
Oper - Kritik der Operndichtung
Die Dichtkunst liefert den Hauptstoff, in dem sie die dramatische Handlung dazu hergibt. In den vorigen Zeiten war es in Italien, wo die Oper zuerst aufgekommen ist, gebruchlich, den Stoff zur Handlung aus der fabelhaften Welt zu nehmen. Die alte Mythologie, das Reich der Feen und der Zauberer und danach auch die fabelhaften Ritterzeiten, gaben die Personen und Handlungen dazu an die Hand. Gegenwrtig aber haben die Operndichter zwar diesen fabelhaften Stoff nicht ganz weggeworfen, aber sie wechseln doch auch mit wahrem historischen Stoff, so wie das Trauerspiel ihn whlt, ab. Man kann also berhaupt annehmen, dass der Trauerspieldichter und der Dichter der Oper, einerlei Stoff bearbeiten. Beide stellen uns eine groe und wegen der darin verschiedentlich gegen einander wirkenden Leidenschaften merkwrdige Handlung vor, die von kurzer Dauer ist und sich durch einen merkwrdigen Ausgang endigt. Aber in Behandlung dieses Stoffes, scheint der Operndichter sich zum Gesetze zu machen, die Bahn der Natur gnzlich zu verlassen. Seine Maxime ist, alles so zu behandeln, dass das Auge durch fters abgewechselte Szenen, durch prchtige Aufzge und durch Mannigfaltigkeit stark ins Gesicht fallender Dinge in Verwunderung gesetzt werde, diese Dinge seien so unnatrlich als sie wollen, wenn nur das Auge des Zuschauers oft mit neuen und allemal mit blendenden Gegenstnden gerhrt wird. Schlachten, Triumphe, Schiffbrche, Ungewitter, Gespenster, wilde Tiere und dergleichen Dinge, mssen, wo es irgend mglich dem Zuschauer vor Augen gelegt werden. Da kann man sich leichte vorstellen, was fr Zwang und Gewalt der Dichter seinem Stoff antun msse, um solchen Forderungen genug zu tun; wie oft er das Innere, Wesentliche der tragischen Handlung, die Entwicklung groer Charakter und Leidenschaften, einem mehr ins Auge fallenden Gegenstand aufopfern msse. Deswegen trifft man in dem Plan der besten Opern, allemal unnatrliche, erzwungene oder gar abenteuerliche Dinge an. Dies ist die erste Ungereimtheit zu der die Mode auch den besten Dichter zwingt. Und wenn es nur auch die einzige wre!
Aber nun kommt die Anfoderung der Snger. In jeder Oper sollen die besten Snger auch am ftersten singen, aber auch jeder mittelmige und so gar die schlechtesten, die einmal zum Schauspiel gedungen sind und bezahlt werden, mssen sich doch ein oder ein paarmal in groen Arien hren lassen; die beiden ersten Snger, nmlich der beste Snger und die beste Sngerin, mssen notwendig ein oder mehrmal zugleich singen; also muss der Dichter Duette in die Oper bringen; oft auch Terztte, Quartette u.s.w. Noch mehr: die ersten Snger knnen ihre vllige Kunst allgemein nur in einerlei Charakter zeigen; der im zrtlichen Adagio, dieser im feuerigen Allegro u.s.w. Darum muss der Dichter seine Arien so einrichten, dass jeder in seiner Art glnzen knne.
Die Mannigfaltigkeit der daraus entstehenden Ungereimtheiten ist kaum zu bersehen. Eine oder zwei Sngerinnen mssen notwendig Hauptrolen haben, die Natur der Handlung mag es zulassen oder nicht. Wenn sich der Dichter nicht anders zu helfen wei, so verwickelt er sie in Liebeshndel, wenn sie auch dem Inhalt des Stcks noch so sehr zuwieder wren. So musste der beste Operndichter Metastasio selbst, gegen alle Natur und Vernunft in die Handlung, die sich in Utica mit Catos Tod endigte, zwei Frauenzimmer einflechten; die Wittwe des Pompejus und selbst die Marcia Catos Tochter; und diese musste so gar in Csar verliebt sein und von einem Numidischen Prinzen geliebt werden, damit zwei Sngerinnen Gelegenheit bekmen sich hren zu lassen. Wie abgeschmackt Liebeshndel in einer so finstern Handlung stehen, fhlt auch der, der sonst weder der berlegung noch des Nachdenkens gewohnt ist. Damit jeder Snger Gelegenheit habe sich hren zu lassen, mssen gar oft Sachen gesungen werden, bei denen keinem Menschen, weder wachend noch trumend nur die Vorstellung von Singen einfallen kann; frostige oder bedchtliche Anmerkungen und allgemeine Maximen. Welchem verstndigen oder verrckten Menschen knnte es einfallen, die Anmerkung, dass ein alter versuchter Krieger nicht blindlings zuschlgt, sondern seinen Mut zurckhlt, bis er seinen Vorteil abgesehen, singend vorzutragen [s. Adriano di Metastasio. Att. II. s. 5. saggio guerriero antico. etc.]; oder diese bei aufstoenden Wiederwrtigkeiten frostige Allegorie, dass der Weinstock durch das Beschneiden besser treibt und der wolriechende Gummi nur aus verwundeten Bumen, trieft? [Ebendaselbst. Att. III. s. 2. Piu bella, al tempo usato etc.] Dergleichen kindisches Zeug kommt bald in jeder Oper vor. Auch wird man selten eine sehen, wo nicht die Ungereimtheit vorkomme, dass Personen, die wegen bereits vorhandener groen Gefahr oder anderer wichtiger Ursachen halber, die hchste Eile in ihren Unternehmungen ntig haben, sich whrendem Ritornell sehr langsam und ernsthaft hinstellen, erst recht aushusten und denn einen Gesang anfangen, in dem sie bald jedes Wort sechs und mehrmal wiederholen und wobei man die Gefahr und die dringensten Geschfte vllig vergisst. Hat man irgend anderswo mehr als hier Ursache mit Horaz auszurufen:
Spectatum admissi risum teneatis amici!
Zu dem kommt noch das ewige Einerlei gewisser Materien. Wer eine oder zwei Opern gesehen hat, der hat auch viele Szenen von hundert anderen gesehen. Verliebte Klagen, ein paar unglckliche Liebhaber, davon einer ins Gefngnis und in Lebensgefahr kommt; denn ein zrtliches Abschiednehmen in einem Duett und dergleichen kommen beinahe in gar allen Opern vor.