
I. Die Zeit
Drei Dinge sind es, die die Kunst unserer Tage bis ins Tiefste erschtterten, ihr ein neues Gesicht verliehen und sie vor einen gewaltigen neuen Aufschwung stellten: Die von der kritischen Philosophie vollzogene Entgtterung der Welt, die Auflsung des Atoms in der Wissenschaft und die Massenschichtung der Bevlkerung im heutigen Europa.
Gott ist tot. Eine Welt brach zusammen. Ich bin Dynamit. Die Weltgeschichte bricht in zwei Teile. Es gibt eine Zeit vor mir. Und eine Zeit nach mir. Religion, Wissenschaft, Moral Phnomene, die aus Angstzustnden primitiver Vlker entstanden sind. Eine Zeit bricht zusammen. Eine tausendjhrige Kultur bricht zusammen. Es gibt keine Pfeiler und Sttzen, keine Fundamente mehr, die nicht zersprengt worden wren. Kirchen sind Luftschlsser geworden. berzeugungen, Vorurteile. Es gibt keine Perspektive mehr in der moralischen Welt. Oben ist unten, unten ist oben. Umwertung aller Werte fand statt. Das Christentum bekam einen Sto. Die Prinzipien der Logik, des Zentrums, Einheit und Vernunft wurden als Postulate einer herrschschtigen Theologie durchschaut. Der Sinn der Welt schwand. Die Zweckmigkeit der Welt in Hinsicht auf ein sie zusammenhaltendes hchstes Wesen schwand. Chaos brach hervor. Tumult brach hervor. Die Welt zeigte sich als ein blindes ber- und Gegeneinander entfesselter Krfte. Der Mensch verlor sein himmlisches Gesicht, wurde Materie, Zufall, Konglomerat, Tier, Wahnsinnsprodukt abrupt und unzulnglich zuckender Gedanken. Der Mensch verlor seine Sonderstellung, die ihm die Vernunft gewahrt hatte. Er wurde Partikel der Natur, vorurteilslos gesehen ein Wesen froschoder storchenhnlich, mit disproportionierten Gliedern, einem vom Gesicht abstehenden Zacken, der sich Nase nennt, abstehenden Zipfeln, die man gewohnt war Ohren zu nennen. Der Mensch, der gttlichen Illusion entkleidet, wurde gewhnlich, nicht interessanter als ein Stein es ist, von demselben Gesetze aufgebaut und beherrscht, er verschwand in der Natur, man hatte alle Veranlassung, ihn nicht zu genau zu besehen, wenn man nicht voller Entsetzen und Abscheu den letzten Rest von Achtung vor diesem Jammer-Abbild des gestorbenen Schpfers verlieren wollte. Eine Revolution gegen Gott und seine Kreaturen fand statt. Das Resultat war eine Anarchie der befreiten Dmonen und Naturmchte. Die Titanen standen auf und zerbrachen die Himmelsburgen.
Aber man zerbrach nicht nur die Mauern, man zerrieb, zerlegte, zertrat noch die Sandkrner. Es blieb nicht nur kein Stein auf dem andern, es blieb auch nicht einmal kein Krnchen, kein Atom beim andern. Das Feste zerrann. Stein, Holz, Metall zerrannen. Das Groe wurde klein und das Kleine wuchs riesenhaft. Die Welt wurde monstrs, unheimlich, das Vernunfts- und Konventionsverhltnis, der Mastab schwand.
Die Elektronenlehre brachte ein seltsames Vibrieren in alle Flchen, Linien, Formen. Die Gegenstnde nderten ihre Gestalt, ihr Gewicht, ihr Gegen- und bereinander. Wie auf philosophischem Gebiete die Geister, so wurden auf physikalischem Gebiete die Krper von Illusion erlst. Die Dimensionen wuchsen, die Grenzen fielen. Letzte beherrschende Prinzipien gegenber der Willkr der Natur blieben der individuelle Geschmack, Takt und Logos des Individuums. Inmitten von Finsternis, Angst, Sinnlosigkeit hob eine neue Welt voll Ahnungen, Fragen, Deutungen schchtern ihr riesenhaftes Haupt.
Und als ein weiteres Element traf zerstrend, bedrohend, mit dem verzweifelten Suchen nach einer Neuordnung der in Trmmer gegangenen Welt zusammen: die Massenkultur der modernen Grostadt. Das individuelle Leben starb, die Melodie starb. Der einzelne Eindruck besagte nichts mehr. Komplektisch drngten die Gedanken und Wahrnehmungen auf die Gehirne ein, symphonisch die Gefhle. Maschinen entstanden und traten anstelle der Individuen. Komplexe und Wesen entstanden von bermenschlicher, berindividueller Furchtbarkeit. Angst wurde ein Wesen mit Millionen Kpfen. Kraft wurde nicht mehr nach dem einzelnen Menschen, sondern nach zehntausenden Pferdekrften gemessen. Turbinen, Kesselhuser, Eisenhmmer, Elektrizitt lieen Kraftfelder und Geister entstehen, die ganze Stdte und Lnder in ihrer furchtbaren Gewalt hatten; neue Schlachten, Untergnge und Himmelfahrten, neue Feste, Himmel und Hllen. Eine Welt abstrakter Dmonen verschlang die Einzeluerung, verzehrte die individuellen Gesichter in turmhohen Masken, verschlang den Privatausdruck, raubte den Namen der Einzeldinge, zerstrte das Ich und schwenkte Meere von ineinandergestrzten Gefhlen gegeneinander. Psychologie wurde Klatsch. Komplexe zeterten. Metaphysik donnerte, bebte, unterminierte. Zrteste Vibrationen und unerhrteste Massen-Monstra zeichneten sich auf den Horizonten, vermengten, zerschnitten, durchdrangen einander.