Klein. (Schne Knste) Man hat in der Theorie der schnen Knste zwei Arten des Kleinen zu betrachten, die eine ist ihrem Zweck zuwider und verwerflich; die andere ist angenehm und gehrt zu dem guten sthetischen Stoff. Jene entsteht aus Mangel und Unvollkommenheit; diese hat nichts mangelhaftes.
Das verwerfliche Kleine findet sich bei Knstlern, denen es entweder an Verstand oder an Empfindung fehlet. Aus Mangel des Verstandes kommen geringschtzige, jedem, auch nur halbklugen Menschen, einfallende Gedanken und Betrachtungen; subtile Spitzfindigkeiten, sophistische Urteile und Witz der in bloen Wortespielen liegt. Dahin gehren auch alle bertriebene Metaphern, alle mhesamen und doch nichtsbedeutenden Gemlde und die ngstliche Ausbildung kleiner Umstnde, alle difficiles nug. Aus Mangel der Empfindung und aus einem kleinen, kindischen, furchtsamen oder phantastischen und ausschweifenden Herzen kommen kindische Bewunderung nichtsbedeutender Dinge, niedrige Schmeicheleien, List, der alles durch Umwege sucht und sich nie getraut gerade zu urteilen oder zu handeln, Prahlereien, bertriebene Affekte sowohl in dem Knstler als in den von ihm eingefhrten Personen. Es wre sehr leicht aus dem Ovidius und aus dem Seneka Beispiele fast jeder Art dieses Kleinen anzufhren und auch aus einheimischen Schriftstellern knnte hierzu ein betrchtlicher Beitrag geliefert werden.
Schon aus dem, was von den Quellen des Kleinen angemerkt worden ist, erhellt, wie es zu vermeiden sei. Der Knstler muss seinen Verstand und sein Herz zum Groen bilden. An mehreren Stellen dieses Werks ist schon erinnert worden, dass zu einem guten Knstler mehr als nur das eigentliche Kunstgenie erfordert werde; nmlich Verstand und Gre des Herzens. Wiewohl nun die Natur hierzu das beste tut; so mssen doch noch Erfahrung und bung dazu kommen. Um also das Kleine zu vermeiden, muss der Knstler sich aus der Sphre der Menschen bei denen noch Unwissenheit, Vorurteile und die gemeinesten Schwachheiten herrschen, in eine hhere Sphre empor schwingen; er muss genaue Bekanntschaft mit dem Menschen haben, die durch Vernunft und groe Gesinnungen weit ber dem niedrigen Kreis des groen Haufens, gleichsam in einer reinern Luft leben.
Schon in frher Jugend sollte der knftige Knstler mit den Hlfsmitteln bekannt werden, wodurch er zu einer grndlichen Kenntnis der Welt und der Menschen alter und neuer Zeiten gelangen kann. Durch einen fleiigen Gebrauch dieser Hlfsmittel muss er sich eine genaue Bekanntschaft mit den grten und besten Menschen aller Zeiten erwerben. Die Geschichte der Vlker und die Beobachtung seines Zeit alters muss ihn lehren, was in dem Genie und Charakter der Menschen klein oder gro ist. Dadurch muss er zu einer solchen Kenntnis seiner selbst kommen, dass er beurteilen kann, ob seine Art zu denken und zu empfinden ber die gemeine Art des groen Haufens erhaben ist. Durch diese Mittel muss er ein solcher Beurteiler und Kenner der Menschen werden, dass er auch das Kleine im Denken und Empfinden, was seinen Zeitgenossen noch anklebet, zu bemerken im Stande sei.
Die andere Gattung des Kleinen, das unter den guten sthetischen Stoff aufgenommen zu werden verdient, ist eine Art des Schnen, die Cicero bersehen hat, da er nur von zwei Arten spricht.*) Der einen Art legt er mnnliche Wrde, der anderen weibliche Annehmlichkeit bei. Diese Vergleichung htte ihn auf die dritte Art fhren sollen, die er mit Anmut und Artigkeit des kindischen Alters htte vergleichen knnen. Vielleicht hat ihn das Ansehen des Aristoteles verhindert, diese Art zu bemerken; weil dieser philosophische Kunstrichter sagt, dass das Kleine nicht schn sein knne. Frnehmlich hat die Natur nur dem Guten Schnheit beigelegt, damit es uns desto sicherer reize, aber sie findet sich auch schon in der Blthe des Guten. Die Schnheit der Blumen ist blo Annehmlichkeit und so ist die Schnheit des Kindes.
Zu dieser Gattung rechnen wir alles blo Angeneh me, das sonst zu keinem anderen Genu bestimmt ist, keine Begierde reizt, keine von den wirksamen Nerven der Seele rhrt, nichts als eine sanfte in sich selbst begrenzte Empfindung erweckt. Dieses ist also das Kleine, dessen sich auch die Knste als Nachahmerinnen der Natur bedienen.
In der Dichtkunst, rechnen wir hierher, das was die anakreontische Art unschuldiges hat; alle kleine auf unschuldigen Scherz und Vergngen abziehlende Lieder; in der Malerei die Blumen und Fruchtstcke, artige Landschaften; Vorstellungen gesellschaftlicher Ergtzlichkeiten u. d. gl.; in der Musik alles blo Angenehme und sanft Einwiegende, das sonst keinen leidenschaftlichen Charakter hat und verschiedene der gesellschaftlichen Tnze von ebem diesem Charakter; in der Baukunst, alles was zur Annehmlichkeit unserer Wohnungen veranstaltet wird. Diese ganze Gattung hat keinen anderen Zweck als Anmut und sanftes Vergngen. Sie ist weniger schtzbar als die hheren Arten des Schnen, aber darum nicht zu verachten. Man muss sie zur Erholung des Gemts brauchen, das immer gewinnt, wenn es anstatt in vlliger Unttigkeit zu sein, angenehme Eindrcke von sanfter Art geniet. Das Groe dient zur Erweckung, das Kleine zur Besnftigung der Leidenschaften; jenes zur Strkung, dieses zur Milderung des Gemts. Ehemals hatten die Groen in Rom die Gewohnheit ganz klei ne Kinder von schner Bildung, die nakend in ihren Zimmern spielten, zu halten, um sich an der kindischen Anmut zu ergtzen. Solche sanfte unschuldige Gegenstnde mgen doch bisweilen die durch so manche Unruh und Sorge halb verwilderten Gemter dieser Herren der Welt, auf eine Zeitlang besnftiget haben.
Es gehrt ein besonderes Genie dazu, das Kleine in den Werken des Geschmacks gut zu behandeln und man hat vielleicht in jeder anderen Gattung mehr vollkommene Muster als in dieser. Wer nicht einen feinen zrtlichen Geschmack, eine fr jeden sanften Eindruck empfindsame Seele hat, wrde sich vergeblich in dieses Feld wagen. Ernsthafte nach groen Gedanken und Empfindungen strebende Seelen, mssten in einer ausserordentlichen Gemtsruhe sein, um das Schne im Kleinen zu erreichen. Es wrde einem Michael Angelo leichter gewesen sein, ein Gemlde vom Weltgericht als ein schnes Blumenstck zu verfertigen. Doch sehen wir an dem Beispiel des groen Shakespear, dass diese beiden Gemtslagen, die zum Groen und zum Kleinen tchtig machen, bisweilen mit einander abwechseln. Man hat ehedem geglaubt, dass das Genie der Deutschen fr die kleine Schnheit zu rohe sei. Aber diesen Vorwurf haben sie durch die Tat von sich abgelehnt. Schon Hagedorn hat vortrefliche Lieder in dieser Gattung; nach ihm haben Gleim und neulich Jacobi und einige andere bewiesen, dass das deutsche Genie auch hierin anderen nichts nachgebe.
Aber das Vergngen, dass einige Kunstrichter ber diese neuen Proben des feinern deutschen Witzes empfunden haben, hat sie zu weit verleitet. Sie haben nach dem Beispiel einiger franzsischen Kunstrichter diesem Kleinen einen so groen Wert beigelegt, dass es scheint sie halten es fr die vornehmste Gattung, wenigstens in der Dichtkunst. Sie haben sich nicht gescheuhet, einige von unseren Dichtern, die in dem Kleinen hier und da glcklich gewesen sind, unter die grten und verdienstlichsten Mnner Deutschlands zu zhlen. Das heit eben so viel als einem guten Vergulder oder sogenannten Staffirer, zum groen Baumeister machen. Es zeigt einen groen Mangel des Verstandes an, wenn man Dinge schtzen will, ohne das Ma oder Gewicht, wonach sie geschtzt werden sollen, zu kennen. Wir lassen gerne dem Kleinen seinen Wert und erkennen, dass seltene Talente dazu gehren, darin vorzglich glcklich zu sein. Wir sind den Knstlern im Kleinen fr die Anmut des Sonnenscheines, den sie bisweilen ber unsere Gemter verbreiten, nicht wenig verbunden; denn auch die Tugend knnte die Seele verfinstern. Aber wir knnen sie darum nicht fr die groen Mnner halten, denen wir eine mnnliche Art zu denken oder die Standhaftigkeit und Rechtschaffenheit unserer Gesinnungen zu danken haben. Diese verehren wir als unsere Lehrer und Vter, jene lieben wir als unsere jngere Brder, die uns bei migen Stunden manches Vergngen machen.
In der Bearbeitung erfordert das Kleine groen Fleis und den feinsten Geschmack, weil der geringste Fehler darin sichtbar wird, den man beim Groen bersieht. Die Knstler knnen berhaupt den ausnehmenden Fleis der hollndischen Maler fr das Kleine zum Muster nehmen.
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*) Pulchritudinis duo sunt genera quorum in altero venustas sit, in altero dignitas; venustatem muliebrem ducere debemus, dignitatem virilem. Offic. L. I.