Zrich


(Juli 1915)

 

Man lebt in Zrich: Lndlich unter Morphinisten. Viele Franzosen gibt es. Die Soldaten mit ihren schwarzen Tschakkos, schwarzer Uniform und roten Achselaufschlgen erinnern an deutsche Feuerwehr. Die elektrischen Wagen sind blau wie in Mnchen. Am Stadthauskai ragen drei groe Uhrtrme mit goldenen Zifferblttern. Brckenkpfe breit zwischen italienisch gegiebelten Huserstaffagen. Singende Aale und Wasserratten von der Limmat her. Dahinter der See: Ein blaugrauer Sack.

Auf der Strae begibt sich: Die larmoyante Musik der Heilsarmee. Vor der Studenten-Wirtschaft Zur Bollerei auf grobpflastrigem Platz stehen im Kreis fnf Mnner mit Blasinstrumenten. Hte, Bagage und Instrumentenksten liegen geschichtet inmitten des Kreises auf einem Haufen. Frauen mit seltsamen Hten und Brillen (aus Bildern des Quentin Massys) singen eine erbarmenswrdige Melodie vom gekreuzigten Heiland. Auf dem Balkon der Bollerei die Studenten: in langer Reihe mit eckigen Kpfen und Quastenpfeifen.

Oder es findet, unter freiem Himmel, eine Versammlung statt, auf dem Mnsterplatz. Gegen den Hunger. Schweizerarbeiter, wach auf, bevor es zu spt ist! Nieder mit der Heuchelei des Burgfriedens! Es lebe der Klassenkampf! Mit Trompetensto wird die Versammlung erffnet. Auf einem Karren stehen die Redner. In kleinen Trupps, die Internationale singend, zerstreut sich die Schar der Protestler unterm Gewitterregen.

Zrich ist die Stadt der Gesangvereine. Vierstimmig, schippelig. Alles wird sich schon gestalten. Frhling wird es sicherlich. Gesellenhuser heien hier Zur Kshtte, Blaue Fahne, Zur Zimmerleuten. Auch wird viel trompetet, aus sechsten Stockwerken heraus. Man tut etwas fr die Lunge. Im Park, auf den Terrassen der groen Hotels, an Kiosken und in den Separs der Kabarette: man spricht viel Franzsisch, von Genf her. Scheintot ist man versucht die Stadt zu nennen trotz Sonne und Grobheit nach drei Tagen Aufenthalt. Niemand fhrt Buch ber Verbleib und Schattierung geflchteter Krimineller.

Cabaret Bonbonnire liegt im Mittelpunkte der Stadt, nahe dem Hauptbahnhof. Caf des Banques hat eine saftige Kapelle. Die Primgeige stammt aus Moabit, das Cello aus Lyon. Der Flgelmann ist Mexikaner. Im Kabarett tritt auf: Emmy Hennings: Grne Joppe, schwarze Satinhosen, blonder Schopf.

Das Kabarett ist ein hbscher Raum, sehr besucht. Violette und lila Ampeln in Pagodenform. Hllenrote, entzckende kleine Bhne. Italiener und Franzosen schmunzeln beim Vortrag der Beenekens. (Sie sehen, Romain Rolland, es bedarf nicht des esprit religieux der Madame Dr. Elisabeth Rotten noch des Appel humain samaritanisch geneigter Episkopaten.)

Die Zeit ist vorsichtig und langsam. Am Predigerplatz, im kleinen Restaurant Zum weien Schwnli, geschhe auch Ihnen Genugtuung, lieber R. H. Ich folge freundlicher Einladung eines Arztes. Und finde ein stilles, entferntes Kolleg von viermal sechs freien Genossen (oft sind es mehr, oft weniger). Sie tagen einmal die Woche, jeden Montag. Jemand verliest eine Disposition der Kampfesmittel des Arbeitgebers. Monsieur le directeur Dr. B. fhrt den Discurs, sachte und einfach, sicher und prinzipiell. Zugegen sind Organisierte und Nichtorganisierte, Propagandisten der Tat und Sozialdemokraten, ein Kondukteur, ein Metallarbeiter, die russische Revolutionrin und der sehr franzsisch orientierte Redakteur des Revoluzzer (eines Blattes, das, nur in der Schweiz, mit sehr direktindirekten Mitteln den italienischen Arbeitern Verweigerung der Militrpflicht nahelegte). Sagen Sie uns, Genosse H., Sie haben da Sondererfahrung was wissen Sie uns von Tarifvertrgen? (folgt Bericht). Schn. Aber Sie setzen sich da in Widerspruch zu Genosse W. Genosse W. erzhlte uns, da er nur unkndbare Tarifvertrge kennt, und da das Interesse des Arbeitgebers nur unkndbare Tarifvertrge verlangt. (Genosse H. und W. debattieren und einigen sich). Schn, und die Streiks? Wer erinnert sich noch des Holzarbeiterausstandes bei uns in der Schweiz? Wie war doch die Situation? ... Der konomische Streik, ganz richtig. Und auerdem? Sympathiestreiks. Was kommt wohl in solchen Sympathiestreiks zum Ausdruck? Man tut sich selbst genug. Oder? Genosse C.? Man befriedigt ein seelisches Bedrfnis. Oder? Man hat Gefallen an sich selbst. Gut, das ist es. Es gibt in der Arbeiterschaft Vorgnge von nicht nur materieller Bedeutung. Es gibt auch man knnte fast sagen sthetische Streiks. Gegen 10 Uhr ist die Disposition komplett. Eine neue Disposition wird einem der Genossen bertragen. Die Versammlung zerstreut sich.

Sehen Sie, lieber R. H., so kultiviert man hier in der Arbeiterschaft und unter Gebildeten: ganz ohne Lrm, ganz ohne Aufsehen. Der deutsche Literat, den ein Zufall in die Versammlung verschlgt, ganz ohne Kontakt, ganz voller Abneigung kommunistischen Dingen gegenber, ist tief erstaunt und beschmt und dankt einem Kreise von Menschen, in dem sich Gelassenheit und Erfahrung das Rstzeug schaffen fr den sozialen Kampf der Zukunft.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 14:20:29
Seite zuletzt aktualisiert: 01.05.2008 
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