Abstraktion (Abziehung, Absonderung) ist die Heraushebung eines Erkenntnisinhalts durch die willkrliche, aktive Aufmerksamkeit (Apperzeption), das willkrliche, absichtliche, zweckbewute Festhalten bestimmter Vorstellungsmerkmale unter gleichzeitiger Vernachlssigung, Zurckdrngung, Hemmung; anderer Merkmale. Der Gegensatz zur Abstraktion im engeren Sinne, d.h. zur Erweiterung des Begriffsinhalts, ist die logische Determination (s. d.).
Abstrahieren bedeutet das Absehen vom Individuellen, Zuflligen zugunsten des Allgemeinen, Notwendigen, Wesentlichen, Gattungsmigen, zunchst bei ARISTOTELES (Anal. post. 74 a 37; Met. 1036 b 3, 1077 b 9; Phys. 187 b 33, 206 a 15). Die Scholastiker betonen den Wert der Abstraktion fr die Erkenntnis der Universalien (s. d.). Per abstrahentem intellectum genera concipiuntur et species (JOH. v. SALISBURY bei PRANTL, G. d. L. II, 248). Es wird viel vom abstrahere formam a materia individuali (THOMAS, Sum. th. I, 85,1) gesprochen. Die species intelligibiles (s. d.) werden von den sinnlichen Vorstellungen (phantasmata) abstrahiert durch den intellectus agens. So knnen wir in nostra consideratione naturas specierum sine individualibus condicionibus gewinnen (l.c. I, 85, 1). Formae fiunt intellectae in actu per abstractionem (C. gent. I, 44, 98; II, 82). Die Abstraktion kann auf zweierlei Weise erfolgen: 1) per modum. conmpositionis et divisionis, sicut cum intelligimus aliquid non esse in alio, vel esse separatum. ab eo, 2) per modum simplicitatis, sicut cum. intelligimus unum, nihil considerando de alio (ib.). Ferner gibt es eine Abstraktion, secundum quod universale abstrahitur a particulari, ut animal ab homine, und eine secundum. quod forma abstrahitur a materia, sicut forma circuli abstrahitur per intellectum ab omni materia sensibili(Sum. th. I, 40, 3c). Nach DUNS SCOTUS gibt es eine zweifache Abstraktion. Una est a materia et suppositis, sicut homo abstrahitur ab illo homine et ab isto et a materia, ut ab homine albo et nigro... Alia est abstr. a suppositis, sed non a materia, sicut homo albus abstrahitur ab illo homine et ab isto (bei PRANTL, G. d. L. III, 212). ZABARELLA bestimmt das Abstrahieren als actio intellectus, quo separat a phantasmatibus seu visis universale et ipsum. denudat onmi materiali conditione (de mente agent. 6). GOCLEN erklrt, es sei die Abstraktion eine consideratio alicuius absque eo, in quo est (Lex. phil. p. 14); zwei Abstraktionsstufen gibt es: abstr. prima (z.B. color) und abstr. secunda (coloretas) (l.c. p. 19). CAMPANELLA fhrt die Abstraktion auf ein Nachlassen der Verstandesttigkeit zurck, sie hat also einen negativen Charakter. Abstractio universalis non fit per virtutem aliquam. agentem, sed ex languore activitatis in singularitatibus vel ex; raritate agendi (Univ. phil. I, 5, 1). Die Logik von PORT-ROYAL erklrt das abstrakte, discursive Erkennen durch die Beschrnktheit unseres Geistes. Limitatio mentis nostrae causa est, ut nequeamus comprehendere res aliqualiter comopositas alio modo, quam eas particulatim considerando et quasi diversas illarum facies contemplando, quae nobis obverti possunt; hoc autem ipsum est quod generaliter scire per abstractionem dicitur (I, 4).
LOCKE setzt das Abstraktionsverfahren in die gesonderte Auffassung der Dinge, getrennt von allen andern Dingen und von den Nebenumstnden der Dinge wie Zeit, Raum u. s. 11. (Ess. c. h. u. II, 9). BERKELEY betont, abstrahieren heie nur einzelne Teile oder Eigenschaften gesondert von anderen betrachten, und das sei nur mglich bei Eigenschaften, welche ebenso gesondert existieren knnen (Princ. X; so auch HUME). CONDILLAC erklrt abstraire als sparer une ide d'une autre, laquelle elle parat naturellement unie (Tr. d. sens. I, ch. 4, 2). CHR. WOLF: Si ea, quae in perceptione distinguuntur, tanquam a re percepta seiuncta intuemur, ea abstrahere dicimur (Psych. emp. 282).
Als Absehen von dem Besonderen und Beibehaltung, Fixierung des Allgemeinen durch Hemmung, Verdunkelung des Spezifischen wird, in einigen Modifikationen, die Abstraktion bestimmt von G. F. MEIER (Met. S. 73 f.), von KANT (Absonderung alles brigen, worin die gegebenen Vorstellungen sich unterscheiden) (Logik 6). Wir mssen nicht sagen: Etwas abstrahieren (abstrahere aliquid), sondern von etwas abstrahieren (abstrahere ab aliquo). Abstrakte Begriffe sollte man daher eigentlich abstrahierende (conceptus abstrahentes) nennen, d.h. solche, in denen mehrere Abstraktionen vorkommen (l.c. S. 146 f.). LAMBERT erklrt: Da der Begriff der Art und Gattung nur die Merkmale in sich fat, die die Sache mit anderen gemein hat, so lt man in diesem Begriffe alle eigenen Merkmale weg und stellt sich die gemeinsamen besonders vor. Die Verrichtung des Verstandes, wodurch dies geschieht, nennt man abstrahieren (Org. I, 17). DESTUTT DE TRACY: Vous tirez de deux ou plusieurs ides individuelles tout ce qui les confond, en rejetant tout ce qui les distingue, et vous en faites une ide commune (El. d'idol. I, 6, p. 91). Nach HERBART beruht die Abstraktion psychologisch auf der Hemmung des Verschiedenen vieler Vorstellungen und Verschmelzung des Gleichartigen derselben zu einer Gesamtvorstellung (Psych. a. Wiss. II, 121; hnlich FRIES, Syst. d. Logik S. 63). DROBISCH definiert die Abstraktion als die Denkoperation, welche von den verglichenen Objekten die ihnen eigentmlichen Merkmale absondert und dadurch ihren Gattungsbegriff bildet (Neue Darst. d. Log.5, 19, S. 21), VOLKMANN als den Process der Loslsung des Vorstellungs- oder Formbewutseins von allen Beziehungen auf ein anderes durch die wechselseitige Hemmung dieser Beziehungen untereinander (Lehrb. d. Psychologie II4, S. 247).
Den positiven Charakter der Abstraktion betont HEGEL. Das abstrahierende Denken... ist nicht als bloes Auf-die-Seite-stellen des sinnlichen Stoffes zu betrachten, welcher dadurch in seiner Realitt keinen Eintrag leidet, sondern es ist vielmehr das Aufheben und die Reduktion desselben als bloe Erscheinung auf das Wesentliche, welches nur im Begriff sieh manifestiert (Logik II, 20). Nach LOTZE erfolgt die Abstraktion nicht durch bloe Weglassung, sondern durch Ersatz der weggelassenen Merkmale durch ihr Allgemeines (Logik, S. 41). W. HAMILTON betrachtet die Abstraktion als eine Function der Aufmerksamkeit. So auch J. ST. MILL, der aber keine gesonderte Existenz des Abstrakten annimmt. The formation... of a concept does not consist in separating the attributes which are said to compose it, from all other attributes of the same objekts... But... we have the power of fixing our attention on them, to the neylect of the other attributes (Examin. p. 393 ff.). Nach SULLY ist Abstraktion eine geistige Abweisung dessen oder ein geistiges Abwenden von dem, was fr den Augenblick nicht von Wichtigkeit ist (Handbuch d. Psych. S. 235). Wahre Abstraktion ist erst durch die Sprache ermglicht (l.c. S. 253). A. BAIN bemerkt: The identifying a number of different objects on some one common feature, and the seizing and marking that feature as a distinct Subjekt of thought bildet das Wesen der Abstraktion (Sens. and Int.3, p. 511). Abstraktion als Bewutsein des Abstrakten ist nach B. ERDMANN Aufmerksamkeit auf das Gleiche, das in dem Verschiedenen, welches in dem Kreise des bloen Bewutseins verbleibt, vorgestellt wird (Logik I, 48). Sprachliche Abstraktion ist die Bildung und Verdichtung von Vorstellungen gleicher Merkmale durch die Reproduction von Erinnerungen und ihre Zusammenordnung zu neuen Gegenstnden auf Grund sprachlicher berlieferung durch die Einbildung (l.c. S. 51 f.). Nach SCHUPPE ist die Abstraktion Unterscheidung der nchsthheren eigentlichen Gattung von dem Spezifischen im einfachsten Element (Logik S. 90 ff.), nach UPHUES ein Vorgang der Aufmerksamkeit auf bestimmte Teile der die Wahrnehmungen und entsprechenden Vorstellungen vermittelnden Empfindungen, die natrlich notwendig mit dem Absehen von den brigen Teilen verbunden ist, ohne da es dazu eines besondern Vorgangs bedrfte (Psych. d. Erk. I, 239). Es gibt eine natrliche und knstliche Abstraktion (l.c. S. 240). WUNDT bestimmt die Abstraktion (psychologisch) als aktive Apperzeption, Fixierung, Aussonderung bestimmter (herrschender) Vorstellungselemente (auch an einer einzigen Vorstellung) (Logik I2, S. 46 ff.). Die isolierende Abstraktion besteht in der Abtrennung eines bestimmten Teiles von einer komplexen Erscheinung, die generalisierende in der absichtlichen Vernachlssigung von Merkmalen (Logik II, 11 f.). Nach KREIBIG besteht die Abstraktion darin, da ein bestimmtes Merkmal in mehreren Einzelvorstellungen fixiert wird, wodurch von selbst die brigen Merkmale im Bewutsein zurcktreten (Die Aufm. S. 42). Nach LIPPS ist Abstraktion die Heraushebung unselbstndiger Bewutseinselemente durch das bezeichnende Wort (Gr. d. Logik S. 126). H. CORNELIUS lehrt (mit HUME): Auf ein... Merkmal eines Inhaltes achten und von den brigen abstrahieren heit nichts anderes, als die hnlichkeit des Inhaltes mit einer Gruppe und nicht zugleich diejenige mit den brigen Gruppen von Inhalten erkennen, mit welchen er auerdem noch hnlichkeit aufweist (Einl. in d. Phil. S. 237 f.; Psychologie S. 50 ff.). Vgl. MEINONG, Zeitschr. f. Psychol. u. Phys. d. Sinne Bd. 24. Vgl. Allgemein.