
ber Okkultismus, Hieratik und andere seltsam schne Dinge
(15.11.1917)
Vor etwa zwei Monaten fand in Ascona ein Kongre statt, dessen Sitzungen ein seltsames Publikum vereinigten. Niemand htte dem kleinen Fischerdorf eine so interessante Fremdenkolonie zugetraut, wie sie sich hierbei in den einfachen, aber eleganten Landhusern auf dem Monte Verit zusammenfand. Aber Ascona ist heute ein Hauptsitz von Vertretern und Anhngern der okkulten Wissenschaften, und so brachte der Kongre des Ordo Templi Orientalis im August, wenn auch viele Gste aus England, sterreich, Deutschland und Frankreich ausgeblieben waren, desto nachhaltigeres Leben in die ortsansssigen Zirkel.
Die Ziele des O. T. O. sind menschlich und klar. Er pflegt die Lehre der alten Freimaurer vom Memphis- und Misraimkult. Seine Absicht ist eine intensive Herzenskultur, gegrndet auf Liebe, Gte und Freude. Er hat eine umfassende eigene Literatur geschaffen, deren Zweck es ist, eine hhere Lebensauffassung als die geltende materielle zu vertreten, und da der Orden mit Ausnahme der allgemeinen Menschenverbrderung keinerlei Dogma hat, so zhlt er heute bereits Hunderte von Initiierten in den deutschsprechenden Lndern.
Zeigen diese Tendenzen den Okkultismus auf einem sehr humanen und zeitgemen Wege, so erhielt dieser Kongre eine Bestrkung seiner edlen Ziele durch eine Reihe Veranstaltungen der Zrcher Kunstschule des Herrn von Laban, die dem kleinen Ascona alle Ehre machten.
Seit Herr von Laban seine Tanzschule von Mnchen 1913 nach Zrich verlegt hat, hat sein Institut an Bewutsein und Umfang des Studienplans sehr zugenommen. Die Laban-Schule ist heute in notwendiger Ausgestaltung ihres Grundgedankens weit ber das hinausgewachsen, was eine Tanzschule herkmmlicher Art dem jungen Eleven zu bieten hat. Sie hat sich zu einem Institut entwickelt, das sich nicht nur die Ausbildung des Knnens, sondern schon die Erziehung zum Knstler angelegen sein lt. Mit der Erziehung zur Persnlichkeit umfat sie das ganze Gebiet der Eurythmie. Es handelt sich nicht mehr um die Technik allein, sondern um die Kunstpdagogik, von der die Ausdruckskultur, in Tanz, Ton und Wort, nur der praktische Teil ist. Der Eleve soll neben der Pflege seiner geistigen und physischen Talente auch Gelegenheit erhalten, die Zusammenhnge seiner Kunst im rhythmischen und kulturellen Ganzen zu erfassen. Er soll sich nicht nur als Individuum, sondern als Teil im Kosmos und im Gesamtkunstwerke empfinden, und so erweist sich die Theorie der beiden leitenden Persnlichkeiten, R. von Labans und Mary Wigmans, als eine knstlerische Gemeinschafts- und Festspielidee von reichen und produktiven Mglichkeiten: die Schule wird zum Erziehungsinstitut groen Stiles, das dem Schler einen moralischen Rckhalt und Werte mitgibt, auf denen er sein spteres Leben basieren kann. Ein solches Unternehmen erfordert nicht nur von seiten der Lehrer, sondern auch von seiten der Schler eine Unsumme moralischer und physischer Arbeit, vor allem aber unbedingte Hingabe, und hierin ist der hohe Ernst begrndet, der die Leistungen des Einzelnen und der Direktion bei ihren ffentlichen Demonstrationsabenden kennzeichnet. Hierin liegt die Werbekraft der Schule, die heute bereits eine ganze Anzahl markanter Persnlichkeiten in ihren mannigfachen Lehrfchern (Tanz, Gesang, Zeichnen, Film, Dekoration, Pantomime usw.) vereinigt. Und in eben diesem Ernste in der Disziplin ihrer Bestrebungen berhrt sie sich mit den Idealen der Freimaurer. Selten wird man berzeugendere Ausfhrungen ber den Ursprung des knstlerischen Ritus, der mimisch- theatralischen Kulthandlung und des hieratischen Tanzes gehrt haben als in den Vortrgen R. von Labans, und selten wird man Kulttnze aus Altmexiko, Zentralafrika und dem Orient mit mehr intuitivem Erfassen haben tanzen sehen als in seiner Schule.
Das veranlat mich, besonders dreier Begabungen zu gedenken, die heute innerhalb dieser Schule Vorbildliches leisten.
Mary Wigman, die impulsive Erfinderin des Tanzes an sich, des von Musik und Rhythmus losgelsten absoluten Tanzes, dem jeder singulre und kollektive Eindruck gleicherweise zu Geste und krperlichem Leben wird, hat die Tanzkunst zu einer tiefen Verinnerlichung gefhrt. Sie bringt alles Geistige auf eine rhythmische, krperliche Basis zurck, und dieser Charakterzug nicht zum wenigsten verbrgt der Schule eine bestndige Verjngung, Vereinfachung und starke Fhrung zur Mimik hin. Religis gesehen ist Mary Wigman eine Rembrandt-Natur. Sie liebt die Mystik der Flche, Hell, Dunkel, den Kontrapunkt der Farben und Komposition; die groe, geniale Sprache, Verklrung der inneren Linie und das pltzliche Aufleuchten seelischer Komplexe. Ihr Muskelspiel hat einen mnnlichen, kriegerischen Akzent. Sie beherrscht eine Skala der Leidenschaften von sich selbst verzehrender Glaubensglut bis zu den Delirien alttoledanischer Feste. Und sie instrumentiert und drapiert ihre Passionen vom grellen Rot bis zum tiefen Schwarz mit allen starken, eindeutigen, plastischen Farben.
Raya Belensson ist Russin, Tartarin. Ihr Tanz ist strenger, religis noch geschlossener. Er ist nicht von Passionen bestimmt, sondern von berzeugungen. Slawisch-volkstmliche Elemente mischen sich in die Sprache einer Orthodoxie, deren Schrift nicht Liebhaberei, sondern Leben ist, so verschollen und fremd uns Westlern eine alte Kirchensprache, alte Kirchenmusik und ein orthodox geschriebenes Manuskript Dostojewskis berhren. Wenn sie Chopin tanzen wrde, wrde man den Slawen sehen, nicht den miglckten Liebhaber der George Sand: Verhaltene und beherrschte Trnenstrze und den Stolz luxuriser Demut. Mehr Leiden als Leidenschaft. Sonja Kowalewski und Maria Bashkirsew hatten von ihrem Blut. Liebt Mary Wigman die Plastik, die Flche, so entspricht Raya Belensson die Linie, die Kante, der rechte Winkel. Alle Spitzfindigkeit der Rabulistik fngt sich an ihrem Krper. Nichts liegt ihr besser als die Geheimsprache liturgischer Zeichen. Wie keine zweite zeigt sie sich fr den rituellen und hieratischen Tanz begabt.
Ganz anders wieder Sophie Tuber. Anstelle der Tradition treten bei ihr die Sonnenhelle, das Wunder. Sie ist voller Erfindung, Kaprize, Bizarrerie. In einer Zrcher Privatgalerie tanzte sie Gesang der Flugfische und Seepferdchen, eine onomatopoetische Lautfolge. Es war ein Tanz voller Spitzen und Grten, voller flirrender Sonne und Glast und von schneidender Schrfe. Die Linien ersplittern an ihrem Krper. Jede Geste ist hundertmal gegliedert, scharf, hell, spitz. Die Narretei der Perspektive, der Beleuchtung, der Atmosphre wird hier einem bersensiblen Nervensystem Anla zu geistreicher Drolerie, zur ironischen Glosse. Ihre Tanzgebilde sind voller Fabulierlust, grotesk und verzckt. Ihr Krper ist mdchenhaft klug und bereichert die Welt durch jeden neuen Tanz, den sie geschehen lt.