Helldunkel

Helldunkel. (Malerei) Dieses ist ein neues Kunstwort, das ein einsichtsvoller Kunstrichter1 gebraucht hat, um das auszudrcken, was in der franzsischen Sprach durch eine hnliche Zusammensetzung zweier einander entgegenstehender Begriffe clair-obscur genannt wird. Die Sache selbst, die dadurch ausgedrckt wird, bestimmt der Erfinder des Wortes genau durch diese Bemerkung, dass Licht und Schatten, helle und dunkle Farben fr das einstimmige Ganze2 sich wechselsweise erhhen oder migen. Dieses will sagen, dass die Haltung und Harmonie des Gemldes nicht allemal blo von genauer Beobachtung des Lichts und Schattens abhnge, sondern, dass bisweilen die Strke des Lichts durch dunkle Lokalfarben geschwcht und die Schatten durch hellere klar gemacht werden mssen.

 Demnach beruht die vollkommene Behandlung des Helldunkeln, welches einen wichtigen Teil der Farbengebung ausmacht, auf der Geschicklichkeit Lichter und Schatten, da, wo es ntig ist, durch dunklere oder hellere Lokalfarben zu strken oder zu schwchen. Bei gleich starkem Lichte scheint eine helle Farbe immer mehr Licht zu haben als eine dunkle und in gleich dunkeln Schatten, wird die helle Farbe weniger verfinstert als die dunkle. Daraus lsst sich leicht abnehmen, wie der Maler, wenn er Licht und Schatten nach Magabe der Beleuchtung auf das genaueste beobachtet hat, den im vlligen Schatten liegenden Gegenstnden, durch hellere Lokalfarben aufhelfen und wie er die im strksten Lichte stehenden, durch dunklere Farben dmpfen knne, wo er es zur besten Haltung und Harmonie fr ntig hlt. Wo man nach der Natur der Beleuchtung kein Licht hinbringen kann und es dennoch fr ntig hlt, da tun helle Lokalfarben den Dienst und so die dunklen im vollen Lichte. Darum muss man nicht, wie so oft geschieht, das Helle und Dunkele, das von den eigentmlichen Farben abhngt, mit dem Licht und Schatten verwechseln, obgleich beide einerlei Wirkung tun knnen.3 Der Maler muss sich nicht begngen, die Harmonie und Haltung blo in der verschiedenen Beleuchtung zu studieren, wiewohl sie grtenteils von ihr abhngen4; sondern, bei einerlei Beleuchtung, die durch abgenderte Lokalfarben entstehenden Vernderungen in der Haltung beobachten. Wer diesen Teil der Kunst vollkommen studieren wollte, knnte sich die Sache dadurch erleichtern, dass er fr eine Anzahl kleinere Figuren oder Gliedermnner, eine hinlangliche Anzahl Gewnder von verschiedenen Farben htte und bei einerlei Anordnung und Beleuchtung seiner Gruppen, die Farben der Gewnder verschiedentlich abnderte.

Wir wollen damit gar nicht sagen, dass der Maler jedesmal, wenn er in der Arbeit begriffen ist, auf diese ngstliche und mechanische Weise das beste aussuchen soll. Denn dergleichen Veranstalltungen knnen gar leicht das Feuer der Einbildungskraft, ohne welches kein Werk gut wird, dmpfen: wir schlagen dieses blo zum Studiren vor und mssen auch hier, wie schon bei so viel anderen Gelegenheiten geschehen ist, dem Maler das Beispiel des Leonhardo da Vinci vorhalten, dem nichts zu subtil noch zu mhesam war, was immer Gelegenheit geben konnte, die Kunst mit neuen Beobachtungen zu bereichern. Whrender Arbeit muss der Knstler sich blo auf sein Genie verlassen, aber zum Studiren gehrt Fleis, Veranstalltung, forschendes Nachdenken, Ma und Gewicht; weil dadurch dem Genie die ntigen Begriffe, auf die es sich bei der Ausfhrung sttzt, herbei geschaft werden. Seltsam, aber vollkommen richtig, ist die Beobachtung des oben erwhnten Kunstrichters, dass selbst der Kupferstecher, der doch zur Haltung und Harmonie nichts als Licht und Schatten zu haben scheint, aus dem Helldunkeln Vorteile ziehen knne. Er hat angemerket, dass die Kupferstecher, die unter der Aufsicht des Rubens gearbeitet haben, dieses zuerst erreicht haben,5 und dass mit diesen Meisterstcken des Grabstichels ein neuer Zeitraum der Kunst anfange. Gegenwrtig scheint es bisweilen, dass der Grabstichel in der Kunst des Helldunkeln sich mit dem Pinsel selbst in einen Wettstreit einzulassen getraute. Die Mittel, wie der Grabstichel durch die Verschiedenheit der Behandlung, die hellen und dunkeln, strengen und sanften Lokalfarben ausdrckt, verdienten wohl von den Meistern der Kunst besonders entwickelt zu werden; denn der feineste Kenner oder Kunstrichter wird, durch das bloe Studiren der besten Werke, sie niemals deutlich genug entdecken.

 

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1 der Hr. v. Haged.

2 Betrachtungen ber d. Malerei S. 653.

3 S. Eigentmliche Farbe.

4 S. Beleuchtung.

5 S. Hagedorn Anmerk. S. 651.

 


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