Ewigkeit

Ewigkeit: unbegrenzte Dauer, zeitloses Sein. Im Begriff des (absoluten) Seins liegt schon das Nicht-entstanden-sein und Nicht-zunichte-werden, die Beharrung, das Whren durch alle Zeit hindurch. Die Zeit betrifft nur das Geschehen, nicht das Seiende, den Grund (die Substanz) des Geschehens. Der Begriff der Ewigkeit beruht auf einem logisch-ontologischen Postulat.

Die Eleaten lehren die Ewigkeit des Seins (s. d.). Nach XENOPHANES ist nur das einzelne Ding vergnglich pan to ginomenon phtharton esti Diog. L. IX, 19). HERAKLIT lehrt ein ewiges Werden (s. d.). Die Welt war immer, immer wird sie sein (Mull. Fragm. I, 20), ewig ist das Gesetz des Werdens (l.c. 8). Ewig ist das Apeiron (s. d.) des ANAXIMANDER, ewig sind die Atome (s. d.) des DEMOKRIT, die Ideen (s. d.) PLATOS (Phaedo 211 A, B; aei on, aidion, ain Lach. 198. D, Men. 86 A, Tim. 29 A). ARISTOTELES versteht unter Ewigkeit (ain) das unvergngliche, die Zeit einschlieende Sein to gar telos to periechon ton ts hekastou zs chronon, hou mthen ex kata physin, ain hekastou kekltai De coel. I 9, 279a 24). Das Ewige wird von der Zeit nicht berhrt ta aei onta, h aei onta, ouk estin en chron, ou gar periechetai hypo chronou, oude metreitai to einai autn hyto tou chronou Phys. IV 12, 221 b 4). Das Weltall ist ewig oute gegonen ho pas ouranos out' endechetai phtharnai, all' estin eis kai aidios, archn men kai teleutn ouk echn tou pantos ainos, echn de kai periechn en haut ton apeiron chronon De coel. II 1, 283b 28). Ewig ist Gott (s. d.), der unbewegte Weltbeweger ton theon einai zon aidion ariston, Met. XII 7 1072b 29). Ewig ist die kreisfrmige Himmelsbewegung (De gener. et corr. II 11, 338 a 18). Die Stoiker lehren die Ewigkeit des pneuma (s. d.), der Weltsubstanz aphthartos esti kai agenntos Diog. L. VII, 137); ewig ist auch die Wiederkehr des Gleichen, die Apokatastasis (s. d.). Nach PLOTIN ist die Welt ewig, denn die Zeit (s. d.) entstand erst in und mit der Welt. Ewigkeit ist Leben, das identisch bleibt, welches das Ganze stets gegenwrtig hat, ewig ist, was weder war noch sein wird, sondern nur ist, also das Sein in vlliger Ruhe ohne bevorstehenden oder dagewesenen bergang in der Zukunft hat (Enn. II, 7, 3). BOTHIUS definiert Ewigkeit als nunc stans, interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio. Sempiternitas et aeternitas differunt. Nunc enim stans et permanens aeternitatem facit; nunc currens in tempore sempiternitatem. Gott ist ewig, die Welt nur unbegrenzt dauernd (Consol. philos. V).

ORIGENES lehrt eine creatio continua (s. Schpfung) der Welt. Nach AUGUSTINUS ist die Welt in Gott ewig gewesen, da die Zeit erst mit ihr entstand. Si recte discernuntur aeternitas et tempus, quod tempus sine aliqua mobili mutabilitate non est, in aeternitate autem nulla mulatio est, quis non videat, quod tempora non fuissent, nisi creatura fieret, quae aliquid aliqua motione mutaret (De civ. Dei XI, 4, 6; Confess. XI, 11). Die Ewigkeit der Welt behaupten NEMESIUS, AVICENNA, AVERROS u. a. GILBERTUS PORRETANUS erklrt: Aeternitas est mora indeficiens et immutabilis. Nach RICHARD VON ST. VICTOR ist Ewigkeit diuturnitas sine initio, carens omni mutabilitate. ALBERTUS MAGNUS bestimmt das aevum als mensura eorum, quae facta sunt, sed finem non habent (Sum. th. I, qu. 23). Ewig ist nur Gott, der durch und in sich ist (l.c. II, 1, 3). Wre die Welt ewig, so wrde sie Gott gleichen. Dagegen ist THOMAS, doch ist es Glaubenssache, die Erschaffung der Welt (mit der Zeit zugleich) anzunehmen. Deus est omnino extra ordinem temporis (in 1. perih. 1, 14 f.). Das aevum ist die Dauer der unvergnglichen Dinge, nicht Zeitlosigkeit. So auch SUAREZ (Met. disp. 50, sct. 5, 1). Aeternitas essentialiter est duratio talis esse, quod essentialiter includit omnem perfectionem essendi et consequenter omnem actum seu internam operationem talis entis (l.c. 50, sct. 3)

Nach G. BRUNO ist das All ewig, nur dessen Gestaltungen sind vergnglich (De la causa V). HOBBES definiert Ewigkeit als non temporis sine fine successio, sed nunc stans (Leviath. 46). DESCARTES lt die Frage nach der Ewigkeit der Welt unentschieden. SPINOZA betrachtet die Substanz (s. d.) als ewig, als in und durch sich seiend. Per aeternitatem intelligo ipsam existentium, quatenus ex sola rei aeternae definitione necessario sequi concipitur (Eth. I, def. VIII). Ad naturam substantiae pertinet existere (l.c. prop. VII), denn sie ist causa sui (s. d.). Substantia non potest produci ab alio; erit itaque causa sui, id est ipius essentia involit necessario existentiam, sive ad eius naturam pertinet existere (l.c. dem., vgl. Ep. 29). Auch die Attribute (s. d.) der gttlichen Substanz sind ewig. Deus sive omnia Dei attributa sunt aeterna (l.c. prop. XIX). Dei omnipotentia actu ab aeterno fuit et in aeternum in eadem actualitate manebit (l.c. prop. XVII). Atqui ad naturam substantiae pertinet aeternitas; ergo unumquodque attributorum aeternitatem involvere debet, adeoque omnia sunt aeterna (l.c. prop. XIX7 dem.); sequitur Deurn sive omnia Dei attributa esse immulabilia (l.c. prop. XX, coroll. II). Die Vernunft (s. d.) betrachtet alles, die Dinge in ihrer ewigen Notwendigkeit, sub quadam aeternitatis specie, so, wie sie dem gttlichen Urgrunde folgen (l.c. II, prop. XLIV), d.h. zeitlos (De emend. int.), so wie sie in Gott ideell sind. Res duobus modis a nobis ut actuales concipiuntur, vel quatenus eadem cum relatione ad certum tempus et locum existere, vel quatenus ipsas in Deo contineri et ex naturae divinae necessitate consequi concipimus. Quae autem hoc secundo modo ut verae seu reales concipiuntur, eas sub aeternitatis specie concipimus, et earum ideae aeternam et infinitam Dei essentiam involvunt (Eth. V, prop. XXIX, schol.). Ewigkeit ist nicht mit Dauer (s. d.) zu verwechseln. Talis enim existentia, ut aeterna veritas, sicut rei essentia concipitur, proptereaque per durationem aut tempus explicari non potest, tametsi duratio principio et fine carere concipiatur (l.c. I, def. VIII, explic.).

Nach LOCKE gelangt man zur Idee der Ewigkeit durch das Vermgen, Vorstellungen von Zeitlngen, so oft man will, in Gedanken zu wiederholen, ohne hierbei zu einem Ende zu kommen (Ess. II, ch. 14, 31). Nach CONDILLAC entsteht die Idee der Ewigkeit, indem wir eine Dauer als unbestimmt, ohne Anfang und Ende auffassen (Trait. d. sensat. I, ch. 4, 14). Nach LEIBNIZ entspringt der Ewigkeitsbegriff nicht aus den Sinnen (Nouv. Ess. II, ch. 14, 27). Ewig ist Gott, ewig werden die Monaden von Gott geschaffen (Monadol. 6, 47), ewig bleiben sie, im Wandel ihrer Komplexionen, bestehen (l.c. 76 f.). - KANT sieht in der Zeit (s. d.) eine subjektive Anschauung, daher mu er das Sein als ewig (zeitlos) setzen (s. Antinomien). SCHELLING bestimmt Ewigkeit als Sein in keiner Zeit (Vom Ich S. 105 f.), HEGEL als absolute Zeitlosigkeit des Begriffes, Geistes (Naturphil. S. 55). Der dialektische Prozess des Absoluten ist ewig, setzt erst die Zeit (s. d.). Das Endliche ist vergnglich, zeitlich. Der Begriff aber, in seiner frei fr sich existierenden Identitt mit sich, Ich = Ich, ist an und fr sich die absolute Negativitt und Freiheit, die Zeit daher nicht seine Macht, noch ist er in der Zeit und ein Zeitliches, sondern er ist vielmehr die Macht der Zeit, als welche nur diese Negativitt als uerlichkeit ist. Nur das Natrliche ist darum der Zeit untertan, insofern es endlich ist; das Wahre dagegen, die Idee, der Geist, ist ewig. Der Begriff der Ewigkeit mu aber nicht negativ so gefut werden, als die Abstraktion von der Zeit, da sie auerhalb derselben gleichsam existiere (Encyk1. 258). K. ROSENKRANZ erklrt: Die Zeit als absolute Totalitt gedacht, wie sie ohne Anfang und Ende mit dem absoluten Kontinuum des Raumes identisch ist, also das Abstraktum ihres Begriffs, das weiter keine Bestimmung zult, nennen wir Ewigkeit (Syst. d. Wiss. S. 192). Wer ein Absolutes annimmt, bestimmt dieses als ewig (SCHOPENHAUER, FECHNER, E. V. HARTMANN, H. SPENCER, E. HAECKEL, WUNDT u. a.). Nach LOTZE hat nur das Wertvolle Ewigkeit (Psychol. 81). hnlich wie HERBART (Psych. als Wiss. II, 148) erklrt VOLKMANN: Die... nach beiden Seiten hin ber jede Grenze hinaus konstruierte leere Zeitreihe nennen wir die Ewigkeit. Sie ist... das Vorstellen eines Vorstellens, d.h. ein Gefhl. Die Ewigkeit ist ein, ja das dem reinen Begriff der Zeit gem construierte Schema: der Begriff der Zeit ist der Begriff des Nacheinander, und die Vorstellung der Ewigkeit ist der Versuch, dies Nacheinander in einer Anschauung darzustellen (Lehrb. d. Psychol. II4, 29). G. SPICKER betont: Der Begriff 'Ewigkeit' schliet... die Zeitlichkeit aus; man kann sich darunter nichts anderes vorstellen, als ein Sein mit dem Attribut der Asett, d.h. eine absolute Realitt, die sich aus keiner hheren Ursache ableiten lt, sondern die Kraft zu existieren in sich selbst trgt (Vers. e. n. Gottesbegr. S. 106 f.). Nach O. CASPARI ist Ewigkeit nicht Zeitlosigkeit, sondern die real fortschreitende ewige Zeit (Zusammenh. d. Dinge S. 170). RENOUVIER (wie DRING) nimmt nur eine Ewigkeit a parte post, nicht a parte ante an; es gibt einen Anfang der Phnomene (Nouv. Monadol. p. 16). Vgl. Zeit, Unendlich, Schpfung, Materie.

 


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