Erkenntnistheorie

Erkenntnistheorie ist jener Teil der Philosophie, der zunchst die Tatsachen des Erkennens als solche beschreibt, analysiert, genetisch untersucht (Erkenntnispsychologie) und dann vor allem den Wert der Erkenntnis und ihrer Arten, Gltigkeitsweise, Umfang, Grenzen der Erkenntnis prft (Erkenntniskritik). Die Erkenntnistheorie unterscheidet sich von der Psychologie durch ihren kritisch-normativen Charakter, bedarf aber der Psychologie als Hlfsmittel und ist selbst die Grundlage der Metaphysik (s. d.). Ursprung und Wert der Erkenntnis mu sie gleicherweise untersuchen, sie hat festzustellen, was der Erfahrung (der Wahrnehmung), was dem Denken angehrt, wie die Grundbegriffe der Erkenntnis (naiv und wissenschaftlich) gebildet und wie sie verwertet werden, welche Berechtigung die Anwendung dieser Begriffe hat und in welchem Sinne sie genommen werden darf.

Die Erkenntnistheorien sind nach den ihnen zugrunde liegenden Methoden und Gesichtspunkten zu unterscheiden. Vorerst finden wir eine logisch- spekulative, spter eine psychologische, dann die transzendentale (s. d.) und kritische Methode, die aber auch nebeneinander hergehen. Als selbstndige Wissenschaft kommt die Erkenntnistheorie erst im 17. Jahrhundert (bei LOCKE) auf. In logisch-spekulativer Weise werden erkenntnistheoretische Untersuchungen angestellt bei PLATO, ARISTOTELES, den Stoikern, Epikureern, Skeptikern, Neuplatonikern, bei AUGUSTINUS, den Scholastikern. Mit der Methodik des Erkennens befassen sich F. BACON, DESCARTES u. a. LEIBNIZ nhert sich schon der spteren kritischen Methode.

Die psychologische Erkenntnistheorie begrndet LOCKE (Ess. conc. hum. understand.). Er versucht, den Ursprung, die Gewiheit und die Ausdehnung des menschlichen Wissens, sowie die Grundlagen und Abstufungen des Glaubens, der Meinung und der Zustimmung zu erforschen (Ess. I, ch. 1, 2). ber eine bloe Psychologie des Erkennens geht er also doch hinaus. So auch BERKELEY und HUME.

Die transzendentale Erkenntnistheorie begrndet KANT. Sie will die Bedingungen des Erkennens feststellen, um so die Gltigkeit und die Grenzen der Erkenntnis werten zu knnen. Sie fragt nicht, aus welchen psychologischen Elementen die Erkenntnis sich aufbaut, sondern nach der Bedeutung der Erkenntnisfactoren fr das Ziel alles Erkennenwollens. Die Kritik der reinen Vernunft prft das Vernunftvermgen berhaupt, in Ansehung aller Erkenntnisse, zu denen sie, unabhngig von aller Erfahrung, streben mag, ist also die Entscheidung der Mglichkeit einer Metaphysik berhaupt und die Bestimmung sowohl der Quellen als des Umfanges und der Grenzen der Erkenntnis nach Prinzipien (Krit. d. r. Vern. S. 5 f.). Die Fhigkeit der Vernunft zu reinen Erkenntnissen a priori ist zu prfen (l.c. S. 581). Damit gibt K. zugleich eine Theorie der Erfahrung. Bei FICHTE, SCHELLING, HEGEL kommt die Erkenntniskritik schlecht weg. Letzterer erklrt geradezu: Die Untersuchung des Erkennens kann nicht anders als erkennend geschehen; bei diesem sogenannten Werkzeuge heit dasselbe untersuchen nicht anders als es erkennen. Erkennen wollen aber, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt, als der weise Vorsatz jenes Scholasticus, schwimmen zu lernen, ehe er sich ins Wasser wage (Encykl. 10). HERBART erblickt die Aufgabe der Erkenntnistheorie (= Metaphysik, s. d.) in der Bearbeitung der Begriffe. BENEKE verlangt von der Erkenntnistheorie eine Untersuchung der Formen und Verhltnisse des Denkens und dessen Faktoren (Log. I, 5).

Nach E. ZELLER ist die Erkenntnistheorie die Wissenschaft, welche die Bedingungen untersucht, an welche die Bildung unserer Vorstellungen durch die Natur unseres Geistes geknpft ist, und hiernach bestimmt, ob und unter welchen Voraussetzungen der menschliche Geist zur Erkenntnis der Wahrheit befhigt ist (Vortr. u. Abh., 2. Samml., S. 479 f.). WINDELBAND erklrt: Die Probleme..., welche sich aus den Fragen ber die Tragweite und die Grenze der menschlichen Erkenntnisfhigkeit und ihr Verhltnis zu der zu erkennenden Wirklichkeit erheben, bilden den Gegenstand der Erkenntnistheorie (Gesch. d. Philos. S. 16). Unabhngig von der Psychologie ist die Erkenntniskritik nach Idealisten wie MANSEL, GREEN und Kantianern wie H. COHEN, O. LIEBMANN (Anal. d. Wirkl.2, S. 251), P. NATORP u. a., auch nach HUSSERL (Log. Unt. II, 8 ff., s. Phnomenologie, Logik). VOLKELT definiert die Erkenntnistheorie als die Wissenschaft, welche sich die Mglichkeit und Berechtigung des Erkennens in seinem vollen Umfange und von Grund aus zum Probleme macht (Erfahr. u. Denk. S. 9). Sie ist Theorie der Gewiheit (l.c. S. 15; hnlich NEUDECKER, Grundprobl. d. Erkenntnistheor. S. 3 f.), ist voraussetzungslos (l.c. S. 10). Sie beweist nicht, sondern zeigt zunchst das im Bewutsein Vorhandene auf (l.c. S. 38 f.). Sie will das Bewutsein dahin fhren, da es sich die unmittelbar in ihm enthaltenen Kriterien der objektiven Gewiheit zum Bewutsein bringt (l.c. S. 39). Sie befolgt die Methode der denkenden Selbstbettigung des Bewutseins (l.c. S. 41). HFFDING betont: Die Erkenntnistheorie untersucht die Formen und Elemente unserer Erkenntnis hinsichtlich der Frage, ob sie sich gebrauchen lassen, um das Seiende zu verstehen, whrend die Psychologie sie hinsichtlich ihrer tatschlichen Entstehung untersucht, sie mgen nun brauchbar und gltig sein oder nicht (Religionsphil. S. 85). Nach RIEHL ist die Erkenntnistheorie die Theorie der allgemeinen Erfahrung. Sie hat zu zeigen, welche reale Bedeutung der Empfindung, den Verhltnissen der Empfindungen und dem. Schema ihrer Auffassung in Raum und Zeit zukomme, wie aus denselben unreflectierten Urteilsakten, durch welche gegenstndliche Wahrnehmungen erzeugt werden, die allgemmeinen apperzipierenden Vorstellungen (Kategorien) entspringen (Phil. Krit. I, 11). Unabhngig von der Psychologie ist die Erkenntnistheorie auch nach KLPE, dem sie die Lehre von den Grundbegriffen und Grundstzen als den materialen Voraussetzungen aller besonderen Wissenschaften ist (Einleit. in d. Philos.2, . 36). Nach HAGEMANN ist die Erkenntnislehre (= Notik, s. d.) von der Psychologie unabhngig (Log. u. Noetik5, S. 14). Sie ist die Wissenschaft von der Wahrheit, der Gewiheit und den Grenzen unseres Erkennens (l.c. S. 116 f.). Auch R. WAHLE erklrt die Erkenntnistheorie fr unabhngig von der Psychologie (Kurze Erklr. d. Eth. Spin. S. 168). - Nach WUNDT ist die Erkenntnistheorie ein Teil der Logik (s. d.). Die reale Erkenntnislehre zerfllt in die Erkenntnistheorie und Erkenntnisgeschichte. Erstere untersucht die logische Entwicklung des Erkennens, indem sie die Entstehung der wissenschaftlichen Begriffe auf Grundlage der Denkgesetze zergliedert. Als allgemeine Erkenntnistheorie untersucht sie die Bedingungen, Grenzen und Prinzipien des Erkennens berhaupt, als Methodenlehre (s. d.) beschftigt sie sich mit den besonderen Gestaltungen dieser Prinzipien in den Einzelwissenschaften (Log. I2, S. 1 ff.; Syst. d. Philos.2, S. 31; Phil. Stud. V, 48 ff.). Die Erkenntnistheorie hat die Aufgabe, die Bildung der Begriffe nach den logischen Motiven, die bei ihrer tatschlichen Entwicklung innerhalb der Wissenschaften stattgefunden hat, nach Elimination aller Irrungen und Umwege, zur Darstellung zu bringen (Phil. Stud. X, 6). Ohne Anhnger des Psychologismus (s. d.) zu sein, erklrt WUNDT doch, da jeder Erkenntnisact als geistiger Vorgang seinem tatschlichen Charakter nach vor das Forum der Psychologie kommt, ehe er von der Erkenntnislehre selbst auf die ihm zustehende Bedeutung fr den allgemeinen Prozess der Entwicklung des Wissens geprft werden kann (Einleit. in d. Philos. S. 82). W. JERUSALEM teilt die Erkenntnislehre in Erkenntnistheorie (die genetisch verfhrt) und Erkenntniskritik ein, die von der Psychologie unabhngig ist (Einf. in d. Philos.).

Nach SCHUPPE fragt die Erkenntnistheorie: Was ist das Denken? Was ist das wirkliche Sein, welches sein Objekt werden soll? (Log. S. 3). Das Denken ist gleichsam in seiner Arbeit zu beobachten, die Bildung der Begriffe zu untersuchen (l.c. S. 4; hnlich gibt SIGWART als Methode der Erkenntnistheorie an das Achten auf das, was wir tun, wenn wir irgend welche Gegenstnde vorstellen, Log. II, 39). M. KAUFFMANN meint, die Erkenntnistheorie sei keine folgernde oder beweisende, sondern eine aufzeigende und darlegende Wissenschaft (Fundam. d. Erk. S. 7; so auch HUSSERL, Log. Unt. II, 20 f.). SCHUBERT- SOLDERN bezeichnet als das Gebiet der Erkenntnistheorie die allgemeinen Elemente aller Wissenschaften in ihren allgemeinen gleichzeitigen Beziehungen. Sie hat aus ihnen die allgemeinen Folgerungen fr die Methode wissenschaftlicher Forschung berhaupt zu ziehen und das Verhltnis der einzelnen Wissenschaften zueinander festzustellen (Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 21. Bd., S. 155 f.). Sie betrachtet die Welt als Datum berhaupt (Gr. e. Erk. S. 348, 1). Hierher gehrt auch teilweise ZIEHEN (Psychophysiol. Erkenntnistheor.). Auf psychologische Erfahrung will FRIES die Erkenntnistheorie grnden (N. Krit. d. Vern. I, Vorw. S. XIX). Psychologisch ist die Erkenntnistheorie vieler englischer Philosophen, auch die von LIPPS, BRENTANO u. a. Nach UPHUES hat die Erkenntnistheorie die Entstehung unseres Weltbildes zu erklren, wobei sie der genetischen Methode nicht entbehren kann (Psychol. d. Erk. I, 10). Biologisch ist die Erkenntnistheorie von R. AVENARIUS (u. a., s. Erkennen), dem sie Kritik der reinen Erfahrung, Zurckfhrung der Erkenntnis auf reine, metaphysikfreie Erfahrung bedeutet. hnlich E. MACH Nach H. CORNELIUS zielt die Erkenntnistheorie auf Vertiefung unserer Erklrungen durch die Prfung des Begriffsmaterials und die Elimination der Unklarheiten aus diesem Material (Einl. in d. Philos. S. 13). Eine allgemeine Untersuchung des Mechanismus unserer Erkenntnis ist notwendig (l.c. S. 162). Psychologie im Sinne vorurteilsfreier Analyse und Beschreibung der unmittelbar gegebenen Tatsachen des Bewutseins... ist... die unentbehrliche Grundlage, aller erkenntnistheoretischen Beweisfhrung (l.c. S. 53). Auch die Entwicklung unserer Begriffe mu aufgezeigt werden (l.c. S. 168 ff.). Zunchst sind die empirischen Daten aufzuzeigen, auf welchen die Bedeutung der Grundbegriffe der Wissenschaften beruht. Zweitens aber mu, damit die Klrung dieser Begriffe eine vollkommene sei, die Art und Weise aufgezeigt werden, wie sich auf diesen Daten unser Besitz an Begriffen aufbaut (l.c. S. 49). Vgl. Erkenntnis, Wissenschaftslehre, Logik u.s.w.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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