Siebentes Kapitel.
[Das vollendete Glck der Denkttigkeit]


Ist aber die Glckseligkeit eine der Tugend geme Ttigkeit, so mu dieselbe natrlich der vorzglichsten Tugend gem sein, und das ist wieder die Tugend des Besten in uns. Mag das nun der Verstand oder etwas anderes sein, was da seiner Natur nach als das Herrschende und Leitende auftritt und das wesentlich Gute und Gttliche zu erkennen vermag, sei es selbst auch gttlich oder das Gttlichste in uns: immer wird seine seiner eigentmlichen Tugend geme Ttigkeit die vollendete Glckseligkeit sein.

Dass diese Ttigkeit theoretischer oder betrachtender Art ist, haben wir bereits gesagt. Man sieht aber auch, dass das sowohl mit unseren frheren Ausfhrungen wie mit der Wahrheit bereinstimmt.

Denn zunchst ist diese Ttigkeit die vornehmste. Der Verstand oder die Vernunft ist nmlich das Vornehmste in uns, und die Objekte der Vernunft sind wieder die vornehmsten im ganzen Feld der Erkenntnis.

Sodann ist sie die anhaltendste. Anhaltend betrachten oder denken knnen wir leichter, als irgend etwas uerliches anhaltend tun.

Ferner geht die gemeine Meinung dahin, dass die Glckseligkeit mit Lust verpaart sein mu. Nun ist aber unter allen tugendgemen Ttigkeiten die der Weisheit zugewandte eingestandenermaen die genureichste und seligste. Und, in der Tat bietet das Studium der Weisheit Gensse von wunderbarer Reinheit und Bestndigkeit, selbstredend ist aber der Genu noch grer, wenn man schon wei, als wenn man erst sucht.

Auch was man Selbstgenge nennt, findet sich am meisten bei der Betrachtung. Was zum Leben erforderlich ist, dessen bedarf auch der Weise und der Gerechte und die Inhaber der anderen sittlichen Tugenden. Sind sie aber mit dergleichen ausreichend versehen, so bedarf der Gerechte noch solcher, gegen die und mit denen er gerecht handeln kann, und das gleiche gilt von dem Migen, dem Mutigen und jedem anderen; der Weise dagegen kann, auch wenn er fr sich ist, betrachten, und je weiser er ist, desto mehr; vielleicht kann er es besser, wenn er Mitarbeiter hat, aber immerhin ist er sich selbst am meisten genug. (1177b)

Und, von ihr allein lt sich behaupten, dass sie ihrer selbst wegen geliebt wird. Sie bietet uns ja auer dem Denken und Betrachten sonst nichts; vom praktischen Handeln dagegen haben wir noch einen greren oder kleineren Gewinn auer der Handlung.

Und, die Glckseligkeit scheint in der Mue zu bestehen. Wir opfern unsere Mue, um Mue zu haben, und wir fhren Krieg, um in Frieden zu leben. Die praktischen Tugenden nun uern ihre Ttigkeit im brgerlichen Leben oder im Kriege. Die Aktionen auf diesen Gebieten aber drften sich mit der Mue kaum vertragen. Die kriegerische Ttigkeit schon gar nicht. Niemand will Krieg und Kriegsrstungen des Krieges wegen. Denn man mte als ein ganz blutdrstiger Mensch erscheinen, wenn man sich seine Freunde zu Feinden machte, nur damit es Kampf und Blutvergieen gbe. Aber auch die friedliche Ttigkeit im Dienste des Gemeinwesens vertrgt sich nicht mit der Mue und verfolgt neben der Besorgung der ffentlichen Angelegenheiten selbst den Besitz der Macht und den Genu der Ehren oder doch das wahre Lebensglck fr die eigene Person und die Mitbrger, als ein Ziel, das vom Staatsdienst verschieden ist, und das wir Menschen auch durch das Leben in der staatlichen Gemeinschaft zu erreichen suchen, selbstverstndlich als etwas von diesem Leben selbst Verschiedenes. Wenn also nun zwar unter allen tugendhaften Handlungen diejenigen, die sich um Staat und Krieg drehen, an Schnheit und Gre obenan stehen, und sie gleichwohl mit der Mue unvereinbar und auf ein auer ihnen liegendes Ziel gerichtet sind und also nicht ihrer selbst wegen begehrt werden, und wenn dagegen die Ttigkeit der Vernunft, die denkende, ebensowohl an Ernst und Wrde hervorragt, als sie keinen anderen Zweck hat, als sich selbst, auch eine eigentmliche Lust und Seligkeit in sich schliet, die die Ttigkeit steigert, so sieht man klar, dass in dieser Ttigkeit, so weit es menschenmglich ist, das Selbstgenge, die Mue, die Freiheit von Ermdung und alles, was man sonst noch dem Glckseligen beilegt, sich finden mu. Und somit wre dies die vollendete Glckseligkeit des Menschen, wenn sie auch noch die volle Lnge eines Lebens dauert, da nichts, was zur Glckseligkeit gehrt, unvollkommen sein darf.

Aber das Leben, in dem sich diese Bedingungen erfllen, ist hher, als es dem Menschen als Menschen zukommt. Denn so kann er nicht leben, insofern er Mensch ist, sondern nur insofern er etwas Gttliches in sich hat. So gro aber der Unterschied ist zwischen diesem Gttlichen selbst und dem aus Leib und Seele zusammengesetzten Menschenwesen, so gro ist auch der Unterschied zwischen der Ttigkeit, die von diesem Gttlichen ausgeht, und allem sonstigen tugendgemen Tun. Ist nun die Vernunft im Vergleich mit dem Menschen etwas Gttliches, so mu auch das Leben nach der Vernunft im Vergleich mit dem menschlichen Leben gttlich sein.

Man darf aber nicht jener Mahnung Gehr geben, die uns anweist, unser Streben als Menschen auf Menschliches und als Sterbliche auf Sterbliches zu beschrnken, sondern wir sollen, soweit es mglich ist, uns bemhen, unsterblich zu sein, und alles zu dem Zwecke tun, dem Besten, was in uns ist, nachzuleben. (1178a) Denn ob auch klein an Umfang, ist es doch an Kraft und Wert das bei weitem ber alles Hervorragende. Ja, man darf sagen: dieses Gttliche in uns ist unser wahres Selbst, wenn anders es unser vornehmster und bester Teil ist. Mithin wre es ungereimt, wenn einer nicht sein eigenes Leben leben wollte, sondern das eines anderen. Und was wir oben gesagt, pat auch hierher. Was einem Wesen von Natur eigentmlich ist im Unterschied von anderen, ist auch fr dasselbe das Beste und Genureichste. Also ist das fr den Menschen das Leben nach der Vernunft, wenn anders die Vernunft am meisten der Mensch ist. Mithin ist dieses Leben auch das glckseligste.


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