Caracci

Caracci ist der Name einer berhmten Malerfamilie, deren Hupter: Lodovico, Annibale und Agostino sich das unsterbliche Verdienst erworben, die Kunst aus dem tiefen Verfall, in welchen sie durch das verderbliche Treiben der Manieristen schon gegen das Ende des 16. Jahrhunderts geraten war, wieder auf die wahre Bahn zurckgefhrt, der herrschenden Manier ihrer Zeit einen neuen Stil entgegengesetzt und dieselbe dadurch nach hartem Kampfe verdrngt zu haben. Ihrer ungemeinen Tchtigkeit und ihrem rastlosen Eifer gelang es, der von ihnen zu Bologna gestifteten Schule in ganz Italien ein entschiedenes bergewicht zu verschaffen und sie knnen daher fglich als die Wiederhersteller der Kunst ihres Vaterlandes betrachtet werden. 

Naturbeobachtung, Studium der Antike und Nachahmung der grten Meister fr denjenigen Teil, in welchem jeder als der Vorzglichste galt, waren die leitenden Grundstze ihrer Schule. So wurden von ihnen Michelangelo als Muster fr Zeichnung und Bewegung, Tizian fr die Wahrheit der Farbe und den Vortrag, Raphael fr Komposition und Ausdruck, Correggio fr Helldunkel und Grazie, Tibaldi fr Anstand und Wrde, Primaticcio fr die Erfindung empfohlen. Man hat ihnen daher, gleich jenen Philosophen des Altertums, welche die verschiedenen vor ihnen erschienenen philosophischen Systeme zu einem selbststndigen Ganzen zu vereinigen strebten, den Namen Eklektiker gegeben. Dieses zusammengesetzte Ideal, das sie in den Werken des Niccol dell' Abbate gefunden zu haben glaubten, wie aus einem Sonett des Agostino Caracci zum Lobe desselben hervorgeht, bestand bei ihnen jedoch zum Glck mehr in der Theorie als in der Praxis, indem ihr Eklektizismus nur ein bergangsstudium ihrer eigenen Entwicklung war, und man in ihren besten Bildern bald diesen bald jenen Knstler entschieden als Vorbild erkennt, bald ihr eigenes bedeutendes Talent sich mit einer gewissen Unabhngigkeit, mit mnnlicher Selbststndigkeit sich geltend machen sieht. Selbst die Nachahmung der groen Meister war bei ihnen keine uerliche, seelenlose, sie beschrnkte sich mehr auf eine knstlerisch durchgebildete Aneignung des Hchsten, was die Kunst berhaupt geboten. Dennoch blieb von jenem eklektischen, berall umschauenden und reflektierenden Studium in ihren Werken eine gewisse Klte, Befangenheit und Absichtlichkeit zurck, welche den Beschauer abstt, etwas Akademisch-Bewusstes, was den Eindruck des Gemachten hervorbringt, das in Verbindung mit einer gewissen Einfrmigkeit und Allgemeinheit in ihren idealischen Kpfen und Krperformen, ihren Gemlden, bei einer fter in allen Teilen hchst achtbaren Meisterschaft, keine recht lebhafte innere Teilnahme zu gewinnen im Stande ist. Dabei ist jedoch durchaus nicht zu verkennen, dass selbst in der Nachahmung bei ihnen der diesen Knstlern eigene Impuls, sieh durch die manieristische Verwstung Bahn zu brechen und das ernste, mit so vielen Schwierigkeiten verbundene Bemhen ersichtlich ist, an deren Stelle etwas Neues zu setzen. Sie hatten ein wahres und groes Gefhl fr die Darstellung erhallter Lebenszustnde und rangen mit unglaublicher Energie nach vollstndiger Harmonie des entsprechenden Stils. 

Ihr Stil zeigt daher ein Streben nach Groheit der Formen und der Massen, allein diese erscheinen zwar wohl als der Ausdruck von Kraft, aber nicht von Erhabenheit der inwohnenden Seele und Geisteshoheit. In der Komposition sie nach grerer Einfachheit und Klarheit und verwarfen die vielen Figuren, welche die trichten Nachahmer des Michelangelo in die Malerei eingefhrt hatten; dagegen gingen sie mehr auf einen guten Bau der Anordnung als Bedeutung in der Erfindung aus. Ihre Figuren sind gut gestellt, um irgend eine Handlung oder Leidenschaft auszudrcken, sie erinnern jedoch gar zu sehr an akademische Modelle, und in den Gegenstzen der Gruppen sowohl, als der einzelnen Figuren, tritt an die Stelle jener schnen Zuflligkeit, durch welche dieselben, wie von ungefhr, durch geistige Beziehungen zu einander zu einem Ganzen zusammentreten sollen, allzuoft die Absichtlichkeit, das berlegte, Gelehrte. In Bewegung und Ausdruck suchten sie Lebendigkeit, waren dabei aber immer vor Allem bemht, der Wohlanstndigkeit nichts zu vergeben, der sie selbst die Anmut geopfert htten. Die Zeichnung fhrten sie wieder zur Strenge und Grndlichkeit zurck und es ist ihnen darin, besonders dem Annibale, was Korrektheit und Vermeidung von Fehlern anbetrifft, ein groes Verdienst nicht abzusprechen, allein es mangelt auch ihr doch im Ganzen Schnheit und Anmut. Die nackten Formen zeigen zwar einen nach guten Meistern gebildeten, aber dabei einfrmigen Typus, der durch einen abstrakten, konventionellen Charakter mehr einen normalmigen Kanon der menschlichen Gestalt, als einen wahrhaft lebendigen Begriff derselben gewhrt. Ihre Kpfe nahmen sie aus der Natur und verbesserten sie nach allgemeinen Schnheitsbegriffen. Auch in der Anatomie fehlt hei aller grndlichen Kenntnis und richtiger Andeutung der Muskeln das feinere und zufllige Spiel derselben, welches man in der Natur bemerkt und wodurch sich vorzugsweise das innewohnende Leben kund gibt. Das Kolorit in ihren lbildern ist, wo sie nicht absichtlich auch in der Frbung einen der groen Meister nachahmten; beinahe durchgngig schwer und undurchsichtig und hat ein zu materielles Ansehen, auch waltet im Ganzen darin ein zu dunkler Ton vor. Dagegen zeigen sie sich in ihren Freskomalereien, in denen durchweg eine ungewhnliche Wahrheit, Kraft und Harmonie der Farben herrscht, als bedeutende Meister. In den Gewndern liebten sie einen groartigen Schnitt und Faltenwurf; keine andere Schule hat so weite Mntel oder schlug sie wrdevoller um die Gestalten. 

Nach dieser allgemeinen Betrachtung ber die Kunst der Caracci, kommen wir an die einzelnen Mitglieder dieser ausgezeichneten Knstlerfamilie.  


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 © textlog.de 2004 06.09.2026 16:07:13
Seite zuletzt aktualisiert: 10.05.2007 
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