Positivismus (Ausdruck von COMTE) heit allgemein der Gegebenheitsstandpunkt, d.h. diejenige Richtung der Philosophie und Wissenschaft, welche vom Positiven, Gegebenen, Erfabaren ausgeht, nur in diesem bezw. dessen exakter Beschreibung (s. d.) das Forschungsobjekt erblickt, jede Metaphysik transzendenter (s. d.) Art perhorresziert und alle Begriffe von bersinnlichem, von Krften, Ursachen, ja sogar oft der apriorischen Denkformen (Kategorien, s. d.) aus der Wissenschaft eliminieren will. An Stelle der Ursachen der Phnomene (Dinge an sich u. dgl.) sollen nur die Koxistenzen, das rumlich-zeitliche Zusammen, die Abhngigkeiten (s. d.) der Erscheinungen (Erfahrungsinhalte, Erlebnisse, Elemente, Empfindungen u. dgl.) begrifflich und (mglichst) mathematisch formuliert werden. Hierbei wird die Notwendigkeit der Ergnzung der ueren fr die Philosophie durch die innere Erfahrung (c. d.) in der Regel nicht bercksichtigt, wie auch dem Kritizismus (s. d.) zuweilen nur geringe Rechnung getragen wird. Eine Wendung zum Positivismus findet sich schon bei den Kyrenaikern (s. Subjektivismus), Epikureern (s. Sensualismus) und den Empirikern (s. d.) des Altertums. Ferner im Empirismus (s. d.) berhaupt, auch (teilweise) im BERKELEYschen Idealismus (s. d.) besonders aber bei HUME (s. Erfahrung, Erkenntnis, Objekt). Dieser erklrt: Es gibt ja keine wichtigere Forderung fr einen wahrhaften Philosophen als die, da er das ungezgelte Verlangen, nach Ursachen zu forschen, unterdrckt und, wenn er eine Lehre auf eine gengende Anzahl von Beobachtungen aufgebaut hat, sich damit zufrieden gibt, sobald er sieht, da eine weitere Untersuchung ihn in dunkle und ungewisse Spekulationen fhren mu߫ (Treat. I, sct. 4, S. 24). Nach D'ALEMBERT (Disc. prl.) und TURGOT (vgl. Encyclop., Existence) erkennen wir nur die Relationen, nicht die Ursachen der Dinge. - Positivistisch ist die Philosophie L. FEUERBACHS (s. Natur, Wirklichkeit). Der Begrnder des Positivismus als System ist AUG. COMTE. Positiv ist ihm so viel wie wirklich, gewi, genau bestimmt, relativ. Die positive Philosophie und Wissenschaft ist das letzte (dritte) Stadium in der Entwicklung der Wissenschaft (s. d.) nach der loi des trois tats: 1) theologisches Stadium, in welchem man alles aus bernatrlichen, gttlichen Willenskrften ableitet, 2) metaphysisches Stadium, in welchem die Phnomene aus abstrakten (Kraft-)Begriffen deduziert werden, 3) positives Stadium, in welchem man die Regelmigkeit und Koxistenz, die festen Gesetze der Phnomene, Tatsachen selbst, rein empirisch, ohne metaphysische Denkzutaten, das Wie statt des Warum erforscht. Die positive Philosophie betrachtet die Theorien comme ayant pour objet la coordination des faits observs (Cours de philos, posit. I, le. I, p. 5). Tous les bons esprits reconnaissent aujourdhui que nos tudes relles sont strictement circonscrites l'analyse de phnomnes pour dcouvrir leurs lois effectives, c'est--dire leurs relations konstantes de succession ou de similitude, et ne peuvent rellement concerner leur nature intime ni leur cause, ou premire ou finale, ni leur mode essentiel de production (l. c. I, le. 28). Die Wissenschaft (s. d.) mu voir pour prvoir, will die Tatsachen beherrschen, verwerten, in den Dienst der sozialen Humanitt stellen. Die Soziologie (s. d.) ist die hchste in der Hierarchie der Wissenschaften (s. d.). Die Philosophie (s. d.) ist die Systematisation der Einzelwissenschaften. Die Metaphysik (s. d.) ist abzulehnen. Die positivistische Ethik (s. d.) ist altruistisch (s. d.). Die positive Religion (s. d.) treibt den Kultus der Menschheit. (Vgl. Discours sur l'esprit positif 1844. Discours sur l'ensemble du positivisme 1848. Systme de politique posit. 1851/54. Catchisme positiviste 1852. Synthse subjektive I: Syst. de Log. posit. 1856. J. RIG, La philos. posit. 1881. G. E. SCHNEIDER, Einl. in d. posit. Philos. 1880. vgl. die Zeitschrift. Philos. posit. 1867/83.) Von Einflu auf Comte gewesen ist SAINT SIMON, besonders als Sociologe (s. d.). Franzsische Positivisten sind ferner: P. LAFITTE (Cours de philos. prem. 1889), E. LITTR (Fragm. de philos. pos. 1876), E. DE ROBERTY (L'inconnaissable 1889. vgl. Soziologie), H. TAINE (vgl. sthetik. De l'intelligence 1870), E. RENAN (Dial. et fragm. philos. 1876). In England: J. ST. MILL (teilweise). ferner im Sinne Comtes: F. HARRISON, R. CONGREVE, EDW SPENCER BEESLY, J. H. BRIDGES. vgl. auch die Zeitschr. The Positivist Review (1893 ff.). dann: HUXLEY (Essays 1892. Collect. Ess. 1893/94. Science and Culture 1881), CLIFFORD (Seeing and Think. 1879. Lectur. and Ess. 1879). teilweise H. SPENCER, ferner LEWES, welcher von der Elimination of the metempirical elements spricht (Probl. II, 265). Auch P. CARUS (Primer of Philos. 1896). In Italien: CATTANEO, FERRARI, SICILIANI, VILLARI, ARDIGO, MORSELLI u. a. In Ungarn: (teilweise) K. BHM, FR. BARATH. In Bhmen: MASARYK. In Polen: JAN SNIADECKI, DOM. SZULC, J. OCHOROWICZ, F. BOGACKI. In Ruland: P. LAWROW, MICHAJLOWSKIJ, LESSEWICZ, TROIZKIJ. In Rumnien: B. CONTA. - Zu den deutschen Positivsten und Halb-Positivisten gehren: E DHRING, als Vertreter einer Wirklichkeitsphilosophie (s. d.. vgl. Log. S. 75). E. LAAS: Positivismus ist die Philosophie, die zur Grundlage nur positive Tatsachen (der Wahrnehmung, der Logik) nimmt und ber die Korrelation von Objekt (s. d.) und Subjekt nicht hinausgeht (Ideal. u. Posit. III, 5, 407). die positivistische Ethik ist psychologisch-genetisch (Ideal. u. Pos. II). auch NIETZSCHE (teilweise). Ferner TH. ZIEGLER, W. BENDER, F. TNNIES, C. GRING, DILTHEY (Einl. in d. Geisteswiss. I, 501, 512), JODL, A. RIEHL teilweise: In der wissenschaftlichen Forschung ist der Positivismus, der Weg der Erfahrung, an seinem Platte. wo aber die Lebensweisheit, welche nicht Wissenschaft ist, sondern Kunst, dem Willen neue Ziele entdeckt, hat alle bisherige Erfahrung keine entscheidende Stimme (Zur Einf. in d. Philos. S. 192 f.). Positivisten im erkenntnistheoretischen Sinne des reinen Empirismus (s. d.) sind B. AVENARIUS, E. MACH. - Ale positive Wissenschaft, d.h. als eine von allen religisen und metaphysischen Voraussetzungen unabhngige Wissenschaft (im Sinne der Gesellschaft fr ethische Kultur), lehrt die Ethik W. STERN (Krit. Grundleg. d. Eth. als posit. Wissensch. 1897. Allgem. Prinzip. d. Eth. 1901). Positive Ethik gibt auch RATZENHOFER. sie ist positiv, indem sie das Sein-sollende der Natur des Menschen und der Socialgebilde, fuend auf den Naturgesetzen, entnimmt (Posit. Eth. S. 22). Er lehrt berhaupt einen monistischen Positivismus (l. c. Vorw.). Vgl. Agnosticismus, Erfahrung, Empfindung, Element (Mach), Relativismus, Soziologie.