Fehler. (Schne Knste) Fehlen heit eigentlich etwas tun, das von dem Zweck, den man sich vorgesetzt hat, abfhrt; daher ist in den Werken der schnen Knste dasjenige ein Fehler, was nicht auf den Zweck des Werks hinleitet. In jedem Werke der Kunst liegen Absichten von zweierlei Art; der Stoff des Werks, was wir anderswo den Geist desselben genannt haben, zielt auf Erweckung gewisser Vorstellungen oder Empfindungen ab; in der Form aber oder dem Krper hat jedes wieder seinen eigenen Zweck1, der jenem untergeordnet ist. Man sieht dieses am deutlichsten an den Werken der Baukunst, wo die eine Absicht auf Bequemlichkeit, die andere auf Schnheit geht. Das Gebude oder irgend ein einzelner Teil desselben ist fehlerhaft, insofern ein oder mehrere Teile zu dem Gebrauch, wozu sie vorhanden, nicht tchtig genug sind; wie ein Schlafzimmer, in dem man seiner Lage halber wenig Ruhe haben knnte oder ein Speisetzimmer das dunkel wre oder die anderen zu seiner Bestimmung dienenden Bequemlichkeiten nicht htte; eben dieses Gebude und diese Teile desselben wren aber, bei allen Bequemlichkeiten, die ihre Bestimmung erfordert, fehlerhaft, wenn alles ohne Verhltnis, ohne Regelmigkeit, ohne Festigkeit wre. Eben so verhlt es sich mit allen Werken der schnen Knste; denn Batteux hat die Sachen nicht genug berlegt, da er gelehrt hat, dass die Baukunst in Ansehung ihres Zwecks eine ganz besondere Gattung ausmache. In dieser Kunst ist das, was zum Gebrauch und zur Bequemlichkeit gehrt, der Geist des Werks, das gute Ansehen aber der Krper; da in jedem anderen Werke, die Vorstellungen, die der Knstler erwecken will, die Seele; die Schnheit aber, die Regelmigkeit, das flieende und angenehme Wesen der Form, den Krper ausmachen.
Die Fehler, die dem Geist eines Werks der Kunst ankleben, sind Fehler, die nicht der Knstler sondern der Mensch begeht, gemeine Fehler, die er mit allen anderen Menschen gemein hat, die in ihren Handlungen und Unternehmungen ihres Zwecks verfehlen. Der Baumeister, der eine Kche baute, in welcher man nicht ohne Gefahr Feuer unterhalten knnte, htte nicht einen Kunstfehler begangen, sondern einen Fehler gegen die allgemeine gesunde Vernunft. Der Dichter, der Mitleiden erwecken will und zu dem Ende Gegenstnde mahlt, die Ekel machen, fehlt nicht gegen die Regeln der Poesie, sondern er handelt gegen die Vernunft. Dergleichen Fehler also sind nicht sthetische Fehler, sie gehen eigentlich nicht den Geschmack, sondern nur den Verstand an. Sie sind so mannigfaltig als der Irrtum berhaupt ist.
Die eigentlichen Kunstfehler, die wir sthetische Fehler nennen, betreffen das usserliche oder den Krper der Werke; denn nur darin fehlt der Knstler als Knstler. Die Natur und die Mannigfaltigkeit dieser Fehler zu erkennen, darf man nur berlegen, was eigentlich das sthetische in den Werken der Kunst sein soll. Es ist eine solche Anordnung, ein solcher Vortrag, eine solche Ausbildung der, dem Werke wesentlichen, Vorstellungen, die sie geschickt macht, auf die sinnliche Vorstellungskraft vorteilhaft zu wirken. Ein Werk der Kunst ist sthetisch vollkommen, wenn die Vorstellungen, die es erwecken soll, auf die leichteste, lebhafteste, dauerhafteste und berhaupt das Gemt einnehmendste Art, erweckt werden.
Dieses zu erhalten ist das eigentliche Werk des Geschmacks, da jene Vorstellungen selbst ein Werk des Verstands und des Genies sind.
Um die sthetischen Fehler zu vermeiden, muss man die Natur, jeden Trieb und jede Lenkung der untern Seelenkrfte2 kennen. Man kann Fehler begehen, die dem natrlichen Verfahren oder der Art, wie diese Krfte sich ussern, geradezu zuwider sind, dieses sind wesentliche Fehler; man kann aber auch solche begehen, die ihnen die Vorstellung blo schwer machen, diese sind weniger wesentlich. Diese doppelte Beschaffenheit haben die sthetischen Fehler mit den philosophischen gemein; diese sind entweder wirkliche Widersprche oder sie sind bloe Mngel, wodurch zwar die Begriffe und Urteile sich unter einan der nicht aufheben oder zerstren, aber doch unbestimmt, ungewiss und verworren werden. Auch hier kann die Baukunst die ntigen Erluterungen geben; denn da kann man die wesentlichen und zuflligen Regeln am deutlichsten erkennen. Wenn das, was seiner Natur nach gerade oder senkrecht oder bleirecht sein soll, krumm oder hngend ist, wenn das, was seiner Natur nach ganz sein soll, gebrochen wird3; so begeht der Baumeister wesentliche Fehler, die sehr beleidigen: wenn er aber in den Verhltnissen fehlt, wenn er zu zierlich oder zu kahl wird, wenn in dem Ganzen nicht einerlei Geschmack oder nicht genug Harmonie ist, so begeht er weniger wesentliche Fehler. Es wre fr die Kritik nicht unwichtig, die verschiedenen Arten der Fehler in jeder der beiden Hauptgattungen nher zu bestimmen und genau zu benennen. Hier kann es genug sein, den Kunstrichtern den ntigen Wink dazu gegeben zu haben.
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1 Man sehe den Art. Einfrmigkeit.
2 Der bestimmte Begriff dessen, was man die untern Seelenkrfte nennt, muss aus der Philosophie geholt werden. Diejenigen, welche die Wolffischen oder Baumgartenschen Schriften noch nicht kennen, werden dahin verwiesen.
3 S. Baukunst. Geblke.