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Totalitt und Harmonie


803. Wir haben bisher zum Behuf unsres Vortrages angenommen, da das Auge gentigt werden knne, sich mit irgendeiner einzelnen Farbe zu identifizieren; allein dies mchte wohl nur auf einen Augenblick mglich sein.

804. Denn wenn wir uns von einer Farbe umgeben sehen, welche die Empfindung ihrer Eigenschaft in unserm Auge erregt und uns durch ihre Gegenwart ntigt, mit ihr in einem identischen Zustande zu verharren, so ist es eine gezwungene Lage, in welcher das Organ ungern verweilt.

805. Wenn das Auge die Farbe erblickt, so wird es gleich in Ttigkeit gesetzt, und es ist seiner Natur gem, auf der Stelle eine andre, so unbewut als notwendig, hervorzubringen, welche mit der gegebenen die Totalitt des ganzen Farbenkreises enthlt. Eine einzelne Farbe erregt in dem Auge, durch eine spezifische Empfindung, das Streben nach Allgemeinheit.

806. Um nun diese Totalitt gewahr zu werden, um sich selbst zu befriedigen, sucht es neben jedem farbigen Raum einen farblosen, um die geforderte Farbe an demselben hervorzubringen.

807. Hier liegt also das Grundgesetz aller Harmonie der Farben, wovon sich jeder durch eigene Erfahrung berzeugen kann, indem er sich mit den Versuchen, die wir in der Abteilung der physiologischen Farben angezeigt, genau bekannt macht.

808. Wird nun die Farbentotalitt von auen dem Auge als Objekt gebracht, so ist sie ihm erfreulich, weil ihm die Summe seiner eignen Ttigkeit als Realitt entgegen kommt. Es sei also zuerst von diesen harmonischen Zusammenstellungen die Rede.

809. Um sich davon auf das leichteste zu unterrichten, denke man sich in dem von uns angegebenen Farbenkreise einen beweglichen Diameter und fhre denselben im ganzen Kreise herum, so werden die beiden Enden nach und nach die sich fordernden Farben bezeichnen, welche sich denn freilich zuletzt auf drei einfache Gegenstze zurckfhren lassen.

810. Gelb fordert Rotblau Blau fordert Rotgelb Purpur fordert Grn und umgekehrt.

811. Wie der von uns supponierte Zeiger von der Mitte der von uns naturgem geordneten Farben wegrckt, ebenso rckt er mit dem andern Ende in der entgegengesetzten Abstufung weiter, und es lt sich durch eine solche Vorrichtung zu einer jeden fordernden Farbe die geforderte bequem bezeichnen. Sich hiezu einen Farbenkreis zu bilden, der nicht wie der unsre abgesetzt, sondern in einem stetigen Fortschritte die Farben und ihre bergnge zeigte, wrde nicht unntz sein: denn wir stehen hier auf einem sehr wichtigen Punkt, der alle unsre Aufmerksamkeit verdient.

812. Wurden wir vorher bei dem Beschauen einzelner Farben gewissermaen pathologisch affiziert, indem wir zu einzelnen Empfindungen fortgerissen, uns bald lebhaft und strebend, bald weich und sehnend, bald zum Edlen emporgehoben, bald zum Gemeinen herabgezogen fhlten, so fhrt uns das Bedrfnis nach Totalitt, welches unserm Organ eingeboren ist, aus dieser Beschrnkung heraus; es setzt sich selbst in Freiheit, indem es den Gegensatz des ihm aufgedrungenen einzelnen und somit eine befriedigende Ganzheit hervorbringt.

813. So einfach also diese eigentlich harmonischen Gegenstze sind, welche uns in dem engen Kreise gegeben werden, so wichtig ist der Wink, da uns die Natur durch Totalitt zur Freiheit heraufzuheben angelegt ist, und da wir diesmal eine Naturerscheinung zum sthetischen Gebrauch unmittelbar berliefert erhalten.

814. Indem wir also aussprechen knnen, da der Farbenkreis, wie wir ihn angegeben, auch schon dem Stoff nach eine angenehme Empfindung hervorbringe, ist es der Ort zu gedenken, da man bisher den Regenbogen mit Unrecht als ein Beispiel der Farbentotalitt angenommen: denn es fehlt demselben die Hauptfarbe, das reine Rot, der Purpur, welcher nicht entstehen kann, da sich bei dieser Erscheinung so wenig als bei dem hergebrachten prismatischen Bilde das Gelbrot und Blaurot zu erreichen vermgen.

815. berhaupt zeigt uns die Natur kein allgemeines Phnomen, wo die Farbentotalitt vllig beisammen wre. Durch Versuche lt sich ein solches in seiner vollkommnen Schnheit hervorbringen. Wie sich aber die vllige Erscheinung im Kreise zusammenstellt, machen wir uns am besten durch Pigmente auf Papier begreiflich, bis wir, bei natrlichen Anlagen und nach mancher Erfahrung und bung, uns endlich von der Idee dieser Harmonie vllig penetriert und sie uns im Geiste gegenwrtig fhlen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 16.09.2004