Prinzip der Tonalitt


Die auf diesem Tonmaterial aufgebaute akkordharmonische Musik hlt nun in ihrer voll rationalisierten Gestalt prinzipiell fr jedes musikalische Gebilde die Einheit der durch Beziehung auf den Grundton und die drei normalen Hauptdreiklnge hergestellten, leitereigenen Tonfolge fest: Prinzip der Tonalitt. Jede Durtonart hat mit einer parallelen Molltonart, deren Grundton eine kleine Terz tiefer liegt, das gleiche leitereigene Tonmaterial. Jeder Dreiklang auf der Oberquint (Dominante) und Unterquint (Unterdominante Oktave der Quart) ist ferner tonischer, d.h. auf dem Grundton errichteter Dreiklang je einer nchstverwandten Tonart gleichen (Dur- oder - Moll-) Geschlechts, welche mit der Ausgangstonart das gleiche Tonmaterial bis auf je einen Ton teilt. Und entsprechend entwickeln sich die Verwandtschaften der Tonarten in Quintenzirkeln weiter. Durch Zufgung der dritten leitereigenen Terz zu einem Dreiklang entstehen die dissonierenden Septimenakkorde und speziell auf der Dominante der Tonart, also mit deren groer Septime als Terz, der Dominantseptimen-Akkord, welcher, da er nur in dieser Tonart, in dieser Zusammensetzung als Terzenfolge aus leitereigenen Tonmaterial vorkommt, sie eindeutig charakterisiert. Jeder aus Terzen aufgebaute Akkord vertrgt die Umkehrung (die Versetzung eines oder mehrerer seiner Tne in eine andere Oktave) und ergibt dadurch einen neuen Akkord gleicher Tonzahl und unvernderten harmonischen Sinnes. Die regulre Modulation in eine andere Tonart erfolgt von den Dominantakkorden aus; eindeutig eingefhrt wird die neue Tonart durch den Dominantseptimen-Akkord oder ein eindeutiges Fragment von ihm. Einen regulren Abschlu eines Tongebildes oder eines seiner Abschnitte kennt die strenge Akkordharmonik nur durch eine die Tonart eindeutig kennzeichnende Akkordfolge (Kadenz), also normalerweise eines Dominantakkords und des tonischen Dreiklangs, bzw. ihrer Umkehrungen oder mindestens eindeutiger Fragmente beider. Die in harmonischen Dreiklngen oder deren Umkehrungen enthaltenen Intervalle sind (je nachdem vollkommene oder unvollkommene) Konsonanzen. Alle anderen Intervalle sind Dissonanzen. Das grundlegende dynamische, den Fortschritt von Akkord zu Akkord musikalisch motivierende Element der Akkordmusik ist die Dissonanz. Um die in ihr liegende Spannung zu lsen, fordert sie ihre Auflsung in einen neuen, die harmonische Basis in konsonanter Form darstellenden Akkord, die typischen einfachsten Dissonanzen der reinen Akkordharmonik: die Septimenakkorde, die Auflsung in Dreiklnge.

So weit wenigstens scheint alles in Ordnung, und in diesen (knstlich vereinfachten) Grundelementen wenigstens knnte das akkordharmonische System auf den ersten Blick als eine rational geschlossene Einheit erscheinen. Allein dem ist bekanntlich nicht so. Damit der Dominantseptimen-Akkord eindeutiger Reprsentant seiner Tonart sei, mu seine Terz, also die Septime der Tonart, eine groe Septime dieser sein: also mu in den Molltonarten deren kleine Septime, im Widerspruch mit dem dreiklangmig geforderten, chromatisch erhht werden. (Der Dominantseptimen-Akkord von A-moll wre sonst zugleich Septimenakkord von E-moll.) Dieser Widerspruch ist also nicht nur, wie zuweilen (so auch von Helmholtz) gesagt wird, nur melodisch bedingt weil nur der Halbtonschritt unterhalb der Oktave des Grundtons jene zur Oktave drngende Unselbstndigkeit hat, die ihn als Leitton qualifiziert , sondern liegt schon in der harmonischen Funktion des Dominantseptimen-Akkords selbst beschlossen, wenn diese auch fr das Mollgeschlecht gelten soll. Bei dieser Alteration der kleinen zur groen Septime entsteht leitereigen von der kleinen Terz aus der Quint und zur groen Septime der Molltonart, der dissonante bermige Dreiklang, entgegen der harmonischen Terzenkombination aus zwei groen Terzen bestehend. Und den dissonanten verminderten Dreiklang enthlt jeder Dominantseptimen-Akkord leitereigen, von der seine Terz bildenden groen Septime der Tonart aus nach oben. Schon diese beiden Arten von Dreiklngen sind, den harmonisch geteilten Quinten gegenber, eigentlich Revolutionre. Bei ihrer Legitimierung hat aber, gegenber den Tatsachen der Musik schon seit J. S. Bach, die Akkordharmonik bei weitem nicht stehenbleiben knnen. Fgt man in einen, die kleine Septime enthaltenden Septimenakkord zwei groe Terzen ein, so bleibt als Rest die dissonierende verminderte Terz, und bildet man aus ihr, einer kleinen und einer groen Terz einen Septimenakkord, so ist wiederum dessen Septime vermindert: es entstehen die alterierten Septimenakkorde und ihre Umkehrungen. Durch Kombination von leitereigenen (normalen) Terzen mit verminderten Terzen ferner entstehen die alterierten Dreiklnge und ihre Umkehrungen. Aus dem Material dieser Akkordkategorien lassen sich dann die vielumstrittenen alterierten Tonleitern konstruieren, denen sie leitereigen und von denen aus gesehen sie also harmonische Dissonanzen sind, deren Auflsungen sich mit den Regeln der (entsprechend erweiterten) Akkordharmonik konstruieren und zur Kadenzbildung verwenden lassen. Sie sind historisch charakteristischerweise in den Molltonarten zuerst aufgetreten und von der Theorie erst allmhlich rationalisiert worden. Alle diese alterierten Akkorde fhren irgendwie auf die Stellung der Septime im Tonsystem zurck. Die Septime ist auch der Strenfried bei dem Versuch, die einfache Durtonleiter durch eine Serie reiner Dreiklnge zu harmonisieren; es fehlt der verbindende Ton, welchen das Bedrfnis stetiger stufenweiser Fortschreitung fordert, von der Sext- zur Septimenstufe, und zwar nur an dieser Stelle, der einzigen, wo den Stufen das dominantische Verhltnis zueinander: der durch eine der Dominanten vermittelte Nchstverwandtschaftsgrad der fr die Harmonisierung zu verwendenden Dreiklnge mangelt.

Jenes Bedrfnis nach Stetigkeit der Fortschreitung, also Verbundenheit der Akkorde untereinander, ist nun seinem Wesen nach kein rein harmonisch zu begrndendes mehr, sondern melodischen Charakters. Die Melodik berhaupt aber ist zwar harmonisch bedingt und gebunden, aber, auch in der Akkordmusik, nicht harmonisch deduzierbar. Zwar hat Rameaus Formulierung, da der Fundamentalba߫, d.h. der harmonische Grundton der jeweiligen Akkorde, sich nur in den Intervallen des Dreiklangs, reinen Quinten und Terzen, fortbewegen drfe, auch die Melodik der rationalen Akkordharmonik unterworfen. Und es ist bekannt, wie Helmholtz das Prinzip der stellenweisen Fortschreitung zu den (nach der Ober- und Kombinationston-Skala) nchstverwandten Tnen, gerade als Prinzip der reinen monodischen Melodik, theoretisch glnzend durchgefhrt hat. Aber er selbst mute als ferneres Prinzip die Nachbarschaft der Tonhhe einfhren, welches er dann teils entsprechend den Untersuchungen Basevis, teils durch die Beschrnkung der nur melodisch erklrbaren Tne auf bloe Durchgangsfunktion dem strengen harmonischen System einzufgen suchte. Allein Tonverwandtschaft und Tonnachbarschaft stehen, da der Sekundenschritt, vor allem der besonders intensiv leitende Halbtonschritt, gerade zwei in der physikalischen Verwandtschaft fernstehende Tne miteinander verbindet, in unvershnlichem Gegensatz gegeneinander, ganz abgesehen von dem allgemeinen Bedenken, da eben doch die Obertonskala nicht vollstndig sondern unter berspringung bestimmter Stufen in sehr prononcierter Unvollstndigkeit der Harmonik zugrunde liegt. Die Melodien, selbst des strengsten reinen Satzes, sind weder stets nur gebrochene, d.h. in die Tonsukzession projizierte Akkorde, noch stets durch harmonische Obertne des Fundamentalbasses in ihren Fortschreitungen verkoppelt und mit bloen Terzensulen, harmonischen Dissonanzen und deren Auflsungen allein wre vollends niemals eine Musik konstruierbar gewesen. Nicht nur aus den Verwicklungen kettenweiser Fortschreitungen, sondern auch aus vorwiegend distanzmig, aus der Tonnhe heraus, zu verstehenden melodischen Bedrfnissen erwachsen jene zahlreichen Akkorde, welche nicht auf Terzenaufbau beruhen, daher weder harmonische Reprsentanten einer Tonart, noch infolgedessen gleichsinnig umkehrbar sind und also auch nicht ihre Erfllung durch die Auflsung in einen ganz neuen, aber die Tonart ergnzend charakterisierenden Akkord finden: die sogenannten melodischen oder vom Standpunkt der Akkordharmonik aus gesprochen zuflligen Dissonanzen. Die Akkordharmonik behandelt die harmonie- oder auch leiterfremden Tne solcher Akkorde je nachdem als Durchgnge, oder als ausgehaltene und wiederholte Tne neben den akkordlich fortschreitenden Stimmen, deren variierende Beziehung zu ihnen dann den spezifischen Charakter des Gebildes prgt, oder als Vorausnahmen oder Nachschlge akkordzugehriger Tne vor oder hinter den betreffenden Akkorden, endlich und namentlich als Vorhalte: harmonisch akkordfremde Tne in einem Akkord, welche gewissermaen die eigentlich zugehrigen Tne von ihrer Stelle verdrngt haben, daher nicht wie die legitimen harmonischen Dissonanzen, auch frei auftreten knnen, sondern stets vorbereitet sein mssen. Sie fordern nicht die spezifisch akkordharmonische Auflsung, sondern diese erfolgt, prinzipiell wenigstens, dadurch, da die verdrngten Tne und Intervalle sozusagen nachtrglich in ihre von Rebellen gekrnkten Rechte eingesetzt werden. Eben diese akkordfremden Tne sind nun aber naturgem, gerade durch den Kontrast gegen das akkordlich Geforderte, die wirksamsten Mittel der Dynamik des Fortschreitens einerseits, andererseits auch der Bindung und Verflechtung der Akkordfolgen miteinander. Ohne diese durch die Irrationalitt der Melodik motivierten Spannungen gbe es keine moderne Musik, zu deren wichtigsten Ausdrucksmitteln gerade sie zhlen. In welcher Art gehrt nicht weiter hierher. Denn hier sollte nur an der Hand der allereinfachsten Tatbestnde daran erinnert werden, da die akkordliche Rationalisierung der Musik nicht nur in steter Spannung gegenber den melodischen Realitten lebt, welche sie niemals restlos in sich zu schlingen vermag, sondern da sie auch in sich selbst, zufolge der, distanzmig betrachtet, unsymmetrischen Stellung der Septime, Irrationalitten birgt, welche in der erwhnten unvermeidlichen harmonischen Mehrdeutigkeit der Struktur der Molltonleiter ihren einfachsten Ausdruck finden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 02.11.2004 
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