Hsslich

Hsslich. (Schne Knste) Das Gegenteil des Schnen; folglich die Unvollkommenheit, insofern sie sinnlich erkennt wird. Wie das Schne Wohlgefallen und Lust es zu genieen erweckt, so wirkt das Hssliche Mifallen und Ekel. Demnach hat es eine sinnliche zurcktreibende Kraft: derowegen gehrt seine nhere Bestimmung und die Vorschrift fr den Gebrauch oder Mibrauch desselben, zur Theorie der schnen Knste.

 So wie der Ausdruck schn, ursprnglich von den Formen gebraucht, danach auf unkrperliche Dinge ausgedehnt worden, so ist es auch mit dem Gegenteil gegangen. Das Hssliche der Form ist demnach die Verwirrung, die Mistimmung, das Unebenma der Teile eines Ganzen. Es entsteht aus Teilen, welche zu gro oder zu klein sind, in denen etwas zu viel oder zu wenig ist, die nicht in die Art des Ganzen passen, die gezwungen sind, die gegen einander streiten, die der Erwartung des Auges widersprechen. Sie ist nicht blo der Mangel der Schnheit; denn dieser hat keine sinnliche Kraft, er lsst uns gleichgltig; sondern etwas wirkliches. Da wir uns aber weitlufig ber die Natur des Schnen erklrt haben, so ist es berflssig1, hier viel ber die Natur des Gegenteils zu sagen, da alles leicht aus jenem herzuleiten ist.

 Notwendiger aber ist die nhere Bestimmung seines Gebrauchs. Diejenigen, welche das Wesen der Knste in der Nachahmung der schnen Natur und ihren Zweck im Vergngen setzen, mssen kraft dieser Grundstze den Gebrauch des Hsslichen ganz verbieten. Und dieses tun auch in der Tat die weisten Kunstrichter. Ahmet aber der Knstler, welcher schlechterdings alles Hssliche verwirft, der Natur wahrhaftig nach? Bei der offenbaren Liebe zum Schnen und Angenehmen, hat sie auch viel Dinge widrig gemacht. Die meisten giftigen Kruter verraten ihre bse Natur entweder durch widrigen Geruch oder durch etwas Hssliches in dem Ansehen. Dadurch werden oft Menschen und Tiere abgehalten, sich Schaden zu tun. Mit demselbigen Geist muss der Knstler vorzglich durch das Schne sich den Weg zu den Herzen fnen, aber auch das Hssliche brauchen, um dem Bsen den Eingang in dasselbe zu verschlieen. In dieser Absicht hat Milton der Snde eine so abscheuliche Gestalt gegeben, ein Muster des Hsslichen; und zu gleichem Zweck hat Bodmer in der Noachide die scheulichsten Formen zu Bildern verschiedener Snden gewhlt. So hat auch Raphael, der feineste Kenner des Schnen in der Form, den sterbenden Ananias und den Attila hsslich gemacht.

 Von den unangenehmen Empfindungen sind Zorn und Schrecken nicht die einzigen, welche der Knstler zu erwecken hat, sondern auch Abscheu und Ekel2; dazu ist das Hssliche das eigentliche Mittel.

 Man verbietet insbesondere den zeichnenden Knsten den Gebrauch des Hsslichen. Aber so widersinnisch der Maler handelt, der hssliche Gegenstnde blo darum whlt, weil sie hsslich sind oder um seine Kunst daran zu zeigen, so kann man ihm dessen Gebrauch nicht schlechterdings verbieten. Hat er Personen von abscheulichem Charakter vorzustellen, warum soll er nicht die Zeichen der Verwerfung auch ihrer Form einprgen? Allein deswegen wollen wir das bertriebene hierin nicht gut heien. Es kann einer ein nichtswrdiger Mensch sein, ohne wie eine Karikatur auszusehen: er kann wohl gestaltet sein und dennoch durch irgend etwas Widriges in der Form, das Hssliche seiner Natur verraten.

 Der Gebrauch des Hsslichen in den Werken der schnen Knste ist also keinem Zweifel unterworfen. Dieses aber widerstreitet dem Grundsatz, dass der Knstler seinen Gegenstand verschnern soll, gar nicht. Beides kann sehr wohl neben einander bestehen, wenn man nur die Begriffe aus der Natur und dem Wesen der schnen Knste genau bestimmt.

 Dieses besteht unstreitig darin, dass sie den Gegenstand, durch welchen sie auf die Gemter wirken wollen, so bearbeiten, dass die Sinnen oder die Einbildungskraft ihn lebhaft, mit vlliger Klarheit und in dem eigentlichen Lichte fassen. Er muss notwendig so sein, dass er die Aufmerksamkeit reizt und sich der Vorstellungskraft schnell und sicher gleichsam einverleibt. Darum muss er weder verworren, noch undeutlich, noch widersinnisch sein, noch irgend etwas an sich haben, das der Vorstellungskraft den lebhaften Eindruck, den sie davon haben soll, schwer macht; weil in diesem Fall der Zweck verfehlt wird. Jeder Knstler ist als ein Redner anzusehen, der durch seinen Vortrag in den Gemtern eine gewisse Wirkung hervorzubringen hat. Diese mag angenehm oder unangenehm sein, so mssen die Vorstellungen, wodurch er seinen Zweck erreichen will, durch Klarheit, durch Richtigkeit, durch treffende Kraft, durch Ordnung, tief in die Vorstellungskraft eindringen. Ein verworrener, undeutlicher, langweiliger Vortrag, unbestimmte und confuse Begriffe, sind allemal dem Zweck des Redners entgegen; weil das, was darin liegt, nicht gefasst wird. Deswegen muss er immer gut oder, wenn man will, schn reden, auch da, wo er widrige Empfindungen erwecken will. Dadurch zwinget er uns ihm auch alsdann zu zuhren, wann er uns unangenehme Dinge sagt. Mit einem Wort, er muss auch hssliche Dinge schn sagen, das ist, auch widrigen Vorstellungen die sthetische Vollkommenheit, die man oft mit dem Namen der Schnheit belegt, zu geben wissen. So muss jeder Knstler seinen Gegenstand be arbeiten; er muss so wohl schne als widrige, hssliche Dinge so vor das Auge bringen, dass wir gezwungen werden, sie lebhaft zu fassen.

 

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1 S. Schn.

2 S. Ekel.

 


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