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XXII. Bedingungen der Farbenerscheinung


309 (198). Wenn nun gedachter erleuchteter Raum zwar gebrochen, von der Stelle gerckt, aber nicht gefrbt erscheint, so sieht man jedoch an den horizontalen Grenzen desselben eine farbige Erscheinung. Da auch hier die Farbe blo durch Verrckung eines Bildes entstehe, ist umstndlicher darzutun.

Das Leuchtende, welches hier wirkt, ist ein Begrenztes, und die Sonne wirkt hier, indem sie scheint und strahlt, als ein Bild. Man mache die ffnung in dem Laden der Camera obscura so klein, als man kann, immer wird das ganze Bild der Sonne hereindringen. Das von ihrer Scheibe herstrmende Licht wird sich in der kleinsten ffnung kreuzen und den Winkel machen, der ihrem scheinbaren Diameter gem ist. Hier kommt ein Konus mit der Spitze auen an und inwendig verbreitert sich diese Spitze wieder, bringt ein durch eine Tafel aufzufassendes rundes, sich durch die Entfernung der Tafel auf immer vergrerndes Bild hervor, welches Bild nebst allen brigen Bildern der ueren Landschaft auf einer weien gegengehaltenen Flche im dunklen Zimmer umgekehrt erscheint.

310. Wie wenig also hier von einzelnen Sonnenstrahlen, oder Strahlenbndeln und -bscheln, von Strahlenzylindern, -stben und wie man sich das alles vorstellen mag, die Rede sein kann, ist auffallend. Zu Bequemlichkeit gewisser Lineardarstellungen nehme man das Sonnenlicht als parallel einfallend an; aber man wisse, da dieses nur eine Fiktion ist, welche man sich gar wohl erlauben kann, da wo der zwischen die Fiktion und die wahre Erscheinung fallende Bruch unbedeutend ist. Man hte sich aber, diese Fiktion wieder zum Phnomen zu machen und mit einem solchen fingierten Phnomen weiter fort zu operieren.

311. Man vergrre nunmehr die 0ffnung in dem Fensterladen so weit man will, man mache sie rund oder viereckt, ja man ffne den Laden ganz und lasse die Sonne durch den vlligen Fensterraum in das Zimmer scheinen; der Raum, den sie erleuchtet, wird immer so viel grer sein, als der Winkel, den ihr Durchmesser macht, verlangt; und also ist auch selbst der ganze durch das grte Fenster von der Sonne erleuchtete Raum nur das Sonnenbild plus der Weite der ffnung. Wir werden hierauf zurckzukehren knftig Gelegenheit finden.

312 (199). Fangen wir nun das Sonnenbild durch konvexe Glser auf, so ziehen wir es gegen den Fokus zusammen. Hier mu, nach den oben ausgefhrten Regeln, ein gelber Saum und ein gelbroter Rand entstehen, wenn das Bild auf einem weien Papiere aufgefangen wird. Weil aber dieser Versuch blendend und unbequem ist, so macht er sich am schnsten mit dem Bilde des Vollmonds. Wenn man dieses durch ein konvexes Glas zusammenzieht, so erscheint der farbige Rand in der grten Schnheit: denn der Mond sendet an sich schon ein gemigtes Licht, und er kann also um desto eher die Farbe, welche aus Migung des Lichts entsteht, hervor bringen; wobei zugleich das Auge des Beobachters nur leise und angenehm berhrt wird.

313 (200). Wenn man ein leuchtendes Bild durch konkave Glser auffat, so wird es vergrert und also ausgedehnt. Hier erscheint das Bild blau begrenzt.

314. Beide entgegengesetzten Erscheinungen kann man durch ein konvexes Glas sowohl simultan als sukzessiv hervorbringen, und zwar simultan, wenn man auf das konvexe Glas in der Mitte eine undurchsichtige Scheibe klebt und nun das Sonnenbild auffngt. Hier wird nun sowohl das leuchtende Bild als der in ihm befindliche schwarze Kern zusammengezogen, und so mssen auch die entgegengesetzten Farberscheinungen entstehen. Ferner kann man diesen Gegensatz sukzessiv gewahr werden, wenn man das leuchtende Bild erst bis gegen den Fokus zusammenzieht; da man denn Gelb und Gelbrot gewahr wird: dann aber hinter dem Fokus dasselbe sich ausdehnen lt; da es denn sogleich eine blaue Grenze zeigt.

315 (201). Auch hier gilt, was bei den subjektiven Erfahrungen gesagt worden, da das Blaue und Gelbe sich an und ber dem Weien zeige und da beide Farben einen rtlichen Schein annehmen, insofern sie ber das Schwarze reichen.

316 (202, 203). Diese Grunderscheinungen wiederholen sich bei allen folgenden objektiven Erfahrungen, so wie sie die Grundlage der subjektiven ausmachten. Auch die Operation, welche vorgenommen wird, ist eben dieselbe; ein heller Rand wird gegen eine dunkle Flche, eine dunkle Flche gegen eine helle Grenze gefhrt. Die Grenzen mssen einen Weg machen und sich gleichsam bereinander drngen, bei diesen Versuchen wie bei jenen.

317 (204) Lassen wir also das Sonnenbild durch eine grere oder kleinere ffnung in die dunkle Kammer, fangen wir es durch ein Prisma auf, dessen brechender Winkel hier wie gewhnlich unten sein mag; so kommt das leuchtende Bild nicht in gerader Linie nach dem Fuboden, sondern es wird an eine vertikal gesetzte Tafel hinaufgebrochen. Hier ist es Zeit, des Gegensatzes zu gedenken, in welchem sich die subjektive und objektive Verrckung des Bildes befindet.

318. Sehen wir durch ein Prisma, dessen brechender Winkel sich unten befindet, nach einem in der Hhe befindlichen Bilde, so wird dieses Bild heruntergerckt, anstatt da ein einfallendes leuchtendes Bild von demselben Prisma in die Hhe geschoben wird. Was wir hier der Krze wegen nur historisch angeben, lt sich aus den Regeln der Brechung und Hebung ohne Schwierigkeit ableiten.

319. Indem nun also auf diese Weise das leuchtende Bild von seiner Stelle gerckt wird, so gehen auch die Farbensume nach den frher ausgefhrten Regeln ihren Weg. Der violette Saum geht jederzeit voraus, und also bei objektiven hinaufwrts, wenn er bei subjektiven herunterwrts geht.

320 (205). Ebenso berzeuge sich der Beobachter von der Frbung in der Diagonale, wenn die Verrckung durch zwei Prismen in dieser Richtung geschieht, wie bei dem subjektiven Falle deutlich genug angegeben; man schaffe sich aber hiezu Prismen mit Winkeln von wenigen, etwa fnfzehn Graden.

321 (206, 207). Da die Frbung des Bildes auch hier nach der Richtung seiner Bewegung geschehe, wird man einsehen, wenn man eine ffnung im Laden von miger Gre viereckt macht und das leuchtende Bild durch das Wasserprisma gehen lt, erst die Rnder in horizontaler und vertikaler Richtung, sodann in der diagonalen.

322 (208). Wobei sich denn abermals zeigen wird, da die Grenzen nicht nebeneinander weg, sondern bereinander gefhrt werden mssen.


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