Home  Impressum  CopyrightItalienische Reise

Rot


792. Man entferne bei dieser Benennung alles, was im Roten einen Eindruck von Gelb oder Blau machen knnte. Man denke sich ein ganz reines Rot, einen vollkommenen, auf einer weien Porzellanschale aufgetrockneten Karmin. Wir haben diese Farbe ihrer hohen Wrde wegen manchmal Purpur genannt, ob wir gleichwohl wissen, da der Purpur der Alten sich mehr nach der blauen Seite hinzog.

793. Wer die prismatische Entstehung des Purpurs kennt, der wird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, da diese Farbe teils actu, teils potentia alle andern Farben enthalte.

794. Wenn wir beim Gelben und Blauen eine strebende Steigerung ins Rote gesehen und dabei unsre Gefhle bemerkt haben, so lt sich denken, da nun in der Vereinigung der gesteigerten Pole eine eigentliche Beruhigung, die wir eine ideale Befriedigung nennen mchten, stattfinden knne. Und so entsteht bei physischen Phnomenen diese hchste aller Farbenerscheinungen aus dem Zusammentreten zweier entgegengesetzten Enden, die sich zu einer Vereinigung nach und nach selbst vorbereitet haben.

795. Als Pigment hingegen erscheint sie uns als ein Fertiges und als das vollkommenste Rot in der Cochenille, welches Material jedoch durch chemische Behandlung bald ins Plus, bald ins Minus zu fhren ist und allenfalls im besten Karmin als vllig im Gleichgewicht stehend angesehen werden kann.

796. Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und Wrde als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie in ihrem dunklen verdichteten, dieses in ihrem hellen verdnnten Zustande. Und so kann sich die Wrde des Alters und die Liebenswrdigkeit der Jugend in eine Farbe kleiden.

797. Von der Eifersucht der Regenten auf den Purpur erzhlt uns die Geschichte manches. Eine Umgebung von dieser Farbe ist immer ernst und prchtig.

798. Das Purpurglas zeigt eine wohlerleuchtete Landschaft in furchtbarem Lichte. So mte der Farbeton ber Erd' und Himmel am Tage des Gerichts ausgebreitet sein.

799. Da die beiden Materialien, deren sich die Frberei zur Hervorbringung dieser Farbe vorzglich bedient, der Kermes und die Cochenille, sich mehr oder weniger zum Plus und Minus neigen, auch sich durch Behandlung mit Suren und Alkalien herber und hinber fhren lassen: so ist zu bemerken, da die Franzosen sich auf der wirksamen Seite halten, wie der franzsische Scharlach zeigt, welcher ins Gelbe zieht; die Italiener hingegen auf der passiven Seite verharren, so da ihr Scharlach eine Ahndung von Blau behlt.

800. Durch eine hnliche alkalische Behandlung entsteht das Karmesin, eine Farbe, die den Franzosen sehr verhat sein mu, da sie die Ausdrcke sot en cramoisi, mchant en cramoisi als das uerste des Abgeschmackten und Bsen bezeichnen.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:20:11
Seite zuletzt aktualisiert: 16.09.2004