Wechselwirkung

Wechselwirkung: gegenseitiges Aufeinanderwirken der Dinge. Prinzip von Wirkung und Gegenwirkung. Durch die allgemeine Wechselwirkung sind die Dinge zur Einheit der Welt (s. d.) verbunden, anderseits setzt die Tatsache der Wechselwirkung schon eine primre Einheit des Seins voraus.

SPINOZA erklrt: Quae res nihil commune inter se habent, earum una alterius causa esse non potest (Eth. I, prop. III). Die Okkasionalisten (s. d.) und LEIBNIZ leugnen alle direkte Wechselwirkung (s. Harmonie). - Das mechanische Prinzip der Wechselwirkung formuliert NEWTON: Die Wirkungen zweier Krper aufeinander mssen stets gleich und von entgegengesetzter Richtung sein. so auch HUYGHENS u. a. - LESSING bemerkt: Alles in der Natur ist mit allem verbunden. alles durchkreuzt sich, alles wechselt mit allem. alles verndert sich in das andere (Hamb. Dramat. II, 1).

Nach KANT reicht das bloe gleichzeitige Dasein der Substanzen zur Begrndung ihrer Verbindung nicht aus, dazu ist noch eine Gemeinschaft des Ursprungs erforderlich (Princ. prim. sct. III, 2). Spter bestimmt er die Wechselwirkung als eine die Erfahrung, die Ordnung der Erscheinungen bedingende Kategorie (s. d.). Alle Substanzen, sofern sie zugleich sind, stehen in durchgngiger Gemeinschaft (d. i. Wechselwirkung untereinander) (Krit. d. rein. Vern. S. 196). Nur unter der Bedingung der Wechselwirkung knnen Substanzen als zugleich existierend erkannt werden. Dinge sind zugleich, sofern sie in einer und derselben Zeit existieren. Woran erkennt man aber, da sie in einer und derselben Zeit sind? Wenn die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen gleichgltig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E oder auch umgekehrt von E zu A gehen kann. Denn wre sie in der Zeit nacheinander (in der Ordnung, die von A anhebt und in E endigt), so ist es unmglich, die Apprehension in der Wahrnehmung von E anzuheben und rckwrts zu A fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehrt und also kein Gegenstand der Apprehension mehr sein kann. Nehmet nun an: In einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen wre jede derselben vllig isoliert, d. i. keine wirkte in die andere und empfinge von dieser wechselseitig Einflsse, so sage ich, da das Zugleichsein derselben kein Gegenstand einer mglichen Wahrnehmung sein wrde, und das Dasein der einen, durch keinen Weg der empirischen Synthesis, auf das Dasein der anderen fhren knnte. Denn wenn ihr auch gedenkt, sie wren durch einen vllig leeren Raum getrennt, so wrde die Wahrnehmung, die von der einen zur andern in der Zeit fortgeht, zwar dieses ihr Dasein vermittelst einer folgenden Wahrnehmung bestimmen, aber nicht unterscheiden knnen, ob die Erscheinung objektiv auf die erstere folge oder mit jener vielmehr zugleich sei. Es mu also noch auer dem bloen Dasein etwas sein, wodurch A dem B seine Stelle in der Zeit bestimmt und umgekehrt auch wiederum B dem A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen, als zugleich existierend, empirisch vorgestellt werden knnen. Nun bestimmt nur dasjenige dem andern seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also mu jede Substanz (da sie nur in Ansehung ihrer Bestimmungen Folge sein kann) die Kausalitt gewisser Bestimmungen in der andern und zugleich die Wirkungen von der Kausalitt der andern in sich enthalten, d. i. sie mssen in dynamischer Gemeinschaft (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das Zugleichsein in irgend einer mglichen Erfahrung erkannt werden soll. Nun ist aber alles dasjenige in Ansehung der Gegenstnde der Erfahrung notwendig, ohne welches die Erfahrung von diesen Gegenstnden selbst unmglich sein wrde. Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung, sofern sie zugleich sind, notwendig, in durchgngiger Gemeinschaft der Wechselwirkung untereinander zu stehen (l. c. S. 197 f.).

SCHELLING betont: Es ist berhaupt kein Kausalittsverhltnis konstruierbar ohne Wechselwirkung (Syst. d. tr. Ideal. S. 228. vgl. HEGEL, Encykl. 154 ff.). Nach CHR. KRAUSE findet alle Wechselwirkung im Urwesen statt (Urb. d. Menschheit3, S. 329). Nach Gottes Weltordnung werden alle Wesen mit allen Wesen in mittelbare oder unmittelbare Beziehung gesetzt. sie kommen in Verhltnisse der Gemeinschaft und der Geselligkeit (l. c. S. 55 ff.). Nach J. H. FICHTE ist der gttliche Raum (s. d., auch NEWTON, CLARKE) die Grundbedingung jeder Wechselwirkung (Psychol. I, 31). LOTZE erklrt: Nur wenn die einzelnen Dinge nicht selbstndig oder verlassen im Leeren schwimmen, ber das keine Beziehung hinberreichen kann, nur wenn sie alle, indem sie endliche Einzelheiten sind, doch zugleich nur Teile einer einzigen sie alle umfassenden, innerlich in sich hegenden unendlichen Substanz sind, ist ihre Wechselwirkung aufeinander oder das, was wir so nennen, mglich (Mikrok. III2, 482). Die Korrespondenz der Dinge beruht darauf, da alles Seiende nur ein unendliches Wesen ist, das in den einzelnen Dingen seine stets gleiche mit sich identische Natur notwendig in zusammenpassenden Formen ausprgt (l. c. S. 384. vgl. Gdz. d. Psychol. 79). Lotze betont, da die wahren Wechselwirkungen der Dinge nicht in Mitteilung uerer Bewegungen bestehen, sondern da primitiv ein innerer Zustand des einen auf die innere Natur des andern wirke, die nderungen der Lage und Bewegung dagegen nur Konsequenzen und Erscheinungsweisen dieses inneren Verkehrs sind (Med. Psychol. S. 203). - Nach HERBART gibt es keine eigentliche Wechselwirkung (s. Kausalitt). Nach E. v. HARTMANN ist die Wechselwirkung nur ein Spezialfall der Kausalitt (Kategorienlehre, S. 384). Nach FR. SCHULTZE wirkt alles mittelbar oder unmittelbar auf alles (Philos. d. Naturwiss. II, 343. vgl. Sympatheia tn holn. Sympathie). Nach L. DILLES kann eine Substanz auf eine andere nicht einwirken (s. Vernderung), auch nicht ein Ding auf das Ich, sondern: Das Ich erhlt nur vorbergehend gewisse ideelle Teile der Dinge an sich gleichsam in sein Wesen einverleibt, hineingebracht. Und deren Harmonie resp. Disharmonie mit dem Grund-Ich ist eben all die Frderung resp. Strung desselben, seiner Integritt. Das sind seine Affektionen. Affizieren ist nicht eine Ttigkeit, die von den Dingen an sich auf das Ich berginge, sondern ist ein innigeres Eins-werden gewisser ideeller Teile der Dinge an sich mit dem Ich (resp. greres Separiertwerden) (Weg zur Met. I, 254). - Vgl. G. BIEDERMANN, Philos. als Begriffswissensch. II, 103 ff.. CHALYBAEUS, Wissenschaftslehre, S. 137 ff.. DORNER, Das menschl. Erkennen, 18S7, u. a. Vgl. Kausalitt, Wirken, Sympathie, Monaden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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