Panpsychismus (pan, psych) Allbeseelungs- Lehre, die Ansicht, nach welcher alles, das All beseelt, lebendig, seelisch ist, entweder aktuell oder doch potentiell. Der Panpsychismus betrachtet die Grenze zwischen Lebendem und Totem, Organischem und Anorganischem als eine flieende, nicht als absolut. Er kennt nur Grade der Beseeltheit, nichts absolut Apsychisches, wenn auch nicht alles ein Bewutsein im Sinne klarer Apperzeption (s. d.) und Selbstbewutsein hat. Der Panpsychismus tritt auf als primitiver Animismus (s. d.), als realistischer Panpsychismus (Hylozoismus, s. d.) und idealistischer Panpsychismus (s. Spiritualismus), ferner als monadologischer (s. d.) und pantheistischer Panpsychismus (s. Weltseele).
Den Panpsychismus lehrt schon Thales (ton lithon eph psychn echein, hoti ton sidron kinei, Aristot., De an. I 2, 405 a 20. Diog. L. I, 24, 27. s. Hylozoismus). So auch ANAXIMENES (s. Hylozoismus), ARCHELAUS (vgl. SIEBECK, Gesch d. Psychol. I 1, 93), PARMENIDES (Theophr., De sensu 3, Dox. 500), HERAKLIT: panta psychn einai kai daimonn plr (Diog. L. IX 7), EMPEDOKLES: hapanta methexei tou phronein (Theophr., De sens. 23. Aristot., De an. I 3, 406b 15). PLATO nennt die Gestirne sichtbare Gtter, die Welt einen seligen Gott, ein zon empsychon (Tim. 30 B, 46 C, 48 A. Phaedo 98 B. Theaet. 176 C. Leg. 677 A). Den Pflanzen schreibt eine Seele (s. d.) ARISTOTELES zu. Die Stoiker nehmen an, da in allem logoi spermatikoi (s. d.) seien. Das Pneuma (s. d.) ist materiell und vernnftig zugleich. Sie erklren: Nihil, quod animi quodque rationis est expers, id generare ex se potest animantem compotemque rationis. Mundus autem generat animantes compotesque rationis. Animans est igitur mundus composque rationis (CICERO, De nat. deor. II, 8). Nach PLOTIN ist das All durch und durch belebt (Enn. VI, 7, 11 squ.. III, 2, 3). Nach SIMPLICIUS haben die Gestirne eine empfindende Seele.
Die Manicher halten alles fr empsycha, nehmen eine Weltseele (s. d.) an (August., De vera rel. IX, 16. De nat. bon. 44). hnlich AVICENNA, AVERROS.
Die Naturphilosophie der Renaissance ist meist panpsychistisch. Nach PARACELSUS ist alles lebendig, alles hat einen spiritus, die Welt ist ein Lebewesen. Nach CARDANUS haben alle Krper propriam et veram vitam, auch die Elemente (De subtil. V, Opp. III, 374, 439 ff.). So auch nach J. B. VAN HELMONT (De magnet. 136 ff., 774 ff.). Nach PATRITIUS ist die ganze Welt beseelt (Pampsychia IV, 54 ff., V, 58). Die nova de universis philosophia zerfllt in: Panaugia (Alllicht), Panarchia (Allherrschaft), Pampsychia, Pankosmia (Allordnung). Nach TELESIUS haben alle Dinge einen sensus. Wrme und Klte, die Prinzipien der Dinge, haben einen appetitus (Streben) (De nat. rer. I, 9 f.). CAMPANELLA erklrt: omnem naturam sentire affirmandum est (De sensu rer. I, 1. 13). Auch die Elemente haben Empfindung (ib.), es besteht zwischen ihnen ein Kampf (l. c. I, 4). Empfindend sind auch Sonne und Erde, alles, was aus den Elementen entsteht (l. c. I, 5. Univ. philos. VI, 7, 6). - Nach F. M. VAN HELMONT ist jeder Krper im Innern Geist, aber finster- (Opuscul. philos, I, 6 ff.). Ein vorstellendes Prinzip ist in allem (l. c. I, 7 f.). Nach G. BRUNO ist Geist in allen Dingen, alles ist lebendig oder lebensfhig (De la causa II).
F. BACON meint: Ubique... est perceptio (De dignit. IV, 3). Nach SPINOZA sind die Dinge alle quamvis diversis gradibus, animata, nam cuiuscumque rei datur necessario in Deo idea (Eth. II, prop. XIII, schol.). Jedem modus (s. d.) der Ausdehnung entspricht in der einen Substanz (s. d.) ein modus der cogitatio. Panpsychistische Elemente haben die Lehren von GLISSON, H. MORE, R. CUDWORTH (s. Monade, Plastische Natur). Panpsychist ist LEIBNIZ (s. Monade). Chaque portion de la matire peut tre conue comme un jardin plein de plantes, et comme un tang plein de poissons. Mais chaque rameau de la plante, chaque membre de l'animal, chaque goutte de ses humeurs est encore un tel jardin ou un tel tang (Monadol. 67). Das Universum ist durchaus belebt, weil in allem Entelechien sind (l. c. 68 f.). Hylozoisten sind MAUPERTUIS, DIDEROT, ROBINET, GOETHE.
SCHELLING erklrt: Alles im Universum ist beseelt (WW. I 6, 217). Nach SCHOPENHAUER ist alles an sich Wille (s. d.). H. RITTER bemerkt: Was... wir die tote Natur nennen, ist im uersten Falle nur die noch nicht zu erkennbarem Leben erwachte Natur (Syst. d. Log. u. Met. I, 294, 298). Nach ROSMINI sind alle Atome beseelt. nach GIOBERTI hat alles Leben (Protolog. II, 554). Nach FECHNER ist die ganze Natur von gttlichem Geiste beseelt (Zend-Av. I, 294). Es gibt eine Allbeseelung (Vorr. I, S. VI). Die Tagesansicht (s. d.) sieht in allem Leben, Seele, auch in den Planeten (Tagesans. S. 29 ff., 33 f.. b. d. Seelenfr. S. 184). Auch die Pflanzen sind beseelt (Nana). Ein Nervensystem ist nicht unbedingt notwendig als Trger der Beseeltheit (ib.). Nach LOTZE ist alles beseelt, alles besteht aus Monaden (s. d.) (Med. Psychol. S. 131 ff., Mikrok. I, 407 f.. III, 525). E. v. HARTMANN schreibt auch den Atomen (s. d.) einen (unbewuten) Willen zu. Nach R. HAMERLING ist Leben berall (Atomist. d. Will. I, 281), so auch nach VENETIANER, BAHNSEN, C. PETERS, MAINLNDER, WUNDT (s. Voluntarismus), PAULSEN (Einf. in d. Philos.), L. NOIR (s. Hylozoismus), L. GEIGER (Urspr. d. Sprache), O. CASPARI, welcher Monaden als Glieder von Synaden (s. d.) annimmt (Kosmos I, 277 ff., 459 ff.. Zusammenh. d. Dinge S. 36, 422, 430, 452 ff.), J. TYNDALL, J. LACHELIER, FOUILLE, IZOULET (La cit moderne 1894), LE DANTEC (s. Hylozoismus), A. KOSLOW, P. CARUS (Met. S. 24. Fundam. Probl.2, 1894), H. WOLFF (Kosmos), HFFDING (Psychol.2, S. 71 f., 111), VERWORN (Allg. Physiol. S. 45), ILARIU- SOCOLIU (Grundprobl. d. Philos. S. V f.), HEYMANS (Zeitschr. f. Psychol. Bd. 17, S. 80 ff.), ADICKES (Kant contra Haeckel S. 66), W. BLSCHE (Liebesleb. 2. Folge, S. 394), P. J. MOEBIUS (Stchiologie 1901) u. a. NGELI schreibt den Moleklen Lust und Unlust zu, er hlt alles fr belebt (b. d. Schrank. d. naturwiss. Erk.), auch ZLLNER (b. d. Nat. d. Komet. S. 105), HERING, PREYER (s. Hylozoismus, Gedchtnis), E. HAECKEL (Natrl. Schpf.6, S. 20 f.. s. Plastidule). - Nach RIEHL ist der Panpsychismus eine reine Spekulation, fr welche die psychophysischen Tatsachen keine Handhabe bieten. Der Dichter mag die Dinge ringsum beseelen. als Denker aber sollten wir aufhren, von einem Lieben und Hassen der Elemente und von Atomempfindungen zu trumen (Zur Einf. in d. Philos. S. 161 f.). Vgl. Liebe, Seele, Weltseele, Hylozoismus, Voluntarismus, Introjektion, Parallelismus, Identittsphilosophie, Spiritualismus, Monade.