Wahrheit

Wahrheit (altheia, althes, veritas, verum) ist ein Normbegriff (s. d.), ein theoretischer Wertbegriff. Die Wahrheit ist keine empirisch vorfindbare Eigenschaft eines Dinges, sie ist auch nicht ein Ding, etwas Selbstndiges, Reales, sondern das Wahr ist ein Erkenntnischarakter, eine besondere Charakterisierung von Urteilen, Stzen. Der Wahrheitsbegriff entsteht als solcher erst durch ein Beurteilen, durch ein (charakterisierendes, wertendes) Urteil ber Urteile. Vorstellungen, Begriffe als solche sind weder wahr noch unwahr. Wahrheit ist ein Charakter nur von Urteilen, Behauptungen, Aussagen. 1) Formal-logische Wahrheit ist nichts als Richtigkeit (s. d.) der Gedanken, Schlufolgerungen, bereinstimmung der Gedanken untereinander gem den Denkgesetzen. Kriterium der Wahrheit ist hier die (unmittelbare oder mittelbare) Evidenz (s. d.) der Urteile, die absolute Denknotwendigkeit. Diese kommt auch zu 2) der transzendentalen Wahrheit, die in der Denknotwendigkeit (weil in der Gesetzmigkeit des Denkens selbst gegrndeten) der Axiome (s. d.) besteht. 3) Materiale Wahrheit ist erst eigentliche Wahrheit, d.h. bereinstimmung des Denkens (Gedachten, Denkinhaltes) mit dem Sein. Es gibt aber zwei Arten der materialen Wahrheit: a. empirische Wahrheit. Hier bedeutet die bereinstimmung von Denken und Sein nicht die Abbildung u. dgl des Seienden im und durch das Denken, sondern bereinstimmung des Einzelvorteils mit der wissenschaftlich, methodisch gesetzten, konstatierten Realitt, objektiven (s. d.) Verhaltungsweise, die in einem System von Urteilen sich darstellt. Ein Urteil ist empirisch-objektiv wahr, wenn es objektive Gltigkeit (s. d.) hat, wenn es so ist, wie es die empirische Gesetzmigkeit fordert, wenn also dem Subjekt ein Prdikat zugeschrieben wird, wie es auf Grund methodisch verarbeiteter Erfahrung und kritischer Besinnung und Konklusion gefllt werden soll, mu. Das Kriterium (s. d.) der Wahrheit ist hier das Eintreffen des Geurteilten in einer (mglichen) Erfahrung, ergnzt durch die objektive Denknotwendigkeit! sowie die bereinstimmung der Denkenden untereinander. 4) Metaphysische Wahrheit ist die bereinstimmung des Denkens mit der absoluten Wirklichkeit (s. d.). Auch hier kann von einem Abbilden keine Rede sein, sondern die bereinstimmung bedeutet hier ein mehr oder weniger treffendes Wiedergeben, Nachkonstruieren der transzendenten Wirklichkeits-Verhltnisse in immanenten, begrifflichen Symbolen (s. d.). Formal- logische und transzendentale Wahrheit sind absolute Wahrheit, d.h. ein berechtigter Zweifel ist hier (ernsthaft) unmglich, und eine Beziehung, Relation hat hier nicht statt. Die empirisch-objektive Wahrheit kann vielfach nur auf annhernde Gltigkeit Anspruch machen, ist der Entwicklung unterworfen. Die metaphysische Wahrheit ist relativ, d.h. sie gilt nicht blo oft nur annhernd, sondern hat Sinn immer nur fr die Beziehung, die zwischen dem Erkennenden (etwa der Gattung Mensch) und den transzendenten Faktoren (s. d.) obwaltet. alle Urteile sind von metaphysisch- relativer Wahrheit, die eine Beziehung der transzendenten Faktoren zum Subjekt aussagen. Z.B. ist das Urteil Gold ist ein Metall empirisch-absolut wahr, aber metaphysisch nur von relativer Wahrheit, da das An-sich des Goldes nur in Beziehung auf ein erkennendes Wesen die im Begriffe Gold enthaltenen spezifischen Merkmale hat. An sich wahr ist jedes Urteil, dessen Geltung nicht von der Willkr irgend eines Subjekts abhngt, sondern in der Natur der Dinge so gegrndet ist, da zu jeder beliebigen Zeit von jedem Denkfhigen das gleiche Urteil gefllt werden mu oder mte. In diesem Sinne ist die Geltung des an sich Wahren eine zeitlose, ewige, nicht aber ist etwa die Wahrheit eine an sich, ohne ein Denken seiende Wesenheit. An sich existiert nicht die Wahrheit (welche untrennbar, als Charakter, an ein Urteil geknpft ist), sondern die Wirklichkeit. - Von der theoretischen unterscheidet sich die Wahrheit sthetischer, ethischer, religiser Urteile. Die besteht in der bereinstimmung des Geurteilten mit den Ideen, Idealen des Schnen, Guten, Gttlichen. Was seiner Idee, seinem Musterbegriff entspricht, ist in diesem Sinne wahr (z.B. wahre Humanitt, wahre Kultur). - Wahrheiten nennt man auch die wahren Urteile, wahren Urteilsinhalte selbst. Ewige Wahrheiten sind die a priori (s. d.) gltigen Urteile (z.B. der Satz der Kausalitt).

Wahrheit wird bald als bereinstimmung des Denkens mit dem Sein, bald als bereinstimmung des Denkens mit sich selbst, bald als objektive Gltigkeit, bald als Denknotwendigkeit, bald als biologische Ntzlichkeit bestimmt. Gegenber dem Relativismus (s. d.) wird verschiedenerseits die Existenz von Wahrheiten an sich behauptet.



Begriff und Definition der Wahrheit:


Platon, Aristoteles, Descartes
Hobbes, Locke, Leibniz, Wolf
Kant, Goethe, Jacob
Hegel, Bolzano, Lotze
Rosenkranz, Schopenhauer
Nietzsche, Simmel

 © textlog.de 2004 06.09.2026 14:20:16
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z