Fnftes Kapitel.
[Vergleich der drei Arten der Freundschaft]


Diese Freundschaft also ist hinsichtlich der Zeit und der brigen Bedingungen vollkommen; in ihr wird jedem seitens des anderen in allweg dasselbe und das Gleiche zu teil, wie es bei Freunden sein mu. Die Freundschaft aber, die auf der Lust beruht, hat mit dieser hnlichkeit. (1157a) Denn auch die Tugendhaften sind fr einander eine Quelle der Lust. Dasselbe gilt von der auf dem Nutzen beruhenden Freundschaft. Denn die Tugendhaften sind einander auch von Nutzen. Aber auch unter solchen Menschen, deren Neigung auf Lust oder Vorteil beruht, haben die Freundschaften den lngsten Bestand, wenn jedem von dem anderen das Gleiche, z. B. Lust, zu teil wird, und nicht blo das, sondern auch seitens des gleichen lustbringenden Gegenstandes, wie z. B. im gegenseitigen Verkehr artiger und witziger Mnner, nicht wie in dem Verhltnisse zwischen dem Liebhaber und dem Liebling. Hier freuen sich beide nicht ber dasselbe, sondern der eine an dem Anblick des Geliebten, der andere an den Dienstleistungen des Liebhabers. Hrt aber die Jugendanmut auf, so hat manchmal auch die Liebe ein Ende, da dem einen der Anblick keine Lust mehr gewhrt und der andere nicht mehr die gewohnten Dienste empfngt. Oft dauert aber auch die Freundschaft fort, wenn die beiden im Charakter bereinstimmen, und jeder die Gemtsart des anderen im Verkehr liebgewonnen hat. Diejenigen aber, die in ihren Beziehungen nicht Lust um Lust, sondern Vorteil um Vorteil vertauschen, sind sich weniger Freund und bleiben es auch weniger, vielmehr hren Verhltnisse, die auf dem Vorteil beruhen, mit eben diesem Vorteil auf, weil hier die Liebe nicht der Person galt, sondern lediglich dem eigenen Nutzen.

Um der Lust und des Nutzens willen knnen auch schlechte Menschen untereinander und gute mit schlechten und die keins von beiden sind mit jedem befreundet sein, um ihrer selbst willen aber offenbar nur die tugendhaften. Denn die schlechten Menschen finden nur darum aneinander Gefallen, weil ein Vorteil fr sie abfllt. Auch gegen Verleumdung ist nur die Freundschaft der Guten gefeit. Denn man glaubt einem nicht leicht in betreff eines Mannes, den man selbst in langer Zeit bewhrt gefunden hat. In dieser Freundschaft herrscht auch das Vertrauen und stete Enthaltung von Krnkungen sowie alles andere, was zur wahren Freundschaft erfordert wird. Dagegen knnen bei den anderen Freundschaften recht wohl Strungen vorkommen.

Da nmlich die Leute sowohl diejenigen, die der Nutzen zusammenfhrt, Freunde nennen, wie dies auch die Staaten tun, die sich doch wohl in ihren Bndnissen durch den Vorteil bestimmen lassen, als auch diejenigen, deren Neigung auf der Lust beruht, wie das die Knaben tun, so mssen vielleicht auch wir solche Menschen Freunde nennen, dagegen aber mehrere Arten der Freundschaft aufstellen, und zwar zu oberst und in eigentlichem Sinne die Freundschaft unter Tugendhaften, insofern sie tugendhaft sind, und dann die anderen Freundschaften, insofern sie jener ersten hnlich sind; denn da ist man sich Freund, insofern als ein Gut oder ein ihm hnliches in frage kommt; auch das Lustbringende ist ja fr die Liebhaber der Lust ein Gut. Diese beiden Freundschaften treffen aber nicht immer zusammen, und nicht die nmlichen sind um des Nutzens und um der Lust willen Freunde; denn was nur zufllig zusammentrifft, kommt nicht oft verbunden vor.


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Seite zuletzt aktualisiert: 16.10.2006 
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