Interesse

Interesse (interesse, dabei sein): Teilnahme der Seele, des Ich, an etwas, willige Hingabe der Aufmerksamkeit an die Betrachtung eines Etwas, an die Beschftigung damit. subjektiv ist das Interesse ein gefhlsbetonter Wille zum Aufmerken, zum Bemerken, Wissen eines Etwas. Was in Beziehung zu diesem Willen, zu den Zwecken des Ich berhaupt steht, bildet den Gegenstand eines (aktuellen oder potentiellen) Interesses, interessiert uns. Das Gefhl ist ein Moment des Interesses, sowohl Motiv als auch schon Anzeichen eines solchen. Interesse und Aufmerksamkeit (s. d.) stehen in Wechselbeziehung zueinander. Das Interesse weckt und fixiert die Aufmerksamkeit, es bedingt eine genauere Perzeption und Apperzeption und ein treueres, festeres Gedchtnis. Daher die Wichtigkeit des Interesses fr die Pdagogik. Das praktische Interesse bezieht sich auf den Nutzen eines Etwas fr die Lebenserhaltung, Lebensfrderung des Ich (interessiert sein). Der sthetische Zustand (s. sthetik) ist ein uninteressierter (ohne praktisches Interesse), aber nicht interesseloser; das Interesse haftet hier am Schauen allein, ohne Beziehung auf praktische Zwecke. Auch fr die Soziologie (s. d.) hat der Begriff des Interesses (individuelle Interessen, Interessengemeinschaft) Wichtigkeit. Die Bedeutung des Interesses fr das Erkennen und Lernen betont schon CONDILLIAC (Log. p. 8 ff.).

Die Triebfeder aller sozialen Handlungen erblickt im Interesse HELVETIUS: Si l'univers physique et soumis au loix du mouvement, l'univers moral ne l'est pas moins celles de l'intrt. Er stellt den Begriff des wohlverstandenen Interesses (intrt bien entendu) auf (De l'espr. I, p. 87 ff.). GARVE definiert: Alles das interessiert uns, was uns durch den Eindruck des Wohlgefallens, den es auf uns macht, ohne unsern Vorsatz aufmerksam und nach der Fortsetzung und der Folge begierig erhlt (Samml. einig. Abhandl. I, 215). Alles Wohlgefallen entspringt entweder aus dem, was unsere Kraft zu denken beschftiget, oder aus dem, was unsere Empfindungen erweckt (ib.). Interessant sind alle die Gegenstnde oder die Arten, sie vorzustellen, welche, ohne unsere freiwillige Anstrengung, vermge des Wohlgefallens, das sie in uns erregen, sich unserer Aufmerksamkeit bemchtigen und dieselbe stetig machen, die Dinge also, welche uns nach ihren Vorstellungen begierig machen (l.c. S. 211 f.). KANT bestimmt: Interesse wird das Wohlgefallen genannt, was wir mit der Vorstellung der Existenz eines Gegenstandes verbinden. Ein solches hat daher immer zugleich Beziehung auf das Begehrungsvermgen (Krit. d. Urt. I, 2). Ein Urteil ber einen Gegenstand des Wohlgefallens kann ganz uninteressiert, aber doch sehr interessant sein d. i. es grndet sich auf kein Interesse, aber es bringt ein Interesse hervor (ib.). Das Schne gefllt uninteressiert (s. sthetik). Die Abhngigkeit eines zufllig bestimmbaren Willens... von Prinzipien der Vernunft heit ein Interesse (Grundleg. zur Met. d. Sitt. S. 35). Interesse ist das, wodurch Vernunft praktisch, d. i. eine den Willen bestimmende Ursache wird (l.c. S. 90). Das Interesse der Neigungen darf den sittlichen (s. d.) Willen nicht bestimmen. Nach HEGEL ist Interesse, da, insofern der Inhalt des Triebes als Sache von dieser seiner Ttigkeit unterschieden wird, die Sache, welche zustande gekommen ist, das Moment der subjektiven Einzelheit und deren Ttigkeit enthlt (Encykl. 475). HERBART betont im Interesse das Moment der Selbstttigkeit und dessen pdagogische Bedeutung (Umr. pdagog. Vorles. I, C. 4, 71; vgl.c. 6, 83). Nach VOLKMANN ist Interesse die Beziehung einer Vorstellung zu den herrschenden Vorstellungsmassen des Ich (Lehrb. d. Psychol. II4, 206). STEINTHAL versteht unter Interesse die Bereitwilligkeit einer Vorstellungsgruppe zu apperzipierender Ttigkeit (Einleit. in d. Psychol. S. 330; vgl. G. A. LINDNER, Lehrb. d. empir. Psychol.9, S. 111). VISCHER versteht unter Interesse die auf einen Zweck gespannte Stimmung (Das Schne u. d. Kunst2, S. 38). Nach J. H. FICHTE ist Interesse die Richtung des schon bewuten Willens... auf irgend einen Vorstellungsinhalt (Psychol. I, 200). Nach EBBINGHAUS ist Interesse die Lust, die hervorgebracht wird durch das harmonische Zusammengehen eines gegenwrtig der Seele nahegelegten Eindrucks mit frher erworbenen, jetzt durch ihn geweckten Vorstellungen, durch das Entgegenkommen, das jener bei diesen findet (Gr. d. Psychol. I, 577). STUMPF definiert das Interesse als Lust an den Akten des Bemerkens selbst (Tonpsychol. II, 280). Nach H. SCHWARZ ist es ein Gefallen an bemerkten Gegenstnden, das an sich stets von Lust begleitet wird, die aber durch entgegenstehende Unlust aufgehoben werden kann (Psychol. d. Will. S. 85). Nach Tu. KERRL ist Interesse Lust am Bemerken und Bemerkenwollen (Die Aufmerks. S. 64). E. ZELLER betont: Das Interesse ist das einzige naturgeme Motiv des Handelns (Begr. u. Begrnd. d. sittl. Gesetze 1883, S. 23). Nach RIBOT ist das Interesse das, ce qui tient l'esprit en veil (Psychol. de l'attent. p. 49). Nach W. JERUSALEM ist das Interesse die Lust aus der Bettigung unseres intellektuellen Funktionsbedrfnisses (Lehrb, d. Psychol.3, S. 161). RATZENHOFER spricht von einem angeborenen, inhrenten Interesse, das die Zwecke aller Lebensfunktionen, auch der sozialen und sittlichen Handlungen bestimmt (Posit. Eth. S. 64 ff.). Vgl. JAMES, Princ. of Psychol. I, 284 ff.; II, 312 ff.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 15:58:29
Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright  A  B  C  D  E  F  G  H  I  K  L  M  N  O  P  Q  R  S  T  U  V  W  Z