Philosophiegeschichte

Philosophiegeschichte bedeutet: 1) den Prozess des Entstehens und Wandels der Lsungen der philosophischen Probleme, 2) die Darstellung dieses Prozesses, der Lehren der Philosophen in ihrem inneren Zusammenhange und in ihrer Abhngigkeit vom Cultur-Milieu (s. d.) und den philosophierenden Persnlichkeiten. Wenn auch in der Geschichte der Philosophie eine strenge Gesetzmigkeit nach Art der Naturgesetze nicht besteht (schon wegen des Persnlichkeitsfaktors), so weist sie doch einen gewissen Rhythmus in der Art der Behandlung der Probleme auf und lt, wie alle geistige Entwicklung, ein Gesetz der Entwicklung in Gegenstzen (s. d.) erkennen. Die Philosophiegeschichte gliedert sich in eine Reihe von Perioden, die aber nicht streng gegeneinander abzugrenzen sind. Innerhalb jeder Periode finden wir Einseitigkeiten, Gegenstze und Vermittlungen. Die Einseitigkeit der Betrachtungsweise treibt, besonders wenn sie extrem wird, zu den gegenstzlichen Einseitigkeiten und beide zu Vermittlungsversuchen, die aber nicht abschlieend sind, so da sich, auf hherer Stufe und mit manchen sicheren Errungenschaften, der Prozess wiederholt. Solche Einseitigkeiten, Gegenstze sind: Empirismus als Sensualismus-Rationalismus, Dogmatismus-Skepticismus, Objektivismus- Subjektivismus, Naturalismus- Theosophie, Evolutionismus-Seinsstandpunkt. Aktualismus-Substantialismus, Dualismus -Monismus, Kontinuittslehre-Atomismus, Pantheismus-Pluralismus, Spiritualismus-Materialismus, Parallelismus-Wechselwirkungstheorie u.s.w. Alle Denkmittel wollen verwertet, alle Standpunkte bercksichtigt, alle Problemstellungen versucht werden.

Nach TENNEMANN ist die Geschichte der Philosophie die Darstellung der Bestrebungen der Vernunft, die Wissenschaft, welche der Vernunft als Ideal vorschwebt, zustande zu bringen, in ihrem Zusammenhange. oder die pragmatische Darstellung der allmhlich fortschreitenden Bildung der Philosophie, als Wissenschaft (Gr. d. Gesch. d. Philos. S. 7). Eine vernnftige Notwendigkeit findet in der Philosophiegeschichte F. AST (Gr. d. Gesch. d. Philos. 1807). Besonders ist es aber HEGEL, welcher die Philosophiegeschichte von einer streng logischen Gesetzmigkeit beherrscht glaubt. Er meint: Dieselbe Entwicklung des Denkens, welche in der Geschichte der Philosophie dargestellt wird, wird in der Philosophie selbst dargestellt, aber befreit von jener geschichtlichen Auerlichkeit, rein im Elemente des Denkens (Encykl. 14). Er meint, da die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist, als die Aufeinanderfolge in logischer Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee (Philos. d. Gesch. I, 43 ff.). In allen Zeiten gibt es nur eine Philosophie, die sich dialektisch (s. d.) entwickelt (l. c. III, 690). Die letzte Philosophie ist das Resultat aller frheren. nichts ist verloren, alle Prinzipien sind erhalten (l. c. d. 685). Der Wertmeister aber dieser Arbeit von Jahrtausenden ist der eine lebendige Geist, dessen denkende Natur es ist, das, was er ist, zu seinem Bewutsein zu bringen und, indem dies so Gegenstand geworden, zugleich schon darber erhoben und eine hhere Stufe in sich zu sein. Die Geschichte der Philosophie zeigt an den verschieden erscheinenden Philosophien teils nur eine Philosophie auf verschiedenen Ausbildungsstufen auf, teils, da die besondern Prinzipien, deren eines einem System zugrunde lag. nur Zweige eines und desselben Ganzen sind. Die der Zeit nach letzte Philosophie ist das Resultat aller vorhergehenden Philosophien und mu daher die Prinzipien aller enthalten. sie ist darum, wenn sie anders Philosophie ist, die entfaltetste, reichste und conoreteste (Encykl. 13). Die Philosophiegeschichte ist die Geschichte von dem Sich-selbst-finden des Gedankens (Gesch. d. Philos. S. 15), die Geschichte der Entdeckung der Gedanken ber das Absolute, das ihr Gegenstand ist (l. c. S. 12. vgl. FEUERBACH, WW. II, 6f.). Gegen Hegel u. a. E. ZELLER (Philos. d. Griech I4, 9 ff.). Nach SCHOPENHAUER hat die Philosophie zwei Perioden: Die erstere war die, wo sie, Wissenschaft sein wollend, am Satz vom Grunde fortschritt und immer fehlte, weil sie am Leitfaden des Zusammenhangs der Erscheinungen. Die zweite Periode der Philosophie wird die sein, wo sie, als Kunst auftretend, nicht den Zusammenhang der Erscheinungen, sondern die Erscheinung selbst betrachtet, die Platonische Idee, und diese im Material der Vernunft, in den Begriffen, niederlegt und festhlt (Neue Paralipom. 20). Nach G. SPICKER ist die Geschichte der Philosophie die kontinuierliche Ergnzung der einseitig gefaten unendlichen Idee (K., H. u. B. S. 163). Nach RENAN hat die Philosophiegeschichte keine regelmige Entwicklung, schon wegen der Individualitt der Denker (Philos. Fragm. S. 205). Nach P. RE ist die Philosophiegeschichte die Geschichte der fehlgeschlagenen Versuche, die Probleme der Philosophie zu lsen (Philos. S. 241). - Von neueren Auffassungen der Philosophiegeschichte sei die culturgeschichtliche von WINDELBAND angefhrt. Nach ihm ist die Philosophiegeschichte der Prozess, in welchem die europische Menschheit ihre Weltauffassung und Lebensbeurteilung in wissenschaftlichen Begriffen niedergelegt hat (Gesch. d. Philos. S. 8). Drei Faktoren liegen dieser Geschichte zugrunde. Der erste ist der pragmatische. Es ist der Fortschritt in der Geschichte der Philosophie in der Tat streckenweise pragmatisch, d.h. durch die innere Notwendigkeit der Gedanken und durch die Logik der Dinge zu verstehen (l c. S. 10). Dazu kommt der culturgeschichtliche Faktor: Aus den Vorstellungen des allgemeinen Zeitbewutseins und aus den Bedrfnissen der Gesellschaft empfngt die Philosophie ihre Probleme wie die Materialin zu deren Lsung (ib.). Der individuelle Faktor ist sehr bedeutsam, weil die Haupttrger der Philosophie sich als ausgeprgte, selbstndige Persnlichkeiten erweisen, deren eigenartige Natur nicht blo fr die Auswahl und Verknpfung der Probleme, sondern auch fr die Ausschleifung der Lsungsbegriffe in den eigenen Lehren, wie in denjenigen der Nachfolger magebend gewesen ist (l. c. S. 11). Die philosophiegeschichtliche Forschung hat: 1) genau festzustellen, was sich ber die Lebensumstnde, die geistige Entwicklung und die Lehren der einzelnen Philosophen aus den vorliegenden Quellen ermitteln lt. 2) aus diesen Tatbestnden den genetischen Prozess in der Weise zu reconstruieren, da bei jedem Philosophen die Abhngigkeit seiner Lehren von denjenigen der Vorgnger, teils von den allgemeinen Zeitideen, teils von seiner eigenen Natur und seinem Bildungsgange begreiflich wird. 3) aus der Betrachtung des Ganzen heraus zu beurteilen, welchen Wert die so festgestellten und ihrem Ursprunge nach erklrten Lehren in Rcksicht auf den Gesamtertrag der Geschichte der Philosophie besitzen. Hinsichtlich der beiden ersten Punkte ist die Geschichte der Philosophie eine philologisch- historische, hinsichtlich des dritten Moments ist sie eine kritisch-philosophische Wissenschaft (l. c. S. 12). Nach DEUSSEN ist die Geschichte der Philosophie die Geschichte einer Reihe von Gedanken ber das Wesen der Dinge (Allgem. Gesch. d. Philos. S. 1).

Die Litteratur der Werke ber Philosophiegeschichte bei BERWEG-HEINZE, Gr. d. Gesch. d. Philos. I9, S. 9 ff. Hier seien erwhnt: J. J. BRUCKER, Historia critica philos. 1742/44. TIEDEMANN, Geist der speculat. Philos. 1791/97. FLLEBORN, Beitr. zur Gesch. d. Philos. 1791/99. J. G. BUHLE, Lehrb. d. Gesch. d. Philos. 1796/1804. Gesch. d. neuern Philos. 1800/5. DGRANDO, Histoire compare des systmes de philos. 1804. W. G. TENNEMANN, Gesch. d. Philos. 1798/1819. H. RITTER, Gesch. d. Philos. 1829/53. HEGEL, Vorles. b. d. Gesch. d. Philos. 1833/36. A. SCHWEGLER, Gesch. d. Philos. im Umri 1848. J. E. ERDMANN, Gr. d. Gesch. d. Philos. 1866, 4. A. 1896. A. STCKL, Lehrb. d. Gesch. d. Philos. 1870. WINDELBAND, Gesch. d. Philos. 1892, 2. A. 1000. Gesch. d. neuen Philos. 2 A. 1899. BERWEG- HEINZE, Gr. d. Gesch. d. Philos. 9. A. (Bd. II, 8. A.), 1901/3. J. BERGMANN, Gesch. d. Philos. 1892/93. J. REHMKE, Gr. d. Gesch. d. Philos. 1896. K. FISCHER, Gesch. d. neuen Philos. 1864 ff.. R. FALCKENBERG, Gesch. d. neuern Philos. 3. A. 1898. H. HFFDING, Gesch. d. neuern Philos. 1894/96. vgl. ber den Begriff der Philosophiegeschichte: REINHOLD, Flleborns Beitr. zur Gesch. d. Philos. I, 1791, S. 29 ff.. GROHMANN, b. d. Begriff d. Gesch. d. Philos. 1797. Vgl. Scholastik.


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