher aus der Natur genommener Physionomie in den Gesichtern ist. Eine Sammlung sehr guter Portraite ist fr den Historienmaler eine wichtige Sache zum Studium des Ausdrucks.

 Der Portraitmaler intereirt uns durch seine Arbeit vielfltig; weil er uns mit Charakteren der Menschen bekannt macht. Ist er selbst ein Kenner der Menschen und dieses ist gewiss jeder gute Portraitmaler und hat der, welcher das Portrait betrachtet, Gefhl genug, die Seele in der Materie zu sehen, so ist jedes gute Portrait, selbst von unbekannten Personen, ein merkwrdiger Gegenstand fr ihn. Er wird, so wie durch die Tragdie, Komdie und das Heldengedicht, bald Hochachtung, bald Zuneigung, bald Verachtung, Abneigung und jede Empfindung, wodurch Menschen mit anderen verbunden oder von ihnen getrennt werden, dabei fhlen. Noch mehr wird es ihn interessieren, wenn die Urbilder ihm persnlich oder aus anderer Erzhlungen bekannt sind.

 Hierzu kommt noch die fast in allen Menschen vorhandene Neigung Personen deren Charakter und Taten uns aus Erzhlungen wohl bekannt sind, auch ihrer Gesichtsbildung und Gestalt kennen zu lernen. Es macht uns ein groes Vergngen, so oft es sich trifft, dass wir Menschen, deren Ruhm uns schon lange beschftigt hat, zu sehen bekommen. Was wrde man nicht darum geben einen Alexander, Sokrates, Cicero, Cato, Csar und dergleichen Mnner, so wie sie gelebt haben zu sehen? Diese Neigung kann durch das Portraitmalen befriediget werden.

 Zu dem allem kommt noch, dass diese Malerei ein sehr krftiges Mittel ist die Bande der Hochachtung und Liebe, nebst allen anderen sittlichen Beziehungen zwischen uns und unseren Vorltern und den daher entstehenden heilsamen Wirkungen auf die Gemter so zu unterhalten als wenn wir die Verstorbenen bisweilen wirklich noch unter uns shen. Ich habe im Artikel Opera2 ein Beispiel angefhrt, woraus zu sehen ist, dass ein Portrait beinahe eben so starken Eindruck auf den Menschen machen kann als die Person selbst. Und aus einer neueren Anekdote, kann man sehen, was fr wichtige Wirkungen bisweilen ein Portrait haben kann. Man erzhlt nmlich, dass das Portrait von dem nachherigen Knig Heinrich dem III in Frankreich, das Monlc Bischof von Valence in Pohlen ausgeteilt hat, viel beigetragen habe, diesem Prinzen die Polnische Crone zu verschaffen, da es den Pohlen den Verdacht als ob er Urheber der verfluchten St. Bartholomus Mordnacht gewesen, vllig benommen haben soll.

 Darum verdient dieser Zweig der Kunst so gut als irgend ein anderer mit Eifer befrdert zu werden und der Portraitmaler behauptet einen ansehnlichen Rang unter den ntzlichen Knstlern. Nicht blo die Wichtigkeit seiner Arbeit, sondern auch die zu diesem Fache erforderlichen Talente berechtigen ihn An spruch darauf zu machen. Es mssen mancherlei und groe Talente zusammentreffen, um einen Portraitmaler wie Titian und Van Dyk waren, zu bilden. Was irgend die Kunst zur Tuschung des Auges vermag, muss der Portraitmaler besitzen. Aber das, was eigentlich zur Kunst gehrt und gelernet werden kann, ist das Wenigste. Vorzglich muss er das scharfe Auge des Geistes haben, die Seele ganz in dem Krper zu sehen. Die Physionomie grndet sich auf so mancherlei kaum merkliche Zge, dass ein jede Kleinigkeit empfindendes Aug und eine auch die geringsten Eindrcke richtig fassende und beurteilende Vorstellungskraft dazu gehrt, sie richtig zu fassen und berhaupt eine hchst empfindsame Seele, sie zu verstehen. Der Portraitmaler, wenn er ein Meister in seiner Kunst sein will, muss Dinge, die andere Menschen kaum dunkel fhlen, wenigstens in einem ziemlichen Grade der Klarheit sich vorstellen; da er sie im Gemlde nachahmen muss, kein Mensch aber das nachahmen kann, was er sich nicht klar vorstellt. Das Feuer oder die sanfte Zrtlichkeit des Auges; das Leben, welches man auch ohne Bewegung und ohne das Gefhl der Wrme empfindet; der Scharfsinn oder die Trgheit des Geistes; Sanftmut oder Rohigkeit der Seele Wer kann uns sagen, wie sich dieses alles auf dem Gesichte zeige? Der Portraitmaler muss es bestimmt erkennen; denn er bringt es in das Bild und gewiss nicht von ungefhr.

 Wer nur diesem nachzudenken vermag, wird begreifen, dass hierzu eben so viel seltene Gaben des Genies erfordert werden als zu irgend einer anderen Kunst, um darin gro zu werden. Ich habe mehr als einmal bemerkt, dass verschiedene Personen, die sich von unserem Graf, der vorzglich die Gabe hat, die ganze Physionomie in der Wahrheit der Natur darzustellen, haben malen lassen, die scharfen und empfindungsvollen Blicke, die er auf sie wirft, kaum vertragen knnen; weil jeder bis in das Innere der Seele zu dringen scheint.

 Wenn kann man von einem Portrait sagen, es sei vollkommen? Ich getraue mir nicht diese Frage mit vlliger Deutlichkeit oder Gewissheit zu beantworten. Aber einige der hierzu ntigen Eigenschaften eines solchen Gemldes will ich suchen anzuzeigen.

 Das erste ist, dass die wahren Gesichtszge der Personen, so wie sie in der Natur vorhanden sind, auf das Richtigste und Vollkommenste, mit bergehung des Zuflligen, das jeden Augenblick anders ist, vermittelst richtiger Zeichnung dargestellt werden. Es geschieht oft, dass ein Mensch einige Minuten lang Zge in seinem Gesichte zeigt, die dem Charakter seiner Physionomie berhaupt beinahe entgegen sind, wenigstens ihm etwas fremdes und ungewhnliches einprgen. Dergleichen muss der Portraitmaler bergehen.

Er muss beurteilen knnen, was jeder Physionomie natrlich und so zu sagen, innwohnend und was vorbergehend und etwas gezwungen ist. Nur jenes muss er ins Portrait bringen. Denn muss die Kopfstellung und berhaupt die Haltung des ganzen Krpers mit dem Charakter, den das Gesichte zeigt, bereinstimmen. Jeder aufmerksame Beobachter wei, wie richtig das Gemt des Menschen sich in der Haltung des Kopfs, in der ganzen Stellung und Gebehrdung des Krpers, zeigt. Dieses muss notwendig mit der Physionomie bereinstimmen und es wrde hchst anstig sein, einem sanften und bescheidenen Gesicht, eine freche Kopfstellung zu geben.

 In Ansehung des Kolorits, hat der Portraitmaler nicht nur die allen Malern gemeinen Regeln der guten Farbengebung, Haltung und Harmonie gemein, wovon hier nicht besonders zu sprechen ist; sondern er muss den Ton der Farbe und das besondere persnliche Kolorit seines Urbildes richtig zu treffen wissen und ein Licht suchen, das sich dazu schickt. Einige Gesichter wollen in einen etwas hellen, andere in einem mehr gedmpften Lichte gesehen sein; einigen tun etwas strkere, anderen kaum merkliche Schatten, gut. Dieses alles muss der Maler zu empfinden im Stande sein. berhaupt muss das Licht so gewhlt sein, dass das Gesicht sein eigentlicher Mittelpunkt ist und die Stelle des Gemldes wird, auf die das Auge immer zurck gefhrt wird. Das Auerordentliche in dem Lichte, so wie Rembrand es oft gewhlt hat, wollten wir, wenig auerordentliche Flle ausgenommen, nicht raten. Darin muss man mehr Van Dyks Art studieren und nachahmen.

  Vornehmlich muss der Portraitmaler sich davor hten, dass zwei gleich helle oder gleich dunkle Massen im Portrait erscheinen. Die vollkommenste Einheit der Masse tut da die beste Wirkung und schaft die von Kennern so sehr gepriesene Ruhe des Auges, die hier ntiger als irgendwo ist; damit man sich der ruhigen Betrachtung der Gesichtsbildung ganz berlasse.

 Dass weder in der Kleidung, noch in den Nebensachen irgend etwas soll angebracht werden, wodurch das Auge vorzglich knnte gereizt werden, versteht sich von selbst. Gegen das Gesichte muss im Portrait gar nichts aufkommen, dieses ist das Einzige, das die Aufmerksamkeit an sich ziehen muss. Hat der Maler etwas von zuflligen Zierraten anzubringen, so muss er mit dem Geschmack der schlauesten Buhlerin, es da anbringen, wo es den Charakter des Ganzen erhhet. Je mehr er verhindern kann, dass das Auge weder auf einen anderen Teil der Figur, noch gar auf den hindern Grund ausschweife und sich dort verweile, je besser wird sein Portrait sein. Die franzsischen Maler, die allgemein sehr viel Geschicklichkeit in na trlicher Darstellung der Gewnder haben, tun doch eben dadurch, dass sie dieselben entweder zu hell halten oder einen khnen malerischen Wurf darin suchen, den Portraiten Schaden. Ich gestehe, dass ich kaum ein Portrait von dem mit Recht berhmten Rigaud gesehen, wo mir nicht seine Bekleidung, so schn sie in anderen Absichten sein mag, anstig gewesen. Man ist gezwungen ihr einen betrchtlichen Teil der Aufmerksamkeit zu wiedmen.

 Man empfiehlt dem Maler und die meisten lassen es sich nur allzusehr angelegen sein, den Personen in Zeichnung und Farbe etwas zu schmeicheln, das ist, beides etwas zu verschnern. Wenn man damit sagen will, dass gewisse zum Charakter der Physionomie wenig beitragende, dabei eben nicht angenehme Kleinigkeiten, sollen bergangen werden, so mag der Maler dem Rat immer folgen. Er kann so gar in den Verhltnissen der Teile bisweilen etwas verbessern, einige Teile nher an einander, andere etwas aus einander bringen; wenn nur dadurch der wahre Geist der Physionomie, worauf hier alles ankommt, nicht verletzt wird.

 Das Kolorit muss berhaupt den Ton und die Farbe der Natur haben, streng oder lieblich, einfrbig oder mannigfaltig sein, wie es sich im Urbild zeigt.

 Dieses hindert aber den Maler nicht kleine Fehler desselben zu verbessern und Harmonie zu beobachten, wo sie in der Natur etwas vernachlssiget worden ist. Etwas muss das Helle immer bertrieben sein. Denn die Zeit stimmt allgemein die hellen Farben etwas herunter und denn hngen auch die Portraite meistenteils so, dass kein berfluss von Licht darauf fllt.

 Der Hollnder Ten - Kate gibt3 den Rat, die Person etwas entfernt sitzen zu lassen, damit verschiedene Kleinigkeiten in Zeichnung und Farbe, die nicht zur schnen Natur gehren, dem Auge des Malers entgehen. Der Rat knnte gut sein, wenn nicht eben so viel zum Schnen gehrige Kleinigkeiten dadurch ebenfalls unsichtbar wrden: die nicht zum Schnen gehrigen Kleinigkeiten, in deren genauer Darstellung ein Denner und Seibold ein groes Verdienst suchten, kann ohnedem ein Maler von Geschmack leicht vermeiden.

 Man hat oft eine nicht unwichtige Frage ber die Portraitmalerei aufgeworfen, ob man die Personen in Handlung oder in Ruhe malen soll. Gar viel Liebhaber raten zum ersten und schtzen die so genannten historischen Portraite am meisten. Allein es lsst sich dagegen dieser erhebliche Einwurf machen, dass die Ruhe das Ganze des Charakters allemal besser sehen lsst. Denn bei der auch nur einigermaen wichtigen Handlung, herrscht natrlicher Weise eine nur vorbergehende Gemtslage ber die ganze Physionomie; und man hat dann nur das Portrait der Person in diesen Umstnden. Vielleicht war es eine Folge dieser Betrachtung, dass die Alten in ihren Statuen die Personen meistenteils in ruhigen Stellungen bildeten. Es kann freilich Flle geben, wo der wahre Charakter einer Person whrend einer gewissen Handlung, sich im besten Lichte zeigt: ist dieses, so whle man in einem solchen Fall eine historische Stellung.

 In Ansehung der Kleidung ist der Geschmack sehr verschieden. Mich dnkt es sei das beste, dass man sich nach dem blichen richte und jeden so male, wie man ihn zu sehen gewohnt ist. So gern ich ein wahres Portrait von Cicero haben mchte, so wrde dieser Rmer in einer griechischen oder persischen oder gar in einer neuen Kleidung mir wenig Vergngen machen; so wenig als ich den Sokrates in der rmischen Toga haben mochte. Da nun in knftigen Zeiten mancher, in Absicht auf uns eben so denken wird, so scheint es, man sollte kein Portrait anders bekleiden als wie die Person sich, zu kleiden gewohnt ist.

 

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1 Eigentlich Physignomie.

2 S. 850 .

3 In der Vorrede der bersetzung des Richardsons.


 © textlog.de 2004 07.09.2026 10:42:53
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
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