Pessimismus

Pessimismus (von pessimus, der Schlechteste) heit der Standpunkt, wonach das Sein, die Welt, das Leben schlecht ist, so da ihr Nichtsein dem Dasein vorzuziehen wre. Der (blo) empirische Pessimismus hlt nur das Leben im Diesseits, die raum-zeitliche, individuelle Existenz fr etwas Schlechtes, Unseliges, der metaphysische (transzendente) Pessimismus betrachtet die Welt (als solche) auch an sich als schlecht, als nicht sein sollend. Der praktische Pessimismus besteht in einer Disposition des Gemtes, die alles von der schlechtesten Seite betrachten lt. Der ethische Pessimismus hlt den Menschen fr radica1 schlecht und nicht wesentlich besserungsfhig. Der soziologische Pessimismus (L. GUMPLOWICZ u. a.) glaubt nicht an eine befriedigende, endgltige Lsung der sozialen Frage.

Pessimistisch ist die Philosophie des Brahmanismus und Buddhismus, welche die Erscheinungswelt und das Leben fr etwas zu berwindendes, dem Allsein ohne individuelle Existenz und Objektivation oder dem Nirvana (s. d.) vllig Unterzuordnendes ansieht. Die Nichtigkeit, Eitelkeit, Vergnglichkeit, Unbefriedigtheit des irdischen Daseins betont der Prediger Salomonis (Koheleth IX, 1, 2, 4, 19 ff.. IV, 2, 3). Nach SOPHOKLES (Antigone) ist es das Beste, nie geboren zu sein. Der Epikureer HEGESIAS verzweifelt an der Mglichkeit des Glckes: tn eudaimonian hols adynaton einai (Diog. L. II 8, 94). Er empfiehlt den Selbstmord (peisithanatos). Weltmdigkeit und Weltflucht machen sich im (Ur-)Christentum geltend. Pessimistische Elemente finden sich auch in der Gnosis (s. d.), besonders bei MARCION und seinen Anhngern, welche die Weltschpfung dem Demiurgen (s. d.), nicht der Urgottheit zuschreiben. ARNOBIUS nennt den Menschen rem infelicem et miseram, qui esse se doleat (Adv. gent. II, p. 77 ed. Canter.). Die Elendigkeit des Lebens bejammert die Abhandlung des (spteren) Papstes INNOCENZ III. De tractatu mundi (C. 1 ff.. vgl. PLMACHER, Der Pessimism. S. 66 ff.). Nach MAUPERTUIS berwiegt im Leben die Unlust. die Summe der bel bertrifft die Summe des Wohles. Whrend das Ma der Lust engbegrenzt ist, ist das Ma der Unlust grenzenlos (Oeuvres 1756, I, p. 202 ff., 210 f.). D'ALEMBERT spricht vom malheur de l'existence. VOLTAIRE zieht aus der Betrachtung des Elends, der Schmerzen der Welt den Schlu: Tout renat pour le meurtre (Philos. ignor. XXVI, p. 89). Da das Leben kein berwiegen der Glckseligkeit aufweist, meint KANT (WW. IV, 331 f.). - Weltschmerz kommt zum Ausdrucke in verschiedenen Dichtungen, besonders bei LENAU (Faustscenen), GRABBE (Faust und Don Juan), bei BYRON, LEOPARDI, HEINE.

Ein System des (empirischen und metaphysischen) Pessimismus begrndet SCHOPENHAUER. Die Welt ist als Erzeugnis des blinden, grundlosen Willens (s. d) durch und durch etwas Schlechtes, etwas, was nicht sein sollte, eine Schuld (W. a. W. u. V. I. Bd. 56). Eine schlechtere Welt kann es berhaupt nicht geben. Nun ist diese Welt so eingerichtet, wie sie sein mute, um mit genauer Not bestehen zu knnen. wre sie aber noch ein wenig schlechter, so knnte sie schon nicht bestehen (ib.). Die Welt ist ein Jammertal, voller Leiden, alles Glck ist Illusion, alle Lust (s. d.) nur negativ, der rastlos strebende Wille wird durch nichts endgltig befriedigt (l. c. 59). Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande, ist also Leiden, solange es nicht befriedigt ist. keine Befriedigung aber ist dauernd, vielmehr ist sie stets nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens. Das Streben sehen wir berall vielfach gehemmt, berall kmpfend. solange also immer als Leiden: kein letztes Ziel des Strebens, also kein Ma und Ziel des Leidens (l. c. 56). Die Basis alles Wollens ist Bedrftigkeit, Mangel, also Schmerz (l. c. 57). Das Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her zwischen dem Schmerz und der Langeweile (ib.). Das Leben ist ein Meer voller Klippen und Strudel (ib.). Die unaufhrlichen Bemhungen, das Leid zu verbannen, leisten nichts weiter, als das es seine Gestalt verndert (ib.). Befriedigung kann nie mehr sein als die Befreiung von einem Schmerz, von einer Not (l. c. 58). Alles Glck ist nur negativer Natur (ib.). Schon seiner Anlage nach ist das Menschenleben keiner wahren Glckseligkeit fhig (l. c. 59). Jede Lebensgeschichte ist eine Leidensgeschichte, eine fortgesetzte Reihe groer und kleiner Unflle (ib.). Wenn man nun endlich noch jedem die entsetzlichen Schmerzen und Qualen, denen sein Leben bestndig offen steht, vor die Augen bringen wollte, so wrde ihn Grausen ergreifen, und man den verstocktesten Optimisten durch die Krankenhospitler, Lazarethe und chirurgischen Marterkammern, durch die Gefngnisse, Folterkammern und Sklavenstlle, ber Schlachtfelder und Gerichtssttten fhren, dann alle die finsteren Behausungen des Elends, wo es sich vor den Blicken kalter Neugier verkriecht, ihm ffnen und zum Schlu ihn in den Hungerturm des Ugolino blicken lassen wollte, so wrde sicherlich auch er zuletzt einsehen, welcher Art dieser meilleur des mondes possibles ist (l. c. 59). Der Optimismus ist eine wahrhaft ruchlose Denkungsart (ib.). - In der Welt herrscht eine ewige Gerechtigkeit. In jedem Dinge erscheint der Wille gerade so, wie er sich selbst an sich und auer der Zeit bestimmt. Die Welt ist nur der Spiegel dieses Wollens: und alle Endlichkeit, alle Leiden, alle Qualen, welche sie enthlt, gehren zum Ausdruck dessen, was er will, sind so, weil er so will. Mit dem strengsten Rechte trgt sonach jedes Wesen das Dasein berhaupt, sodann das Dasein seiner Art und seiner eigentmlichen Individualitt... Denn sein ist der Wille, und wie der Wille ist, so ist die Welt. Die Welt selbst ist das Weltgericht. Knnte man allen Jammer der Welt in eine Wagschale legen und alle Schuld der Welt in die andere, so wrde gewi die Zunge einstehen (l. c. 63). Erkenntnis der Einheit aller Wesen und Askese, Verneinung des Willens zum Leben allein kann uns erlsen, nicht der Selbstmord, der nur die individuelle Erscheinung des Allwillens vernichtet (l. c. 68 ff. W. a. W. u. V. 2. Bd., C. 46, 48). Aus der Nacht der Bewutlosigkeit zum Leben erwacht, findet der Wille sich als Individuum, in einer end- und grenzenlosen Welt, unter zahllosen Individuen, alle strebend, leidend, irrend, und wie durch einen bangen Traum eilt er zurck zu alten Bewutlosigkeit (W. a. W. u. V. II. Bd., C. 46. Parerga II, C. 11 f.). J. BAHNSEN leitet den Pessimismus aus dem Widerspruchscharakter des Willens ab. Die Welt ist durch und durch elend (Der Widerspr. 1880/82. Pessimisten-Brevier 1879), ist von allen mglichen, d.h. berhaupt existenzfhigen, die schlechteste (Zur Philos. d. Gesch. 1875). MAINLNDER fat die Weltentwicklung als Sterben des sich in der Vielheit der Dinge zersplitternden Gottes Die Unlust berwiegt im Dasein (Philos. d. Erls. 1876). Pessimistischen Charakter hat teilweise die Philosophie von DEUSSEN, R. KOEBER (Schopenhauers Erlsungslehre 1882), M. VENETIANER (Der Allgeist 1874), F. LABAN (Schopenhauer-Litteratur 1880, Vorrede). E. v. HARTMANN verbindet mit dem evolutionistischen Optimismus (s. d.) den eudmonologischen Pessimismus (vgl. schon SCHELLING, WW. I 10, 242). Die Welt ist wohl unter den mglichen die beste, aber gut ist sie doch nicht, denn sie ist eine Realisation des Alogischen im Absoluten, Unbewuten (s. d.), des Willens (Philos. d. Unbew.3, S. 623 ff., 628. Zur Gesch. u. Begr. d. Pessim.2, S. 18 ff.). Das Daߋ der Welt ist... als ein von Gott geschiedenes schlechter, als ihr Nichtsein wre. aber das Was und Wie des Weltinhalts ist bestmglich, wenn das Da einmal als gegeben hingenommen wird (Pessim.2, S. 26). Die Unlust berwiegt die (gleichwohl auch positive, nicht blo negative) Lust in der Welt, ja immer grer wird das bergewicht (l. c. S. 250 ff.. Philos. d. Unb.3, S. 697. II10, 303 f.). Das Leben ist voller Illusionen, voller Leiden. Gleichwohl darf man sich nicht quietistischer Trgheit hingeben, sondern die Erlsung des (durch seine Weltsetzung in Schuld verstrickten und) leidenden Absoluten, Gttlichen in und von der Welt kann nur durch Hingabe ans Leben zum Zwecke der Steigerung der Einsicht von der Notwendigkeit der Weltverneinung erfolgen, durch welche dereinst mit dem gleichzeitigen Aufhren alles Wollens (vom Menschen ausgehend. auch auf die Tierwelt u.s.w. bergehend) das Absolute von seiner Unseligkeit erlst wird (Philos. d. Unb.3, S. 712 ff., 742 ff.). So auch A. TAUBERT (Der Pessim. 1873) und O. PLMACHER (Der Pessim. 1884). Wissenschaftlichen Pessimismus nennt H. LORM die Einsicht, da es unmglich ist, mittelst der endlichen Beschaffenheit unserer Natur Aufschlu ber den Ursprung und Zweck des Daseins zu erlangen (Grundlos. Optim. S. 247). VOLKELT meint, die Welt des Endlichen weise darauf hin, da dem Absoluten ein feindselig entgegengesetztes Prinzip, ein Prinzip der Negation und Verkehrung innewohne (sth. d. Trag. S. 430). Einerseits ist die Welt in der Vernunft, im Seinsollenden, im Positiven gegrndet. Aber sogleich hat das ewig Vernnftige, Seinsollende, Positive es ebenso. ewig mit seinem Gegenteil zu schaffen., es leidet am Irrationellen, Nichtseinsollenden, Negativen und es trgt das Geprge dieses Leidens (l. c. S. 432). Die Macht der Vernunft ist das Siegreiche im Absoluten (ib.), das bergeordnete Prinzip (S. 433). Das Absolute gleicht dem tragischen Helden, der es in seinem eigenen Innern mit einer herabzerrenden Gegenmacht zu tun hat (S. 434). Teils gegen, teils ber den Pessimismus vgl. J. B. MEYER, Weltelend u. Weltschmerz 1872. E. PFLEIDERER, Der moderne Pessim. 1875. G. P. WEYGOLDT, Krit. d. philos. Pessimism. 1876. J. HUBER, Der Pessimism. 1876. J. SULLY Pessimism. 1877. CARO, Le Pessimisme au 19. sicle, 2. d. 1881. H. SOMMER, Der Pessimism. 2. A. 1883. REHMKE, Der Pessimism. u. d. Sittenlehre 1882. P. CHRIST, Der Pessim. u. d. Sittenlehre 1882. B. ALEXANDER, Der Pessim. des 19. Jahrh. 1884. W. RIBBECK, Stud. b. d. Pessim., Vierteljahrsschr. f. wissensch. Philos. 9. Bd., S. 265 ff.. G. SIMMEL, ber die Grundfrage d. Pessim., Zeitschr. f. Philos. 90. Bd., S.237 ff.. M. WENTSCHER, b. d. Pessim 1897. E:. DHRING, Wert. d. Leb. S. 197 ff.. PAULSEN, Schopenh., Haml., Mephist. 1900 u. a. (vgl. BERWEG-HEINZE, Gr. d. Gesch. d. Philos. IV9, 203). RIEHL. Zur Einfhr. in d. Philos. S. 200, 218. Vgl. Optimismus, bel.


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