55. Allgemeines. Jngere Origenisten
(Gregor von Nyssa).


Erst jetzt treten wir in das eigentliche Mittelalter ein. Die krftigen Stmme des Nordens fluten von allen Seiten ber die Grenzen des Imperiums herein und drohen dessen alte Kultur zu ersticken. Und sicherlich htte die in der Auflsung begriffene griechisch- rmische Philosophie, Kunst und Sitte der rohen germanischen Kraft nicht widerstehen knnen, wre nicht eins gewesen, vor dem auch die rauhen Barbaren sich beugten: die christliche Kirche. Diese hatte sich eben jetzt unter dem Schutze der weltlichen Macht gefestigt und begonnen, sich eine mchtige, rasch erstarkende uere Organisation zu schaffen. Diese letztere aber konnte nur dadurch erreicht werden, dass man, wie das nun durch eine Reihe von Konzilen geschah, die Grunddogmen endgltig fixierte, Vertreter abweichender Richtungen als Hretiker ausschlo. Gerade dadurch, dass sie eine einheitliche Formel bot, wurde die Kirche eine Macht, mit der auch die weltliche Politik rechnen konnte und rechnete. Fr die Entwicklung der theologisch- philosophischen Spekulation aber, die sich bis dahin in freieren Formen vollzogen hatte, war die Folge die, dass sie nun nicht mehr die Glaubenslehre selbst umzubilden wagte. Das Dogma gut immer mehr als unantastbar und wird als Bedingung der Seligkeit angesehen. Die Philosophie, soweit man berhaupt von einer solchen noch reden kann, wird zur bloen Dienerin der Theologie. Die christliche Wissenschaft, d.h. die gelehrte Spekulation der Theologen, beschftigt sich nur noch mit der gelehrten Ausarbeitung der Einzelheiten, oder mit einer nachtrglichen philosophischen Begrndung der von vornherein feststehenden Kirchenlehre. Eine Geschichte der Philosophie kann sich daher fr die folgenden Jahrhunderte sehr kurz fassen. Eine etwas ausfhrlichere Betrachtung verdient nur die groartige Gestalt Augustins.

Am meisten spekulativer Betrieb erhielt sich zunchst noch in der Schule des Origenes. Auch sie freilich stellt sich jetzt immer mehr auf den Boden der Rechtglubigkeit. Das damit nicht bereinstimmende in der Lehre des Stifters wird entweder stillschweigend beseitigt oder auch ausdrcklich bekmpft. Man sucht gewissermaen den Glauben des Athanasius in der origenistischen Wissenschaft unterzubringen (Harnack). Die bedeutendsten Kirchenvter dieser Richtung sind die sogen, drei groen Kappadozier: die Bischfe Basilius von Csarea ( 379), sein Bruder Gregor von Nyssa ( 394) und Gregor von Nazianz ( 390). Ersterer hat sich als Kirchenfrst und Mitbegrnder des Mnchtums, der letzte als Theologe und Kanzelredner Berhmtheit erworben. Fr uns von einer gewissen Bedeutung ist allein Gregor von Nyssa, insofern er in seiner Groen katechetischen Rede eine Art Vernunftbeweis fr die kirchliche Lehre versuchte. Die Dreieinigkeitslehre sei die richtige Mitte zwischen dem heidnischen Polytheismus und bertriebenem Monotheismus (Monarchianismus); der Ausdruck Gott bezeichne das Wesen, an dem die drei Personen Anteil haben. Die Seele, die mit dem Leibe entstehe, besitze nach dessen Untergang eine unrumliche Existenz, vermge aber spter seine Teile wieder herauszufinden und sich anzueignen! Die menschliche Willensfreiheit steht ihm, im Gegensatz zu Augustin, fest; daher ist auch das Sittlich-Bse - das einzige bel - notwendig. Aus Gottes Gte folgt jedoch die schlieliche Rettung aller Wesen und ihre Wiedervereinigung mit ihm. Bemerkenswert ist seine, neuplatonische Einflsse verratende, Idealisierung der Sinnenwelt. Die Elemente des Krpers (seine Gestalt, Farbe, Schwere usw.) sind im Grunde stofflose Ideen, deren von Gott veranlates Zusammenwirken den Krper hervorbringt. Fr seine Unterordnung unter die Kirchenlehre ist bezeichnend das Gesprch mit seiner Schwester Makrina ber die Auferstehung, worin er die Auferstehung nicht aus berzeugung, sondern auf Befehl der heiligen Schrift annehmen zu wollen erklrt und nur nachtrglich noch einen Vernunftbeweis versucht. Immerhin ist Gregor ein bis zu einem gewissen Grade origineller Denker, der z.B. den schnen Satz geschrieben hat: Wer sein Herz von aller Schlechtigkeit und Aufregung befreit, der sieht in der eigenen Schnheit das Abbild des gttlichen Wesens.

Gegenber den hochfliegenden Spekulationen der Origenisten und der von ihnen eifrig gebten allegorischen Methode drang die Schule von Antiochien auf nchternes Denken, ohne indes damit durchzudringen.

Von abendlndischen Kirchenvtern vor Augustin nennen wir nur den bekannten Bischof Ambrosius von Mailand ( 397), der in seinem vielgelesenen Buche De officiis ministrorum libri III eine nach dem Muster von Cicero de officiis ausgefhrte christliche Sittenlehre gab, brigens ohne philosophische Bedeutung ist (vgl. die Monographie von Th. Foerster, Halle 1884).


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Seite zuletzt aktualisiert: 29.10.2006 
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