Anschauung, intellektuale (oder intellektuelle), bedeutet eine bersinnliche, geistige, aber doch anschaulich-unmittelbare Erfassung des Wesens eines Objekts, ein schauendes Denken, denkende Selbstbesinnung auf das, was in uns eigentlich vorgeht, wenn wir allgemeine Urteile fllen, Grundbegriffe (Kategorien) gebrauchen. Die intellektuale Anschauung, weit entfernt eine mystische Kraft zu sein, beruht auf einer logischen Bettigung der Phantasie, welche das Typische, die Idee einer Sache intuitiv, in einem Akte heraushebt und klar macht.
Schon PLATO und ARISTOTELES schreiben der Vernunft die Fhigkeit zu, die letzten Seinsgrnde unmittelbar (durch theria) zu erfassen. Auch BOTHIUS kennt eine Anschauung der Vernunft, welche die Idee des Menschen an sich unmittelbar erkennt (Consol. phil. V). Nach AUGUSTUS gibt es einen adspectus animi, quo per se ipsum non per corpus verum intuetur (De trin. XII, 2, 2). THOMAS schreibt Gott eine unmittelbare Anschauung seines Wesensinhaltes zu. Deus omnia simul videt per unum, quod est essentia sua (Sum. th. I, 85, 4). Die Mystiker glauben an ein ekstatisches (s. d.) inneres Anschauen des Gttlichen im Geiste. NICOLAUS CUSANUS spricht von einer visio intellectualis (so schon JOH. SCOTUS, der sie auch intuitus gnosticus nennt) (De div. nat. II, 20). Vgl. Kontemplation, Spekulation.
PLOTIN schon bezeichnet das Sein als Produkt eines Schauens (sc. des Geistes, s. d.) (Enn. III, 8; vgl. VI, 9, 3). In der Lehre von der intellectualen Anschauung seit KANT kommt dieser Gedanke zu neuer Verwendung. KANT versteht unter intellektualer Anschauung eine schpferische, Objecte setzende (nicht blo nachbildende) Intuition. Divinus autem intuitus, qui obiectorum est principium, non principatum, cum sit independens, est archetypus et propterea perfecte intellectualis (De mund. sens. sct. II, 10; dies fhrt auf die Lehre von den Ideen, (s. d.) als Urbilder der Dinge im gttlichen Geiste zurck). Intellektuell ist eine nicht auf Rezeptivitt (s. d.), sondern Selbstttigkeit beruhende Anschauung (Kr. d. r. V. S. 72), durch die selbst das Dasein des Objekts der Anschauung gegeben wird (und die... nur dem Urwesen zukommen kann) (l.c. S. 75), die aber nicht die unsrige ist (l.c. S. 685), denn diese bedarf des Denkens, der Kategorien (s. d.) und kann daher nur auf Erscheinungen sich beziehen (b. e. Entdeck. 1. Abschn., S. 37; gegen EBERHARD, der im Philos. Mag. Bd. I, S. 280 f. nicht-sinnliche Anschauungen der Dinge an sich annimmt). J. G. FICHTE nimmt eine intellektuale Anschauung auch fr das Ich an; sie ist das unmittelbare Bewutsein, da ich handle und was ich handle; sie ist das, wodurch ich etwas wei, weil ich es tue (WW. I 463). Sie ist die Quelle philosophischer Erkenntnis. So auch bei SCHELLING. Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermgen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von auen her hinzukam, entkleidetes Selbst zurckzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige anzuschauen; diese Anschauung ist die innerste, eigenste Erfahrung, von welcher allein alles abhngt, was wir von einer bersinnlichen Welt wissen und glauben (Phil. Br. b. Dogm. u. Krit.). Diese intellektuale Anschauung ist das Vermgen, gewisse Handlungen des Geistes zugleich zu producieren und anzuschauen, so da das Produzieren des Objekts und das Anschauen selbst absolut eins ist (Syst. d. tr. Id. S. 51). Diese Anschauung ist der Punkt, wo das Wissen und das Absolute und das Absolute selbst eins sind (Darst. m. Syst. 2). CHR. KRAUSE nimmt eine intellektuale Intuition oder Wesensschauung an (Abr. d. Rechtsph. S. 19 f.; Vorles. b. d. Syst. d. Ph. I, 273). HEGEL spricht von einem bersinnlichen Anschauen, und einem anschauenden Verstand (WW. III, 328 ff.). STAHL schreibt der intellektualen Anschauung Weissagungskraft zu (Rechtsph. II, 499), J. H. FICHTE ein Hellsehen (Anthr. S. 354). Eine intellektuale Anschauung der Wirklichkeit gibt es auch nach GLOGAU. Gegen die intellektuale Anschauung als Quelle philosophischer Erkenntnis polemisiert SCHOPENHAUER, wiewohl er eigentlich selbst etwas hnliches voraussetzt. Vgl. Intuition.