13. Sokrates' Persnlichkeit. Die Quellen.


Das Leben des Sokrates braucht in einer Geschichte der Philosophie nicht im einzelnen geschildert zu werden. Es genge, kurz an die wichtigsten Daten seines ueren Lebens zu erinnern: dass er, als Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme 471 oder 470 zu Athen geboren, anfangs selbst Bildhauer war, die Schriften der alten Weisen - spter auch zusammen mit seinen Schlern - las, sowie die Vortrage der Sophisten hrte; dass er an mehreren Feldzgen seiner Vaterstadt teilnahm, als Prytane mutvoll in der Sache der Arginusen-Feldherrn dem Terrorismus der Masse entgegentrat und 399, wegen Einfhrung neuer Gtter und Verfhrung der Jugend verurteilt, den Giftbecher trinken mute.

ber den persnlichen Charakter des athenischen Weisen: seine musterhafte Rechtschaffenheit, Sittenreinheit, Bedrfnislosigkeit, Freimtigkeit, Menschenfreundlichkeit, Religiositt, Liebenswrdigkeit und heitere Ruhe des Gemts stimmen alle Berichte ebenso berein, wie ber seine natrliche Schlagfertigkeit, seinen Witz und seinen Humor. Nicht minder ber gewisse unhellenische Zge seines Wesens: seine Gleichgltigkeit gegen die uere Erscheinung - seine eigene Gestalt entsprach so wenig dem griechischen Schnheitsideal, dass sie selbst seinen Verehrern als silenenhaft erschien - und damit in Zusammenhang eine seinen Volksgenossen fremde Vertiefung in die eigenen Gedanken und inneren Empfindungen; schlielich seine bei aller Meisterschaft der philosophischen Unterredung hervortretende Schlichtheit des Ausdrucks. Anders dagegen steht es mit seiner Lehre, ber die wir an fremde Berichterstatter gewiesen sind, da wir keine einzige geschriebene Zeile von Sokrates, ja kaum einen vllig beglaubigten Ausspruch aus seinem Munde besitzen. In der Auffassung seiner philosophischen Bedeutung aber widersprechen sich die beiden Hauptquellen, seine Schler Xenophon und Plato, neben denen der sptere Aristoteles erst in zweiter Linie in Betracht kommt.

Frher herrschte die Auffassung vor, dass die Darstellung Xenophons (in seinen Memorabilien und seinem Symposion) bei aller Nchternheit und Plattheit doch die objektivere, weil historisch treuere, und deshalb der knstlerischen, aber subjektiven, idealisierenden Platos in fast allen seinen Dialogen vorzuziehen sei. Nachdem zuerst Dissen (1812) und Schleiermacher (s. oben) an dieser Auffassung gerttelt, nachdem dann gezeigt worden war, dass Xenophon, selbst kein Philosoph, gar nicht die Fhigkeit besa, das philosophische Ziel des Sokrates in seiner vollen Tiefe zu erfassen und darzustellen, haben neuere Untersuchungen (von Dmmler, Jol, Natorp u. a.) wahrscheinlich gemacht, dass auch Xenophons Ohrenzeugentum, der damaligen literarischen Mode entsprechend, nur Fiktion, dass seine Memorabilien zu der blichen Gattung rhetorischer Lobschriften gehren und die Erwiderung auf das Pamphlet eines Rhetors sind, dass endlich seine philosophische Auffassung, soweit er berhaupt eine solche besitzt, durch den Zyniker Antisthenes (s. 17) beeinflut ist. Nach Xenophons Schilderung des Sokrates fragt man sich unwillkrlich: Wie konnte ein so prosaischer, beinahe pedantischer Mensch wie dieser eine so begeisterte Liebe unter seinen Schlern wecken und vor allem - eine so gewaltige Revolution der Geister hervorrufen? Demgegenber wre der berufene Darsteller des philosophischen Reformators derjenige seiner Jnger gewesen, der ihn am besten verstanden, d.h. Plato. Aber dieser war zu sehr Knstler, um objektiver Historiker zu sein, und zu stark von den eigenen genialen Ideen, die er nach seinem Empfinden dem Meister verdankte, durchdrungen, als dass er zwischen seinem und des Sokrates geistigem Eigentum eine scharfe Grenzlinie zu ziehen unternommen htte. Bei dieser Sachlage betrachten manche den Aristoteles als den einzigen Retter aus der Not. Allein, was fr dessen grere Glaubwrdigkeit und Objektivitt angefhrt wird, die weitere historische Entfernung und demgem freiere Stellung zu Sokrates, hat doch auch wieder seine Nachteile im Gefolge; berdies ist nicht auer Acht zu lassen, dass die Berichte des Aristoteles, wie sich besonders an seiner Kritik Platos zeigen lt, fters durch seine eigenen dogmatischen Begriffe und philosophiegeschichtlichen Rubriken getrbt sind.

So erscheint des Rtsels Lsung schwer. Als die beste Quelle erscheinen, bei Erwgung aller in Betracht kommenden Verhltnisse, doch immer noch diejenigen Dialoge Platos (auf die sich augenscheinlich auch Aristoteles sttzt), die des Meisters Lehre noch am wenigsten vermischt mit eigenen Zustzen darstellen. Es sind das seine frhesten, die sogenannten sokratischen Dialoge; in erster Linie die des Meisters Andenken gewidmete Apologie, dann Krito, Laches und Protagoras. Zu deren Ergnzung und Vergleichung knnen sodann Xenophon und Aristoteles herangezogen werden.


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