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Entwurf einer Farbenlehre

Didaktischer Teil


Si vera nostra sunt aut falsa, erunt

talia, licet nostra pervitam defendimus.

Post fata nostra pueri qui nunc ludunt

nostri judices erunt.



Einleitung


Die Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zuerst dadurch angeregt, da er bedeutende Phnomene gewahr wird, die seine Aufmerksamkeit an sich ziehen. Damit nun diese dauernd bleibe, so mu sich eine innigere Teilnahme finden, die uns nach und nach mit den Gegenstnden bekannter macht. Alsdann bemerken wir erst eine groe Mannigfaltigkeit, die uns als Menge entgegendringt. Wir sind gentigt zu sondern, zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen, wodurch zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder weniger Zufriedenheit bersehen lt.

Dieses in irgend einem Fache nur einigermaen zu leisten, wird eine anhaltende strenge Beschftigung ntig. Deswegen finden wir, da die Menschen lieber durch eine allgemeine theoretische Ansicht, durch irgendeine Erklrungsart die Phnomene beiseite bringen, anstatt sich die Mhe zu geben, das Einzelne kennen zu lernen und ein Ganzes zu erbauen.

Der Versuch, die Farbenerscheinungen auf- und zusammenzustellen ist nur zweimal gemacht worden, das erstemal von Theophrast, sodann von Boyle. Dem gegenwrtigen wird man die dritte Stelle nicht streitig machen.

Das nhere Verhltnis erzhlt uns die Geschichte. Hier sagen wir nur so viel, da in dem verflossenen Jahrhundert an eine solche Zusammenstellung nicht gedacht werden konnte, weil Newton seiner Hypothese einen verwickelten und abgeleiteten Versuch zum Grund gelegt hatte, auf welchen man die brigen zudringenden Erscheinungen, wenn man sie nicht verschweigen und beseitigen konnte, knstlich bezog und sie in ngstlichen Verhltnissen umherstellte, wie etwa ein Astronom verfahren mte, der aus Grille den Mond in die Mitte unseres Systems setzen mchte. Er wre gentigt, die Erde, die Sonne mit allen brigen Planeten um den subalternen Krper herum zu bewegen und durch knstliche Berechnungen und Vorstellungsweisen das Irrige seines ersten Annehmens zu verstecken und zu beschnigen.

Schreiten wir nun in Erinnerung dessen, was wir oben vorwortlich beigebracht, weitet vor. Dort setzten wir das Licht als anerkannt voraus, hier tun wir ein Gleiches mit dem Auge. Wir sagten: die ganze Natur offenbare sich durch die Farbe dem Sinne des Auges. Nunmehr behaupten wir, wenn es auch einigermaen sonderbar klingen mag, da das Auge keine Form sehe, indem Hell, Dunkel und Farbe zusammen allein dasjenige ausmachen, was den Gegenstand vom Gegenstand, die Teile des Gegenstandes voneinander frs Auge unterscheidet. Und so erbauen wir aus diesen dreien die sichtbare Welt und machen dadurch zugleich die Malerei mglich, welche auf der Tafel eine weit vollkommner sichtbare Welt, als die wirkliche sein kann, hervorzubringen vermag.

Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgltigen tierischen Hlfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte frs Licht, damit das innere Licht dem ueren entgegentrete.

Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so groer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen folgendermaen ausdrcken mchten:

 

Wr' nicht das Auge sonnenhaft,

Wie knnten wir das Licht erblicken?

Lebt' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,

Wie knnt' uns Gttliches entzcken?

 

Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es falicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von auen erregt werde. Wir knnen in der Finsternis durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenstnde wie am vollen Tage. Im wachenden Zustande wird uns die leiseste uere Lichteinwirkung bemerkbar, ja wenn das Organ einen mechanischen Ansto erleidet, so springen Licht und Farben hervor.

Vielleicht aber machen hier diejenigen, welche nach einer gewissen Ordnung zu verfahren pflegen, bemerklich, da wir ja noch nicht einmal entschieden erklrt, was denn Farbe sei? Dieser Frage mchten wir gar gern hier abermals ausweichen und uns auf unsere Ausfhrung berufen, wo wir umstndlich gezeigt, wie sie erscheine. Denn es bleibt uns auch hier nichts brig, als zu wiederholen, die Farbe sei die gesetzmige Natur in bezug auf den Sinn des Auges. Auch hier mssen wir annehmen, da jemand diesen Sinn habe, da jemand die Einwirkung der Natur auf diesen Sinn kenne: denn mit dem Blinden lt sich nicht von der Farbe reden.

Damit wir aber nicht gar zu ngstlich eine Erklrung zu vermeiden scheinen, so mchten wir das Erstgesagte folgendermaen umschreiben. Die Farbe sei ein elementares Naturphnomen fr den Sinn des Auges, das sich, wie die brigen alle, durch Trennung und Gegensatz, durch Mischung und Vereinigung, durch Erhhung und Neutralisation, durch Mitteilung und Verteilung und so weiter manifestiert und unter diesen allgemeinen Naturformeln am besten angeschaut und begriffen werden kann.

Diese Art, sich die Sache vorzustellen, knnen wir niemand aufdringen. Wer sie bequem findet, wie wir, wird sie gern in sich aufnehmen. Ebensowenig haben wir Lust, sie knftig durch Kampf und Streit zu verteidigen. Denn es hatte von jeher etwas Gefhrliches, von der Farbe zu handeln, dergestalt da einer unserer Vorgnger gelegentlich gar zu uern wagt: Hlt man dem Stier ein rotes Tuch vor, so wird er wtend, aber der Philosoph, wenn man nur berhaupt von Farbe spricht, fngt an zu rasen.

Sollen wir jedoch nunmehr von unserem Vortrag, auf den wir uns berufen, einige Rechenschaft geben, so mssen wir vor allen Dingen anzeigen, wie wir die verschiedenen Bedingungen, unter welchen die Farbe sich zeigen mag, gesondert. Wir fanden dreierlei Erscheinungsweisen, dreierlei Arten von Farben, oder wenn man lieber will, dreierlei Ansichten derselben, deren Unterschied sich aussprechen lt.

Wir betrachteten also die Farben zuerst, insofern sie dem Auge angehren und auf einer Wirkung und Gegenwirkung desselben beruhen; ferner zogen sie unsere Aufmerksamkeit an sich, indem wir sie an farblosen Mitteln oder durch deren Beihlfe gewahrten; zuletzt aber wurden sie uns merkwrdig, indem wir sie als den Gegenstnden angehrig denken konnten. Die ersten nannten wir physiologische, die zweiten physische, die dritten chemische Farben. Jene sind unaufhaltsam flchtig, die andern vorbergehend, aber allenfalls verweilend, die letzten festzuhalten bis zur sptesten Dauer.

Indem wir sie nun in solcher naturgemen Ordnung, zum Behuf eines didaktischen Vortrags, mglichst sonderten und auseinander hielten, gelang es uns zugleich, sie in einer stetigen Reihe darzustellen, die flchtigen mit den verweilenden und diese wieder mit den dauernden zu verknpfen, und so die erst sorgfltig gezogenen Abteilungen fr ein hheres Anschauen wieder aufzuheben.

Hierauf haben wir in einer vierten Abteilung unserer Arbeit, was bis dahin von den Farben unter mannigfaltigen besonderen Bedingungen bemerkt worden, im allgemeinen ausgesprochen und dadurch eigentlich den Abri einer knftigen Farbenlehre entworfen. Gegenwrtig sagen wir nur so viel voraus, da zur Erzeugung der Farbe Licht und Finsternis, Helles und Dunkles, oder, wenn man sich einer allgemeineren Formel bedienen will, Licht und Nichtlicht gefordert werde. Zunchst am Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zunchst an der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau bezeichnen. Diese beiden, wenn wir sie in ihrem reinsten Zustand dergestalt vermischen, da sie sich vllig das Gleichgewicht halten, bringen eine dritte hervor, welche wir Grn heien. Jene beiden ersten Farben knnen aber auch jede an sich selbst eine neue Erscheinung hervorbringen, indem sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie erhalten ein rtliches Ansehen, welches sich bis auf einen so hohen Grad steigern kann, da man das ursprngliche Blau und Gelb kaum darin mehr erkennen mag. Doch lt sich das hchste und reine Rot, vorzglich in physischen Fllen, dadurch hervorbringen, da man die beiden Enden des Gelbroten und Blauroten vereinigt. Dieses ist die lebendige Ansicht der Farbenerscheinung und -erzeugung. Man kann aber auch zu dem spezifiziert fertigen Blauen und Gelben ein fertiges Rot annehmen und rckwrts durch Mischung hervorbringen, was wir vorwrts durch Intensieren bewirkt haben. Mit diesen drei oder sechs Farben, welche sich bequem in einen Kreis einschlieen lassen, hat die Elementare Farbenlehre allein zu tun. Alle brigen ins Unendliche gehenden Abnderungen gehren mehr in das Angewandte, gehren zur Technik des Malers, des Frbers, berhaupt ins Leben.

Sollen wir sodann noch eine allgemeine Eigenschaft aussprechen, so sind die Farben durchaus als Halblichter, als Halbschatten anzusehen, weshalb sie denn auch, wenn sie zusammengemischt ihre spezifischen Eigenschaften wechselseitig aufheben, ein Schattiges, ein Graues hervorbringen.

In unserer fnften Abteilung sollten sodann jene nachbarlichen Verhltnisse dargestellt werden, in welchen unsere Farbenlehre mit dem brigen Wissen, Tun und Treiben zu stehen wnschte. So wichtig diese Abteilung ist, so mag sie vielleicht gerade eben deswegen nicht zum besten gelungen sein. Doch wenn man bedenkt, da eigentlich nachbarliche Verhltnisse sich nicht eher aussprechen lassen, als bis sie sich gemacht haben, so kann man sich ber das Milingen eines solchen ersten Versuches wohl trsten. Denn freilich ist erst abzuwarten, wie diejenigen, denen wir zu dienen suchten, denen wir etwas Geflliges und Ntzliches zu erzeigen dachten, das von uns mglichst Geleistete aufnehmen werden, ob sie sich es zueignen, ob sie es benutzen und weiter fhren, oder ob sie es ablehnen, wegdrngen und notdrftig fr sich bestehen lassen. Indessen drfen wir sagen, was wir glauben und was wir hoffen.

Vom Philosophen glauben wir Dank zu verdienen, da wir gesucht die Phnomene bis zu ihren Urquellen zu verfolgen, bis dorthin, wo sie blo erscheinen und sind und wo sich nichts weiter an ihnen erklren lt. Ferner wird ihm willkommen sein, da wir die Erscheinungen in eine leicht bersehbare Ordnung gestellt, wenn er diese Ordnung selbst auch nicht ganz billigen sollte.

Den Arzt, besonders denjenigen, der das Organ des Auges zu beobachten, es zu erhalten, dessen Mngeln abzuhelfen und dessen bel zu heilen berufen ist, glauben wir uns vorzglich zum Freunde zu machen. In der Abteilung von den physiologischen Farben, in dem Anhange, der die pathologischen andeutet, findet er sich ganz zu Hause. Und wir werden gewi durch die Bemhungen jener Mnner, die zu unserer Zeit dieses Fach mit Glck behandeln, jene erste, bisher vernachlssigte und man kann wohl sagen wichtigste Abteilung der Farbenlehre ausfhrlich bearbeitet sehen.

Am freundlichsten sollte der Physiker uns entgegenkommen, da wir ihm die Bequemlichkeit verschaffen, die Lehre von den Farben in der Reihe aller brigen elementaren Erscheinungen vorzutragen und sich dabei einer bereinstimmenden Sprache, ja fast derselbigen Worte und Zeichen wie unter den brigen Rubriken zu bedienen. Freilich machen wir ihm, insofern er Lehrer ist, etwas mehr Mhe: denn das Kapitel von den Farben lt sich knftig nicht wie bisher mit wenig Paragraphen und Versuchen abtun; auch wird sich der Schler nicht leicht so frugal, als man ihn sonst bedienen mgen, ohne Murren abspeisen lassen. Dagegen findet sich spterhin ein anderer Vorteil. Denn wenn die Newtonische Lehre leicht zu lernen war, so zeigten sich bei ihrer Anwendung unberwindliche Schwierigkeiten. Unsere Lehre ist vielleicht schwerer zu fassen, aber alsdann ist auch alles getan: denn sie fhrt ihre Anwendung mit sich.

Der Chemiker, welcher auf die Farben als Kriterien achtet, um die geheimern Eigenschaften krperlicher Wesen tu entdecken, hat bisher bei Benennung und Bezeichnung der Farben manches Hindernis gefunden; ja man ist nach einer nheren und feineren Betrachtung bewogen worden, die Farbe als ein unsicheres und trgliches Kennzeichen bei chemischen Operationen anzusehen. Doch hoffen wir sie durch unsere Darstellung und durch die vorgeschlagene Nomenklatur wieder zu Ehren zu bringen und die berzeugung zu erwecken, da ein Werdendes, Wachsendes, ein Bewegliches, der Umwendung Fhiges nicht betrglich sei, vielmehr geschickt, die zartesten Wirkungen der Natur zu offenbaren.

Blicken wir jedoch weiter umher, so wandelt uns eine Furcht an, dem Mathematiker zu mifallen. Durch eine sonderbare Verknpfung von Umstnden ist die Farbenlehre in das Reich, vor den Gerichtsstuhl des Mathematikers gezogen worden, wohin sie nicht gehrt. Dies geschah wegen ihrer Verwandtschaft mit den brigen Gesetzen des Sehens, welche der Mathematiker zu behandeln eigentlich berufen war. Es geschah ferner dadurch, da ein groer Mathematiker die Farbenlehre bearbeitete, und da er sich als Physiker geirrt hatte, die ganze Kraft seines Talents aufbot, um diesem Irrtum Konsistenz zu verschaffen. Wird beides eingesehen, so mu jedes Miverstndnis bald gehoben sein, und der Mathematiker wird gern, besonders die physische Abteilung der Farbenlehre, mit bearbeiten helfen.

Dem Techniker, dem Frber hingegen mu unsre Arbeit durchaus willkommen sein. Denn gerade diejenigen, welche ber die Phnomene der Frberei nachdachten, waren am wenigsten durch die bisherige Theorie befriedigt. Sie waren die ersten, welche die Unzulnglichkeit der Newtonischen Lehre gewahr wurden. Denn es ist ein groer Unterschied, von welcher Seite man sich einem Wissen, einer Wissenschaft nhert, durch welche Pforte man herein kommt. Der echte Praktiker, der Fabrikant, dem sich die Phnomene tglich mit Gewalt aufdringen, welcher Nutzen oder Schaden von der Ausbung seiner berzeugungen empfindet, dem Geld- und Zeitverlust nicht gleichgltig ist, der vorwrts will, von anderen Geleistetes erreichen, bertreffen soll, er empfindet viel geschwinder das Hohle, das Falsche einer Theorie als der Gelehrte, dem zuletzt die hergebrachten Worte fr bare Mnze gelten, als der Mathematiker, dessen Formel immer noch richtig bleibt, wenn auch die Unterlage nicht zu ihr pat, auf die sie angewendet worden. Und so werden auch wir, da wir von der Seite der Malerei, von der Seite sthetischer Frbung der Oberflchen, in die Farbenlehre hereingekommen, fr den Maler das Dankenswerteste geleistet haben, wenn wir in der sechsten Abteilung die sinnlichen und sittlichen Wirkungen der Farbe zu bestimmen gesucht und sie dadurch dem Kunstgebrauch annhern wollen. Ist auch hierbei, wie durchaus, manches nur Skizze geblieben, so soll ja alles Theoretische eigentlich nur die Grundzge andeuten, auf welchen sich hernach die Tat lebendig ergehen und zu gesetzlichem Hervorbringen gelangen mag.


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