
XI. Dioptrische Farben der zweiten Klasse, Refraktion
178. Die dioptrischen Farben der beiden Klassen schlieen sich genau aneinander an, wie sich bei einiger Betrachtung sogleich finden lt. Die der ersten Klasse erschienen in dem Felde der trben Mittel, die der zweiten sollen uns nun in durchsichtigen Mitteln erscheinen. Da aber jedes empirisch Durchsichtige an sich schon als trb angesehen werden kann, wie uns jede vermehrte Masse eines durchsichtig genannten Mittels zeigt, so ist die nahe Verwandtschaft beider Arten genugsam einleuchtend.
179. Doch wir abstrahieren vorerst, indem wir uns zu den durchsichtigen Mitteln wenden, von aller ihnen einigermaen beiwohnenden Trbe, und richten unsre ganze Aufmerksamkeit auf das hier eintretende Phnomen, das unter dem Kunstnamen der Refraktion bekannt ist.
180. Wir haben schon bei Gelegenheit der physiologischen Farben dasjenige, was man sonst Augentuschungen zu nennen pflegte, als Ttigkeiten des gesunden und richtig wirkenden Auges gerettet (2) und wir kommen hier abermals in den Fall, zu Ehren unserer Sinne und zu Besttigung ihrer Zuverlssigkeit einiges auszufhren.
181. In der ganzen sinnlichen Welt kommt alles berhaupt auf das Verhltnis der Gegenstnde untereinander an, vorzglich aber auf das Verhltnis des bedeutendsten irdischen Gegenstandes, des Menschen, zu den brigen. Hierdurch trennt sich die Welt in zwei Teile, und der Mensch stellt sich als ein Subjekt dem Objekt entgegen. Hier ist es, wo sich der Praktiker in der Erfahrung, der Denker in der Spekulation abmdet und einen Kampf zu bestehen aufgefordert ist, der durch keinen Frieden und durch keine Entscheidung geschlossen werden kann.
182. Immer bleibt es aber auch hier die Hauptsache, da die Beziehungen wahrhaft eingesehen werden. Da nun unsre Sinne, insofern sie gesund sind, die uern Beziehungen am wahrhaftesten aussprechen, so knnen wir uns berzeugen, da sie berall, wo sie dem Wirklichen zu widersprechen scheinen, das wahre Verhltnis desto sichrer bezeichnen. So erscheint uns das Entfernte kleiner, und eben dadurch werden wir die Entfernung gewahr. An farblosen Gegenstnden brachten wir durch farblose Mittel farbige Erscheinungen hervor und wurden zugleich auf die Grade des Trben solcher Mittel aufmerksam.
183. Ebenso werden unserm Auge die verschiedenen Grade der Dichtigkeit durchsichtiger Mittel, ja sogar noch andre physische und chemische Eigenschaften derselben, bei Gelegenheit der Refraktion, bekannt, und fordern uns auf, andre Prfungen anzustellen, um in die von einer Seite schon erffneten Geheimnisse auf physischem und chemischem Wege vllig einzudringen.
184. Gegenstnde durch mehr oder weniger dichte Mittel gesehen, erscheinen uns nicht an der Stelle, an der sie sich, nach den Gesetzen der Perspektive, befinden sollten. Hierauf beruhen die dioptrischen Erscheinungen der zweiten Klasse.
185. Diejenigen Gesetze des Sehens, welche sich durch mathematische Formeln ausdrcken lassen, haben zum Grunde, da, so wie das Licht sich in gerader Linie bewegt, auch eine gerade Linie zwischen dem sehenden Organ und dem gesehenen Gegenstand msse zu ziehen sein. Kommt also der Fall, da das Licht zu uns in einer gebogenen oder gebrochenen Linie anlangt, da wir die Gegenstnde in einer gebogenen oder gebrochenen Linie sehen, so werden wir alsbald erinnert, da die dazwischen liegenden Mittel sich verdichtet, da sie diese oder jene fremde Natur angenommen haben.
186. Diese Abweichung vom Gesetz des geradlinigen Sehens wird im allgemeinen die Refraktion genannt, und ob wir gleich voraussetzen knnen, da unsre Leser damit bekannt sind, so wollen wir sie doch krzlich von ihrer objektiven und subjektiven Seite hier nochmals darstellen.
187. Man lasse in ein leeres kubisches Gef das Sonnenlicht schrg in der Diagonale hineinscheinen, dergestalt da nur die dem Licht entgegengesetzte Wand, nicht aber der Boden erleuchtet sei; man giee sodann Wasser in dieses Gef, und der Bezug des Lichtes zu demselben wird sogleich verndert sein. Das Licht zieht sich gegen die Seite, wo es herkommt, zurck, und ein Teil des Bodens wird gleichfalls erleuchtet. An dem Punkte, wo nunmehr das Licht in das dichtere Mittel tritt, weicht es von seiner geradlinigen Richtung ab und scheint gebrochen, deswegen man auch dieses Phnomen die Brechung genannt hat. So viel von dem objektiven Versuche.
188. Zu der subjektiven Erfahrung gelangen wir aber folgendermaen. Man setze das Auge an die Stelle der Sonne; das Auge schaue gleichfalls in der Diagonale ber die eine Wand, so da es die ihm entgegenstehende jenseitige innre Wandflche vollkommen, nichts aber vom Boden sehen knne. Man giee Wasser in das Gef, und das Auge wird nun einen Teil des Bodens gleichfalls erblicken, und zwar geschieht es auf eine Weise, da wir glauben, wir sehen noch immer in gerader Linie: denn der Boden scheint uns heraufgehoben, daher wir das subjektive Phnomen mit dem Namen der Hebung bezeichnen. Einiges, was noch besonders merkwrdig hiebei ist, wird knftig vorgetragen werden.
189. Sprechen wir dieses Phnomen nunmehr im allgemeinen aus, so knnen wir, was wir oben angedeutet, hier wiederholen: da nmlich der Bezug der Gegenstnde verndert, verrckt werde.
190. Da wir aber bei unserer gegenwrtigen Darstellung die objektiven Erscheinungen von den subjektiven zu trennen gemeint sind, so sprechen wir das Phnomen vorerst subjektiv aus und sagen: es zeige sich eine Verrckung des Gesehenen oder des zu Sehenden.
191. Es kann nun aber das unbegrenzt Gesehene verrckt werden, ohne da uns die Wirkung bemerklich wird. Verrckt sich hingegen das begrenzt Gesehene, so haben wir Merkzeichen, da eine Verrckung geschieht. Wollen wir uns also von einer solchen Vernderung des Bezuges unterrichten, so werden wir uns vorzglich an die Verrckung des begrenzt Gesehenen, an die Verrckung des Bildes zu halten haben.
192. Diese Wirkung berhaupt kann aber geschehen durch parallele Mittel: denn jedes parallele Mittel verrckt den Gegenstand und bringt ihn sogar im Perpendikel dem Auge entgegen. Merklicher aber wird dieses Verrcken durch nicht parallele Mittel.
193. Diese knnen eine vllig sphrische Gestalt haben, auch als konvexe oder als konkave Linsen angewandt werden. Wir bedienen uns derselben gleichfalls bei unsern Erfahrungen. Weil sie aber nicht allein das Bild von der Stelle verrcken, sondern dasselbe auch auf mancherlei Weise verndern, so gebrauchen wir lieber solche Mittel, deren Flchen zwar nicht parallel gegeneinander, aber doch smtlich eben sind, nmlich Prismen, die einen Triangel zur Base haben, die man zwar auch als Teile einer Linse betrachten kann, die aber zu unsern Erfahrungen deshalb besonders tauglich sind, weil sie das Bild sehr stark von der Stelle verrcken, ohne jedoch an seiner Gestalt eine bedeutende Vernderung hervorzubringen.
194. Nunmehr, um unsre Erfahrungen mit mglichster Genauigkeit anzustellen und alle Verwechslung abzulehnen, halten wir uns zuerst an subjektive Versuche bei welchen nmlich der Gegenstand durch ein brechendes Mittel von dem Beobachter gesehen wird. Sobald wir diese der Reihe nach abgehandelt, sollen die objektiven Versuche in gleicher Ordnung folgen.