Abtheilung XII.
ber die Akademische oder Skeptische Philosophie
Abschnitt III.

Es gibt in der Tat einen milderen Skeptizismus oder eine akademische Philosophie, die sowohl dauerhaft wie ntzlich ist und zum Teil aus diesem Pyrrhonismus oder bertriebenen Skeptizismus hervorgeht, wenn seine masslosen Zweifel durch natrlichen Verstand und berlegung in einem gewissen Grade berichtigt werden. Die meisten Menschen neigen von Natur zu absprechenden und entschiedenen Aussprchen; sie sehen die Gegenstnde nur von einer Seite, denken nicht an die Gegengrnde und erfassen so die ihnen zusagenden Grundstze mit Heftigkeit und ohne Nachsicht fr Die, welche anderer Ansicht sind. Das Zgern und Erwgen verwirrt ihren Verstand, verstsst gegen ihre Leidenschaften und hemmt ihr Handeln. Sie verlangen deshalb mit Ungeduld, aus einem ihnen so lstigen Zustande herauszukommen und meinen, durch Heftigkeit ihrer Behauptungen und durch Hartnckigkeit in ihrem Glauben sich nicht weit genug davon entfernen zu knnen. Knnten solche Leute bei ihrem hartnckigen Streiten die merkwrdigen Schwchen des menschlichen Verstandes, selbst in seinem vollkommensten Zustande und in seinen genauesten und vorsichtigsten Bestimmungen bemerken, so wrden sie natrlich mit mehr Bescheidenheit und Vorsicht auftreten, und es wrden die berschtzung ihrer selbst und ihre Vorurteile gegen ihre Gegner sich mindern. Der Ungelehrte sollte sich den Zustand des Gelehrten vergegenwrtigen, welcher trotz allen Gewinns aus Studium und Nachdenken in seinen Ansichten meist vorsichtig bleibt. Dagegen werden Gelehrte, die von Natur zu Hochmut und Hartnckigkeit neigen, durch eine schwache Frbung von Pyrrhonismus in ihrem Stolze nachlassen, wenn man ihnen zeigt, dass ihre paar Vorteile ber die Mitarbeiter nur gering erscheinen, wenn man sie mit der allgemeinen, der menschlichen Natur anhaftenden Unordnung und Verwirrung vergleicht. Sicherlich sollte ein gewisser Grad von Vorsicht, Zweifel und Bescheidenheit bei allen Arten von Untersuchungen und Entscheidungen den wahren Forscher nie verlassen.
Eine fernere, dem Menschen ntzliche Beschrnkung des Skeptizismus geht aus den Pyrrhonianischen Zweifeln und Bedenken dann hervor, wenn man seine Untersuchungen nur auf Dinge richtet, die zu den schwachen Fhigkeiten des menschlichen Verstandes sich am besten eignen. Die Phantasie des Menschen treibt von Natur nach Oben; sie freut sich an dem Entfernten und Ausserordentlichen und strzt sich ohne Vorsicht in die fernsten Orte nach Raum und Zeit, um den gewohnten und allbekannten Gegenstnden zu entgehen. Ein gesunder Verstand whlt den entgegengesetzten Weg, vermeidet alle weitgehenden und tiefen Untersuchungen und beschrnkt sich auf das gewhnliche Leben und auf solche Dinge, die zur tglichen bung und Erfahrung gehren. Er berlsst jene erhabeneren Gebiete den Dichtern und Rednern, die sie ausschmcken mgen, oder den Knsten der Priester und Politiker. Nichts hilft mehr zu solchem heilsamen Entschluss, als die feste berzeugung von der Gewalt Pyrrhonianischer Zweifel, und dass nur die Kraft des natrlichen Instinkts davon befreien kann. Wer zur Philosophie neigt, wird trotzdem seine Untersuchungen fortsetzen; denn neben dem Vergngen an solchen Beschftigungen weiss er, dass philosophische Stze nur die geregelten und berichtigten Betrachtungen ber das gewhnliche Leben sind; aber er wird nie in die Versuchung kommen, darber hinauszugehen, sobald er die Unvollkommenheit der dazu dienlichen Vermgen, ihren engen Bereich und ihre ungenauen Wirkungen erwgt. Wir knnen keinen gengenden Grund dafr angeben, weshalb wir nach tausend Proben glauben, dass der Stein fallen und das Feuer brennen wird; wie knnen wir daher hoffen, irgend eine zufriedenstellende Erkenntniss ber den Ursprung der Welt und den Zustand der Natur von Anfang bis in alle Ewigkeit zu erreichen? Diese enge Schranke fr unsere Untersuchungen ist in jeder Beziehung so klar, dass schon die oberflchlichste Untersuchung der natrlichen Krfte der Seele und ihre Vergleichung mit den Gegenstnden gengt, sie uns zu empfehlen. Dann wird man erst die wahren und geeigneten Gegenstnde der Wissenschaft und Untersuchung auffinden.
Die einzigen Gegenstnde der Vernunftwissenschaft oder der strengen Beweise scheinen die Grsse und die Zahl zu sein; alle Versuche, diese vollkommene Weise der Erkenntniss ber diese Grenze auszudehnen, wird zur reinen Spitzfindigkeit und Tuschung. Da die Teile, aus welchen die Grsse und die Zahl sich zusammensetzen, einander ganz hnlich sind, so werden ihre Beziehungen mannichfach und verwickelt, und nichts ist unterhaltender und ntzlicher, als durch verschiedene Mittel ihre Gleichheit und Ungleichheit in ihren verschiedenen Erscheinungen zu verfolgen. Alle anderen Begriffe sind dagegen von einander unterschieden und scharf getrennt; man kommt deshalb hier selbst bei der genauesten Nachforschung nicht weiter, als zur Erkenntniss dieses Unterschieds und zu dem selbstverstndlichen Satze, dass das eine Ding nicht das andere sei. Zeigen sich hier noch Schwierigkeiten, so entspringen sie nur aus dem unbestimmten Sinn der Worte, welche durch richtige Definitionen verbessert werden knnen. Den Satz, dass das Quadrat der Hypothenuse gleich ist den Quadraten der beiden anderen Seiten, kann man selbst bei dem genauesten Verstndniss der Worte, ohne eine Reihe von Grnden und Betrachtungen, nicht einsehen; aber zum Beweis des Satzes, dass, wo kein Eigentum ist, es auch keine Ungerechtigkeit gibt, gengt die Definition der Worte und die Erklrung, dass Ungerechtigkeit in der Verletzung des Eigentums bestehe. Ein solcher Satz ist eigentlich nur eine unvollkommene Definition. Ebenso verhlt es sich mit den sogenannten Schlssen und Beweisen in allen Gebieten des Wissens, mit Ausnahme der Grssen- und Zahlen-Lehre, welche meines Erachtens getrost als die alleinigen Gegenstnde der Erkenntniss und des strengen Beweisens aufgestellt werden knnen.
Alle anderen Untersuchungen beziehen sich nur auf Tatsachen und Dasein, welche offenbar nicht strenge bewiesen werden knnen.