Werden

Werden ist ein Grundbegriff, der sich auf die stetige Vernderung (s. d.) der Dinge, auf den Wechsel der Zeitinhalte, auf das Geschehen (Entstehen und Vergehen) bezieht. Werden ist Wechsel des und im Seienden, Entwicklung (s. d.), im engeren Sinne Entstehen von Seiendem, im Gegensatze zum Vergehen. Werden ist Zusammenschlu einer Reihe von Momenten zu einem relativ Abgeschlossenen, Konstanten, Seienden (s. d.). Da absolute Ruhe im Endlichen nirgends besteht, so ist das Werden ein allgemeines. da aber das Werdende sich mehr oder weniger im Werden erhlt, so hat es ein relatives Sein, und damit ist auch das Werden nur relativ. Im Unendlichen ist das Werdende zugleich das (absolut) Seiende. das All selbst kann nicht werden im Sinne des Entstehens (s. Ewigkeit). Whrend die Eleaten alles Werden fr Schein erklren (s. Sein), macht HERAKLIT das Werden zum Prinzip der Welt. Das All ist stete Umwandlung, Vernderung, die Ruhe ist nur Schein. Im ewigen Wechsel nur beharrt, erhlt sich das All. Alles fliet (panta rhei), nichts beharrt. man kann nicht zweimal in ebendenselben Flu steigen: Legei pou Hrakleitos hoti panta chrei kai ouden menei, kai potamou rho apeikazn ta onta legei, hs dis es ton auton potamon ouk an embais (Plat., Cratyl. 402 A), weswegen man die Herakliteer auch tous rheontas nannte (Plat., Theaet. 181 A). Nach KRATYLOS kann man auch nicht einmal in denselben Flu steigen (Aristot., Met. IV 5, 1010 a 12 squ.). Das bestndige Werden der Dinge lehrt auch PROTAGORAS: ek de d phoras te kai kinses kai krases pros allla gignetai panta, ha d phamen einai, ouk orths prosagoreuontes. esti men gar oudepot' ouden, aei de gignetai (Plat., Theaet. 152 D). Nur fr die Welt der Sinnendinge gibt PLATO das stndige Werden zu (s. Idee). Die Sinnendinge sind stets werdend, nie seiend: ti to on aei, genesin de ouk echon, kai ti to gignomenon men aei, on de oudepote. to men d nosei meta logou perilpton, aei kata tauta on, to d' au dox met' aisthses alogou doxaston, gignomenon kai apollymenon, onts de oudepote on (Tim. 27 D. vgl. 52 A. Phileb. 59 A). Das Werden erfolgt aus Gegenstzen (ek tn enantin ta enantia, Phaed. 70 E squ.). Da das Werden nur mit dem Sein (s. d.), nicht absolut bestehen kann, betont ARISTOTELES, nach welchem die Prinzipien (s. d.) der Dinge ungeworden, unvergnglich sind: Hmeis de kai pros tauton ton logos eroumen, hoti to men metaballon hote metaballei echei tina autois alth logos m oiesthai einai. kaitoi esti g' amphisbtsimon. to te gar apoballon echei ti eti tou apoballomenou, kai tou gignomenou d anank ti einai. hols te ei phtheiretai, hyparxei ti on. kai ei gignetai, ex hou gignetai kai hyph' hou gennatai, anankaion einai, kai touto m ienai eis apeiron (Met. IV 5, 1010 a 15 squ.). Die Form (s. d.) ist das (causal-teleologische) Prinzip, welches den Stoff aus der Potentialitt in die Aktualitt bergehen lt (s. Mglichkeit, Potenz, Energie). - Das stndige Werden der Dinge lehrt MARC AUREL (h te gar ousia hoion potamos en dinekei rhysei, In se ips. V, 14. vgl. XI, 29).

Nach KANT ist jedes Vergehen ein negatives Entstehen, d. i. es wird, um etwas Positives, was da ist, aufzuheben, eben sowohl ein wahrer Realgrund erfordert, als um es hervorzubringen, wenn es nicht ist (Negat. Gr. 3. Abschn., S. 44 f.). - CABANIS erklrt: Tout est sans cesse en mouvement dans la nature. tous les corps sont dans une continuelle fluctuation (Rapp. I, 237). Nach BOUTERWEK ist im Absoluten kein Werden (Lehrb. d. philos. Wissensch. I, 143). Nach SCHELLING ist das Werden nur unter der Bedingung einer Begrenzung (Schranke) zu denken. das Ich (s. d.) ist (wie nach J. G. FICHTE) unendliches Werden (Syst. d. tr. Ideal. S. 73). Als ewigen Prozess (s. d.) fat die Welt HEGEL auf. Das Werden ist die Einheit von Sein (s. d.) und Nichts, die Unruhe in sich (Encykl. 88 f.). Im Sein ist das Nichtsein enthalten und umgekehrt, und so ist das All insofern ein Werden (WW. XIII, 334. s. Dialektik). So erklrt auch K. ROSENKRANZ: Das Werden ist weder nur Sein, noch nur Nichtsein, weil es sowohl Sein als Nichtsein ist und weil das Sein an sich entweder nur als reines Sein oder als reines Nichts sich bestimmt (Syst. d. Wissensch. S. 15 f.). Nach HILLEBRAND hat im Werden das Sein gleichsam den immanenten Uranfang seiner ewigen Wahrheit (Philos. d. Geist. II, 56). Bei C. H. WEISSE bedeutet der Satz, da alles Sein ein (zeitliches) Werden ist, da alles Unmittelbare auf ein Anderes, auf eine Erfllung und Vollendung seiner selbst hinweist (Grdz. d. Met. S. 124). Nach W. ROSENKRANTZ ist das Werden ein bergang des Nichtseienden zum Sein. Alles Sein setzt voraus: eine Mglichkeit des Seins und eine Ursache, durch welche diese Mglichkeit in Wirklichkeit gesetzt wird (Wissensch. d. Wiss. I, 348 ff.). Nach M. CARRIERE gibt es kein Werden an sich, alles Werden ist Entwicklung und Vernderung eines Seienden (Sittl. Weltordn. S. 96). Das Sein ist ein bestndig Werdendes (l. c. S. 129). Nach R. HAMERLING ist alles Werden nur die Verwandlung eines Seienden in ein Anderes (Atomist. d. Will. I, 123). HARMS erklrt: Das, was das Werden bedingt, ist kein Werden, sondern ein Sein (Psychol. S. 64 f.). Alles Werden und Geschehen ist Wirkung und niemals Ursache. Da Werden ist nicht an sich, sondern fr uns unendlich, an sich aber endlich und bedingt. Es ist nur ein Erkenntnis -, aber kein Sachgrund (l. c. S. 72). HAGEMANN bestimmt: Werden ist bergang (Bewegung) entweder vom Nichtdasein zum Dasein, oder umgekehrt vom Dasein zum Nichtdasein, oder endlich vom Sosein zum Anderssein. Das Werden setzt immer ein Wirkliches voraus, wodurch es verursacht wird (Met.2, S. 44 f.). Nach K. LASSWITZ heit Werden zur Wirklichkeit des Seins gelangen (Wirkl. S. 156). WUNDT zhlt den Begriff des Werdens zu den reinen Wirklichkeitsbegriffen (Philos. Stud. II. Syst. d. Philos.2, S. 228 ff.). Die Welt ist ewiges Werden und Geschehen, aber nicht ein Werden, das ziellos nur das Vorhandene zerstrt, damit Neues an seine Stelle trete, sondern stetiger Zusammenhang zweckvoller Gestaltungen (Syst. d. Philos.2, S. 666 ff.). HUXLEY bemerkt: Und je mehr wir in die Natur der Dinge eindringen, desto augenscheinlicher wird es, da, was wir Ruhe nennen, nichts ist als unbemerktes Geschehen. da der scheinbare Friede nur stiller, aber erbitterter Kampf ist (Essays, S. 261). hnlich lehrt NIETZSCHE. Es gibt nur ein ewiges Werden, das in jedem Einzelwesen steckt. Das Individuum ist ein Glied in der Kette des Werdens, ist diese selbst (WW. XV, 321). Alles Werden ist ein Feststellen von Grad- und Kraftverhltnissen, ein Kampf (l. c. XV, 280). Die Welt besteht im Werden, erhlt sich in ihm (l. c. XV, 384), das Sein (s. d.) ist Schein, Phantasieprodukt infolge der Schwche unserer Sinne (WW. XII, 1, 6 ff.). So ist auch nach ILAR. SOCOLIU der Begriff des Seins der Wirklichkeit unadquat und mu von dem des Werdens schlechthin abgelst werden (Grundprobl. d. Philos. S. XV). Nach M. PALGYI zeigt uns die Auffassung des Raumes (s. d.) als eines dynamischen die Welt der Erscheinungen in einem ewigen Flusse begriffen. Wir mssen sagen, da alle Erscheinung fliet, weil der Raum selbst ein flieender oder dynamischer ist (Log. auf d. Scheidewege, S. 129). - Vgl. SCHOLKMANN, Christent. S. 22. - Vgl. Sein, Evolution, Aktualittstheorie.


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