Materialismus ist (theoretisch) die Lehre, da das wahrhaft Reale in der Natur (kosmologischer Materialismus) wie im Geistigen, Seelischen (psychologischer Materialismus) die Materie (s. d.) oder das Krperliche, Physische (s. d.) sei. Nach dem kosmologischen Materialismus ist alles Wirkliche krperlich, alles Geschehen im Grunde mechanischer Art, Bewegung der Krper und Atome (s. d.). Der psychologische Materialismus tritt in verschiedenen Formen auf: 1) Der Geist ist selbst eine bestimmte Materie (Atom, Gehirn); 2) das Geistige ist Produkt, Ausscheidung der Materie, des Krpers; 3) das Geistige ist Funktion (s. d.) der Materie; des Gehirns; 4) das Psychische ist ein (der Bewegung coordinierter, aber von ihr kausal abhngiger) Zustand der Materie (psychophysischer Materialismus). Der ethische Materialismus setzt den Lebenszweck in Genu, Sinnlichkeit, Nutzen, kennt keine eigentlichen Ideale. Der geschichtliche (soziologische) Materialismus betrachtet alle geistigen Culturprocesse als Reflexe, Wirkungen von wirtschaftlichen Vernderungen (s. Soziologie). - Von dem dogmatischen, metaphysischen Materialismus ist der kritische, empirische, phnomenologische Materialismus zu unterscheiden, der zwar wissenschaftlich alles Natur-Geschehen auf materielle Prozesse bezieht, im Materiellen selbst aber nur eine Erscheinung erblickt. Der heuristische Materialismus endlich ist nichts als die konsequente Durchfhrung der mechanistisch-energetischen Naturbetrachtung.
Materialist kommt schon bei R. BOYLE vor. BERKELEY versteht unter einem Materialisten jeden, der berhaupt die Existenz einer Materie (s. d.) annimmt (Princ. LXXIV). CHR. WOLF bestimmt: Materialistae dicuntur philosophi, qui tantummodo entia materialia sive corpora existere affirmant ( Psychol. rational. 33). BAUMGARTEN erklrt: Qui negat existentium monadum, est materialista universalis. Qui negat existentiam monadam universi, e. g. huius, partium est materialista cosmologicus (Met. 395).
Der griechische Hylozoismus (s. d.) ist organischer, den Stoff als beseelt betrachtender Materialismus. Die Atomistik (s. d.) bestimmt alles Geschehen als Bewegung (s. d.) von Atomen (s. d.); die Seele (s. d.) besteht aus feinsten Atomen. Von den Peripatetikern (s. d.) nhert sich STRATO dem Materialismus (s. Seele). Die Stoiker lehren einen organischen Materialismus. indem Ihnen der Weltstoff, das Pneuma (s. d.) zugleich als vernnftige Urkraft gilt. Alles Wirkliche ist krperlich: pan gar to poioun sma esti (Diog. L. VII 1, 56); onta gar mona ta smata kalousin (Plut., De comm. not. 30; vgl. Plac. I, 11, 4; Cic., Acad. I, 11, 39). Einen mechanischen, atomistischen Materialismus lehren die Epikureer (Diog. L. X, 39). Kath' heauton de ouk esti nosai to asmaton pln epi tou kenou (l.c. X, 67).
Von den Patristikern (s. d.) halten ARNOBIUS und TERTULLIAN die Seele (s. d.) fr materiell. Letzterer erklrt von ihr: Nihil enim, si non corpus (De an. 7; Adv. Prax. 7). Omne quod est, corpus est sui generis; nihil est incorporale, nisi quod non est (De carne Chr. 11.). Von den Materialisten bemerkt AUGUSTINUS: Qui opinantur [mentem] esse corpoream, non ob hoc errare [videntur], quod mens desit eorum notitiae, sed quod adiungant ea, sine quibus nullam possunt cogitare naturam. Sine phantasiis enim corporum, quidquid iussi fuerint cogitare, nihil omnino esse arbitrantur (De trinit. X, 7, 10).
Das epikureische System erneuert GASSENDI, der aber doch die Ursprnglichkeit der Empfindung zugibt. HOBBES betrachtet als Grundlage aller Geschehnisse, auch der psychischen, die Bewegung. Die mechanistische (s. d.) Naturauffassung hat auch DESCARTES, PRIESTLEY identifiziert die Empfindung mit dem Nervenprozess (Disquis. I, sct. VII, p. 81 ff.), whrend HARTLEY sie nur als von der Gehirnbewegung abhngig betrachtet. Im 18. Jahrhundert berhaupt blht der Materialismus (und Hylozoismus: DIDEROT, ROBINET u. a.). Zum System wird er bei HOLBACH, fr den die Welt nichts als ein groer Mechanismus ist; alles Geschehen ist das Spiel von Anziehung und Abstoung der Atome, im Menschen als Liebe und Ha auftretend und in der Geschichte wirksam. L'homme est un tre purement physique (Syst. de la nat. I, ch. 1, p. 2). LAMETTRIE betont die Gebundenheit des geistigen Lebens an die leiblichen Zustnde (L'homme mach. S. 23 ff.). Der Mensch ist nur eine Maschine, welche selbst ihr Triebwerk aufzieht (l.c. S. 25). Die Seele ist nur ein Teil des Gehirns (l.c. S. (;6). Das Denken ist eine Eigenschaft der Materie (l.c. S. 74), deren Wesen allerdings unbekannt ist. - Whrend LOCKE hypothetisch bemerkt, die Materie knne vielleicht die Eigenschaft des Denkens besitzen, betont HUME die Unvergleichbarkeit von Gedanken und Ausdehnung (Treat. IV, sct. 5). Gegen den Materialismus richtet sich der kritische Idealismus (s. d.) KANTS. Dieser bemerkt: Wir haben... bewiesen, da Krper bloe Erscheinungen unseres ueren Sinnes und nicht Dinge an sich selbst sind. Diesem gem knnen wir mit Recht sagen: da unser denkendes Subjekt nicht krperlich sei, das heit: da, da es als Gegenstand des innern Sinnes von uns vorgestellt wird, es, insofern als es denkt, kein Gegenstand uerer Sinne, d. i. keine Erscheinung im Raume sein knne (Krit. d. r. Vern. S. 304).
Nach CABANIS ist das Denken eine physiologische Funktion des Gehirns, etwa wie die Absonderung der Galle von der Leber (Rapp. du phys.2, 1805). SCHOPENHAUER nhert sich zuweilen dem ( phnomenologischen) Materialismus, indem er den Intellekt als Gehirnphnomen bestimmt. Es ist ebenso wahr, da das Erkennende ein Produkt der Materie sei, als da die Materie eine bloe Vorstellung des Erkennenden sei; aber es ist ebenso einseitig. Denn der Materialismus ist die Philosophie des bei seiner Rechnung sich selbst vergessenden Subjekts (W. a. W. u. V. II. Bd., C. IV; vgl. Parerga II, 76). Nach L. FEUERBACH ist alles Wirkliche krperlich (WW. II, 321). Als Reaktion gegen die Schellingschen und Hegelschen Begriffsconstruotionen und gegen die einseitige Betonung des Geistes tritt um 1850 ein neuer Materialismus auf. Der Materialismusstreit kommt 1854 zum Ausbruch, aus Anla eines Vortrages von RUDOLF WAGNER, ber Menschenschpfung und Seelensubstanz, der sich zum Teil gegen C. VOGT wendet. Darauf und auf die Schrift: ber Wissen und Glauben (1864) erwidert C. VOGT in: Khlerglaube und Wissenschaft (1854), wo er erklrt, da die Gedanken etwa in demselben Verhltnis zum Gehirn stehen, wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren (vgl. Physiol. Briefe 1847, S. 206). Weitere Ausbildung erfhrt der Materialismus durch L. KNAPP (Syst. d. Rechtsphilos.), in anderer Weise durch MOLESCHOTT (Kreislauf d. Leb.5, 1876/85), L. B- CHER (Kraft und Stoff 1855, 19. A. 1898; Natur u. Geist 1857 u. a.), dessen Begriff des Psychischen (s. d.) ein schwankender ist, D. FR. STRAUSS (Der alte u. d. neue Glaube), MORITZ BERGER (Der Material. im Kampfe mit d. Spiritual. u. Ideal. 1883), J. C. FISCHER (Die Freih. d. menschl. Willens 1871; Das Bewutsein 1874), F. WOLLNY (Der Materialism. 1888), W. STRECKER (Welt u. Menschh. vom Standp. d. Material. 1891), B. CONTA (Philos. matrialiste I, 1880). Materialist ist eine Zeitlang CZOLBE (Neue Darst. d. Sensual. 1855; Entsteh. d. Selbstbewuts. 1856). E. DHRING lehrt eine Wirklichkeitsphilosophien (s. d.). Es gibt keinen andern Trger fr jegliches Wirkliche als die Materie (Krperlichkeit) (Wert d. Leb.3, S. 52). Als methodisch - heuristisches Prinzip schtzt den Materialismus F. A. LANGE (Geschichte des Material.5). ber und besonders gegen den Materialismus vgl. u. a. ULRICIS Schriften, ferner J. B. MEYER, Zum Streit b. Leib und Seele 1856, SCHELLWIEN, Krit. d. Material. 1858, K. SNELL, Die Streitfrage d. Material. 1858, M. J. SCHLEIDEN, b. d. Mater. in der neueren Naturwiss. 1863, O. FLGEL Der Material. 1865, FR. SCHULTZE, Die Grundged. d. Material. 1881; vgl. Philos. d. Naturwiss. I, 5 ff., E. DREHER, Der Material. 1892, J. BERGMANN, Material. u. Monism. 1882, SCHULER, Der Material. 1891, KRAMAR, Das Problem d. Materie, LELUT, Physiol. de la pense 1862, P. JANET, Le matrial. contemp. en Allem. 1864, LADD, Philos. of Mind 1895, p. 293 ff. u. a. Vgl. OSTWALD, berwind. d. wissensch. Material. 1895; L. BUSSE, Geist u. Krp. S. 12 ff.
Den psychophysischen Materialismus vertreten KLPE (in der Psychologie, s. Dualismus), ZIEHEN (psychologisch), H. MNSTERBERG, R. AVENARIUS, E. MACH, W. HEINRICH, DESPINE, RICHET, HUXLEY, SERGI, RIBOT u. a. Der psychophysische Materialismus betrachtet als Substrat der psychischen Vorgnge das krperliche Individuum; das Psychische ist etwas Eigenartiges, aber es besteht aus Elementen (Empfindungen), die durch Gehirnprocesse zu erklren sind, als Abhngige dieser. Dagegen besonders WUNDT. Der Materialismus beseitigt die Psychologie berhaupt, um an ihre Stelle eine imaginre Gehirnphysiologie der Zukunft... zu setzen. Der Materialismus verkennt, da der inneren Erfahrung vor der uern die Prioritt zukommt, da die Obiecte der Auenwelt Vorstellungen sind, die sich nach psychischen Gesetzen in uns entwickelt haben, und da vor allem der Begriff der Materie ein gnzlich hypothetischer Begriff ist (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 629). Das Psychische (s. d.) lt sich nicht als Funktion des Physischen ansehen (Philos. Stud. XII 14 f., 17, 20, 30 ff.). Vgl. Psychisch, Seele, mechanistische Weltanschauung, Materie, Hedonismus.