Erstes Kapitel.
[Freundschaft zur Ethik und Politik gehrig]


(1155a) Nach diesem kommt die Errterung der Freundschaft an die Reihe; denn sie ist eine Tugend oder mit der Tugend verbunden.

Ferner ist sie frs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft mchte niemand leben, htte er auch alle anderen Gter. Der Reiche, der Herrscher und der Mchtige scheint der Freunde ganz besonders zu bedrfen. Denn was ntzte ihm die Gunst des Schicksals, wenn ihm die Mglichkeit entzogen wrde, jenes Wohltun zu ben, das man am besten und lobenswrdigsten gegen Freunde beweist? Oder wie liee sich das Glck ohne Freunde hten und wahren? Es ist ja um so unsicherer, je grer es ist. In Armut und sonstiger Not aber gilt der Freund als die einzige Zuflucht. Den Jnglingen erwchst aus der Freundschaft Bewahrung vor Fehltritten, den Greisen die wnschenswerte Pflege und Ersatz fr das, was ihre Schwche selbst nicht mehr vermag, dem starken Manne Frderung zu jeder guten Tat.

 

Gehn zwei Mnner gesellt ...

 

heits bei Homer. Denn zu zweien ist man fhiger zu Rat und Tat.

Ja, die Natur selbst scheint sie dem Erzeuger gegen das Erzeugte, und umgekehrt, eingepflanzt zu haben, nicht nur unter den Menschen, sondern auch unter den Vgeln und den meisten anderen Tieren; sie hat diesen Trieb den Wesen gleicher Abstammung gegen einander verliehen, besonders den Menschen, daher wir die Philanthropen, die Menschenfreunde, loben. In der Fremde kann man's sehen, wie nah verwandt der Mensch dem Menschen ist und wie befreundet.

Freundschaft ist es auch, die die Staaten erhlt und den Gesetzgebern mehr am Herzen liegt als die Gerechtigkeit. Denn die Eintracht ist offenbar mit ihr verwandt, und auf diese ist das Hauptaugenmerk der Staatslenker gerichtet, whrend sie die Zwietracht als eine Feindschaft am meisten zu verbannen bemht sind.

Auch bedarf es unter Freunden der Gerechtigkeit nicht, wohl aber unter Gerechten der Freundschaft als einer Ergnzung der Gerechtigkeit, und das hchste Recht wird unter Freunden angetroffen.

Doch nicht blo notwendig ist sie, auch schn, auch sittlich gut. Den Sinn fr Freundschaft erheben wir mit Lob, und den Besitz vieler Freunde halten wir fr schn, und mancher glaubt, die braven Mnner mten auch Freunde sein.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:33:58
Seite zuletzt aktualisiert: 16.10.2006 
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