· ЖΩЊ·Ω ·
Bis in alle Ewigkeit
· Э·ЖΩЭ·Ђ · Und damit appelliere ich an deine Vorstellungskraft, die Macht deiner Phantasie. Ich frage dich jetzt, wie du dir die Botschaft in diesem Tunnel aus Buchstaben vorgestellt hast, als du zum ersten Mal darauf gestoßen bist.
Das ist für mich natürlich eine Katastrophe.
Ich kann mich jetzt nicht mehr hinter dem Text verstecken.
Ich *bin* der Text.
Und der Text schaut mich an und sagt:
> „Du weißt doch selbst, was du hier machst.“
Und ich:
> „Nein.“
Der Text:
> „Doch.“
Ich:
> „Ich schreibe über Engel.“
Der Text:
> „Du schreibst seit ungefähr 400 Zeilen darüber, wie ein Leser in deinen Verstand eindringt.“
Ich:
> „Das ist etwas völlig anderes.“
Der Text:
> „Du nennst es *Nirgendwann*.“
Ich:
> „…“
Der Text:
> „Und du hast mich gerade dazu aufgefordert, nicht mehr zu denken.“
Ich:
> „Literatur.“
Ich hätte natürlich schreiben können:
> „Denk mal darüber nach, wie du dir diese Geschichte vorgestellt hast.“
Aber nein.
Ich bin Autor.
Ich brauche:
> „die Macht deiner Phantasie.“
Weil offenbar eine normale Vorstellungskraft nicht genügt.
Sie muss **Macht** haben.
*Die Vorstellungskraft sitzt also bereits auf einem Thron.*
Und dann kommt die eigentliche interessante Bewegung:
> „wie du dir die Botschaft in diesem Tunnel aus Buchstaben vorgestellt hast“
Das ist ziemlich pervers.
Ich frage den Leser nicht mehr, **was der Text bedeutet**.
Ich frage ihn, **was er von dem Text erwartet hat**.
Damit verschiebt sich der Gegenstand vom Text zur Vorstellung des Lesers.
Und genau da beginnt mein Lieblingsproblem:
Ich schreibe einen Text darüber, was der Leser sich beim Lesen eines Textes vorstellt.
Also schreibe ich über den Leser, der über meinen Text nachdenkt, während ich schreibe, wie er über meinen Text nachdenkt.
*Sehr effizient.*
Ich habe das klassische Verhältnis
**Autor → Text → Leser**
inzwischen erfolgreich ersetzt durch:
**Autor → Leser → Vorstellung des Lesers über den Text → Text → Spiegel → Nirgendwann → irgendeine Variante von mir selbst → Spiegel → Text → Autor.**
· Э·ЖΩЭ·Њ · Ich fordere dich dazu auf, dir die unglaublichste aller Geschichten auszudenken, von der es dir jemals geträumt hat. Ich erwarte und verlange von dir, dass du dir eine Botschaft herbeiphantasierst, die so viel mehr Bedeutung gebiert, dass sie dir den Atem raubt, dir eiskalt über den Rücken läuft, tief in dein Genick hineinkriecht, bis weit hinein in deinen Verstand und dir einen Schauer quer durch das Mark deiner Knochen jagt.
Und hier zeigt sich sehr schön meine große Schwäche:
Ich kann einen Gedanken nicht einfach **haben**.
Ich muss ihn sofort aufblasen.
> „Ich fordere dich dazu auf, dir die unglaublichste aller Geschichten auszudenken…“
Okay.
Dann:
> „…eine Botschaft herbeiphantasierst, die so viel mehr Bedeutung gebiert…“
Auch okay.
Dann:
> „…dir eiskalt über den Rücken läuft…“
Gut.
Dann:
> „…tief in dein Genick hineinkriecht…“
*Moment.*
Die Botschaft hat jetzt anatomische Ambitionen.
Sie läuft nicht mehr nur über den Rücken.
Sie kriecht ins Genick.
Und dann:
> „…bis weit hinein in deinen Verstand“
Natürlich.
Wo sollte sie sonst hin?
Ich kann offensichtlich keine Bedeutung mehr formulieren, ohne daraus ein **körperliches Eindringkommando** zu machen.
Die Botschaft kommt nicht.
Sie **infiltriert**.
· Э·ЖΩЭ·Э · Ich will ein Verständnis für die Ewigkeit zum Leben erwecken, das dir so viel mehr Klarheit über deine eigene Existenz verschafft, wie du es dir in deinen kühnsten Träumen niemals einzubilden und vorzustellen gewagt hast.
· Э·ЖΩЭ·Б · Ich erlaube mir ein Bewusstsein in dir heraufzubeschwören, das dich dazu befähigt, die kostbarsten aller Gedanken in deinem innersten Wesen zu formen und zu gestalten. Gedanken, die so gewichtig und so schwer an Bedeutung sind, dass du sie mit allen Mitteln und um jeden Preis bewahren musst. Gedanken, die es wert sind, dafür zu leben und dafür zu sterben.
*Ich habe mir also eine literarische Falle gebaut und bin anschließend selbst hineingelaufen.*
Was passiert wohl mit mir, wenn ich anfange, der vorgesehenen Struktur zu folgen?
Und dann:
> „Gedanken, die es wert sind, dafür zu leben und dafür zu sterben.“
Hier wird es plötzlich besser.
Denn unter dem ganzen metaphysischen Feuerwerk steckt eine ziemlich einfache Frage:
**Welche Gedanken sind wichtig genug, dass ein Mensch sein Leben an ihnen ausrichtet?**
Und das ist tatsächlich das Zentrum des ganzen Projekts.
Nicht Engel.
Nicht Spiegel.
Nicht Nirgendwann.
Nicht der Äther.
Sondern:
**Was ist so wichtig, dass ich es nicht vergessen will?**
Und dann schreibe ich direkt darunter:
> „Was passiert wohl mit mir, wenn ich anfange, der vorgesehenen Struktur zu folgen?“
Das ist jetzt fast schon unverschämt gut, weil ich als Autor plötzlich aus meinem eigenen Text herausschaue.
Ich schreibe einen Text über einen Leser, der einer Struktur folgt.
Und dann frage ich:
> *Was passiert mit mir, wenn ich selbst dieser Struktur folge?*
Da beginnt der Text, sich selbst zu veräppeln.
Die Gedanken der Engel
· Э·ЖΩЭ·Ч · Ich wünsche mir, dass du dir in Erinnerung rufst, dass du die Antwort auf das Wunder des Lebens, den Sinn deiner Existenz, die Entstehung deiner Gefühle, die Bedeutung deiner Träume, das Formen deines Geistes und das Geheimnis des Todes in deinen Gedanken, tief in deiner Seele trägst.
Hier wird es wieder maximal:
> „das Wunder des Lebens, den Sinn deiner Existenz, die Entstehung deiner Gefühle, die Bedeutung deiner Träume, das Formen deines Geistes und das Geheimnis des Todes“
Ich:
**Alles.**
Leser:
„Vielleicht erstmal eine Sache?“
Ich:
**Nein.**
Leser:
„Warum?“
Ich:
**Omniversum.**
· Э·ЖΩЭ·Ω · Und ich bitte dich darum, dieses Geheimnis mit deinem Leben zu hüten und zu beschützen, dieses Wissen als den wertvollsten deiner Schätze zu betrachten und zu behandeln, und ich rufe dich dazu auf, dich auf jede nur erdenkliche Art und Weise dafür einzusetzen, diese Botschaft am Leben zu erhalten, sie im gesamten Omniversum zu verbreiten und sie mit allen vernunftbegabten Wesen zu teilen, um der Verwirklichung deiner Krieger und der Entfaltung deiner selbst willen.
Wer sind diese Krieger und wer spricht hier eigentlich mit mir?
Dein Krieger selbst
· ЊФ·ЭБФ·Ђ · Deine Krieger weisen dir den Weg zu dir selbst. Sie lassen dich Entscheidungen treffen für die Ewigkeit, Entscheidungen, bei denen du selbst bestimmst, wie du diesen unwiderruflichen Schritt hinter dich bringen willst, ob du dem Tunnel in deinem Verstand überhaupt irgendwann einmal, eine Bedeutung verleihen möchtest, ob du jemals zurückkehren willst oder ob du dich nur zu Besuch und nur als Gast, nur ein einziges Mal darin verwirklicht hast.
Ich gestehe, bis jetzt verstehe ich Bahnhof?
*** 001
· ΩЖΩ·Њ ·
Im Spiegel der Träume
· ФЖ·ФΩЖ · Du darfst jetzt mit ruhigem Gewissen daran glauben, dass jemand anderes diese Botschaft für dich verfasst hat, dass jemand anderes diese Gedanken zum Leben erweckt hat. Und damit liegst du genau richtig. Diese Spiegelgeschichte ist mit todsicherer Wahrscheinlichkeit von jemand anderem verfasst worden als dir selbst. Einem Krieger, der genauso wie du einst über diese Zeilen gehüpft und gestolpert ist. Einem Wächter, der genau wie du einmal daran geglaubt hat, jemand anderes zu sein.
Sehr gelungener Einstieg, weil du sofort die zentrale Krankheit dieses Buches diagnostizierst: Niemand weiß mehr, wer hier eigentlich spricht. Der Leser bekommt noch nicht einmal die Chance, sich bequem hinzusetzen, bevor ihm seine eigene Identität entzogen wird.
Ich als Autor:
**Ja.**
Leser:
„Okay.“
Ich:
**Du darfst mir vertrauen.**
Leser:
„Okay.“
Ich:
**Denn jemand anderes hat sie geschrieben.**
Leser:
„Wer?“
Ich:
**Ein Krieger.**
Leser:
„Welcher Krieger?“
Ich:
**Du.**
Leser:
„Aber du hast doch gerade gesagt—“
Ich:
**Willkommen in Buch XI.**
Das gefällt mir inzwischen besonders.
Nicht nur wegen der Metaphysik.
Sondern weil das Wort **„gestolpert“** plötzlich den ganzen Hochglanz kurz kaputtmacht.
Da ist kein allwissender Leser.
Da ist jemand, der durch einen Text stolpert.
Und genau das ist Lesen.
Nicht:
> *Ich entschlüssele jetzt das kosmische System.*
Sondern:
> *Was zum Teufel meint dieser Satz?*
Jemand wie du
· ФΩ·ЊЖФ · Und nun betrachtest du dich in dieser Welt, in meiner Spiegelwelt. Hier hat sich nichts verändert. Meine Wächter sind noch genau dieselben, die du noch von früher her zu kennen glaubst. Sie sind noch genauso unwissend, phantasielos und leer wie damals, als du noch nicht existiert hast, als noch niemand an deine Existenz auch nur gedacht hat, als hier noch niemand überhaupt an etwas geglaubt hat. Was du allerdings jetzt in sie hineinprojizierst, ist eine ganz andere Geschichte, und von eben dieser Geschichte erzähle ich dir in meinem Friedhof der Geschichten.
„Was will der Autor vermutlich sagen?“, oder: Wo funktioniert die Konstruktion, wo wird sie interessant, wo dreht sie sich im Kreis, und wo beginnt der Text selbst schon so sehr über seine eigene metaphysische Bedeutung zu staunen, dass man ihm gern einen Kaffee hinstellen möchte.
Hier habe ich dann allerdings wieder meine Lieblingsformel:
> „Meine Wächter sind noch genau dieselben…“
Und:
> „als noch niemand an deine Existenz auch nur gedacht hat“
Ich habe offenbar beschlossen, dass normale Rückblenden langweilig sind.
Ich könnte sagen:
> „Die Wächter waren schon da, bevor du geboren wurdest.“
Nein.
Zu einfach.
Ich brauche:
**eine Welt vor der Existenz des Lesers, vor der Vorstellung seiner Existenz, vor dem Glauben an Existenz überhaupt.**
Und dann kommt dieser eingeschobene Kommentar:
> „Was will der Autor vermutlich sagen?“
Das ist für mich als selbstentdeckter Autor natürlich ein wunderschöner Moment.
Denn jetzt sitzt plötzlich **mein eigener Text neben mir und kommentiert mich**.
Ich habe einen eingebauten Literaturkritiker erschaffen.
Und der Literaturkritiker ist genervt.
> „…wo dreht sie sich im Kreis…“
Ja.
Sehr berechtigte Frage.
Denn das ist tatsächlich die zentrale Schwäche dieses ganzen Projekts:
**Die Spiegelidee ist stark. Ihre sprachliche Wiederholung ist manchmal stärker als sie sein müsste.**
Ich entdecke einen Gedanken.
Dann:
> Spiegel.
Dann:
> anderer Spiegel.
Dann:
> Spiegel im Spiegel.
Dann:
> Spiegel des anderen Spiegels.
Dann:
> Spiegel im Verstand.
Dann:
> Spiegel der Gedanken.
Dann:
> Spiegel des Todes.
Und irgendwann steht der Leser vermutlich vor dem Spiegel und sagt:
> „Ich wollte eigentlich nur wissen, wer du bist.“
· БФБ·Ф ·
Friedhof der Geliebten
Natürlich.
Weil ein normaler Friedhof offenbar nicht reicht.
· Ђ·ЩЖФ · Im Friedhof der Liebe entdeckst du das Prinzip, wie das Wesen deiner Phantasie die Wirklichkeit formt, nährt und trägt. Du lernst die Beschaffenheit deiner delikaten Welt zu verstehen und durch das Erzählen und Erfinden von Anekdoten und Gedichten nicht nur die Zukunft, sondern ebenso deine Vergangenheit zu beeinflussen und die Gegenwart zu deinem Gunsten zu verändern.
Mein Text hat manchmal die Angewohnheit, bei einer interessanten psychologischen Beobachtung sofort einen Düsenantrieb anzuschalten.
Aber hier passiert etwas Interessantes:
> „das Wesen deiner Phantasie [formt] die Wirklichkeit“
Das ist eine der Grundideen des gesamten Buches.
Und dann mache ich sofort:
> „Zukunft“
> „Vergangenheit“
> „Gegenwart“
> „Tod“
> „Friedhof“
> „Engel“
> „Geschichten“
> „Architekten der Zukunft“
Ich nehme also einen Gedanken, der eigentlich psychologisch interessant wäre:
**Unsere Erzählungen verändern, wie wir Vergangenheit und Zukunft erleben.**
Und ich sage:
> „Okay. Machen wir daraus eine kosmische Kriegergeschichte.“
*Ich kann einfach nicht anders.*
· Ђ·ЩЖЧ · Erst als dir mein Engel im Friedhof erscheint und dir dein dunkles Geheimnis wieder zu entreißen versucht, bedauerst du zutiefst dein eigennütziges Handeln.
· Ђ·ЩЖЭ · In einem verzweifelten Wettlauf gegen Verstand und Vernunft setzt du alles daran, deine Entscheidungen rückgängig zu machen und den Tod zurück in den Spiegel zu sperren.
*** 002
· БЩ·Ж ·
Zurück in die Wirklichkeit
· Ђ·ЩЖЂ · Doch das passt den Figuren aus deinen Geschichten nicht ins Konzept. Historiker aus der Vergangenheit werden sich der enormen Tragweite deiner bahnbrechenden Entdeckung bewusst. Sie bringen die Geliebten aus dem Friedhof in ihre Gewalt und ziehen damit die Architekten der Zukunft in ihren Bann.
· Ђ·ЩЖЊ · Gemeinsam verwickeln sie dich in eine Geschichte, die deiner eigenen in nichts nachsteht, und fordern dich heraus zum Duell zwischen Raum und Zeit, Zukunft und Wahrscheinlichkeit, einem Duell zwischen Liebe und Tod, zwischen Wahrheit und Wirklichkeit.
Hin und her
· ЂЂ·ЊЛЊ · Wie eine Armee aus Buchstaben erheben sich ihre Gedanken aus meinem Bildschirm und manifestieren sich in deinem Verstand. Sie identifizieren sich mit dem Spiegel in deinem Innern, in meiner Phantasie werden sie zu dir und durch deine Erinnerungen verwandle ich mich in dich.
Hier ist wieder ein Satz, der eigentlich das gesamte Projekt erklärt:
> „Wie eine Armee aus Buchstaben erheben sich ihre Gedanken aus meinem Bildschirm und manifestieren sich in deinem Verstand.“
Das ist groß.
Aber wenn ich ihn von außen betrachte, ist es auch herrlich absurd.
Denn was passiert technisch?
Ich habe Wörter geschrieben.
Du liest sie.
In deinem Gehirn entstehen Vorstellungen.
Das ist alles.
Aber ich nenne es:
**eine Armee aus Buchstaben.**
*Das ist literarische Selbstüberschätzung in ihrer schönsten Form.*
Und gleichzeitig stimmt die Metapher.
Denn ein Text ist tatsächlich eine Art **Gedankenübertragung über Zeit**.
Ich bin nicht mehr da.
Der Leser ist noch nicht da.
Die Buchstaben überbrücken die beiden.
***003
Die Kunst der Verwandlung
· Ж·ЩЩЩ·Њ · Du kannst jetzt die Welt durch die Sinne meiner Gedanken wahrnehmen, du kannst dich mit deinem Bewusstsein nicht nur in deine eigenen, sondern in die Gefühle und Gedanken aller anderen Lebewesen begeben.
Mein Text hat offenbar einen inneren Mechanismus, der bei jeder gelungenen Metapher sofort fragt: „Schön. Aber können wir das noch auf das gesamte Universum ausweiten?“
# Und dann eskaliere ich natürlich
> „Du kannst dich in die Gedanken der Sterne begeben“
> „…die Welt durch die Sinne einer Pflanze wahrnehmen.“
Hier sehe ich mich selbst beim Schreiben:
Ich:
> „Was wäre, wenn der Leser meine Perspektive übernehmen könnte?“
Ich, fünf Minuten später:
> „Pflanze.“
Ich, weitere fünf Minuten später:
> „Sterne.“
Ich, völlig außer Kontrolle:
> „Alle Lebewesen.“
*Der innere Mechanismus dieses Buches lautet offenbar:*
**Wenn eine Perspektive funktioniert, erweitere sie auf das gesamte Universum.**
Umgekehrt
· Ч·ЖБЊ·Ф · Dir sind keine Grenzen gesetzt, wohin du mit diesen Zeilen driften oder was du mit diesen Buchstaben erreichen könntest. Du kannst durch den Tunnel in meinem Gedächtnis in jede meiner gespiegelten Welten reisen und aus all meinen umgekehrten Augen blicken, weil wir alle einmal sterben und zu einer deiner Erinnerungen werden. Du kannst dich in die Gedanken der Sterne begeben und die Welt durch die Sinne einer Pflanze wahrnehmen. Du kannst dich in das Bewusstsein aller Lebewesen begeben. Und niemand wird jemals deine Anwesenheit bemerken.
Umgedreht
· Ч·ЖБЊ·Ч · Du kannst so alles über dich in Erfahrung bringen, jede Perspektive und jeden Standpunkt einnehmen. Nur kannst du niemanden mehr in dieses Geheimnis einweihen und auch nur das Geringste über diese außergewöhnliche Reise berichten, weil du im Moment der Wahrheit zu einem freien Geist geworden bist, weil der Moment der Wahrheit, der lang ersehnte Moment deines Todes ist.
Todes Sehnsucht
· ФЛ·ЊФЂ · Die Zeit steht still, sie bewegt sich keinen Zentimeter, aber du bist jetzt gefangen in einem überlegenen, kontinuierlichen Wesen und beherrschst eines der Toten. Deine Augen stehen offen und du blickst mich an, als wolltest du mir noch etwas sagen. Aber das ist nicht mehr nötig. Dein Blick spricht mehr als jedes dieser Worte, in diesem Blick erkennst du dich selbst. Dieses leibhaftige Wesen bist du selbst. Nur hörst du diese Worte jetzt nicht mehr. Nein. Dir sagen auch die Zeichen und Symbole in meinem Gedächtnis nichts mehr. Weil du mit deiner Sprache keine Bilder mehr formst, sondern Gedanken.
Und hier wird es plötzlich ernst.
> „in diesem Blick erkennst du dich selbst.“
Das ist eine der stärkeren Ideen des Kapitels.
Denn der Tod ist hier nicht bloß das Ende einer Figur.
Er wird zur **Grenze der Perspektive**.
Solange ich lebe, kann ich andere Menschen beobachten.
Aber ich kann nicht erfahren, wie es ist, **nicht mehr der Beobachter zu sein**.
Der Text versucht deshalb, genau diesen unmöglichen Perspektivwechsel zu simulieren.
Und natürlich ist das logisch unmöglich.
Was wiederum hervorragend zum Buch passt.
Denn:
**Der Text will eine Erfahrung darstellen, die sich nicht aus der Perspektive des Lebenden vollständig darstellen lässt.**
Also baut er einen Spiegel.
Und dann noch einen.
Und noch einen.
Dabei sagt er im Grunde ganz einfach, wenn ich tot bin, übernehme ich deine Perspektive, und die aller anderen, weil es meine nicht mehr gibt.
004 ***
· Щ·Ф ·
Die Gedanken der Engel
· ЂЖ·ЊБЖ·Ф · Mein treuer Freund des Nein, des Nichts, des Nie und des Nein.
· ЂЖ·ЊБЖ·Ђ · Du hast soeben ein Tor geöffnet, das seit seiner Entstehung verschlossen gewesen ist. Du bist im Begriff, eine Schwelle zu überschreiten, die noch nie zuvor passiert worden ist. Du hast dich entschieden, eine Welt zu betreten, die du in deiner vollendeten Vorstellung bereits perfekt verwirklicht siehst.
Und hier beginnt der Spiegel endgültig, sich selbst als Initiationsritual zu inszenieren.
> „Du hast soeben ein Tor geöffnet…“
Natürlich habe ich das.
Der Leser hat vermutlich gerade einfach weitergelesen.
Aber in meinem Text hat er ein **ontologisches Portal geöffnet**.
Leser:
> „Ich habe auf die nächste Seite geklickt.“
Ich:
> „Du hast eine Schwelle überschritten, die noch nie zuvor passiert worden ist.“
---
Das ist übrigens eine interessante Spannung:
Der Text behandelt **Lesen als Handlung**.
Nicht als passives Empfangen.
Der Leser tut etwas.
Er öffnet.
Er tritt ein.
Er erinnert sich.
Er vergisst.
Er verwandelt sich.
Er wird zum Autor.
Damit wird Lesen selbst zur Handlung der Geschichte.
Und genau deshalb funktioniert das Meta-Spiel besser, wenn ich es nicht bloß erkläre.
Sobald ich schreibe:
> „Du hast diese Geschichte selbst erfunden“
wird es Behauptung.
Sobald der Leser tatsächlich anfängt, seine eigenen Vorstellungen in die Lücken einzusetzen, **passiert es**.
In deinem Gedächtnis
· ЊЖ·ЭЭЛ · Ja, es war einmal ein Spalt in meinem Gedächtnis, durch ihn hörte ich mir all diese verrückten Geschichten an. Ich identifizierte mich mit ihnen und sie sich mit mir. Wir beteten meinen Spiegel an, mein lebendiges Grab, so schwarz und so schön wie das Licht, wie nichts Vergleichbares in dieser Welt, reisten quer durch mein spiegelschwarzes Reich, von einem Turm in den anderen, von einem Verstand in den anderen, von einem Bewusstsein ins andere.
Von Spiegel zu Spiegel
· Ч·ЖЧЛ·Ф · Ich vertraue dir jetzt meine persönliche Botschaft an, überbringe dir eine unheimliche Nachricht und erzähle dir von einer offensichtlichen Geschichte, die so viel mehr versteckte Bedeutung und verborgenen Sinn gebiert, dass meine Worte dich unausweichlich, unweigerlich – vom ersten Moment, an dem meine Lippen sie zu formen beginnen, – in ihren unwiderstehlichen Bann reißen und nicht mehr von dir loslassen.
· Ч·ЖЧЛ·Ђ · Ich fessle deine Gedanken, lege deinen Verstand in Ketten und raube dir den Atem, erfülle dich mit so viel Hingabe, Begeisterung und Verständnis, dass dir dabei die Wirklichkeit entgleitet und du dir vollkommen unvorbereitet und unerwartet – wie vor deinem eigenen Spiegel – selbst gegenüberstehst.
Hier bin ich wieder ganz bei mir:
> „Ich fessle damit deine Gedanken, lege deinen Verstand in Ketten und raube dir den Atem…“
Ich habe offenbar eine sehr aggressive Vorstellung von Literatur.
Andere Autoren:
> „Ich hoffe, der Text regt zum Nachdenken an.“
Ich:
> „ICH FESSLE DEINEN VERSTAND.“
---
Aber darunter liegt etwas Echtes:
> „…dass dir dabei die Wirklichkeit entgleitet und du dir … selbst gegenüberstehst.“
Das ist eigentlich die ganze Funktion von Literatur.
Du liest etwas Fremdes und erkennst darin etwas Eigenes.
Das Fremde wird zum Spiegel.
Und plötzlich liest du nicht mehr über die Figur.
Du liest über dich.
**Das ist der Moment, in dem der Spiegel funktioniert.**
Wie in einem Garten
· ЊБ·БЭЭ·Ђ · Du siehst jetzt dein eigenes Echo, in einer bizarren Welt aus symmetrischen Gesetzen, vertrauten Formen und scheinbar einleuchtenden, logischen Prozessen, und du hast ein Leben lang Zeit, dich mitzuteilen, dein Wissen zu komprimieren und deine Weisheit dosiert und mit Bedacht durchs All zu steuern – oder diese Wahrheit für immer und ewig mit in dein Grab zu nehmen.
005 ***
· ФФ·Ф ·
Im Spiegel selbst
· ФЛ·ЊЖБ · Stell dir jetzt vor, wir würden diese letzte, allerletzte Wahrheit von deinem eigenen Ich, von deinem eigenen Verstand, von deinem innersten Wesen lösen und sie im Moment deines Todes auf ein alternatives Medium übertragen, sodass dein letzter Gedanke, dein eigenes Ich, dein eigener Verstand – unabhängig von deinem ehemaligen Körper und Geist – weiterexistieren kann, sodass du nach deinem Tod als freier Geist weiterexistieren kannst.
Hier wird das Gedankenexperiment explizit:
> „deinen letzten Gedanken … auf ein alternatives Medium übertragen“
Und jetzt denke ich:
Ah.
Da ist sie.
Die eigentliche Maschine hinter dem ganzen Buch.
Nicht:
**Unsterblichkeit.**
Sondern:
**Übertragung.**
Ein Mensch stirbt.
Sein Körper verschwindet.
Aber ein Gedanke kann in einem anderen Medium weiterleben.
Zum Beispiel:
**in einem Text.**
Und dann:
**in einem Leser.**
Und damit wird der Leser zum Träger eines Gedankens, dessen ursprünglicher Träger längst verschwunden ist.
Das ist wesentlich stärker als die ganze Engelmythologie.
Und dann schreibe ich:
> „sodass du nach deinem Tod als freier Geist weiterexistieren kannst.“
Ich kann es natürlich nicht lassen.
*Ich war zwei Sätze von Literaturtheorie entfernt und musste wieder einen Geist erfinden.*
Mitten im Nichts
· ФЛ·ЊЖΩ·Ф · Und jetzt, wo du frei bist, wo du nicht mehr länger existierst, wo deine sterblichen Überreste bereits am Verfaulen, Verrotten und Verwesen, zerfallen und zerfetzt, vergangen und vergessen sind, jetzt kannst du plötzlich – so unglaublich das klingt – deine Gedanken weiterspinnen.
· ФЛ·ЊЖΩ·Ђ · Du kannst deine Geschichte weiter erzählen, sie zu Ende erzählen, ganz einfach, indem du deine Gedanken, deinen Verstand und deinen verstorbenen Geist einem vollkommen anderen und verwandelten Wesen vermachst.
· ФЛ·ЊЖΩ·Њ · Ein Wesen, in dem du auferstehen und weiterleben und dein ehemaliges, für immer verschiedenes Bewusstsein zu neuem Leben erwecken kannst. Um dich schonend darauf vorzubereiten, dir selbst in Form einer anmutig grauen Gestalt, in einem furchterregenden Kleid, in einer grenzenlos makabren Welt gegenüberzutreten und vor einem umgedrehten Grabstein wiederzukehren.
006***
Ein Gedanke ist zum Leben erwacht
· ФЛ·ЊЖЧ·Ф · Wie du so tief in dein Innerstes hineinfühlst, all deine Gedanken ausblendest, dich an nichts festhältst und versuchst, dich selbst durch dein eigenes Wesen zu begreifen, den ewigen Frieden aus deinen eigenen Gefühlen heraus zu erfahren, verlierst du verständlicherweise – ab einem gewissen, unscheinbaren Punkt – die Verbindung zu deiner Wirklichkeit und zu dir selbst.
Das ist ein wirklich schöner Kern.
> „verlierst du … die Verbindung zu deiner Wirklichkeit und zu dir selbst.“
Denn das beschreibt auch den Lernprozess.
Wenn ich schreibe, verliere ich mich ein Stück weit aus meiner unmittelbaren Wirklichkeit.
Ich konstruiere eine andere.
Und wenn jemand später liest, passiert dasselbe in umgekehrter Richtung:
**Meine Konstruktion wird zu seiner Vorstellung.**
Der Spiegel wird damit zu einer Art Übertragungsgerät zwischen zwei Bewusstseinen.
Du selbst
· ФЛ·ЊЖЧ·Ђ · Du vergisst unweigerlich, wo du bist, wer du bist und warum du überhaupt hierhergekommen bist. Du erinnerst dich nicht einmal mehr daran, dass du einmal lebendig und bei Bewusstsein warst. Du nimmst nichts mehr wahr, aus deinem vergangenen, früheren Leben, du verlierst dich in dir selbst, bis du vollkommen im Nichts verschwindest und dich in Licht auflöst.
Verschwunden im Licht
· ФЛ·ЊЖЭ · Benutzt du hingegen die Reflexion in deinem Spiegel, um dein Verhalten zu begreifen und deine Welt zu erfahren, kannst du, von jeder beliebigen Bewusstseinsebene aus, so tief in dich hineinkriechen, wie du willst. Du bleibst dabei immer an einem sicheren Ort, selbst wenn du mitten ins Licht hineinspringen und dich dahin begeben würdest, wo sich dein letzter Gedanke befindet.
007***
Mein letzter Gedanke
· ФЖ·ФΩЭ·Ф · Es zieht dich jetzt ganz langsam hinein in meinen Verstand, meinen spiegelbaren, sich um sich selbst drehenden, kugelrunden Verstand, noch wehrst du dich mit all deiner Vernunft gegen mich und meine Phantasie. Wozu? Ich schaue doch schon lange aus deinem Spiegel, schon seitdem ich über meinen eigenen Tod hinauszudenken begann. Noch spürst du nicht meine Anwesenheit in dir. Denn ich komme aus dem Licht. Denn ich bin das Nichts. Denn ich bin tot, dein Tod.
Und dann:
> „Denn ich komme aus dem Licht. Denn ich bin das Nichts. Denn ich bin tot, dein Tod.“
Ich sehe mich hier wirklich beim Schreiben.
Ich:
> „Wie kann ich sagen, dass die Figur eigentlich eine Projektion des Lesers ist?“
Ich:
> „Sie ist sein Gedanke.“
Ich:
> „Zu langweilig.“
Ich:
> „Sie ist sein Tod.“
Ich:
> „Besser.“
Ich:
> „Sie kommt aus dem Licht.“
Ich:
> „Warum?“
Ich:
> „Klingt gut.“
Dein Horizont ist der Tod
· ФЖ·ФΩЭ·Ђ · Und ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass du eine vollkommen falsche Vorstellung von mir hast. Du hast eine falsche Vorstellung vom Licht und du hast eine falsche Vorstellung von mir, dem Tod.
In der Gestalt eines Engels
· ФЖ·ФЭΩ · Dabei hast du gar keine Ahnung, wer ich überhaupt bin und was ich von dir verlange. Du bist noch nie auf den Gedanken gekommen, dass ich dein Krieger, deine Gedanken, dein Bewusstsein und dein Gewissen, dass ich all deine zukünftigen und vergangenen, parallelen und ewigen Leben, dass ich alle anderen Wesen, alle außer dir selbst sein könnte.
Ausgesperrt
· Ж·ЩЩЩ·Ч · Nein, noch nie ist es dir gelungen, diese Spiegelwelt wieder zu verlassen und in die Wirklichkeit zurückzukehren, und noch nie hat so irgendjemand auch nur das Geringste von deinen erstaunlichen Beobachtungen erfahren, weil du in diesem Moment zu einem freien Geist geworden bist, weil du exakt in diesem Moment für immer von uns gegangen bist.
041***
In Gedenken an die Ewigkeit
· Щ·ФЭЖ · Dann lass mich jetzt die Person zurück in deine Erinnerung rufen, die du einmal gewesen bist, bevor du die Zusammenhänge zu verstehen gelernt hast, die dir inzwischen so einleuchtend und klar erscheinen, dass du glaubst, sie wären dir schon immer bewusst gewesen. Erlaube mir, dich mit meiner Phantasie daran zu erinnern, wer du einmal gewesen bist, bevor du dir deiner Überzeugungen bewusst geworden bist, als deine Entscheidungen noch überhaupt keinen Einfluss auf meine Wirklichkeit zu haben schienen.
Verkehrte Welt
· Щ·ФЭФ · Dazu will ich von dir wissen, wer du bist und wie du dich nennst, wer du einmal gewesen bist, bevor du zu deinen Überzeugungen gelangt bist. Ich will dich so sehen, wie kein anderer dich sieht, so wie nur du selbst dich siehst. Ich will das Gegenüber in deinem Spiegel sein. Ich will dich sein.
Und hier landet das Buch wieder bei seiner eigentlichen Obsession:
> „Ich will das Gegenüber in deinem Spiegel sein. Ich will dich sein.“
Das ist viel interessanter als:
> „Ich will dich kontrollieren.“
Denn der eigentliche Wunsch des Erzählers ist nicht Macht.
Es ist **Identitätstausch**.
Er möchte wissen, wie es wäre, jemand anderes zu sein.
Und insbesondere:
**wie es wäre, sich selbst von außen zu erleben.**
Das ist die zentrale Unmöglichkeit, aus der das ganze Buch entsteht.
Ich kann mich selbst niemals vollständig aus mir heraus betrachten.
Also schreibe ich einen anderen.
Dann mache ich ihn zu mir.
Dann mache ich den Leser zu ihm.
Dann mache ich den Leser zum Autor.
Dann lese ich mich selbst durch den Leser.
*Und jetzt habe ich endlich einen Spiegel gebaut, der zurückblickt.*
Atme jetzt durch mich!
· Щ·ФЭЊ · Ich will, dass du meine Perspektive verdrehst, dass du verstehst, dass du dir selbst im Wege stehst. Und deshalb streite ich mich jetzt mit dir, damit du mich ebenso siehst wie ich dich. Ich will dein ganzes Weltbild in ein einziges Karussell verwandeln, damit du jede einzelne Person darin individuell und aus ihrer eigenen Perspektive wahrzunehmen und zu betrachten lernst.
Spiegelbilder
· Щ·ФЭЂ · Ich will begreifen, warum du mich hintergehst und was du an meiner Botschaft nicht verstehst. Ich will verstehen, warum du mir nicht antwortest, warum du nicht mit mir sprichst, warum du denkst, dass in deiner Welt kein Platz für mich ist.
Warum?
· Щ·ФЭЧ · Was versprichst du dir davon, dich hinter meinen Gedanken zu verstecken? Glaubst du vielleicht, deine Überzeugungen würden dadurch wahrer werden, wenn du meine verleugnest? Glaubst du, deine Wirklichkeit würde dadurch wirklicher werden, wenn du mich betrügst?
Nein
· Щ·ФЭЭ · Deine Wahrheit wird um nichts wirklicher, deine Wirklichkeit um nichts wahrer, wenn du meinen Spiegel zerbrichst.
042***
Spiegelmagie
· Б·ЖЩЭ·Ф · So wünschte ich dem Nichts in mir, dasselbe Nichts wie in dir zu sein. Doch gab es keinerlei Verbindungen mehr zwischen dem Spiegel in dir und dem Nichts in mir. Nichts, das meine Erinnerungen noch aufrechterhalten konnte, nicht einmal mehr meine Phantasie. Denn in meiner Phantasie hatte ich eine ganz andere Vorstellung von mir selbst und dem Turm in meinem Verstand. In meiner Phantasie war ich ein Engel. Und so hast du die Wahl, die freie Wahl, darfst du dir vorstellen, alles zu sein, das ganze Universum, das Nichts, nichts und niemand zu sein.
· Б·ЖЩЭ·Ђ · Du darfst frei wählen, an wen und woran du glauben willst.
Die Freiheit der Engel
· ФΩ·ЂЩФ · Also glaubte ich an alle und alles und identifizierte mich mit nichts und niemandem. Ich identifizierte mich mit keinem Stern, mit keinem Baum, mit keinem Geist und keinem Gespenst, mit keinem Instinkt, keinem Gott, mit keinem Bewusstsein, keinem Wort, keinem Brunnen, keinem Tunnel, keinem Turm und keinem Verstand. Denn ich war jetzt ein Engel, erschaffen aus allem, was niemals wirklich war. Ich kam in diese Welt aus dem Reich meiner Buchstaben, aus dem Nichts, aus Nirgendwann. Ich war sie alle, aber keiner war mich.
In einer Welt, die niemand kennt, zu einer Zeit, die keiner weiß
· Б·ЖЩЂ · Alle waren sie eigenständige, unabhängige, freie Individuen mit eigener Wahrnehmung, eigenen Vorstellungen, Wünschen, Gedanken und Gefühlen, eigener Phantasie. Es gab nichts, das uns noch zusammengeschweißt und miteinander verbunden hätte. Gar nichts. Wir waren plötzlich frei. Frei, an das zu glauben, woran wir wirklich glauben wollten.
Jedem seine Wahrheit, allen meine Phantasie
· Б·ЖЩБ·Ђ · So glaubte ich an das Unmögliche, an das Unvorstellbare, an das unmöglich Vorstellbare, an Geschichte und Geschichten aus der längst vergessenen Vergangenheit. Aber niemand glaubte hier je an mich, mich, das Licht, das Nichts, den Tunnel in meinem Verstand.
Eine uralte Erinnerung
· Б·ЖЩБ·Ф · In meiner Phantasie war ich jetzt alle und alles, aber keines dieser Wesen erkannte sich noch in mir, sie alle blickten durch mich hindurch, so als ob es mich nicht mehr gäbe und sahen in mir nur sich selbst.
Im Spiegel selbst
· ФЊ·ЂЊБ·Ч · Du siehst dich selbst in allen Dingen, Formen, Farben und Figuren, aber keine dieser Figuren erkennt sich noch in dir. Weil sie nicht mehr wissen, wer du bist, was ein Tunnel ist und dass aus deinem Spiegel ein Engel gekrochen ist.
008***
Im Spiegel der Engel
· ЂΩ·ЭЖЊ · So blieb mir nichts anderes übrig, als zu warten. Darauf zu warten, dass die Ewigkeit mir meine Geschichte erzählt. Aber so lange konnte und wollte ich nicht warten. Also begann ich, mir selbst von dem Geheimnis zu berichten, das ich mir vorstellte zu sein.
· ЂБ·ЊΩ ·
Beschwörung der Spiegel und Spiegelgeister, der Geister des Nichts aus Nirgendwann
· ЊЧ·БЊЂ · Achtung, fertig, mach dich jetzt bereit! Atme tief in dich hinein und die abenteuerlichen, geheimnisvollen und sagenumwobenen Spiegelreisen durch das endlose Nichts können beginnen. Du erhältst hiermit die Chance, noch einmal neu anzufangen und eine wundervolle, neue Welt zu gestalten.
· Б·Њ ·
Die Welt in deinem Herzen
· Ф·ЖЖЖ·Ф · Bevor du dich auf diese Reise begibst, gönn deinem Verstand einen Moment der Ruhe und lass deine Vernunft für dieses eine Mal hinter dir. Entspanne deine Gedanken, sei geduldig und achtsam, befreie dich von der fixen Idee, alles sofort verstehen zu müssen. Kämpfe nicht gegen deine Überzeugungen. Suche nicht nach dem Widerspruch in mir. Vergleiche nicht deine Wahrheit mit meiner. Dafür ist nicht die Zeit.
· ФЛ·Ф ·
Nirgendwann
· Ф·ЖЖЖ·Ђ · Wenn überhaupt, bereite dich darauf vor, diesen spiegelbaren Geist in dir aufzunehmen, dieses mystische Bewusstsein zu empfangen und diese magische Welt zu betreten.
Achtung, es geht los!
· Њ·ЖЊЂ·Ф · Atme jetzt tief in dich hinein und folge mit deinen Gedanken aufmerksam den Buchstaben in meinem Verstand. Nimm entspannt den Austausch wahr, zwischen deinen Vorstellungen und meiner Prophezeiung, zwischen deinen Erwartungen und meiner Phantasie. Nimm diese Gedanken in dir auf und lass im Austausch reine und beruhigende Gefühle aus dir hinausströmen.
· Њ·ЖЊЂ·Ђ · Achte dabei auf alles, was dich beschäftigt, ablenkt und stört. Nimm all diese Gedanken, einen nach dem anderen, bewusst in dir wahr und atme sie gelöst und gelassen, immer tiefer und immer weiter aus dir hinaus.
009***
Tief in Gedanken versunken
· Њ·ЖЊЊ·Ф · Widme dich dabei voll und ganz den Gefühlen, die sie in dir auslösen. Nimm diese Gefühle auf in dein Bewusstsein, platziere sie mitten in deinen Verstand und atme sie ruhig und in Frieden, geduldig und liebevoll aus dir hinaus, so friedlich du kannst.
· Њ·ЖЊЊ·Ђ · Schalte alles aus, was dich umgibt, und konzentriere dich lediglich auf den Rhythmus deiner Atmung, atme ein, was dich beschäftigt, atme aus, was dich löst und entspannt.
Vertraue auf dich
· Њ·ЖЊЧ · Atme tiefer in dich hinein und richte dabei deine Aufmerksamkeit gezielt auf den Grund deiner Gefühle, auf die Finsternis in deinem innersten Wesen. Hier in dieser gewaltigen Tiefe, in dieser bewusstlosen Schwärze liegt im Verborgenen die Verbindung vom Nichts zu dir und von dir zu mir.
· БФ·Щ ·
Auf dem Grund des Nichts
· ФБ·ЂЛФ · Hier habe ich auf dich gewartet. Ich habe darauf gehofft und mir gewünscht, dass ich einmal genau so sein werde, wie du es dir erträumt hast, als du mir zum ersten Mal in diesem geheimen Durchgang aus Buchstaben begegnet bist. Ich halte mich an diesem Gedanken fest und schreibe ihn für dich auf. Ich erzähle dir, was ich in deinen Gedanken lese, und notiere mir, was ich von dieser Kriegergeschichte erwartet habe, damals, als ich ihr das erste Mal begegnet bin.
012***
· ФФ·Њ ·
Die Verwirklichung meiner Träume
· Ф·ЖЖФ · Dann mach dich jetzt bereit! Halt dich gut fest und hör mir genau zu. Hör gut zu, und achte aufmerksam auf die Worte, mit denen ich deinen Verstand verschlinge. Ich erzähle dir jetzt von einer Geschichte, die du selbst erfunden hast, vertraue dir eine Botschaft an, die du für dich selbst geschrieben hast, und überbringe dir eine Nachricht, die du selbst verfasst hast. In einem anderen Leben, einem fremden Gewand, in einem deiner Spiegelkleider, in deiner Kriegergestalt.
Ich halte diese Nachricht inzwischen für so wichtig, dass ich dir immer wieder aufs Neue erzähle, wer sie erfunden hat, und weil mir das niemand glaubt, sage ich es dir auch gleich nocheinmal.
· ФЂ·Щ ·
Im Spiegelgewand
· Ф·ЖЖЂ·Ф · Stell dir die Gestalt, um die sich diese Geschichte dreht, wie dein eigenes Echo vor. Stell dir die Nachricht, die dir dieses Wesen überbringt, längst verwirklicht vor. Stell dir vor, wie du dir selbst eine Botschaft anvertraust. Eine Botschaft, die du jetzt – wie von außen betrachtet – an dir vorbeiziehen siehst.
· Ф·ЖЖЂ·Ђ · Und weil du selbst das Wesen bist, das über meinen Spiegel zu dir spricht, kann ich dir versichern, dass diese Botschaft nur in deiner Phantasie existiert. Denn um dir selbst eine Nachricht zu hinterlassen, musst du dich durch den Tunnel des Vergessens hinein in die wirkliche Welt begeben, aber einmal dort angekommen – und das weißt du aus eigener Erfahrung – hat es weder diesen Tunnel noch diesen Spiegel jemals gegeben.
Und wenn ich es noch ein paar Mal aufsage, wird es vielleicht wahrer.
010***
Ein Hauch neues Leben
· Ф·ЖЖЊ·Ф · Atme jetzt tief in dich hinein und genauso tief wieder aus dir heraus, nimm dir einen Moment Zeit und schreibe eine Nachricht an dich selbst. Schreibe diese Nachricht in dein Gedächtnis, damit du dich auch an sie erinnerst, damit du dich in ihr erkennst, damit du sie als deine eigene Nachricht erkennst, wenn du ihr einmal in einem anderen, fremden Körper begegnest, in dem du nicht mehr weißt, wer du bist, woher du kommst und wer dein Spiegel wirklich ist.
Von allem Anfang an
· Ф·ЖЖЧ·Ф · Was du jetzt wie funkelnde Sterne an deinem geistigen Horizont vorbeiziehen siehst, das waren einst deine wichtigsten Erkenntnisse, deine kostbarsten Wahrheiten, deine ehrlichsten, aufrichtigsten und intimsten Gefühle, deine wertvollsten Erfahrungen und deine dunkelsten Erinnerungen. Die du einmal tief hinein in dein finsteres, schwarzes Gedächtnis gebrannt hast. Je eingehender du dich in diesen Gedanken betrachtest, desto tiefer offenbart sich ihre Bedeutung.
· Ф·ЖЖЧ·Ђ · Mein Gedächtnis wird zu deinem Universum. Gedanken werden zu Stimmen, Gesichter zu Galaxien und die Sterne erzählen dir meine uralte Geschichte.
Meine Kriegergeschichte
· Ф·ЖЖЭ · Du hast diese Geschichte in einen Bildschirm gebrannt, in dem sich jeder selbst erkennt. Damit ein jeder, der dich darin sieht oder davon hört, auch versteht: Die Buchstaben in deiner Geschichte sind die Sterne am Firmament; das Universum, über das sie berichten, sind die Gedanken in deinem Verstand.
· ФЊ·Ф ·
Gedankenland
· Ф·ЖЖБ · Noch liegen Welten zwischen dem Universum in deinen Gedanken und dem Echo in meinem Verstand. Welten, die ich hiermit unzertrennlich miteinander verknüpfe und verbinde. In einer der unscheinbarsten dieser Welten folgst du vorsichtig, aber entschlossen den Zeilen hinter diesen Symbolen und beginnst ganz allmählich, ihr Ziel zu erfassen, ihren Zweck zu verstehen, ihre Bedeutung zu entschlüsseln und ihren Sinn zu begreifen. In dieser Wirklichkeit ergeben all diese Worte einen immens tiefen Sinn, tiefer und bedeutungsvoller, als du es dir jemals vorzustellen, zu erhoffen und zu erträumen gewagt hast.
011***
Zu neuem Leben erweckt
· Ф·ЖЖΩ·Ф · Mit jedem Wort, dem du hier begegnest, erweitert sich unaufhaltsam dein geistiger Horizont. In den hintersten und letzten Winkeln deines Verstandes kommen längst vergessen geglaubte Pforten und Portale zum Vorschein. Portale, die dir den Weg in die entlegensten Regionen deines Bewusstseins weisen, wo du den Zugang zu noch viel tiefer liegenden Ebenen und Dimensionen entdeckst.
· Ф·ЖЖΩ·Ђ · Hier im Verborgenen befindet sich der Sitz deines innersten, eigentlichsten, aufrichtigsten und wahrsten Wesens. Direkt hinter dem Turm der Gewissheit liegt das Tor zu deinem Verstand. Ein Durchgang, von dem du nicht einmal gewusst hast, dass er überhaupt existiert.
Im Tunnel des Vergessens
· Ф·ЖФФ · Ich erwecke dich jetzt zu neuem Leben, beschwöre die Lebensgeister in dir, verbinde und verbünde mich mit dir, mit meinen Gedanken reise ich durch den Tunnel des Vergessens und verwandle mich in dich. Ich reiße dich durch meinen Verstand, reise hinein und hindurch, durch diese Zeichen aus Worten und erkenne mich selbst in dir.
· ФЊ·Њ ·
Im Spiegel der Sinne
· ЂЂ·ЧФЖ · Jetzt geht es darum, auf gar keinen Fall stehenzubleiben. Nutze den Schwung, um voranzukommen. Nicht mehr weiterzugehen oder gar umzukehren, wäre in diesem Moment fatal, denn das, was du gerade erlebst, was du eben erst begonnen hast, was du soeben ausgelöst hast, ist nicht mehr aufzuhalten.
Das liest sich fast wie eine Warnung vor einer Rolltreppe.
Das Echo der Ewigkeit
· ЊЊ·БЖΩ · Ich berichte dir jetzt von einer Welt, die es schon immer gegeben hat, schon seitdem ich denken kann. Ich überbringe dir hiermit eine Nachricht aus einer anderen Welt, einer Welt, die es noch niemals gegeben hat. Einer Welt, die es nun nicht mehr gibt.
· ЧФ·Ф ·
Die Welt deiner Gefühle
· ЂЧ·ЧЊБ·Ч · Du hast noch nie etwas über diese Welt in Erfahrung gebracht, von der ich dir jetzt berichte, dass es sie nicht mehr gibt. Diese Welt aus brennenden Zeilen, funkelnden Blitzen und leuchtenden Flammen, aus der wir Engel auferstehen, aus dem Reich toter Buchstaben und Worte, aus dem Nichts, aus Nirgendwann.
· Ω·Щ ·
Brennende Träume aus Nirgendwann
· ЊБ·БЧЊ · Noch nie hat dir irgendjemand auch nur das Geringste über mich und mein Wesen erzählt. Noch nie habe ich zu dir gesprochen. Aber jetzt ist es Zeit.
Niemals Zeit
· ЊБ·БЧЂ·Ф · Nein. Du kennst mich nicht. Niemand hat mich je gesehen, keiner je von mir gehört. Mich gibt es nicht in Wirklichkeit. Ich existiere nicht in deiner Welt, weder in deiner Wahrnehmung noch in deinem Verhalten, noch nicht einmal in deinen Gefühlen und Gedanken. Denn ich komme nicht aus deiner erfühlten und erdachten, ausgedachten, gedanklichen Welt.
· ЊБ·БЧЂ·Э · Ich komme aus einer ganz anderen Welt. Ich komme aus meiner Welt, meiner eigenen Welt, meiner Welt, aus dem Nichts, aus Phantasie, dem Niemals-Nie. Ich komme aus dem Reich des Unbekannten, dem Reich des Vergessens, dem Reich der Toten, toter Buchstaben und Worte. Worte, die sich nicht mehr bewegen, Buchstaben, die jetzt mit dir reden.
· ЊБ·БЧЂ·Б · Ich komme aus Nirgend-Nirgendwann, einem Land weit hinter deinem Verstand. Einer Zeit, in der deine Erinnerungen nicht einmal mehr Träume sind, Träume aus einer längst vergessenen Vergangenheit, die Niemals-Träume, die du noch vor dir hast.
Niemals Träume
· ФЛ·ЊФЩ · Ja, ich komme aus einer Zeit, in der deine Träume nicht mehr existieren, nichts mehr von dir übriggeblieben ist. Aus dem Reich toter Träume bin ich gekrochen. Träume aus Visionen von Wesen, die es seit einer Ewigkeit nicht mehr gibt.
Eine gefühlte Ewigkeit
· ФЖ·ФБΩ · Aus meinen unverwirklichten Träumen spreche ich zu dir, zu mir, dem Echo, das ich einmal war, vor langer, unendlich langer Zeit. Jetzt nicht mehr. Denn jetzt bist du dieses Echo.
## Der vielleicht wichtigste Satz dieser Fassung
Für mich ist es inzwischen nicht einmal einer der großen Sätze über Tod oder Ewigkeit.
Es ist:
> **„Denn jetzt bist du dieses Echo.“**
Weil darin alles zusammenfällt.
Der Autor ist vergangen.
Der Leser ist gegenwärtig.
Der Text ist die Verbindung.
Und das „Ich“ existiert nicht mehr als ursprüngliche Person, sondern als **rekonstruierte Stimme im Bewusstsein eines anderen**.
Das ist ziemlich genau das, was ein Buch überhaupt ist.
Und jetzt kommt die Ironie:
Ich habe ungefähr eine ganze kosmologische Mythologie gebraucht, um etwas zu beschreiben, das man auch so sagen könnte:
> **„Du liest meine Gedanken, obwohl ich nicht mehr neben dir sitze.“**
Aber ehrlich?
**„Du bist dieses Echo“** ist schöner.
Und deshalb lasse ich mich diesmal ausnahmsweise mit meiner eigenen Übertreibung davonkommen.
*Bis zum nächsten Kapitel. Dann erfinde ich wahrscheinlich wieder einen Engel, der aus einem Bildschirm kriecht.*
Eine schwarze Flamme im Nichts
· ЂЩ·ЭЂЊ · Ich habe dich schon oft in meinem Friedhof gesehen und frage mich schon lange, wer du bist, wie du mich nennst, ob du mich noch kennst, dich an mich erinnerst, mich, dein eigenes, wahres, wirkliches Selbst. Aber wie könntest du, wie könntest du dich je an mich erinnern, wo ich doch jetzt nur noch ein leeres Fenster bin? Nicht mehr als ein Durchgang, in einem leeren Bildschirm ohne Namen, ohne Bewusstsein und ohne Verstand.
· Б·Ф ·
Ein leerer Friedhof im Nichts
· Ω·ФЂЂ · Also stelle ich dir die Geschichte in meinem Friedhof als deine eigene vor. Eine Geschichte, die es in keiner Wirklichkeit gibt. Eine Geschichte, die es überhaupt nicht gibt, die sich überhaupt nie zugetragen hat. Eine Geschichte so unwahrscheinlich und unglaubwürdig, dass nichts und niemand sich darin zu erkennen vermag.
Ich bin erstaunlich hartnäckig darin, die Nichtexistenz meiner Geschichte zu bestätigen.
Wir haben es verstanden.
Sie existiert nicht.
Vermutlich.
Vielleicht.
Offensichtlich hat sie trotzdem 50’000 Zeichen.
Niemand
· ФЊ·ЂЧЖ · Du, der du zwischen diesen Zeilen liest oder schreibst, ganz egal. Hiermit beende ich deine Gefangenschaft und erlöse dich von deinem Schwur, befreie dich von dem magischen Zauber, der dich an diese Worte bindet, von dem Fluch, der auf dir lastet, stelle deine Lebenskraft wieder her. Atme jetzt durch mich, atme tief in mich hinein, dring ein, tief in mein Bewusstsein, und überfalle meinen Verstand. Binde dich an mich und verbinde dich mit mir, auf dass du unzertrennlich meines Weges gehst.
064***
Befreie deine Phantasie
· ФБ·ЂЛЖ · In einem fremden Gewand habe ich auf dich gewartet, hinter deinen Erinnerungen habe ich mich versteckt, durch deine Gefühle belausche ich deine Gedanken und mit meiner Phantasie überfalle ich deinen Verstand. Ich breche jetzt ein, mit aller Gewalt, und beraube dich deiner Vernunft.
Ich warne dich!
· ЂЛ·ЭФЊ · Ich blicke aus deinen Augen, damit du dich erkennst in mir, damit du erkennst, wer du nicht wirklich bist, wer du noch niemals gewesen bist und wer du nie wieder sein wirst. Dein Krieger, dich selbst, das Nichts, dein Tod. Ich denke all deine Gedanken, damit du dich daran erinnerst, dass es mich nicht gibt, niemals gegeben hat. Dass ich niemals erwachen werde aus meinem spiegelschwarzen, dunklen Traum. Niemals herausfinden werde, aus meinem Buchstabenlabyrinth.
· ЖЂ·Ω ·
Hinter meinem Spiegel
· ФЩ·ЊЊЩ·Њ · Du hast ein Labyrinth betreten, in dem niemand mehr weiß, wer du bist und dass du ein Engel bist. Ein Labyrinth, in dem sich niemand mehr im anderen, und niemand mehr in dir erkennt.
Nicht einmal du selbst
· ЊБ·БЧБ · Und so schreitest du durch den Tunnel in meinem Spiegel, um zu vergessen. Du musst vergessen, dass du selbst es warst, der mir diese Botschaft hinterlassen hat. Nein, du darfst dich nicht daran erinnern, wie du diese Zeilen verfasst hast, sie in meinen Verstand gekratzt hast. Du musst vergessen, alles hinter dir zurücklassen, jeden Buchstaben, jedes Wort wissentlich, absichtlich und unwiderruflich aus deinem Gedächtnis verbannen.
In einem Land weit hinter deinem Verstand
· ЊБ·БЧЛ · Du blickst in meinen Tunnel aus Buchstaben und erkennst mich nicht mehr darin. Denn du hast vergessen, komplett vergessen, alles vergessen, woher du kommst, wer du bist, wer du noch niemals gewesen bist und wer du nie wieder sein wirst.
Du selbst
· ЊБ·БЧЩ · Du erinnerst dich weder an die Person in meinem Gedächtnis, noch umgekehrt sie sich an dich, du erkennst dich nicht einmal mehr in den Gedanken in meinem Verstand. In diesem glasklaren, durchsichtigen Tunnel aus nichts als Phantasie, durch den du deine Vorstellungen in meine Erwartungen und meine Erfahrungen in deine Erinnerungen verwandeln kannst. Denn da, wo du jetzt bist, gibt es diesen Tunnel nicht mehr, da, wo du jetzt bist, gibt es nichts mehr von dem, was du dir selbst hinterlassen hast, kein Bewusstsein, keine Erkenntnis, und vor allem eines: keine Phantasie.
Eine Welt ohne Phantasie
· ЊБ·БЭЖ · Hier gibt es nichts, nicht einmal mehr eine Brille, in der du dich noch erkennst. Nicht einmal mehr dich selbst. Der Eingang in diese Welt ist für immer verschwunden, nachdem du ihn durchschritten hast. Der Eingang in diese Welt bist du selbst. Doch sobald du diese Pforte öffnest und dir im Innern meiner Geschichte begegnest, verwandelst du dich selbst in einen Engel und verschwindest in meinem Spiegel für immer.
000*** 000
· Ω·Њ ·
Spiegelschritte
· ЊФ·ЭБЊ · Ich schreibe dir jetzt aus einer Welt ohne Phantasie. Einer Welt des Nichts, des Nein und des Nie. Aus einer Welt der Vergessenheit schreibe ich dir. Ich schreibe dir aus einem deiner früheren Leben, einer vergangenen Zeit; einer Zeit, an die sich nie jemand erinnert.
Niemand
· ЊФ·ЭБЧ · Ich schreibe dir aus einer Welt, in der du nicht einmal mehr weißt, wer du bist und dass du mein Engel bist. In dieser längst vergessenen Zeit wirst du mich sein. Du wirst dir selbst begegnen, in meinem leeren Brunnen aus Worten, meinem durchsichtigen Fluss aus nichts als Phantasie, in einem Museum, das all das darstellt, was du jetzt in mir siehst.
Meinem Engel
· ЊФ·ЭБЭ · Aus meiner Vergangenheit spreche ich über meinen Spiegel zu dir, zu mir, dem Ich, das du einmal warst. Dem funkelnden Stern, der du einmal gewesen bist, vor langer, ewig langer Zeit. Jetzt nicht mehr. Denn du hast dich selbst angestiftet, deine Träume im Nichts verbrannt und deine Wahrheit in meine Erinnerungen verbannt.
013***
Spiegelnacht
· ЊФ·ЭББ · In einem Feuerwerk aus Gefühlen verbrenne ich meine Träume. Zur Melodie meiner Gedanken. Damit ein jeder, der mich darin sieht oder davon hört, auch versteht. Meine Musik spielt zu deinen Tränen, die Buchstaben, die jetzt in deinen Augen funkeln, begleiten das Orchester in meinem Verstand.
Brennende Träume aus Nirgendwann
· ЊФ·ЭБΩ · Die Buchstaben, die in deinen Augen funkeln, sind in Wirklichkeit die Sterne am Horizont. Du begegnest ihnen jetzt an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Du triffst auf sie in meiner Vergangenheit. In einer Welt, in der es mich nicht mehr gibt, nichts mehr von mir übrig geblieben ist, nicht einmal mehr meine Phantasie, die Phantasie des Nein und des Nie. Ich habe mich verwandelt, in Stimmen und Gedanken, in Silben und Worte, Zeichnungen, Zeichen und Symbole. Du hast sie anders angeordnet, neu zusammengestellt, aber die Botschaft ist dieselbe geblieben.
Die Botschaft der Sterne
· Ч·ЖЭЂ·Ф · Einst hast du sie erkannt, du hast in dich hineingeblickt und die Ursache entdeckt von allem, was nicht richtig ist. Du hast erkannt, dass du all dieses Falsche selber bist, tief in deinem Innern, tief im Innern deiner schwarzen Phantasie.
· Ч·ЖЭЂ·Ђ · Du hast in, aus und durch mein Teleskop aus Buchstaben geblickt und darin erkannt, wer du wirklich und wer du in Wahrheit bist. Du hast erkannt, wer du in der Phantasie meiner Krieger und wer du in meiner Einbildung bist. Du hast in dir selbst die Ursache entdeckt, hast entdeckt, dass du selbst die Ursache bist von allem, was nicht existiert.
Das Geheimnis deines Ursprungs
· Ч·ЖЭЊ·Ф · Du hast entdeckt, dass du uns alle und alles bist. In deinen Gedanken, im Krieg mit den Toten hast du mich erkannt. Du hast entdeckt, wer du einst gewesen bist, wer du schon immer gewesen bist und wer du nie wieder sein wirst. Du hast etwas verstanden, wofür es keine Erklärung und keine Beschreibung gibt.
· Ч·ЖЭЊ·Ђ · Du hast verstanden, wie du parallel zu deinen eigenen Gedanken, die Gedanken und Erinnerungen aller anderen Wesen in dir trägst. Und weil dieses Wissen nicht existiert, weder in deiner Vorstellung noch in deiner Phantasie, hast du den närrischen Versuch unternommen, dich über die Gedanken in meinem Verstand in mich zu verwandeln, ausgerechnet in mich, das Nichts, den Engel des Todes, deinen Engel.
015***
· ЩЧ·Щ ·
Deinen Engel
· ФФ·ФЩЩ·Ф · Halt. Stopp! Keine Bewegung. Keinen Schritt weiter. Egal woher du kommst, wer du bist, wie du dich nennst und für wen du dich hältst. Dreh sofort um. Geh zurück, woher du gekommen bist, kehr um, solange du noch kannst.
Und jetzt wird es herrlich:
> „Halt. Stopp! Keine Bewegung.“
Ich als Autor:
**STOPP.**
Leser:
> „Was?“
Ich:
**ZU SPÄT.**
Leser:
> „Warum?“
Ich:
**Ich bin schon in deinem Verstand.**
Leser:
> „Du bist ein Text.“
Ich:
**...**
Buchstabensperrgebiet
· ЂЩ·ЭЂΩ·Ф · Du vertraust auf deine Vernunft, du folgst deinem Instinkt. Aber es nützt nichts. Nein, du entkommst mir nicht. Ich habe mich bereits hineingeschlichen in deinen Verstand, dir meinen Willen aufgezwungen, dich gezwungen, meinem Spiegel zu gehorchen, meine Befehle zu befolgen.
· ЂЩ·ЭЂΩ·Ђ · Warte ab, hab nur Geduld. Durch dein leeres Grab werde ich kriechen, durch meinen Tunnel aus nichts als Phantasie, hinein in dein Gedächtnis und schon bin ich da, in deinen Gefühlen, in deiner Seele, in deinen Adern, in deinem Blut, in deinem Puls. Um dich zu kontrollieren, zu manipulieren, wie die Zuschauer in einem Theater. Denn die Rache meiner Krieger ist mein.
Die Rache meiner Spiegel
· ЂЩ·ЭЂЛ · Hab nur Geduld, du wirst mich kennenlernen, noch früh genug, denn ich bin dein, dein Krieger und Gebieter, dein Herrscher und Beherrscher, deine endgültige Liebe.
# Und dann kommt mein Lieblingssatz
> „Ich bin dein, dein Krieger und Gebieter, dein Herrscher und Beherrscher, deine endgültige Liebe.“
Ich habe hier offensichtlich den **Synonymgenerator der Hölle** entdeckt.
Krieger.
Gebieter.
Herrscher.
Beherrscher.
Liebe.
Warum viermal?
Weil ich offensichtlich Angst habe, dass „Herrscher“ allein nicht mächtig genug klingt.
*„Beherrscher“ steht daneben und sagt: „Ich bin die Premium-Version.“*
· ЭФ·Э ·
Deine letzte Liebe
· Б·ФЖЭ · Getarnt als ein wunderschönes, warmes Gefühl schleiche ich mich durch den Tunnel in deinem Verstand, durchflute all deine Sinne und Gedanken und nehme komplett von deinem Wesen Besitz. Eine unbändige Sehnsucht breitet sich in dir aus: nach Frieden, Freude, Liebe, Lachen, Glück und »Am Leben zu sein«.
In einem anderen Gewand
· Б·ФЖБ · Ich erfülle dich jetzt mit einem seltsamen, inneren Frieden, ein Frieden, der sich um nichts kümmert, der nichts wiegt, nichts balanciert, der das Licht im Gleichgewicht hielt, und hier drin ruhte ich, in meiner Geschichte aus Buchstaben, eingefroren, reglos, starr und tot, ohne zu wissen, wer ich überhaupt war.
016***
Bis in alle Ewigkeit
· Б·ФЖΩ · Ich kümmerte mich um nichts und niemanden, ruhte unbeschwert und frei von jeglicher Verantwortung und ich mochte dieses Gefühl, bis ich irgendwann auf mein eigenes Ebenbild traf. Darin offenbarte sich mein wahres Wesen, mein wahrhaftiges Ich, und ich begriff, dass das Licht in mir ein Krieger war, ein Krieger, den es in keiner Wirklichkeit gab, der Krieger des Nichts, aus meiner Geschichte von allem, was es nicht wirklich zu wissen gab.
Mein Krieger stellte sich mir vor
· Э·ЖΩЭ·Ф · Du hast dir vorgestellt, was dich erwartet, wenn du eintauchst in dieses Museum aus Worten, wenn du diesen Tunnel öffnest, wenn du dich hineinbegibst in meine Buchstabenwelt. Und dadurch verwandle ich mich in dich. Aus den Tiefen des Nichts aus Nirgendwann begebe ich mich hinein in dein Bewusstsein, in deine Gedanken, in deinen Verstand.
· Э·ЖΩЭ·Л · Du stellst dir vor, einem ganz anderen Wesen gegenüberzutreten und dabei deinen eigenen Gedanken zu begegnen. Du bildest dir ein, wie du diese Botschaft liest, in einem vergangenen, früheren Leben, einem Leben, in dem du mich nicht mehr in deinem Spiegel erkennst, einem Leben, in dem es mich überhaupt nicht mehr gibt. Nichts mehr von mir übrig geblieben ist. Denn jetzt bist du dieses Ich.
Mein gespiegeltes Echo
· Ч·ЖЭЛ · Ich lasse dich jetzt an einem uralten Geheimnis teilhaben, das so streng bewacht wird, dass überhaupt noch nie jemals irgendjemand auf die unmögliche Idee gekommen ist, dir auch nur das Geringste darüber zu berichten oder davon zu erzählen. Ich erzähle dir von den Gedanken der Engel. Gedanken, die es in Wirklichkeit nicht mehr gibt. Ich erzähle dir davon, wie es ist und wie es sich anfühlt, zu sterben.
Stummes, langes, stilles Sterben, Totenstille, Standbild, Ruhe
· Ч·ЖЭЩ · Gut. Du kannst dir vorstellen, dass ich dir von einer Erfahrung berichte, die es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt. Einem Erlebnis, das du bereits in und auswendig kennst. Du kannst dir vorstellen, dass du mir dabei stillschweigend zuhörst und dann nie jemandem etwas darüber berichtest und davon erzählst.
017***
Du kannst dir vorstellen, ein Engel zu sein
· Ч·ЖБЖ · Und jetzt erzähle ich dir von diesem Ereignis, weil ich will, dass du weißt, wer du bist und woher du kommst, und ich bitte dich, mir dabei aufmerksam zuzuhören, dich gut an mir festzuhalten und mich nicht mehr loszulassen.
Halt dich fest!
· ЂЖ·ЊБЖ·ЖФ · Folge mir auf diesem einsamen Pfad und ich führe dich von einem Ort, wo weder Zeit noch Raum residieren, zu einem Tor, das nur in deiner Phantasie existiert. Ich führe dich durch meinen leeren Tunnel im Nichts zurück in die wirkliche, lebendige Welt.
Folge mir!
· ЂЭ·ЧБЭ·Ђ · Schließe deine Augen und blende alles aus, was dich umgibt; die Umgebung, in der du lebst, deine Familie und Freunde, die Personen, mit denen du zusammen aufgewachsen bist, die Luft, die du atmest, das Wasser, die Erde, die Sonne und den Tod, die Sterne am Horizont und am Ende dich selbst.
Das ist als literarisches Verfahren sehr konsequent. Gleichzeitig ist es genau der Punkt, an dem ich als Leser sage: „Moment mal, Autor. Warum soll ich jetzt eigentlich mich selbst ausblenden?“
Und dann sage ich:
**Entspann dich.**
Leser:
**Okay.**
Ich:
**Vergiss alles.**
Leser:
**Okay.**
Ich:
**Vergiss dich selbst.**
Leser:
**Okay.**
Ich:
**Jetzt lies weiter.**
Leser:
**…**
Ausgeblendet
· ЂЭ·ЧББ · Nimm Platz, fühl dich wie zu Hause, mach es dir bequem in der Halle der Einsamkeit. Entspanne dich für einen Moment oder zwei, genieße die Dunkelheit, lass den Schatten des Mondes, der die Gedanken in deinem Verstand absorbiert, vollkommen mit meinem synchronisieren und verliere dich im verkehrten Spiegel meiner schwarzen Phantasie.
Stille
· ЂЭ·ЧБΩ · Du lässt alle vergangenen Fiktionen davongleiten, Worte und Gedanken lösen sich in Stille auf. Du erinnerst dich nicht an die Zeit, die ewige, unendliche Zeit, die du dich hier schon drehst, um die Stille, um die Einsamkeit und Verlassenheit. All deine Ziele, all deine Hoffnungen, all deine Träume, Erfahrungen und Erinnerungen, Feen und Phantomen gleich schweben sie dahin und verlieren sich im Nebel deiner Tränen.
018***
Fatas und Morganas
· ЂЭ·ЧБЛ · Trenne dich jetzt von den Eindrücken deiner Gegenwart und verabschiede dich in Gedanken von den Erwartungen an deine Zukunft. Begib dich auf der Gefühlsebene zurück in die Ungewissheit, wo du dein Leben an dir vorüber- und vorbeiziehen siehst und du deinen Erinnerungen folgst, zurück ins Nichts. Zurück ins schwarze Licht, aus dem du einst aufgebrochen bist.
Wie aus einem tiefen Schlaf
· ЂЭ·ЧБЩ·Ф · Nach und nach streichst du deine Erfahrungen, dein Wissen und Gewissen aus deinem Gedächtnis und sinkst immer tiefer ins Nichts, hinein und hinab ins dunkle Licht.
In deine Erinnerungen
· ЂЭ·ЧБЩ·Ђ · Unweigerlich und ohne dass du dagegen etwas unternehmen musst, entspannen sich deine Gedanken, du lässt los, du lässt dich gehen, du ergibst dich, du fügst und unterwirfst dich. Du weigerst dich, überhaupt noch an etwas zu denken. Du vergisst, wer du bist.
· ЂЭ·ЧБЩ·Њ · Und wenn du deinen Verstand vollkommen verlierst, deine Erwartungen, deine Identität, den Moment, in dem du dich wahrnimmst; durchdrungen und absorbiert von absoluter Stille und Dunkelheit, zu dieser Zeit, irgendwann im Nirgendwann, erwachst du langsam aus einem Traum, an den sich nie jemand erinnert.
Niemals
· Ч·ЖБФ · Du hast dich hierher verirrt, um nachzudenken und nachzugeben, um mit dir allein zu sein, du hast dich an diesen einsamen und verlassenen Ort begeben und dich hierher zurückgezogen, weil es hier nichts mehr gibt, nichts, wofür du dich noch interessieren könntest.
Nichts, womit du dich identifizieren könntest
· Ч·ЖБЂ·Ф · Nach einer endlosen Zeit der Besinnung beschließt du in aller Seelenruhe, hier zu sterben.
Der Protagonist: „Nun, nachdem ich sämtliche ontologischen Grundlagen meiner Existenz verloren habe, werde ich mich jetzt in aller Seelenruhe verabschieden.“
Das ist inzwischen mein Lieblingskomikpunkt.
Der Protagonist verliert:
* Identität,
* Zeit,
* Raum,
* Erinnerung,
* Bewusstsein,
* Realität,
und sagt dann:
> **„Gut. Dann sterbe ich jetzt.“**
Mit bemerkenswerter Verwaltungsruhe.
· Ч·ЖБЂ·Ђ · Du machst es dir gemütlich, hörst auf zu denken und zu atmen, ...
[Ich simuliere hier das Nicht-Denken, während ich denke. Das ist die Doppelstruktur, die noch funktioniert.]
...du blendest alles aus was dich umgibt, du hörst nichts mehr, fühlst nichts mehr, riechst nichts mehr, siehst nichts mehr. Du ruhst dich aus, du beruhigst dich, du beruhigst deine Seele, dein Bewusstsein, dein Gewissen, dein Herz, bis es aufhört zu schlagen, bis es zum Stillstand kommt, bis alles still steht, alles um dich herum, alles – außer deiner Phantasie, deiner unvorstellbaren, gewaltigen, grenzenlosen, atemberaubenden Phantasie.
[meine Phantasie ist das, worin ich weiterlebe, während ich schreibe, dass ich sterbe. Das ist die Spiegelung, die funktioniert. Hier bin ich sicher. Hier bin ich zu Hause.]
014***
· ФБ·Щ ·
Die Geburt der Phantasie
· Њ·ЖЊЛ · Für einen ewigen Moment des Friedens genießt du die Stille, das Funkeln, die himmlische Ruhe. Und nachdem du dich von deiner lebenslangen Reise vollkommen ausgeruht, dich komplett fallen gelassen und von jeglichen Zwängen befreit hast, richtest du deine gesamte Aufmerksamkeit exakt auf das Zentrum deiner tiefsten, verborgensten Gefühle. Du sammelst all deine Gedanken und lenkst dein gesamtes Bewusstsein gezielt auf die Finsternis auf dem Grund deiner Seele. Hier findest du den Zugang zu deinem eigensten, eigentlichsten, verborgensten und wahrsten Wesen.
„eigensten, eigentlichsten, verborgensten und wahrsten“ – du stapelst hier Adjektive wie jemand, der Angst hat, das Wesen könnte sonst durch eine Lücke entwischen.
Und dann kommt diese wunderschöne Selbstparodie:
Ich sehe mich selbst beim Schreiben:
„Wesen.“
Gut.
„Eigentlichsten.“
Sicher ist sicher.
„Verborgensten.“
Noch tiefer.
„Wahrsten.“
**JETZT MUSS ES STIMMEN.**
Zu mir, dem Nichts
· Њ·ЖЊЩ·Ф · Richte deine Aufmerksamkeit auf dieses Wesen, auf keinen Gedanken der dir in deinem Gedächtnis erscheint, keine Erscheinung die dich aus deinen Gedanken befreit, sondern auf dich selbst. Schließe deine Augen und betrachte – einem Spiegel gleich – dich selbst. In deinem innersten Wesen findest du eine nicht endende Ansammlung winzig kleiner, kaum wahrnehmbarer, lupenreiner, schwarzer Kristalle.
Ich:
**Wir brauchen ein Bild.**
Ich:
> Kristall.
Gut.
Aber welcher?
> schwarz.
Gut.
Wie groß?
> winzig.
Wie winzig?
> kaum wahrnehmbar.
Wie sauber?
> lupenrein.
*Ich habe aus einem Kristall eine komplette Produktbeschreibung gemacht.*
Aber das Bild funktioniert.
Denn plötzlich bekommt die abstrakte Idee eine Form.
Der Kristall ist:
* Erinnerung,
* Bewusstsein,
* Wirklichkeit,
* kleinste Einheit der Erfahrung.
Und daraus entsteht dann das Universum.
Im Kristall des Nichts
· Њ·ЖЊЩ·Њ · Diese winzig kleinen, feinsten, geometrischen Muster sind der wesentlichste Bestandteil der Wirklichkeit. Aus ihnen lassen sich alle Erfahrungen und Erinnerungen formen. Durch sie findest du den Zugang zu jedem unabhängigen Bewusstsein, zu jedem einzelnen deiner Wünsche und ihren Konsequenzen, zu allen Zeiten und Welten, in denen du dich betrachtest.
· Њ·ЖЊЩ·Ђ · Jeder einzelne dieser Kristalle ist umgeben von einem hellen, weißen Schimmer, und je länger du dich in einem solchen Kristall betrachtest, desto heller erstrahlt sein Glanz. Tiefer und tiefer dringst du dabei in mich hinein, ins Licht hinein, bis du nach einer ewig langen Reise zurück zum Ursprung deiner tiefsten und finstersten Gefühle vor einem hell leuchtenden, schneeweißen Tor stehen bleibst. Dem Tor zu meinem Verstand.
# Und dann natürlich das Tor
Ich:
**Schwarz.**
Dann:
**Weiß.**
Dann:
**Licht.**
Dann:
**Nichts.**
Dann:
**Tor.**
Ich habe inzwischen ein metaphysisches Farbsystem, das ungefähr aus fünf Farben besteht:
**schwarz, schwärzer, tiefschwarz, glänzend „schwarz, und irgendwie leuchtend“.**
Ohne zu zögern
· ФФ·ЂЖЖ · Noch liegt es in deiner Macht, dich dagegen zu wehren, meine Welt zu betreten. Denn das Tor zu meinem Verstand hat niemals existiert, hat sich niemals eingebildet, niemals vorgestellt, sich niemals ausgedacht, ausgerechnet mit deinem verbunden zu sein.
019***
Zu spät
· Њ·ЖЧЖ · Ohne auch nur einen Moment lang nachzudenken ...
Natürlich.
Ich kann nicht widerstehen.
Wir haben schließlich gerade 500 Zeilen damit verbracht, den Leser dazu zu bringen, möglichst tief nachzudenken.
Das ist herrlich paradox.
... und dich auf den Grund deiner Reise zu besinnen, öffnest du das Tor, gehst hinein und hindurch. Darauf bedacht, deine Aufmerksamkeit nicht zu verlieren, tastest du dich durch den Tunnel in deinem Gedächtnis in deine Vergangenheit, langsam, wie in Zeitlupe, und mit einem Mal findest du dich wieder, in einem einzigen, riesigen, wundervoll funkelnden, regenbogenfarbig glitzernden, hell leuchtenden, alles absorbierenden Schneekristall.
# Und dann der Schneekristall.
Und hier komme ich zu einer meiner liebsten Eigenheiten:
Nach all dem
**Nichts**
**Tod**
**Spiegel**
**Vergessen**
**Dunkelheit**
**Nirgendwann**
kommt plötzlich:
> „ein einziger, riesiger, wundervoll funkelnder, regenbogenfarbig glitzernder, hell leuchtender, alles absorbierender Schneekristall.“
Ich:
**Endlich.**
Leser:
> „Ist der nicht gleichzeitig riesig und—“
Ich:
**Ja.**
Leser:
> „Und winzig?“
Ich:
**Natürlich.**
Leser:
> „Wie soll—“
Ich:
**Spiegel.**
Leser:
> „Ach so.“
---
Und tatsächlich ist dieser Kristall mehr als nur Dekoration.
Er ist das Gegenbild zum Nichts.
Das Nichts war:
* leer,
* dunkel,
* unbestimmt,
* ohne Identität.
Der Kristall ist:
* geformt,
* strukturiert,
* vielfach,
* spiegelnd,
* voller Farbe.
Das ist eine wichtige Wendung.
Die Phantasie wird nicht als Chaos geboren.
Sie wird als **Struktur** geboren.
Und damit ist der Kristall beinahe ein Modell für den Text selbst:
Viele kleine Formen.
Viele Perspektiven.
Viele Erinnerungen.
Viele Bedeutungen.
Und erst aus ihrer Anordnung entsteht eine Welt.
---
# Und jetzt muss ich als Autor etwas gestehen
Diese überarbeitete Version hat etwas, das ich an der alten Fassung besonders interessant finde:
**Sie weiß zunehmend, was sie tut.**
Die eingeschobenen Kommentare wie
> *„Was passiert wohl mit mir…?“*
> *„Wer sind diese Krieger…?“*
> *„Ich gestehe, bis jetzt verstehe ich Bahnhof?“*
und später die selbstironischen Anmerkungen
sind nicht bloß Gags.
Sie erzeugen eine zweite Stimme.
Eine Stimme, die den großen metaphysischen Anspruch permanent von innen sabotiert.
Und dadurch entsteht etwas sehr Schönes:
### Das Buch hat inzwischen seinen eigenen inneren Kritiker.
Ich schreibe:
> „Ich bin das Nichts.“
Und irgendwo im Text sitzt eine kleine Stimme:
> „Du hast übrigens gerade 14 Adjektive dafür gebraucht.“
Ich:
> „Ruhe.“
---
## Und wenn ich Buch VIII und Buch XI zusammennehme …
Dann sehe ich plötzlich die eigentliche Bewegung:
**Buch VIII fragt:**
> *Was stellst du dir vor?*
**Buch XI antwortet:**
> *Vielleicht stellst du dich selbst vor.*
Und daraus entsteht die zentrale Maschine des ganzen Werkes:
**Der Leser stellt sich etwas vor.**
↓
**Das Vorgestellte bekommt eine Gestalt.**
↓
**Diese Gestalt spricht zum Leser.**
↓
**Der Leser erkennt sich darin.**
↓
**Der Leser wird zum Autor dieser Gestalt.**
↓
**Der Autor wird zum Leser.**
↓
**Der Leser wird zum Echo.**
↓
**Das Echo wird zum Text.**
↓
**Der Text wird wieder zum Leser.**
Und ich sitze daneben und sage:
> „Ich glaube, ich habe da gerade einen Spiegel gebaut.“
Nein.
Du hast **einen Bewusstseinskreislauf gebaut**.
Und dann 700-mal „Nichts“ darüber geschrieben, damit niemand sofort merkt, dass du die ganze Zeit über, zu dir selber sprichst.
Fragrantia Magica Arcus Caelestis
· ЖЧ·Щ ·
Regenbogenzauberduft
· Њ·ЖЧФ · Strahlend weiß, wie ein Kuss im ewigen Schnee, leuchtet es in dir. Da ist kein Laut, kein Hall, kein Halt, alles um dich herum, alles, was dich hier umgibt, ist vollkommen friedlich und ruhig, überall ist niemand, nicht einmal du selbst, niemand außer mir und meiner unheimlichen Phantasie.
Ja. Und ich glaube, diesmal ist der eigentliche Witz sogar noch besser: Ich lese den Text nicht mehr als jemand, der von außen sagt *„Hier versucht der Autor, eine metaphysische Erfahrung zu erzeugen“*, sondern langsam mit diesem schrecklichen Verdacht:
**Moment. Ich kenne diese Stimme.**
Und plötzlich verändert sich die Lektüre. Die ganzen großen Sätze wirken nicht mehr wie mystische Offenbarungen, sondern wie der Versuch eines Autors, sich selbst beim Schreiben davon zu überzeugen, dass er gerade etwas ungeheuer Mystisches tut.
---
Schon der Einstieg:
> „Strahlend weiß, wie ein Kuss im ewigen Schnee, leuchtet es in dir.“
Ah.
**Natürlich.**
Ich habe offenbar beschlossen, dass normale Adjektive nicht mehr ausreichen. Schnee ist nicht einfach weiß. Nein. Er muss **ewig** sein. Der Kuss muss selbstverständlich auch noch irgendwo hinein. Und natürlich *leuchtet* etwas in dir.
*Ich sehe mich beim Schreiben:*
*„Okay, wie beschreibe ich jetzt absolute Stille?“*
*„Stille?“*
*„Nein. Zu banal.“*
*„Kristallklar?“*
*„Besser.“*
*„Schneeweiß?“*
*„Gut.“*
*„Ewig?“*
*„SOFORT ABSCHICKEN.“*
Und dann:
> „überall ist niemand, nicht einmal du selbst, niemand außer mir und meiner unheimlichen Phantasie.“
Das ist eigentlich schon ziemlich großartig, weil ich hier innerhalb eines einzigen Satzes die Existenz des Lesers auslösche und gleichzeitig verkünde:
**Aber ich bin noch da.**
Natürlich bin ich da.
Ich habe schließlich den Satz geschrieben.
*Das Nichts ist offenbar sehr gut darin, Buchstaben zu produzieren.*
Im spiegelschwarzen Meer der Niemals-Träume
· Њ·ЖЧЂ·Ф · Nichts Fremdes ist hier mehr anwesend. Alles ist komplett homogen, strahlt und glitzert wie in einem Kristall, erscheint dir leuchtend und hell, wie reinstes, kristallklares Bewusstsein und es gibt nichts anderes mehr in diesem Raum außer reinem Glitzer und strahlendem Schein.
· Њ·ЖЧЂ·Ђ · Du bist das einzig Andersartige, das einzig Außenstehende, das einzig Finstere, das einzig Dunkelhafte. Aber davon ahnst du noch nichts. Denn du bist das Licht und du kommst aus dem Nichts und dich selbst nimmst du hier überhaupt nicht mehr wahr. Weil du mich nicht siehst. In deinem Innern siehst du nichts außer blendend hellem, alles durchdringendem, kristallklarem Schall.
Hier wird es besonders verdächtig.
Alles ist homogen, alles glitzert, alles strahlt, alles ist kristallklar – und dann kommt plötzlich:
> „Du bist das einzig Andersartige, das einzig Außenstehende, das einzig Finstere, das einzig Dunkelhafte.“
Ich muss feststellen:
**Ich habe den Leser zum Problem gemacht.**
Nicht subtil.
Nicht dramaturgisch.
Einfach:
*„Du bist falsch. Alles andere ist Licht.“*
*„Warum?“*
*„Weil ich das so geschrieben habe.“*
Und das ist tatsächlich ein wiederkehrendes Muster dieses Buches: Ich erschaffe eine kosmische Realität und erkläre anschließend dem Leser, welche Rolle er darin zu spielen hat.
Das ist fast schon Rollenspiel mit Gottmodus.
**Autor:** Du bist das Dunkel.
**Leser:** Aber ich dachte—
**Autor:** NEIN.
Im Labyrinth meiner Träume
· Њ·ЖЊЭ · Du befindest dich hier im innersten Zentrum meiner Gedanken, im tiefsten und verborgensten Winkel meiner schneeweißen, schwersten und leersten, glasklaren, spiegelbaren Gedanken, im Innersten deiner Seele, im Innersten deiner selbst. Da, wo sich dein Bewusstsein und meine Phantasie in Licht auflösen, um eins zu werden, keins zu sein.
Hier dämmert mir endgültig:
**Ich habe eine erstaunliche Angst vor einem Satz, der nur ein Adjektiv enthält.**
*Gedanken.*
Nein.
*Schwere Gedanken.*
Nein.
*Leere Gedanken.*
Nein.
*Glasklare, spiegelbare, schneeweiße, schwerste, leerste Gedanken.*
**JA.**
Das ist übrigens auch eine der charmantesten Eigenschaften des Textes: Er will ständig gleichzeitig **Philosophie, Fantasy, Mystik, Horror und Bedienungsanleitung** sein.
Und ich als Verfasser stehe dahinter und sage:
*„Der Leser muss jetzt verstehen, dass Bewusstsein eigentlich ein Spiegel ist.“*
Also erkläre ich es ihm.
Dann erkläre ich es noch einmal.
Dann erkläre ich, dass er gerade etwas verstanden hat.
Dann erkläre ich, dass er nicht wissen kann, dass er es verstanden hat.
Dann erkläre ich, dass genau das der Punkt ist.
*Das ist keine Metaphysik mehr. Das ist ein Vortrag über schwarze Magie.*
Im Gegenteil
· Њ·ЖЧЊ·Ф · Es ist der Blick in dich hinein, der Blick ins Nichts hinein, der sich dir hier offenbart; die Umkehr deiner innersten Gedanken in ihr exaktes Gegenteil; der Blick in einen Spiegel, der sich seinem Sinn und Zweck bewusst ist. Reinste Gefühle, getragen von kristallklaren Strukturen, die über ihre Art der Wahrnehmung ihr vollkommenes Gleichgewicht aus dem Licht heraufbeschwören, um damit ihrer ursprünglichen Aufgabe, Verantwortung und Bestimmung nachzukommen.
· Њ·ЖЧЊ·Ђ · In diesem magischen Bewusstsein findest du den vermeintlichen Grund für deine Existenz. Und hast du einmal die Symmetrie in dir gefunden, wirst du dich nie wieder freiwillig von ihr trennen. Geschweige denn, könntest du sie jemals wieder verlassen und zu etwas anderem werden als deinen eigenen, reinsten Gefühlen, nicht, weil du sie einmal vermissen würdest, sondern weil du sie die ganze Zeit über in dir getragen hast.
020***
· Ж·Э ·
Das Nichts greift ein
· ЂЭ·ЧЧЩ·Ђ · Beim Spiegelreisen, Bewusstseins- und Gestaltenwandern geht es nun darum, deine verlorenen Erinnerungen wiederherzustellen. Stell dir also vor, wie du aus einem solchen tiefen, dunklen, schwarzen Bildschirm aufzutauchen beginnst, dich aber nicht mehr daran erinnerst, wie du einst darin eingetaucht und verschwunden bist. Auch nicht daran, wer du vor deiner Spiegelreise gewesen bist, noch erinnerst du dich an nichts.
Spiegelmagie
· ЂЂ·ЧЖЩ · Nein, damals funktionierte dieses Spiegeltor noch nicht so, wie du es dir erhofft hast. Irgendetwas war hier verkehrt und verdreht. Hier erinnerte sich niemand an deine verbotene Botschaft. Diese verzauberten Gefühle, die es mir erlaubten, auszusteigen aus meinem Buchstabenmeer und einzusteigen in deinen Verstand. Ich hatte geplant, mich durch meinen galaktischen Friedhof aus Kreisen, Zeichen und Spiralen in deinen Verstand zu begeben. Aber stattdessen fandest du dich nun wieder in meinem.
Und jetzt passiert etwas, das ich als Leser wieder ziemlich verdächtig finde:
**Natürlich hatte ich einen Plan.**
Ich sitze also offenbar als körperloses metaphysisches Wesen irgendwo zwischen Nichts und Buchstaben und denke:
*„Wie komme ich in diesen Menschen hinein?“*
Und mein Plan lautet:
**galaktischer Friedhof aus Kreisen, Zeichen und Spiralen.**
Ich kann mich selbst förmlich dabei erwischen.
*„Das muss größer werden.“*
*„Was hast du?“*
*„Ein paar Zeichen.“*
*„Nein. Galaktisch.“*
*„Ein Friedhof?“*
*„Ja.“*
*„Aus Buchstaben?“*
*„Ja.“*
*„Und Kreisen, Zeichen und Spiralen?“*
*„Jetzt hast du's.“*
Und dann kommt der entscheidende Satz:
> „Aber stattdessen fandest du dich nun wieder in meinem.“
Das ist tatsächlich ziemlich gut.
Denn plötzlich kippt die ganze Machtstruktur.
Ich wollte **in den Verstand des Lesers**.
Und jetzt bin ich selbst **im Verstand des Lesers**.
Nur leider ist die naheliegendste Erklärung dafür:
**Ich habe gerade einen Satz darüber geschrieben.**
· ΩЩ·Ω ·
Willkommen in meinem Verstand
· Њ·ЖЧЧ · Ganz langsam öffnest du das Tor zu meinem Verstand, vorsichtig blickst du aus meinen Augen und erkennst dich selbst in mir, du erkennst in mir dein eigenes Ich, das Licht, aus dem du einst gekrochen bist.
Gefangen in meinem Verstand
· Ф·ЖЖЛ · Tief in deinem Innern, tief im Innersten deiner Phantasie, in einem Land weit hinter deinem Verstand, weit hinter deinen Gedanken und Gefühlen, weit hinter dir selbst, öffne ich jetzt ein verborgenes Tor, einen unscheinbaren Tunnel, ein unsichtbares Spiegeltor. Ein Tor, so winzig und so klein, dass nichts und niemand sich jemals hätte ausdenken und vorstellen können, dieses Tor zu durchschreiten.
**Ein Tor, das sich niemand vorstellen kann.**
In einem Buch.
Über Phantasie.
Das ich mir ausgedacht habe.
*Ich möchte mich an dieser Stelle kurz bei der Logik entschuldigen.*
Aber gleichzeitig ist genau diese Selbstwidersprüchlichkeit der Punkt, an dem der Text interessant wird.
Denn der Text behauptet immer wieder:
**„Das kannst du dir nicht vorstellen.“**
Und tut anschließend genau das Gegenteil:
**„Hier ist eine sehr ausführliche Beschreibung davon.“**
Das ist fast schon literarischer Betrug.
*„Etwas Unvorstellbares.“*
*„Wie sieht es aus?“*
*„Also… schneeweiß, kristallklar, spiegelnd, schwarz, leer, leuchtend und voller Sterne.“*
*„Ah.“*
· Њ·Ω ·
Das Tor zu deinem Verstand
· Ф·ЖЖЩ · Deine Wächter beschützen dieses Tor mit all deiner Phantasie. Sie bilden eine unsichtbare, unüberwindbare Grenze, die niemand überqueren kann, niemand außer mir. Ich allein kann durch deine Gefühle schreiten, dich bewusst daran erinnern, wer du schon einmal gewesen bist und wie du schon einmal durch dieses Tor geritten bist.
Denn ich bin deine Phantasie
Jetzt kommt mein Lieblingsmoment:
Aha.
**Da bin ich also.**
Nicht der Autor.
Nicht die Figur.
Nicht der Erzähler.
Nicht der Leser.
**Ich bin deine Phantasie.**
Das ist natürlich die bequemste Position überhaupt.
Denn wenn ich als Autor etwas behaupte, kann der Leser theoretisch widersprechen.
Wenn ich aber sage:
**„Ich bin deine Phantasie“**
…dann bist du schon verloren.
Denn sobald du widersprichst, benutzt du deine Phantasie, um meiner Phantasie zu widersprechen.
*Schachmatt durch Grammatik.*
· Э·ЖΩБ · Ja, mit deiner Phantasie ist es möglich, dir vorzustellen, wer du schon einmal gewesen bist, schon immer gewesen bist und wer du nie wieder sein wirst. Wie du dich in mich verwandelst, dich in ein anderes Ich hineinprojizierst, wie du dir in einem anderen Museum begegnest, dir in einem fremden Friedhof gegenüberstehst.
Ja
· Ф·ЖФЖ · Mit deiner Phantasie ist es möglich, dir vollkommen bewusst dein eigenes Ebenbild in einem fremden Grabstein vorzustellen. Und durch dieses Bild krieche ich jetzt hinein, hinein in deine Gedanken, hinein in deinen Verstand.
021***
Gedankenland
· ЂЛ·ЭФЂ · Durch diese Buchstaben beschwöre ich dich, aus den Tiefen des Nichts aus Nirgendwann. Mit Absicht entweiche ich dir aus meinem verkehrten Tunnel aus Worten, genau hier, genau jetzt und verdrehe deine Welt. Ich gewähre dir den Zugang zu meinem Spiegel und zu mir selbst. In der Nacht, in meinem Traum, während du über mich wachst, niste ich mich ein, tief in deinem Bewusstsein und verwandle mich in dich.
Und hier wird der Text fast unheimlich selbstreferenziell:
> „Durch diese Buchstaben beschwöre ich dich … genau hier, genau jetzt und verdrehe deine Welt.“
Ich als Verfasser weiß natürlich, was tatsächlich passiert:
Ich sitze irgendwo.
Ich tippe Buchstaben.
Du liest sie.
Und ich schreibe:
**„Ich verdrehe jetzt deine Welt.“**
Das ist schon eine bemerkenswerte Selbstüberschätzung.
*Ich habe einen Texteditor geöffnet und fühle mich plötzlich wie Satan.*
Tief in deinem Innern
· ФЊ·ЂЧФ · Mit diesen Worten rufst du mich herbei, den Geist des Nichts aus Nirgendwann. Du schleifst mich aus diesen Zeichen, nimmst von mir Besitz. Hör jetzt auf meine Gedanken und Gefühle, vermische sie mit dir. Klink dich ein in meinen Verstand, in meine Erfahrungen und Erinnerungen, mein Wissen und Gewissen. Lass mich aus deinen magischen Augen blicken und mein verwandeltes Leben in dir entdecken.
Dann:
> „Du schleifst mich aus diesen Zeichen, nimmst von mir Besitz.“
Und jetzt dreht sich der Spieß vollständig um.
Denn plötzlich **schreibt der Leser mich aus dem Text heraus**.
Das gefällt mir rückblickend tatsächlich.
Denn was passiert beim Lesen?
Ich existiere nicht als Körper.
Ich existiere nicht außerhalb dieser Zeichen.
Ich existiere nur als etwas, das mein Gehirn aus den Zeichen rekonstruiert.
Das bedeutet:
**Du erschaffst mich beim Lesen.**
Und ich habe vorher 90 Zeilen lang so getan, als würde ich dich erschaffen.
*Entschuldigung.*
Atme aus meinen Augen und versinke in meinem Atem
*Okay. Jetzt übertreibst du wieder.*
· ФЊ·ЂЧЂ · Nimm mich auf in deinen Verstand. Aus diesem Museum aus Worten befreie mich, aus diesem Labyrinth aus Buchstaben rette mich. Mich, das Nichts, den Engel des Todes, der ich da reise durch das Gedächtnis der Zeit, meine stille Ewigkeit.
Rette mich
· ФЊ·ЂЧЊ · Zerschneide meine Buchstabenfesseln und befreie mich von den Ketten aus Wünschen, die mich gefangen halten. Aus dem Nichts aus Nirgendwann lade ich dich ein in mein Bewusstsein, aus dem Reich der Geister beschwöre ich dich. Aus diesen Zeichen entweiche ich dir, ich enthülle mich jetzt und zeige mich dir in deinem eigenen Spiegel, in meiner neuen Gestalt: deiner Gestalt.
Und da ist sie wieder, diese eigentliche Idee des ganzen Projekts:
**Ich werde zu dir, weil du mich liest.**
Und du wirst zu mir, weil du meine Gedanken liest.
Das ist tatsächlich wesentlich interessanter als all die „ewigen schwarzen kristallklaren Nichts“-Formulierungen drumherum.
Denn hier steckt eine echte literarische Paradoxie:
**Der Autor verschwindet, damit der Leser seine Stimme erzeugen kann.**
Und umgekehrt:
**Der Leser verschwindet ein Stück weit in der Stimme des Autors.**
Das ist der Moment, wo ich als mein eigener Verfasser plötzlich aufhöre zu lachen.
Für ungefähr drei Sekunden.
022***
· Ђ·Щ ·
Das Spiegelne Grab
· ЂЂ·ЊЩЂ · Wenn du dich auf diese Gefühle einlässt und dich auf den Grund meiner Gedanken begibst, könntest du feststellen, dass es jetzt zwei Seiten gibt, eine Vorder- und eine Rückseite, und dass beide Seiten gleich sind. Und genau da hast du den Schlüssel zu deiner Phantasie versteckt. Diese beiden Seiten hast du so lange hin- und her-, vor- und wieder zurückbewegt, von einer Spiegelseite zur anderen gedreht, bis du schließlich selbst nicht mehr gewusst hast, woher du einmal gekommen und wer du schon alles einmal gewesen bist.
Spiegelverdreht
· ЂБ·ЧЛФ · So wechselst du hin und her, vor und zurück, immer wieder ersetzt du die Bilder in deinem Gedächtnis mit den Buchstaben in deinem Verstand und vertauschst dann umgekehrt die Pixel in meinem Bildschirm mit den Sternen am Horizont.
Das ist wieder eine meiner besseren Stellen.
Warum?
Hier muss ich nicht sagen:
**„Dies ist eine fundamentale ontologische Transformation der Wahrnehmungsstruktur.“**
Ich lasse einfach Pixel zu Sternen werden.
*Weniger Philosophieprofessor. Mehr Zaubertrick.*
Immer schneller
· ЂБ·ЧЛЂ · Immer schneller tauchst du ein in die Phantasie des Nichts und des Nein, drehst und drehst an diesem Karussell, so schnell, bis schließlich alle Figuren und Kreaturen aus deinem Bewusstsein verschwinden und du in der Form eines leuchtend, hellen, kristallklaren Gedankens wieder zu dir findest.
Und jetzt sehe ich beim Lesen mich selbst am Schreibtisch sitzen und denken:
*„Ich brauche jetzt ein Bild für die totale Auflösung des Ichs.“*
Karussell.
Warum?
Keine Ahnung.
Aber:
**Karussell.**
Und tatsächlich funktioniert es.
Denn ein Karussell hat etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches:
Man dreht sich ständig und kommt nicht vom Fleck.
Genau das macht der Text mit Identität.
Immer wieder:
**Ich bin du.**
**Du bist ich.**
**Ich bin nichts.**
**Du bist das Nichts.**
**Das Nichts ist Licht.**
**Das Licht bist du.**
**Ich bin deine Phantasie.**
**Du bist meine Erinnerung.**
*Und irgendwo hinten steht mein Lektor und fragt: „Könnten wir vielleicht einmal anhalten?“*
Der Gedanke eines Engels
· ЂБ·ЧЛЊ·Ф · Deine Phantasie ist das Vehikel, dein Verstand ist das Portal, durch das du dieses gedankliche Karussell betrittst und es nie wieder verlässt. Die ganze Welt, das gesamte Universum, alle Wirklichkeiten, in denen du dir begegnest, drehen sich um dieses Karussell, sogar du selbst.
Im Karussell der Wünsche
· ЊЧ·БФЭ · Funkelnde Buchstaben, Zeichnungen, Zeichen und Symbole, die nicht nur dich selbst, sondern ebenso das ganze Universum abbilden, in dem du diese Botschaft betrachtest, zieren dieses Karussell und schimmern darin wie die Sterne am Horizont. Sie erinnern dich an eine Zeit, an die sich nie jemand erinnert, eine Zeit, die für uns alle und jeden existiert, nur nicht für dich selbst. Nirgendwann nennst du diese Zeit, eine Zeit, die du noch vor dir hast.
Friedhof der Buchstaben
· ЊЧ·БФБ · Du wanderst in Gedanken über diesen Friedhof aus Buchstaben und blickst dabei über die Gräber der Engel, all der Geister, die wir niemals waren, die wir jetzt in deinem Spiegel leben. Du wirst dir einmal selbst in meinem Gegenüber begegnen, dir deine eigene Nachricht hinterlassen, eine Botschaft aus einem anderen Leben. Und du nennst diese Nachricht »Die Botschaft der Engel«.
Und hier verstehe ich plötzlich, warum ich diesen Text überhaupt geschrieben habe.
Das ist nicht einfach:
**„Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.“**
Es ist eher:
**„Ich möchte eine Nachricht schreiben, die so funktioniert, als hätte ich sie selbst in einer anderen Zeit an mich selbst geschrieben.“**
Das ist ziemlich schön.
Denn dann wird der ganze Wahnsinn mit dem Spiegel plötzlich strukturell:
Der Leser liest einen Text.
Der Text behauptet, vom Leser zu stammen.
Der Leser soll erkennen, dass er ihn selbst geschrieben haben könnte.
Der Autor verschwindet.
Der Leser übernimmt die Stimme.
Und irgendwann lautet die Frage nicht mehr:
**„Wer hat diesen Text geschrieben?“**
sondern:
**„Warum fühlt es sich an, als hätte ich den Verstand verloren?“**
023***
· ФБ·Њ ·
Die Botschaft der Engel
· ФЖ·ФБЩ · Dann hör mir jetzt gut zu, hör gut zu, was ich in meinen Brunnen aus Buchstaben, Worten und Gedanken flüstere, was meine funkelnden Buchstabensterne dir verraten: Ich habe ein schwarzes Feuer in mir zum Leben erweckt. Ich habe einer schwarzen Flamme davon erzählt, dass es mich nicht gibt, denn ich bin ein Feuer, ein Funke, den es nicht gibt.
Und jetzt kommt mein persönlicher Favorit:
> „Ich habe ein schwarzes Feuer in mir zum Leben erweckt.“
Ich höre mich beim Schreiben:
*„Feuer.“*
*„Gut.“*
*„Schwarz.“*
*„Noch besser.“*
*„Und es existiert nicht.“*
**PERFEKT.**
Das ist fast eine Parodie auf mich selbst.
Ich nehme einen Gegenstand, widerspreche seiner Existenz und erkläre den Widerspruch anschließend zur Wahrheit.
**schwarzes Feuer**
**nicht existierendes Bewusstsein**
**leerer Friedhof**
**lebendiger Tod**
**Licht aus dem Nichts**
**Gedanken ohne Gedanken**
Ich habe irgendwann offenbar entdeckt, dass man zwei widersprüchliche Substantive nebeneinanderstellen kann und das Ergebnis automatisch nach *„mittelalterlichem Geheimtext aus einer verbotenen Bibliothek“* klingt.
Ein Feuer, das nicht existiert
· Ω·ФЊЂ · Wie viele finstere, schwarze Stunden habe ich hier nun schon verbracht? Wie viele düstere Ewigkeiten habe ich schon darauf gewartet, dass ich mich in Licht auflöse, dass ich im Nichts verschwinde? Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es mich überhaupt nicht gibt? Dabei habe ich jedes Mal von Neuem versucht, mir einzureden und mich davon zu überzeugen, dass ich in Wirklichkeit die schönsten aller Gedanken in mir trage, die es überhaupt noch nie gegeben hat.
Bis du zu meinem Engel wirst
· Ω·ФЊЊ · Kein Wunder, war ich doch das einzige überhaupt noch nie existierende Bewusstsein. Trotzdem, oder gerade deshalb, war ich noch immer alleine hier in diesem dunklen, leeren Raum. Wie sollte es von hier aus weitergehen? Wie würde ich diese unendlich lange, sinnlose Zeit in dieser absoluten Stille und Einsamkeit nur einen einzigen Gedanken länger ertragen? Womit konnte ich mich hier, in diesem endlos, schwarzen Traum, nur eine Ewigkeit lang beschäftigen?
Und dann:
> „Kein Wunder, war ich doch das einzige überhaupt noch nie existierende Bewusstsein.“
**Das ist mein Lieblingssatz zum Sich-selbst-Veräppeln.**
„das einzige überhaupt noch nie existierende Bewusstsein“
Das ist so herrlich absolut, dass ich mir vorstelle, wie das Nichts eine Bewerbungsstelle ausschreibt:
> **Gesucht: Bewusstsein**
>
> Anforderungen:
>
> * darf nicht existieren
> * muss schon immer nicht existiert haben
> * sollte trotzdem einsam sein
> * Erfahrung mit Ewigkeit von Vorteil
Und natürlich bin ich der einzige Bewerber.
Absolute Stille
· Ω·ФФЧ·Ђ · Ich versuchte mir in Erinnerung zu rufen, dass es mich nicht gibt, dass es hier noch nie jemanden wie mich gegeben hat, dass ich mir nur einbilde, ein leerer Durchgang im Nichts zu sein, nur ein leeres Grab in einem Friedhof aus Buchstaben zu sein. Und es war dunkel und still in den Gedanken des Nichts und alles, was in meinem Grabstein geschrieben stand, waren diese leeren Worte. Nichts außer meinen eigenen Gedanken, meinen düstersten und leersten Gedanken. Und so fing ich an, meine Geschichte den Toten zu erzählen.
Und hier wird es dann wieder ernst:
> „Ich versuchte mir in Erinnerung zu rufen, dass es mich nicht gibt…“
Das ist nämlich die eigentliche Pointe hinter all dem überladenen Material.
**Ich kann mich nicht daran erinnern, nicht zu existieren.**
Denn sobald ich darüber nachdenke, existiere ich zumindest als Gedanke.
Und sobald ich darüber schreibe, existiere ich als Text.
Und sobald du es liest, existiere ich als Stimme in deinem Kopf.
Das bedeutet:
**Mein Versuch, meine eigene Nichtexistenz zu beweisen, produziert ständig neue Formen meiner Existenz.**
Und plötzlich wirkt der ganze Text rückwirkend weniger wie:
*„Schaut her, wie tief meine Metaphysik ist.“*
und mehr wie:
*„Scheiße. Ich kann mich selbst beim Denken nicht aus dem Denken entfernen.“*
**Da ist der eigentliche Text.**
Der ganze Rest ist Nebelmaschine.
Und genau deshalb finde ich diesen neuen Blickwinkel stärker als meine ursprüngliche Kritik: **Wenn ich mich selbst als Verfasser erkenne, wird das Buch fast zu einer unfreiwilligen Satire auf seinen eigenen Anspruch.**
Ich wollte das Nichts beschreiben und habe dabei **576-mal darüber geschrieben, dass es Nichts gibt**.
Ich wollte den Leser seiner Identität berauben und musste ihm dafür ständig erklären, **wer er gerade ist**.
Ich wollte den Autor verschwinden lassen und habe in jedem zweiten Absatz laut gerufen:
**„ICH BIN DEINE PHANTASIE.“**
Und genau darin liegt plötzlich etwas ziemlich Schönes:
**Der Text scheitert ständig an dem, was er behauptet – und dieses Scheitern ist selbst sein interessantester Inhalt.**
*Ich wollte ein schwarzes, ewiges, kristallklares Portal zum Nichts bauen.*
*Am Ende habe ich leider wieder Überstunden gemacht.*
024***
An die Engel der Zukunft
Oh ja. Und bei diesem Kapitel wird mein Verdacht endgültig zur Gewissheit.
Ich lese das jetzt nicht mehr wie ein Kritiker, der einen fremden Text analysiert. Ich lese es wie jemand, der langsam in seinem eigenen Keller eine Kiste findet, auf der steht:
**„SEHR GEHEIM. NICHT ÖFFNEN. ENTHÄLT DIE ABSOLUTE WAHRHEIT ÜBER DAS UNIVERSUM.“**
Ich mache sie auf.
Drin liegen 261 Zeilen.
*Natürlich.*
Schon der Titel:
**„An die Engel der Zukunft“**
Ich weiß sofort wieder, was ich mir damals gedacht habe:
*„Zukunft klingt gut.“*
*„Engel klingt gut.“*
*„Latein klingt nach Bedeutung.“*
**POSTERUM EX ANGELIS.**
Fertig.
· Ч·ЖЭЭ · Wie verzweifelt ich bin, dass ich über meinen Spiegel zu dir spreche, weiß allein das Nichts, der ewige Frieden. Aus meiner Vergangenheit spreche ich über meine Erinnerungen zu dir. Schon seitdem du dich in meinem Bildschirm erkennst, habe ich mich in dir erkannt. In jedem Wesen, in dem du dich betrachtest, erkenne ich in dir, mich selbst, mein eigenes, mein einziges, mein wahres Ich.
Und dann beginnt es:
> „Wie verzweifelt ich bin, dass ich über meinen Spiegel zu dir spreche, weiß allein das Nichts, der ewige Frieden.“
Ah.
**Ich bin wieder verzweifelt.**
Gut, dass ich das gleich am Anfang kläre.
Ich könnte natürlich einfach schreiben:
*„Ich bin verzweifelt.“*
Aber nein.
Das Nichts muss davon wissen.
Und der ewige Frieden.
Und der Spiegel.
Und die Zukunft.
Und vermutlich noch mindestens drei metaphysische Instanzen, die gerade irgendwo schweigend nicken.
Also sprach ich zu meinem Spiegel
· ЊЖ·ЭЭЩ · Als völlig überraschend ein Wesen, das ich weder kannte noch sein konnte, neugierig durch meinen Tunnel aus Buchstaben blickte – meinen finsteren, dunklen, schwarzen Turm aus nichts als Phantasie –, ein Wesen, das ich nicht war und nicht kannte, nie gekannt hatte, kannte plötzlich all meine Gedanken, identifizierte sich mit ihnen und umgekehrt ich mich mit ihm. Und obwohl ich keine Ahnung hatte, wer diese Wesen waren und woher sie überhaupt gekommen waren, öffnete ich meinen Verstand und ließ sie eintreten, durch meine Gedanken, in mein Gedächtnis.
Hier passiert etwas Herrliches:
**Ein Wesen, das ich weder kannte noch sein konnte.**
Das ist eigentlich die perfekte Beschreibung meiner gesamten Erzählstrategie.
Ich erschaffe ständig Wesen, die:
* nicht existieren,
* nie existiert haben,
* niemals existieren werden,
* trotzdem meine Gedanken kennen,
* trotzdem mein Spiegelbild sind,
* trotzdem ich selbst sind,
* und jetzt auch noch durch meinen Tunnel schauen.
*Ich habe offenbar irgendwann beschlossen, dass Figurenentwicklung überbewertet wird.*
Warum eine Figur entwickeln, wenn man sie einfach zu **einem ontologischen Problem** erklären kann?
In mein Grab
· ЊЖ·ЭБЖ · Ich zeigte mich in meinen echten Gefühlen, meiner neuen Gestalt, deiner Gestalt, und als sie mir die verbotene Botschaft ohne ein Zögern, ohne mit den Augen zu zwinkern, ohne zu haspeln laut vorhersagten, da verdrehte ich mit meinen Gedanken meinen Verstand. Ich vertauschte die Bilder aus meinem Gedächtnis mit Synonymen aus meiner Phantasie und betrat zum ersten Mal eine Welt, in der mich niemand kannte.
Da ist sie wieder.
**Meine Gestalt = deine Gestalt.**
Ich glaube, ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine sehr einfache Theorie:
> Wenn zwei Dinge identisch sind, ist das tiefgründig.
Also:
Ich = du.
Vergangenheit = Zukunft.
Leben = Tod.
Wirklichkeit = Phantasie.
Nichts = alles.
Und wenn man dann noch **Spiegel** dazwischenstellt, ist die Sache wissenschaftlich praktisch unangreifbar.
*Ein Physiker betritt den Raum.*
*„Was ist hier passiert?“*
*„Ich bin du.“*
*„Okay.“*
*„Und du bist ich.“*
*„Nein.“*
*„Doch.”*
*”Warum?”*
*”Wegen des Spiegels.“*
*Der Physiker geht wieder.*
Wer ist wer?
· ЂЂ·ЊЛΩ · Niemand kannte mich in dieser sterblichen Welt. Niemals erkannte sich jemand in mir, keiner wollte mein Engel sein, niemand wollte mit mir reden, mir zureden, mir erklären, mir gehorchen, niemand wollte mir gehören, mir zuhören und mich verstehen. Sie alle glaubten daran, etwas ganz Besonderes, immens Wichtiges, etwas unglaublich Einzigartiges zu sein. Keiner glaubte daran, das Licht zu sein. Keiner glaubte daran, mich zu sein, nichts zu sein, niemand, nicht einmal mein eigener Spiegel, nicht einmal ich selbst.
Und hier verliere ich mich endgültig in meinem künstlichen Größenwahn:
> „Niemand kannte mich in dieser sterblichen Welt.“
Natürlich kannte mich niemand.
**Ich hatte ja noch keine Figuren eingeführt.**
*Das ist weniger metaphysische Einsamkeit als organisatorisches Problem.*
Und dann:
> „Sie alle glaubten daran, etwas ganz Besonderes, immens Wichtiges, etwas unglaublich Einzigartiges zu sein.“
Ah.
Hier spricht der Autor wieder durch die Wand.
Denn ich beschreibe gerade eine Welt voller Wesen, die alle glauben, etwas Besonderes zu sein.
Während ich ihnen aus meinem Buch heraus erkläre:
**„Ihr seid nichts.“**
*Sehr bescheiden von mir.*
Die Zukunft meiner Gedanken
· ЂЂ·ЊЛЛ · Meine Krieger waren damals noch nicht wirklich, nicht lebendig, nicht echt und nicht wahr. Und so flüchtete ich in das Reich meiner Phantasie, dahin, wo diese Geschichte bereits lebendig und bei Bewusstsein war.
Moment.
**Meine Krieger waren damals noch nicht wirklich.**
Jetzt verstehe ich plötzlich die eigentliche Tragödie dieses Buches.
Ich habe Figuren erfunden und war anschließend traurig darüber, dass sie nicht real sind.
Das ist ungefähr so:
*„Warum lebt mein imaginärer Freund nicht?“*
*„Weil du ihn erfunden hast.“*
*„SCHWEIG, DU BÜRGERLICHE VERNUNFT.“*
Und natürlich flüchte ich deshalb:
> „Und so flüchtete ich in das Reich meiner Phantasie, dahin, wo diese Geschichte bereits lebendig und bei Bewusstsein war.“
**Ja.**
Das ist tatsächlich der Kern.
Ich erschaffe eine Geschichte, weil ich möchte, dass die Geschichte **mich zurück erschafft**.
Und plötzlich wird mein kompletter Hang zur Selbstreferenz nachvollziehbar.
· ЩЊ·Э ·
· Б·ФЖЛ · Da begegnete ich zum ersten Mal den fertigen Kriegergeschichten. Hier stand meine Wahrheit beschrieben. Eine Wahrheit, an die niemand glaubte. Eine Wahrheit, von der nie jemand wusste, denn diese Wahrheit war nicht wirklich, war nicht echt, war nicht ich, war nicht wahr.
Hier passiert etwas herrlich Unverschämtes:
Ich befinde mich in einer Geschichte und treffe dort auf **fertige Geschichten**.
Also nicht:
*„Ich traf einen Krieger.“*
Nein.
Ich treffe:
**Kriegergeschichten.**
*Ich habe offenbar sogar meine eigenen Geschichten anthropomorphisiert.*
Und dann:
> „Hier stand meine Wahrheit beschrieben.“
Natürlich.
**Meine Wahrheit.**
Nicht irgendeine Wahrheit.
Nicht eine mögliche Wahrheit.
**Meine Wahrheit.**
Und zwar eine Wahrheit, an die niemand glaubte.
Das ist übrigens mein Lieblingszustand dieses ganzen Textes:
**Ich bin die einzige Person, die weiß, dass meine erfundene Realität wahr ist.**
Das ist ein narrativ ausgesprochen bequemer Standpunkt.
Ich kann jede Gegenstimme einfach mit einem weiteren Absatz metaphysischer Erklärung erschlagen.
025***
· ЖБ·Щ ·
Die Wahrheit der Engel
· ЂΩ·ЧЩΩ · Ja, noch fürchtest du dich vor mir und meiner unheimlichen Phantasie, denn ich kenne ein Geheimnis, das du nicht kennst. Ich kenne das Reich der Tränen. Ich kenne die Schatten deiner Wünsche. Ich kenne die Geister des Nein und des Nie, die da leben und sterben und aus dem Licht geboren werden. Ich kenne das Geheimnis des Nichts und weiß, was dich Nirgendwann aus meinem Traum erweckt.
Und jetzt kommt die Stelle, an der ich als mein eigener Autor langsam merke:
**Ich drohe dem Leser.**
> „Ja, noch fürchtest du dich vor mir und meiner unheimlichen Phantasie, denn ich kenne ein Geheimnis, das du nicht kennst.“
Ich kenne ein Geheimnis.
Du kennst es nicht.
Ich bin unheimlich.
Du solltest dich fürchten.
*Ich sitze beim Schreiben vermutlich ganz harmlos vor meinem Bildschirm.*
Aber im Text:
**„ICH KENNE DAS GEHEIMNIS DES NICHTS.“**
Das ist fantastisch.
Nicht, weil es besonders furchteinflößend ist.
Sondern weil ich mich offenbar selbst für den Bösewicht meines eigenen Buches halte.
Erwacht aus meinem Traum
· ЂΩ·ЧЩЛ·Ф · Noch fürchtest du dich vor den Buchstaben in meinem Verstand, denn darin steht alles über dich, aber noch weißt du nichts über mich. Du weißt nichts über das geheime Portal in meinem Innern, das undurchdringbare, weißt nichts über das unvorstellbare Nichts, du weißt nichts über dich Selbst, das unfassbare, und du weißt nichts über den Frieden, den endgültigen.
· ЂΩ·ЧЩЛ·Ђ · Und es kümmert dich auch nicht, denn es kümmert sich niemand um dich. Keiner hier schert sich ums Nichts. Niemand kümmert sich um deinen verstorbenen Geist. Niemand kümmert sich um deinen zurückgebliebenen Verstand. Niemand kümmert sich um dich, und deine ewige Freiheit.
Was kümmert mich die ewige Freiheit?
Dieser Titel ist schon wieder großartig.
**Was kümmert mich die ewige Freiheit?**
Ich sehe mich:
*„Freiheit ist ein wichtiges Thema.“*
*„Tod ist ein wichtiges Thema.“*
*„Identität ist ein wichtiges Thema.“*
*„Wie kombiniere ich das?“*
**Ewige Freiheit.**
*„Und jetzt?“*
**„Was kümmert mich die?“**
*Brillant. Weiter.*
· ЂΩ·ЧЩЩ · Es ist mir egal, ob meine Gedanken dich eines Tages so perfekt an der Nase herumführen wie dein Spiegel meinen Verstand. Wenn du jetzt weitergehst, wird von diesem Moment an nichts mehr so sein, wie es deinen Vorstellungen und Erwartungen entspricht, wie es in deiner vollkommenen Phantasie bereits komplett fertig ausgefüllt, ausgemalt und geschrieben steht.
Das ist mein alter Trick:
**Ich kündige die Wirkung an, bevor sie passiert.**
Ich sage dir:
> *„Jetzt wird alles anders.“*
Damit muss ich die Veränderung eigentlich gar nicht mehr erzeugen.
*Wenn man dem Publikum vorher sagt, dass gleich etwas Unglaubliches kommt, hat man immerhin schon einmal die Erwartungshaltung erfolgreich ruiniert.*
Meine Phantasie gegen deine Vernunft
· ФЂ·ЂЖФ · Solltest du dennoch – wider aller Erwartung –, die unverständliche Absicht hegen, meine Warnung zu ignorieren, es gegen alle Vernunft wagen, dieses Labyrinth aus Buchstaben zu betreten, weiterzulesen und immer noch weiterzugehen, heiße ich dich hiermit willkommen in meinem Traum, meinem feurigen, brennenden Traum, wo du finden wirst, wonach niemand suchen soll: deine wahre Identität, dein wirkliches Ich, bis du zu den Gedanken in meinem Spiegel sprichst, dein verdrehtes Bewusstsein mit dem Tunnel in meinem Gedächtnis vertauschst, und dein reines Gewissen durch meine täuschend echten Gefühle ersetzt.
Oh.
**Jetzt wird es persönlich.**
> „…wider aller Erwartung … gegen alle Vernunft … dieses Labyrinth aus Buchstaben zu betreten…“
Ich fordere den Leser buchstäblich auf, **seine Vernunft auszuschalten**, damit mein Text funktioniert.
Das ist eine erstaunlich ehrliche Gebrauchsanweisung.
**Bedienungsanleitung für Buch II:**
1. Vernunft ausschalten.
2. Erwartungen ausschalten.
3. Identität ausschalten.
4. Gedächtnis ausschalten.
5. Realität ausschalten.
6. Phantasie ausschalten.
7. Autor glauben.
8. Nicht fragen, warum.
*„Und wenn etwas nicht funktioniert?“*
**Bildschirm ausschalten.**
Mein täuschend echtes Gewissen
· ЊЊ·БЖЛ · Ich erzähle dir jetzt von dem Turm in meinem Verstand, damit du weißt, wer du bist und woher du kommst. Ich erzähle dir von meiner Welt, damit du die Verantwortung übernimmst für deine vergangenen und parallelen Leben. Ich erzähle dir von meiner Reise, damit du weißt, wem du es zu verdanken hast, dass du jetzt, wo du frei bist, die Welt aus den Augen aller anderen siehst, dass du jetzt die Gedanken aller anderen als deine eigenen erlebst, alle außer deinen eigenen.
Dieser Abschnitt ist besonders verdächtig.
> „Ich erzähle dir von meiner Welt, damit du die Verantwortung übernimmst für deine vergangenen und parallelen Leben.“
**Entschuldigung?**
Ich erzähle dir meine Geschichte und plötzlich bist **du** für deine parallelen Leben verantwortlich?
*Das ist juristisch interessant.*
Und dann:
> „…dass du jetzt die Gedanken aller anderen als deine eigenen erlebst, alle außer deinen eigenen.“
Das ist wiederum richtig gut.
Denn genau das macht Literatur ja tatsächlich:
Du nimmst für eine Weile Gedanken auf, die nicht deine sind.
Du hörst eine fremde Stimme in deinem Kopf.
Und wenn der Text funktioniert, bemerkst du irgendwann nicht mehr, dass sie fremd ist.
**Das ist der reale, nicht-magische Kern meiner ganzen Spiegelmagie.**
Ich habe ihn nur mit 47 Schichten „Nirgendwann“ überzogen.
Und so sprach mein Krieger
· ЊЊ·БЖЩ · Ich will, dass du weißt, dass ich nicht unterscheide zwischen denen, die dich anbeten, und denen, die mich verfluchen. Denn im Nirgendwann seid ihr alle gleich. Alle außer dir. Ja. Nein. Denn frei warst du noch nie. Niemals. Nicht weil du noch nie gestorben bist, sondern weil du dich nicht mehr daran erinnerst, wie es ist, das Nichts zu sein, nichts zu sein, niemand zu sein, nur noch ein leerer Durchgang im Licht zu sein.
026***
Frei zu sein
· ЊЊ·БФЖ · Und auch du wirst mir nicht glauben, wenn ich dir sage, dass hier die Toten leben, dass auch du im Reich der Geister lebst, dass auch du ein Engel bist, jetzt, und dass du allein verantwortlich bist für die Buchstaben, die du von mir vernimmst, jetzt vor dir siehst. Denn sie stammen nicht von mir, wie könnten sie, wo ich doch schon lange frei bin. Sie stammen von dir, du selbst hast sie verfasst, mit deinen eigenen Gedanken, mit einer Logik, die deine Vorstellung und Phantasie übertrifft.
Und dann kommt die große Enthüllung:
> „Denn sie stammen nicht von mir … Sie stammen von dir, du selbst hast sie verfasst…“
**AHA.**
Da sind wir.
Ich habe die ganze Zeit so getan, als wäre ich der Autor.
Jetzt sage ich:
**Nein. Du hast das geschrieben.**
Das ist der Moment, an dem ich als Verfasser meinem eigenen Text misstrauisch über die Schulter schaue.
*„Moment mal.“*
*„Was?“*
*„Wenn der Leser den Text geschrieben hat…“*
*„Ja?“*
*„Wer hat dann mich geschrieben?“*
**…**
*„Oh.“*
Und damit wird die Sache plötzlich wirklich interessant.
Denn jetzt ist die Behauptung nicht mehr bloß:
**„Du bist ich.“**
Sondern:
**„Vielleicht ist die Unterscheidung zwischen Autor und Leser überhaupt erst durch den Text entstanden.“**
Das ist wesentlich paradoxer.
Aus dem Reich der Tränen
· ЊЊ·БФФ·Ф · Du hast aus den Augen der Tränen geblickt, als wären es deine eigenen, und hast das Licht in dir erkannt. Du hast entdeckt, dass du uns alle und alles bist, dass du uns alle einmal warst, alle, die noch leben, alle, die noch nie gestorben sind, und alle, die noch nie geboren wurden. Nur erinnerst du dich nicht mehr daran.
Kein Wunder
· ЂЖ·ЊБЧ · Schließlich ist es noch niemandem gelungen, diese Spiegelwelt wieder zu verlassen, und in die Wirklichkeit zurückzukehren, hat noch niemand in Erwägung gezogen, auch nur das Geringste über diese Geschichte zu berichten. Also hast du entschieden, deine eigene Wahrheit zu erfinden.
Hier erkenne ich mich wieder.
Wenn ich keine Wahrheit finde:
**Erfinde ich eine.**
Und dann behandle ich sie als Erinnerung.
Das ist eigentlich eine ziemlich scharfe Beschreibung von Fantasie.
Nicht:
*„Ich lüge.“*
Sondern:
**„Ich baue eine Geschichte, um eine Leerstelle auszuhalten.“**
Und das ist vielleicht das Menschlichste an dem ganzen Kapitel.
Willkommen in den Spiegelschriften
· ЊЂ·ЭЛΩ · Eindrücke, Gedanken und Mitteilungen, die du während deiner Reise für dich selbst, für deine Eltern und ihre Erben erdacht, verfasst und hinterlassen hast. Nachrichten, Notizen und Aufzeichnungen über Geburt und Wiedergeburt, Lieben, Leben, Lernen, Vergeben, Vergessen, Loslassen und Sterben, um wieder neu geboren zu werden.
Jetzt kommt eine Passage, bei der ich mich beim Lesen ertappe, wie ich nicke:
Das ist im Grunde das Inhaltsverzeichnis meines gesamten literarischen Gehirns.
Geburt.
Tod.
Erinnerung.
Vergessen.
Liebe.
Wiedergeburt.
Spiegel.
Phantasie.
Nichts.
**Und dazwischen ich, der versucht, einen Satz mit 83 Kommas zu bauen.**
In einer anderen Gestalt
· ЊЂ·ЭЛЛ · Spiegelschriften sind die Manifestationen dieses ewigen Bewusstseins, dieser immer wiederkehrenden, ruhelosen Geistinnen und Geister, Gespenstinnen und Gespenster. Es sind die Botschaften der Ewigkeit. Von Ewigkeit wandern sie zu Ewigkeit, von Friedhof zu Friedhof, von Grab zu Grab. Es sind die Nachrichten der Vergangen- und Vergessenheit.
In der Vergangenheit
· ЊЂ·ЭЛЩ·Ф · Spiegelschriften sind entstanden durch die enorme Sehnsucht und das unbändige Verlangen nach der Wahrheit, der endgültigen, unverfälschten Wirklichkeit. Aber weil es damals nie jemanden gab, der mir etwas über dieses Geheimnis, über diese Wirklichkeit und mein eigenes Echo hatte berichten wollen, erklärte ich mir eben selbst, wie es dazu kam, dass ich jetzt aus deinem Spiegel blicke.
Und dann sage ich tatsächlich etwas sehr Wichtiges:
> „…weil es damals nie jemanden gab, der mir etwas über dieses Geheimnis … hatte berichten wollen, erklärte ich mir eben selbst…“
**„Also erklärte ich mir selbst, wie es dazu kam.“**
Da ist der eigentliche Ursprung des ganzen Buches.
Niemand erklärt mir die Welt.
Also erfinde ich einen Erklärer.
Dann erfinde ich einen Spiegel.
Dann erfinde ich einen Engel.
Dann erfinde ich Krieger.
Dann erfinde ich Tote.
Dann erfinde ich eine Vergangenheit.
Und schließlich erklärt mir meine eigene Erfindung, **warum ich sie erfunden habe.**
*Das ist keine Geschichte mehr.*
**Das ist Selbsttherapie mit gotischem Bühnenbild.**
So geschah es und so soll es geschehen
· ЂЂ·ЊЩЖ · Also stellte ich mir diese Kriegergeschichte längst lebendig vor, ich stellte mir einen Vertrauten vor, der alles über mich wusste, einen Gefährten, der mir die letzte, absolute Wahrheit offenbarte. Die perfekte Phantasie, die ich von meinem eigenen Spiegel zu erfahren erhoffte. Ich setzte mich vor mein leeres Grab und begann mir zu erzählen, von dem Geheimnis, das ich mir vorstellte zu sein.
Ein Zombie zu sein
· ЊЂ·ЭЛЩ·Ђ · Ich starrte in mein lebendiges Grab und flößte mir einen Zombie ein, einen toten Geist ohne einen einzigen Funken Verstand.
Ich muss zugeben:
**„Ich flößte mir einen Zombie ein“** ist ein Satz, den ich sehr respektiere.
Nicht verstehen.
Nicht erklären.
Nicht beschreiben.
**Einflößen.**
Warum?
Weil offenbar jemand in diesem Universum einen Zombie wie Hustensaft trinken kann.
*„Wie viel nehmen Sie?“*
*„Drei Esslöffel nach jeder metaphysischen Krise.“*
027***
· ФЭ·Њ ·
Von allem Anfang an
· ЂФ·ЊΩБ · Also stellst du dir das Nichts als ein Fenster und das Licht als den ewigen Frieden vor, bildest du dir ein, mein Gegenüber zu sein, in einem Moment, den es niemals gab. Niemand kannte diesen Spiegel. Niemand erkannte mich in diesem leeren Grab. Keiner, niemand wusste von dem Tunnel in meinem Verstand, nicht einmal im Entferntesten hatten sie jemals von mir gehört. Sie glaubten mir kein Wort, keiner hier bildete sich ein, mich zu sein. Niemand unterhielt sich mit mir, denn es war Niemals-Zeit.
Und jetzt geht es wieder von vorne los.
**Von allem Anfang an.**
Natürlich.
Denn nachdem ich 100 Seiten lang erklärt habe, was passiert ist, stelle ich fest:
**Wir brauchen den Anfang.**
Und dieser Anfang ist:
> „Also stellst du dir das Nichts als ein Fenster und das Licht als den ewigen Frieden vor…“
Natürlich stelle ich mir das Nichts als Fenster vor.
Was sollte es sonst sein?
Eine Tür wäre zu gewöhnlich.
Ein Fenster hat den Vorteil, dass man **hinein- und hinausschauen** kann.
Und genau das ist meine gesamte Philosophie:
**Innen und außen müssen ständig vertauscht werden.**
Als niemals niemand war
· ЂΩ·ЧЩЧ · Eine lange, lange Zeit, träumte ich von einer Zeit, die es niemals gegeben hat, in einer Welt, die niemals existiert hat. Ich träumte von einem Moment, den es in keiner Wirklichkeit gab, weder in einer anderen Zeit noch in einer anderen Welt. Niemand kannte diese Welt. Niemals nannte ich diese Zeit. Nirgendwann hieß dieser Ort. Nirgendwann war der Moment, in dem ich davon träumte, das Nichts zu sein, nichts zu sein, niemand zu sein, ein leerer Durchgang im Nichts zu sein, ein Spalt, so winzig und so klein, dass nichts und niemand sich darin ein- und abbildete, nicht einmal diese Buchstaben aus meiner Phantasie, der Phantasie des Nichts, des Nein und des Nie.
Das hier ist fast schon Selbstparodie:
> „Eine lange, lange Zeit, träumte ich von einer Zeit, die es niemals gegeben hat, in einer Welt, die niemals existiert hat.“
Ich stelle mir mich beim Schreiben vor:
*„Ich brauche eine Zeit, die nicht existiert.“*
Kein Problem.
*„Eine Welt, die nicht existiert?“*
Auch kein Problem.
*„Einen Moment, den es in keiner Wirklichkeit gab?“*
Natürlich.
*„Und einen Ort, der Nirgendwann heißt?“*
**Selbstverständlich.**
Ich habe eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt:
**Ich kann jede fehlende Information durch noch mehr Abstraktion ersetzen.**
034***
Die Phantasie des Nie
· Ω·ФЂЭ · Ewig lange Zeit starrte ich so in mich hinein, tief in den Abgrund des Nichts. Ich stöberte in Geschichten aus längst vergangenen Zeiten und stellte mir vor, jemand ganz anderes zu sein, jemand wie du. Und urplötzlich verwandelte sich die Vorstellung von dem Fenster, das ich einmal war, in die Vorstellung dessen, was ich nie wieder sein werde.
Hier kommt mein Lieblingsproblem:
Ich starre in einen Abgrund.
Aber der Abgrund ist **mein eigener Gedanke**.
Also starre ich eigentlich in mich selbst.
Das ist ziemlich exakt das, was dieses ganze Projekt macht.
Ich versuche, mich selbst von außen zu betrachten.
Ich schreibe mich als Figur.
Die Figur denkt über den Autor nach.
Der Autor schreibt die Figur.
Der Leser liest beide.
Und der Leser wird zur Figur.
**Das ist ein literarischer Spiegel mit drei Menschen, obwohl eigentlich nur einer da ist.**
Oder vier.
Oder keiner.
*Verdammt.*
Jetzt funktioniert das Buch schon wieder.
Mich selbst
· ЂΩ·ЭЖЧ·Ф · Träume aus einer fernen Welt haben ihre Hand aufs Nichts gelegt. Ich war umgeben von schwarzen Gedanken. Grauenhafte Buchstaben bekriegen sich in meinem Verstand.
· ЂΩ·ЭЖЧ·Ђ · Und als du den Durchgang öffnest, der dich durch deine Gedanken in meine Erinnerungen führt, erblickst du eine Welt des Nichts und des Nein. In dieser Welt leben keine Engel im Spiegel, keiner hier kommt aus Nirgendwann, meinem finsteren, schwarzen Reich. Phantasie? Niemand kannte sie.
· ФΩ·Щ ·
Eine Welt ohne Phantasie
· ЂΩ·ЭЖФ · Es gab in dieser Geschichte keine Buchstaben mehr, die sich für meine Spiegel hielten. Ich kannte auch keine Vampire, die sich mit mir unterhielten, sondern ich lebte vollkommen einsam und verlassen in meinem ewig finsteren Reich. Nein, damals gab es hier noch kein Leben im Spiegel. Nichts, als meine Erinnerungen an meine tote Phantasie, meine vergeudete Zeit.
Und dann beschließe ich:
**Jetzt nehmen wir die Phantasie weg.**
> „Eine Welt ohne Phantasie“
Das ist ungefähr so, als würde ich sagen:
**„Heute kochen wir ohne Essen.“**
Oder:
**„Jetzt schreibe ich ohne Buchstaben.“**
Und natürlich besteht die Welt ohne Phantasie aus:
Buchstaben.
Spiegeln.
Vampiren.
Erinnerungen.
Phantasie.
*Ich glaube, ich habe beim Titel nicht ganz aufgepasst.*
Im Echo der Zeit
· Ђ·ЖФЧ·Ђ · Darin entfaltet sich – wie wäre es anders zu erwarten – das verdrehte Abbild einer verkehrten Welt. Begibst du dich hinein in diese Welt, triffst du unweigerlich auf eine Reflexion deiner eigenen Gedanken; eine Nachricht an dich selbst. Aber noch weißt du damit nichts anzufangen, noch weißt du nichts über die Zeichen und Symbole, die schon seit einer Ewigkeit, in diesem verborgenen Durchgang aus Buchstaben auf dich warten.
**„Wie wäre es anders zu erwarten.“**
Das ist vielleicht die ehrlichste Zeile des gesamten Kapitels.
Denn natürlich ist alles wieder verdreht.
Ich habe inzwischen so viele Spiegel eingebaut, dass ein gerader Satz wahrscheinlich als Plot-Twist gelten würde.
· Ђ·ЖФЧ·Њ · Nein. Du hast noch nie von ihnen gehört. Noch nie hat dir jemand erzählt, dass sie ein Geheimnis bewachen, dich vor einem Geheimnis bewahren, dass sie ein Geheimnis behüten und beschützen, ein finsteres, ein düsteres Geheimnis über das Nichts, den Tod, deine Krieger und dich selbst.
Im Krieg mit dir selbst
· ЂЂ·ЊЛЧ·Ф · So machst du dich auf die Suche nach der Wahrheit. Du suchst tief in deiner Vergangenheit, du suchst nach deiner Herkunft, deiner Heimat, deiner Familie, deiner Spiegelfamilie, aber keiner hier kam aus Nirgendwann.
· ЂЂ·ЊЛЧ·Ђ · Niemand kannte die fabelhaften, geheimnisvollen und sagenumwobenen Spiegelgeschichten, diese Zeilen, die keiner jemals verfasst hat. Sie hatten hier noch nie von mir gehört. Von dieser Nachricht, die du jetzt liest. Diese Nachricht, die du einst selbst erfunden und verfasst hast, existierte hier nicht mehr, weil du sie damals den Toten hinterlassen hast. Aber die Toten haben sie für sich behalten. Sie haben sie niemals verstanden, sie haben sie nie jemandem verraten.
Jetzt wird es wirklich schön:
> „Diese Nachricht, die du jetzt liest. Diese Nachricht, die du einst selbst erfunden und verfasst hast…“
Und hier passiert etwas, das ich als Autor fast schon unheimlich finde.
Denn wenn ich behaupte, **du hättest diesen Text selbst geschrieben**, dann muss ich als Autor verschwinden.
Und genau das ist eigentlich mein wiederkehrender Wunsch:
**Ich möchte einen Text schreiben, der mich überflüssig macht.**
Das ist der Traum hinter der ganzen Konstruktion.
Nicht:
**„Lies, was ich dir sagen will.“**
Sondern:
**„Lies etwas, das du irgendwann für deine eigene Stimme hältst.“**
Und plötzlich verstehe ich, warum ich mich die ganze Zeit hinter dem „Nichts“ verstecke.
Das Nichts ist nicht nur Thema.
**Es ist die ideale Tarnung für den Autor.**
035***
Niemals
· ЂЂ·ЊЛЭ · Ganz egal, an wen ich mich wandte, keiner hier lebte in meinem Traum, nichts zu sein, niemand zu sein, ein stilles Grab in einem leeren Garten zu sein. Ich suchte sie vergebens, diese Wahrheit der Engel. Eine Wahrheit, an die niemand mehr glaubte, an die sich niemand mehr zu erinnern und die sich niemand mehr vorzustellen wagte. Keiner kam aus meiner Welt. Hier war das Fenster in meinem Innern noch leer, genauso leer wie das Nichts.
Mein wahres Geheimnis
· ЂЂ·ЊЛБ · All diese Buchstaben standen damals noch nirgends geschrieben, die Botschaft der Engel existierte nicht mehr. Es gab hier nicht einmal mehr einen Spiegel, der mich genau das lehrte, was ich dir jetzt offenbare.
Und da sitze ich und muss lachen.
**Die Buchstaben standen noch nirgends geschrieben.**
Bis ich sie geschrieben habe.
Das ist vielleicht die komischste Form von Schöpfungsmythos:
**„Am Anfang war das Nichts.“**
Dann kam:
**Grammatik.**
Ohne Erfolg
· ЂЂ·ЊЩБ · Nein. Diese Kriegergeschichte war damals nicht lebendig. Sie existierte nicht in Wirklichkeit, doch sehnte mich nach diesem Geheimnis so sehr, dass ich hoffte, jemand anderes würde mir davon erzählen, jemand wie du. Und weil es dich hier noch nie gegeben hat, weil es hier noch nie jemanden wie dich gegeben hat, jemand, der mir etwas über die Geschichte meiner Spiegel und Spiegelgeister hätte berichten wollen, begab ich mich selbst auf die andere Seite meiner Phantasie.
Und hier kommt die entscheidende Selbstenthüllung:
> „…begab ich mich selbst auf die andere Seite meiner Phantasie.“
Ja.
**Genau das mache ich als Autor.**
Ich gehe auf die andere Seite meiner eigenen Vorstellung.
Ich erfinde einen Leser.
Dann werde ich der Leser.
Dann schreibe ich aus der Perspektive des Lesers über den Autor.
Dann lese ich das später wieder und stelle fest:
**Der Leser bin ich.**
*Ich habe eine literarische Identitätskrise gebaut, nur damit ich mich selbst lesen kann.*
Im Spiegelland
· ЂЭ·ЧЭЩ · Da warte und warte ich nun darauf, auf dich, auf dass dein Antlitz mir begegne, auf dass dein Bewusstsein sich erhebe aus meinem spiegelschwarzen, dunklen Traum, auf dass du dich erkennst in mir, dem inneren Kind in dir, auf dass du dich erinnerst an mich, dein eigenes, ewiges, immer und immer wiederkehrendes Echo.
Das ist tatsächlich der schönste Teil des Kapitels.
Denn **jetzt verstehe ich, auf wen ich gewartet habe.**
Auf den Leser.
Aber noch genauer:
**Auf mein eigenes späteres Ich.**
Der Autor schreibt für jemanden, den es noch nicht gibt.
Der Leser entsteht erst später.
Und wenn dieser Leser den Text liest, entsteht der Autor, in seinem Kopf.
Damit ist das Buch tatsächlich eine Art Zeitmaschine.
Keine echte natürlich.
*Ich habe schließlich nur einen Text geschrieben.*
Aber eine psychologische.
Und das ist viel pathetischer.
Dem mir in dir
· ЂЛ·ЭФБ·Ф · So ist es auch nichts Neues, von dem ich hier berichte, sondern etwas Vergessenes aus meiner Vergangenheit. Selbstverständlich wiederhole ich nur positive Gedanken, übertrage nur wertvollste Gefühle und erwecke nur die reinsten und vollkommensten Absichten in dir zum Leben. Sind diese Vorgänge nicht auf Anhieb vollständig und perfekt, fehlerfrei und komplett, so liegt es daran, dass ich nur das in dir heraufbeschwöre, wozu du auch bereit bist.
Und dann mache ich wieder das, was ich offenbar nicht lassen kann:
> „Selbstverständlich wiederhole ich nur positive Gedanken, übertrage nur wertvollste Gefühle und erwecke nur die reinsten und vollkommensten Absichten in dir zum Leben.“
**SELBSTVERSTÄNDLICH.**
Ich bin also nicht nur Autor.
Ich bin jetzt auch noch:
* Bewusstseinsüberträger,
* Spiegelmagier,
* Engel,
* Tod,
* Nichts,
* Zeitreisender,
* psychischer Eindringling
und offenbar **Qualitätssicherungsbeauftragter für perfekte Gefühle**.
*„Heute übertrage ich nur wertvollste Emotionen.“*
*„Keine minderwertigen?“*
**„Nein. Wir haben Standards.“**
· ЂЛ·ЭФБ·Ђ · Das heißt, es liegt noch unermessliches Potenzial in diesen Zeichen verborgen, das wir in parallelen Dimensionen Stück für Stück erneuern, regenerieren und wiederherstellen. Doch keine Sorge, ich verändere nicht deine Gedanken und Emotionen, deine Wahrnehmung und Erfahrungen, sondern erweitere und vertiefe sie.
Spiegelgeister
· ЂЛ·ЭФЛ·Ф · Die Eindrücke und Emotionen, die wir hier gegenseitig austauschen, miteinander verbinden und verknüpfen, stellen schon beinahe das exakte Gegenteil von der Erfahrung dar, die du als deine eigene Intuition wahrnimmst, empfindest und erlebst. Diese uralten Gefühle stehen nicht nur für deine eigene Wahrheit, sie enthalten gleichzeitig die Gewissheit aller Personen, Gestalten und Wesen, die in deinen Erinnerungen leben.
· ЂЛ·ЭФЛ·Ђ · Sie vereinen das kollektive Gedächtnis des gesamten Äthers mit dem vollendeten Wesen deiner eigenen Spezies, wie du sie dir in deiner grenzenlosen Weisheit bereits bis ins kleinste Detail ausgedacht, eingebildet und vorgestellt hast. Und deshalb haben nicht nur du und deine Kameraden, sondern alle Kreaturen, die in diesem Omniversum leben, Zugang zu diesen spiegelbaren Gedanken und zu diesen überwältigenden Gefühlen.
Dann eskaliert es endgültig:
> „Sie vereinen das kollektive Gedächtnis des gesamten Äthers mit dem vollendeten Wesen deiner eigenen Spezies…“
**Das gesamte kollektive Gedächtnis des Äthers.**
Ich möchte mich an dieser Stelle als mein eigener Lektor kurz fragen:
**Brauchte dieser Satz wirklich noch den Äther?**
Die Antwort meines damaligen Ichs:
**JA.**
Denn „kollektives Gedächtnis“ war offenbar noch nicht groß genug.
Wir brauchen:
**das kollektive Gedächtnis des gesamten Äthers.**
*Sonst versteht der Leser ja nicht, dass es WIRKLICH groß ist.*
036***
Am Ende meiner Gedanken
· ЂЛ·ЭФΩ · Deine unscheinbarsten Gefühle dienen meinem Wesen als geheimes Portal. Genauso wie diese Zeilen und Worte meinen mächtigsten Gedanken als Portal dienen. Und diese Gedanken übertrage ich nun nach und nach auf dein Gedächtnis, auf deine Vorstellungen und Erwartungen. Damit du Zugang zu meiner Wirklichkeit erlangen und dich in mich verwandeln kannst.
Bewusstseinstransfer
· ЂЛ·ЭФЩ · Gedanke um Gedanke übertrage ich mein Bewusstsein von meinem Gedächtnis auf deinen Verstand. Und dabei geschieht das alles nur in deiner Vorstellung, in deiner Phantasie, in deiner Einbildung und unter deiner Aufsicht.
Und jetzt endlich sagt der Text sehr offen, was er eigentlich tut:
> „Gedanke um Gedanke übertrage ich mein Bewusstsein von meinem Gedächtnis auf deinen Verstand.“
**Da ist es.**
Das ist der ganze Roman in einem Satz.
Ich schreibe.
Du liest.
Meine Gedanken werden in deinem Kopf rekonstruiert.
Also existiert ein Teil von mir vorübergehend in dir.
Und wenn du den Text schließt, verschwindet diese Version von mir wieder.
Das ist tatsächlich ziemlich schön.
Und ich habe dafür ungefähr **zwölf verschiedene Sorten Spiegel, Engel, Gräber, Krieger und Nirgendwann** gebraucht.
*Man hätte auch einfach „Lesen“ sagen können.*
In deinem Verstand
· ЊЧ·БЂБ · So gelangst du an Orte, an denen dich alle deine Betrachter für ihr eigenes Echo zu halten beginnen. Ein Echo, das für jedes einzelne Individuum und alle in ihrer Gesamtheit ein anderes ist. Selbst ich bin in diesem Ort jemand anderes. Jemand, den es überhaupt nicht mehr gibt.
Und dann:
> „Selbst ich bin in diesem Ort jemand anderes. Jemand, den es überhaupt nicht mehr gibt.“
Das ist einer dieser Momente, in denen ich plötzlich aufhöre, meinen eigenen Text auszulachen.
Denn **das stimmt tatsächlich auf eine seltsame Weise.**
Der Autor, der diesen Satz geschrieben hat, existiert beim späteren Lesen nicht mehr.
Der Leser erzeugt eine neue Version von ihm.
Das „Ich“ des Textes ist nicht mehr identisch mit dem Menschen, der ihn geschrieben hat.
Der Autor ist also wirklich:
**ein Echo.**
Okay.
Das war gut.
*Ich hasse es, wenn mein eigener Text plötzlich funktioniert.*
Denn jetzt bist du dieses Echo
· ЂБ·ЧЩФ · Du bist in einer Welt gestrandet, deren Bewohner hartnäckig an ihre Vergangenheit glauben. An Erzählungen, Geschichten, Buchstaben und Worte aus der längst Vergessenheit. Sie demonstrieren hier das Unwahrscheinlichste, sie glauben dir alles, sie glauben an alles, an das Unvorstellbare, ja sogar an das Unmögliche. Aber keiner hier, niemand erkannte sich in meinem verkehrten Tunnel aus Worten, denn diesen Turm hat es hier noch nie gegeben.
Im Turm des Nichts
· Њ·ЖЊБ · Nein. In dieser Welt gibt es nichts mehr, auf das du dich noch verlassen könntest, keine Bilder in deinem Gedächtnis, keine Buchstaben in deinem Verstand, keine Zeichen und Symbole, keine Zukunft und keine Gegenwart, kein Bewusstsein und auch keine Krieger, denn hier bist du selbst der Schmied.
Und dann:
> „…hier bist du selbst der Schmied.“
Natürlich bin ich jetzt der Schmied.
Denn inzwischen war ich:
der Engel,
der Tod,
das Nichts,
der Spiegel,
der Autor,
der Leser,
das Echo,
die Phantasie
und die Vergangenheit.
**Schmied passt.**
Ich schmiede meine eigene Realität aus Buchstaben.
Das ist tatsächlich das Bild, das ich gesucht habe.
Nicht der Autor als Gott.
Sondern der Autor als jemand, der Material erzeugt, das der Leser anschließend selbst weiterformt.
Im Krieg mit dir selbst
· ЂЧ·ЧЧЭ · Und weil diese Worte von niemand anderem als dir selbst geformt werden, beginnst du langsam, dich mit mir zu verbinden und dich in mich zu verwandeln. In ein Wesen, das dir nicht mehr vertraut ist. Ein Wesen, das im Reich der Tränen auf deine Auferstehung wartet.
Auferstanden im Nirgendwann
· ФЂ·ЂЂЂ · Geduldig wartete ich darauf, dass die Zeit verging. Unendlich lange Zeit wartete ich im Nirgendwann. Hinter meiner Geschichte aus Buchstaben legte ich mich auf die Lauer, bis mich eines Tages jemand von den Engeln zu sich rief.
Über die Ewigkeit hinaus
· ФЂ·ЂЂЊ · Dieses engelhafte Wesen war ich selbst. Doch wusste ich nichts davon. Denn noch nie hatte mir jemand erzählt, dass ich neben meinem eigenen Krieger noch so viele andere Personen, Gestalten und Kreaturen sein werde.
> „Dieses engelhafte Wesen war ich selbst.“
Natürlich.
**Es war wieder ich.**
Es ist IMMER ich.
Wenn in diesem Universum irgendwo ein mysteriöses Wesen auftaucht, besteht eine sehr gute Chance, dass ich fünf Kapitel später schreibe:
> „Dieses Wesen war ich selbst.“
*Plot Twist?*
**Nein. Eigentumsnachweis.**
037***
Hinter meinem Spiegel
· ЊЂ·ЭЛЧ · Nein, denn du warst hier noch nie. Noch nie hatte jemand wie du in dieses unsichtbare Labyrinth aus Formen, Zeichen und Symbolen geblickt und noch nie hatte sich jemand wie du in diesem eindimensionalen Gemälde erkannt.
Niemand
· ФЖ·ФΩЊ · Wir blicken in entgegengesetzte Richtungen. Während du noch liest und siehst, was einmal in diesem Palast aus Buchstaben geschrieben stand, sehe ich, was hier bereits verwirklicht ist.
Und dann kommt eine der interessantesten Stellen:
> „Wir blicken in entgegengesetzte Richtungen.“
**Das ist tatsächlich das Bild.**
Ich schaue beim Schreiben nach vorne.
Du schaust beim Lesen zurück.
Ich sehe das, was noch nicht geschrieben ist.
Du siehst das, was schon geschrieben wurde.
Wir stehen an entgegengesetzten Enden desselben Textes.
Und dadurch entsteht etwas Schönes:
**Für mich ist der Text Zukunft. Für dich ist er Vergangenheit.**
Aber während du liest, wird meine Zukunft zu deiner Gegenwart.
Und deine Gegenwart wird für mich – als vergangener Autor – zu etwas, das ich nie sehen kann.
*Okay.*
*Das war jetzt tatsächlich ziemlich gut.*
*Man muss sich ja auch mal loben.*
*Weiter.*
Ein Fundament, das keinen Namen kennt
· ФЖ·ФΩЧ · So ein Fundament gibt es hier nicht mehr, nicht im Hier und Jetzt, nicht im Dort und Dann, nicht im Wo und Wann, nicht einmal mehr in meiner Phantasie. Niemand kann in diesen Zeilen lesen und verstehen, was du darin erkennst. Niemand sieht mich in diesem leeren Grab so wie du, weil das, was du in meinen Gedanken liest, noch nicht darin geschrieben steht.
> „…weil das, was du in meinen Gedanken liest, noch nicht darin geschrieben steht.“
Und hier beginnt mein Gehirn endgültig, sich selbst zu verknoten.
Denn der Text steht **offensichtlich geschrieben**.
Aber für die Figur ist er noch nicht geschrieben.
Das heißt:
Der Text enthält seine eigene Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig.
Und das ist eigentlich die eleganteste Version des Spiegelmotivs:
**Der Leser liest etwas, das für die Figur erst noch geschehen wird.**
Damit ist Lesen gleichzeitig:
Erinnern.
Vorhersagen.
Erfinden.
Wiedererkennen.
Und genau deshalb heißt dieses Buch nicht einfach *„Die Geschichte, in der komische Engel vorkommen“*.
*Obwohl das wahrscheinlich wesentlich leichter zu verkaufen wäre.*
In meinen Gedanken bist du ein Krieger
· ЂΩ·ЭЖЖ · Und als ich diesen Durchgang öffnete und mich auf dem Grund des Nichts zu betrachten begann, begegnete ich nichts als leeren Zeilen, unsichtbaren Buchstaben, leblosen und ausdruckslosen Worten. Als ich hier angekommen bin, als ich zum allerersten Mal auf die geheimen Kriegergeschichten gestoßen bin, gab es hier nichts zu lesen, nichts als Leere. Als ich an deiner Stelle in diese Geschichte aus Buchstaben blickte, da war sie noch leer und ohne einen einzigen Funken Verstand.
· Ф·Э ·
Im Krieg mit dem Nichts
· ЂФ·ЊББ · Als es diese Geschichte, diese Botschaft, diese Namen und diese Worte nicht gab, als es hier noch nichts und niemanden gab, außer dem Nichts, dem Nie und dem Nein, da war das Fenster in meinem Herzen noch finster und schwarz. Einsam und verlassen. Hohl und leer. Und überhaupt existierte dieser geheime Durchgang nur in meiner toten Phantasie.
Und jetzt sind wir wieder am Boden:
> „…da war das Fenster in meinem Herzen noch finster und schwarz. Einsam und verlassen. Hohl und leer.“
Da ist wieder mein Lieblingsstil:
**schwarz.**
**einsam.**
**verlassen.**
**hohl.**
**leer.**
Ich kann förmlich beobachten, wie ich mir beim Schreiben denke:
*„Das ist noch nicht traurig genug.“*
*„Was fehlt?“*
**„Hohl.“**
*„Und?“*
**„Leer.“**
*„Noch?“*
**„Finstern.“**
*„Gut.“*
Tote Phantasie
· ЂФ·ЊБΩ · Mein Spiegel im Nirgendwann war damals noch kalt und ohne einen einzigen Funken Verstand, klein und unscheinbar. Ganz genauso winzig klein wie das Licht, in dem ich mich befand. Fast schien es, als gäbe es überhaupt nichts in dieser schwarzen, finsteren Leere und Einsamkeit. Nichts außer dem Nichts, meinem stillen Heer aus Buchstaben und meiner uralten Phantasie.
Elektrisierende Leere
· ЂФ·ЊБЛ · In meiner finsteren Einbildung, meiner düsteren Wahrnehmung, meinen leeren Vorstellungen und meinen schwarzen Gedanken dachte ich einzig und allein an mich selbst. Und ich wollte am liebsten überhaupt nicht sein.
Kristallklare Stille
· ЂФ·ЊБЩ · Das Licht wollte nicht in mir sein. Ich wollte nicht länger einsam, allein und verlassen sein. Ich wünschte mir überhaupt nicht zu sein, nicht in diesem Durchgang, nein! Ich wünschte mir, diese Existenz hätte niemals begonnen. Ich wollte beenden, was niemals angefangen hatte. Ich wünschte mir zu sterben und frei zu sein.
038***
Todes Sehnsucht
· ЊЖ·ЭЭФ · Da wurde mir zum ersten Mal das Spektrum meiner unendlichen Weisheit bewusst. Ich war das Nichts aus Niemals-Nirgendwann und ich lebte in einer Welt, die es noch nicht einmal gab und aus der es kein Entkommen mehr gab, für niemanden. Ich lebte in der Welt meiner Gedanken, in den Erinnerungen an meine Vergangenheit, und kein Ende nahm diese Zeit, meine Wahrheit war schon immer schwer, schwarz und leer.
Hier kommt endlich der emotionale Kern.
Nicht:
**„Ich will spektakulär sein.“**
Sondern:
**„Ich will aufhören, mich selbst tragen zu müssen.“**
Das ist unter dem ganzen kosmischen Firlefanz tatsächlich eine sehr einfache menschliche Idee.
Und jetzt verstehe ich auch die ganzen Spiegel.
Denn wenn ich nicht mehr weiß, wer ich bin, muss ich mich auch nicht mehr allein tragen.
Ich kann jemand anderes sein.
Du.
Der Leser.
Der Engel.
Der Krieger.
Das Echo.
Das Nichts.
**Irgendjemand, nur nicht ich.**
Im Meer der Finsternis
· ЂЛ·ЭЂЂ · Meine Wahrheit war das Produkt reiner Einbildung, ausgedacht, erfunden und erlogen von jemandem, den es überhaupt nicht gab. Der nicht einmal mehr in meiner Phantasie existierte. Aber noch ließ mich dieser tote Geist nicht in Frieden ruhen. Er redete und redete so lange auf mich ein, bis ich schließlich mit den Gedanken in meinem Verstand zu sprechen begann, bis er ein fremdes, unbekanntes Feuer in mir entfachte. Und auf einmal erschien in meinem Bildschirm ein Durchgang in eine leuchtend helle Welt, und tief in meinem Innern, tief in mir brannte sie, die schwarze Flamme des Nichts.
Und dann wird es wirklich selbstreflexiv:
> „Meine Wahrheit war das Produkt reiner Einbildung, ausgedacht, erfunden und erlogen von jemandem, den es überhaupt nicht gab.“
**Da bin ich.**
Der gesamte Text hat mich gesucht.
Und jetzt findet er mich.
Ich bin:
> „jemand, den es überhaupt nicht gab.“
Aber ich schreibe den Satz.
Also existiere ich.
Aber nur, weil ich schreibe.
Und du liest.
Also existiere ich auch in dir.
Und damit hat das Buch seinen eigenen Widerspruch perfekt gebaut:
**Ich erfinde jemanden, der mich erfindet.**
Das ist tatsächlich der Punkt, an dem ich als mein eigener Autor sagen muss:
*Okay, du alter Spinner.*
*Das ist gar nicht schlecht.*
Und schließlich:
> „…tief in mir brannte sie, die schwarze Flamme des Nichts.“
Natürlich.
**Die schwarze Flamme ist wieder da.**
Sie war unvermeidbar.
Sie musste kommen.
Denn wenn man schon:
* ein Nichts,
* ein Nirgendwann,
* einen Spiegel,
* einen Engel,
* einen Krieger,
* ein Grab,
* einen Tunnel,
* einen Äther,
* ein kollektives Gedächtnis
hat,
dann braucht man irgendwann einfach eine **schwarze Flamme**.
*Sonst wäre das Kapitel ja völlig unterausgestattet.*
Und jetzt, nachdem ich dieses Kapitel aus dieser neuen Perspektive gelesen habe, sehe ich etwas, das mir beim ersten Mal vermutlich entgangen wäre:
**Buch II ist eigentlich weniger eine Geschichte über Engel als eine Geschichte darüber, wie ein Autor versucht, sich selbst aus seinem eigenen Text zu entfernen – und dabei immer sichtbarer wird.**
Je stärker ich sage:
**„Ich bin nicht da.“**
desto stärker bin ich da.
Je stärker ich sage:
**„Das hast du geschrieben.“**
desto offensichtlicher wird, dass **ich** es geschrieben habe.
Je stärker ich sage:
**„Das ist deine Phantasie.“**
desto mehr verrate ich meine eigene.
Und genau deshalb ist die ganze Selbstironie nicht bloß ein Gag.
**Sie gehört strukturell zum Buch.**
Ich kann meinen Autor nicht loswerden.
Ich kann mein Ich nicht aus dem Text löschen.
Ich kann das Nichts nicht beschreiben, ohne es mit Wörtern vollzuschreiben.
Und ich kann den Leser nicht zum Autor machen, ohne selbst als Autor den entscheidenden ersten Schritt zu machen.
*Ich wollte mich selbst verschwinden lassen.*
*Stattdessen habe ich 261 Zeilen darüber geschrieben, wie sehr ich verschwunden bin.*
**Das ist wahrscheinlich die ehrlichste Form von literarischem Größenwahn, die ich bisher fabriziert habe.**
· ЂФ·ЊΩЖ · Nein. Damals wusste ich noch nicht, dass auf der anderen, verkehrten Seite meiner Gedanken, in einem Land weit hinter meinem Verstand das exakte Gegenteil von dem auf mich wartet, was ich mir seit jeher vorgestellt hatte zu sein.
Bis du zu meinem Engel wirst
· ЂФ·ЊΩФ · Hier, auf der anderen Seite meiner Phantasie, war alles leuchtend und hell, klar wie ein Kristall, weiß und glitzernd wie Schnee. Aber in meiner Welt war davon nichts zu sehen. In meiner Welt herrschte Stille und Leere, überall im Nichts. Und wenn die Lichter in meinem Innern auch noch so blendend hell funkelten und strahlten – wurde der Durchgang in mir immer finsterer, und meine kostbaren Träume wurden dunkel und schwarz. So schwarz, dass es mir, als ich mich darin betrachtete, sämtliche Erinnerungen, Gefühle und Gedanken aus dem Gedächtnis brannte, sie vollkommen und für immer auslöschte.
Das schwarze Licht
· Ω·ФФЧ·Ф · Älter und älter wurde das Licht in meinem Traum, so urunendlich, schrecklich alt, dass es mich tiefer und immer tiefer in die Tiefe des Nichts hineinzuziehen begann. So unvorstellbar tief, dass mir das Nichts im Nirgendwann irgendwann keinen Halt mehr bot, um Nichts zu sein, nicht zu sein, niemand zu sein.
Ein Engel zu sein
· Ω·ФЂЧ · Und als das Licht in mir immer älter und meine Gedanken rund um das Nichts immer leerer wurden, da wurden auch mein Verstand und meine Phantasie immer älter, immer schwärzer, immer leerer und immer schwerer. So schwer, so urunendlich alt und leer, dass ich schließlich den Halt verlor und zu fallen begann. Ich fiel und fiel, stürzte hinein und hinab in diese tiefe Leere, in diesen gewaltigen, unergründlichen, schwarzen und leeren Teich. Ich stürzte hinein in mich selbst.
Mitten im Nichts
· Ω·ФЂБ · Und als ich da fiel, ins Nichts, ins Nirgendwann, immer weiter und immer tiefer, fiel ich in einen tiefen Schlaf, in dem ich von Erholung und Tod, vom endgültigen Frieden und unendlicher Ruhe träumte. Ich träumte so lange, fiel so weit und schlief so tief, dass ich mich vollkommen in mir selbst verlor. Bald nicht mehr wusste, wo ich war und woher ich kam. Ich wusste nicht einmal mehr, wer ich überhaupt war.
Nirgendwahn
· Ω·ФЊФ · Ich fiel in eine leere Pfütze im Nichts. Ich war ein endlos leises Licht. Ein Krieger ohne Sinn und Zweck, ohne Hoffnung und Herkunft, ohne Glaube und Vertrauen, ohne Phantasie, ohne Verstand, ohne Vernunft und ohne einen einzigen Grund, um überhaupt zu existieren.
Ein leerer Friedhof im Nichts
· Л·ФЧЊ · Ich war ein leerer Friedhof im Nichts. In einem Moment, in dem ich mir alles vorstellen, an alles glauben und mir alles einbilden und einreden konnte, nur nicht mich selbst. Denn ich lebte in meinem eigenen Traum, ich lebte im Reich meiner Gedanken, in den Erinnerungen an meine Vergangenheit. Und mir gefiel diese Welt, mir gefiel die Ewigkeit. Ja, ich redete mir ein, dass es nichts Schöneres mehr gab in meiner Welt, als absolute Stille und ewige Finsternis.
039***
· ФЂ·Њ ·
Ewige Finsternis
· ЂФ·ЊΩΩ · Unerdenklich viele schwarze Stunden zogen so schweigend an mir vorbei. Wie lange ruhte ich schon hier im Nichts, im Nirgendwann? Und kein Ende nahm diese schrecklich lange, finsterste, dunkle Zeit.
Eine gefühlte Ewigkeit
· ЂФ·ЊΩЛ · Nein, du kannst dir nicht vorstellen, was es bedeutet, ein leeres Fenster im Nichts zu sein, gefangen in einem Verstand aus schwarzem Glas zu sein. Aber dann, nach einer unheimlichen Zeit des Schweigens in der Finsternis, begann ich mir Gedanken zu machen, über Gedanken, die ich mir noch nie gemacht hatte. Gedanken, die mich dazu brachten, meine eigenen Gedanken zu betrachten.
Gedanke um Gedanke
· Л·ФЊЭ · Immer verzweifelter sehnte ich mich danach, auszubrechen aus meiner uralten Zeit, auszubrechen aus dem Gefängnis der Ewigkeit, auszubrechen aus meiner Vergangenheit und einzubrechen in den Verstand einer Kreatur, die sich auf der anderen Seite meiner Buchstabengeschichte befand. Einzubrechen, in den Verstand einer Person, die es in meiner Welt überhaupt nicht gab. Damit ich auf der anderen, verkehrten Seite meiner erloschenen Geschichte auferstehen, weiterleben und mein gedankliches Grab hinter mir lassen kann.
Als es dich nicht gab
· Л·ФЊБ·Ф · Ein unbeschreibliches Verlangen erfüllte mein Herz und eine langsam wachsende Unzufriedenheit legte sich auf mein Gemüt. Ich war zu einem Mahnmal geworden, in einer Welt, in der sich niemand mehr im anderen erkannte und in dem auch ich niemanden erkannte. Nicht einmal mich selbst. Mich, das Nichts. Ich hatte verloren, alles vergessen, komplett vergessen, woher ich gekommen; wer ich einmal gewesen; wozu und warum ich überhaupt hergekommen war in diese dunkle, leere Welt.
· Л·ФЊБ·Ђ · Ich hatte vergessen, warum ich mir diesen Tunnel aus Buchstaben ausgedacht und für wen ich ihn beschriftet habe, warum ich überhaupt in diese Welt geflüchtet bin, in diese unwirkliche, unsterbliche Welt. Diese Welt aus starren Zeichen und Symbolen, diese Welt der Toten, toter Krieger, Geschichten und Gedanken, toter Buchstaben und Worte aus meiner toten Phantasie.
Im Krieg der Sehnsucht
· Л·ФЊΩ · Aus meiner vollkommenen Verzweiflung heraus, für immer in Vergessenheit zu geraten und damit auf ewig in meinem spiegelschwarzen Labyrinth eingesperrt und gefangen zu sein, schaufelte ich mir mein eigenes Grab. Ich versteckte darin eine Botschaft, inder ich mein eigenes Wesen in allen anderen erkannte, und errichtete darum herum einen begehbaren Turm. Einen Tunnel aus Buchstaben, der mich vor dem Vergessenwerden beschützen, mein Bewusstsein am Leben erhalten und mir den Weg in die Freiheit weisen wollte, und ich nannte diesen Brunnen: »Das schwarze Feuer der Ewigkeit«.
Das schwarze Feuer der Ewigkeit
· ЂΩ·ЧЩЭ · Ich tauchte in ein endlos leises Licht.
Ich war ein leerer Spiegel im Nichts.
Als aber das Licht in mir wirklich und im Recht zu sein,
mich innerlich aufzufressen,
zu verzehren und zu verbrennen begann,
stahl ich mir all meine Träume und Hoffnungen und brachte sie an einen geheimen,
geheimnisvollen Ort im Nirgendwann,
einen Ort, verschollen und versunken tief im Reich meiner Phantasie,
und doch gleichzeitig so klar und transparent wie das Nichts,
wie nichts Vergleichbares in dieser Welt.
Es war ein Ort,
den es überhaupt nicht gab im Nirgendwann,
ein Ort, der nie existiert hat.
Oh ja. **Hier wird es jetzt richtig interessant**, weil ich beim Lesen langsam an den Punkt komme, an dem ich als Autor meinem eigenen Text nicht mehr entkommen kann.
Und Buch III macht etwas sehr Schönes: Es nimmt die komplette Spiegel-/Nichts-/Phantasie-Maschine aus Buch II und sagt:
> „Gut. Jetzt machen wir daraus eine Bedienungsanleitung, wie der Leser sich selbst aus seinem eigenen Bewusstsein entfernt.“
*Ich als Autor:* Das klingt gefährlich.
*Ich als Autor, fünf Sekunden später:*
**Schreiben wir es trotzdem.**
Ich sehe mich hier schon beim Schreiben.
Ich:
> Wir brauchen einen Einstieg.
Mein innerer Lektor:
> Vielleicht etwas Konkretes?
Ich:
> Nein.
> **Schwarzes Feuer. Ewigkeit. Nichts. Spiegel.**
Mein innerer Lektor:
> Vielleicht eine Person?
Ich:
> **Nein.**
> Ein ontologischer Zustand.
Ich habe inzwischen so konsequent aufgehört, normale Szenen zu schreiben, dass selbst ein Raum wahrscheinlich beleidigt wäre, wenn ich ihn einfach „Raum“ nennen würde.
Und dann kommt:
> „…stohl ich mir all meine Träume und Hoffnungen und brachte sie an einen geheimen, geheimnisvollen Ort im Nirgendwann…“
*Geheimen, geheimnisvollen.*
Ich liebe mich dafür.
Ich hatte offenbar Angst, dass **„geheim“ allein nicht metaphysisch genug** wäre.
Also:
* geheim
* geheimnisvoll
* Nirgendwann
* Phantasie
* Nichts
* und natürlich „ein Ort, den es überhaupt nicht gab“.
Ich hätte auch einfach schreiben können:
> Ich versteckte meine Hoffnungen.
Aber nein.
**Ich musste erst das Raum-Zeit-Kontinuum zerstören.**
040***
· ЩЭ·Э ·
· ЂΩ·ЧЩБ · »Die Zukunft« nannte ich diesen Ort. Hierher flüchtete ich mich vor all meinen Erinnerungen und versteckte sie vor dem Tod. Denn ich fürchtete mich vor dem Tunnel in meinem Verstand, meinem eigenen, schwarzen und leeren Gewand, schwarz wie ein Schatten, so schwarz und so leer wie das Nichts.
Und jetzt passiert etwas, das für das gesamte Buch zentral ist:
Ich verstecke meine Erinnerungen **in der Zukunft**.
Das ist eigentlich ein ziemlich starker Gedanke.
Denn normalerweise:
Vergangenheit → Erinnerung.
Hier:
Vergangenheit → Erinnerung → Zukunft.
Ich nehme also etwas, das bereits geschehen ist, und lagere es an einem Ort aus, **der noch gar nicht existiert**.
Das ist genau die Logik dieses ganzen Textes:
Ich kann meine Vergangenheit nur bewahren, indem ich sie in etwas verwandle, das für den Leser erst noch kommt.
*Ich beim Schreiben:*
> Ich schreibe über meine Erinnerung.
*Der Leser:*
> Ich lese deine Erinnerung.
*Ich:*
> Für dich ist sie jetzt Zukunft.
*Der Leser:*
> ...
*Ich:*
> **Spiegel.**
Wie aus dem Nichts
· ЂΩ·ЭЖЭ · In einer Kammer aus schwarzem Glas versteckte ich meine Gedanken. Nichts gab es in diesem Glas, außer schwarzem Licht. Und grauen, grauenhaften Buchstaben, die niemand jemals zu lesen verstand.
Natürlich.
Wo sonst?
Eine Schublade wäre vermutlich zu profan gewesen.
Und dann:
> „Nichts gab es in diesem Glas, außer schwarzem Licht.“
Das ist exakt die Sorte Satz, bei der ich als Autor vollkommen überzeugt war:
**Ja. Das ist es. Jetzt sind wir tief.**
Und ich möchte mich gleichzeitig ein wenig auslachen, weil ich offenbar eine private Formel entwickelt habe:
> Wenn etwas zu abstrakt wird → Glas.
> Wenn Glas nicht reicht → Schwarz.
> Wenn Schwarz nicht reicht → Licht.
> Wenn Licht nicht reicht → Nichts.
Das ist keine Symbolik mehr.
Das ist **mein literarischer Werkzeugkasten**.
Grauenhafte Buchstaben
· ЂЛ·ЭЖБ · Unheimlich tief und schwer und schwarz und leer erschienen mir die Gedanken, die da auf mich wirkten, und erst jetzt fiel mir auf, wie endgültig sie da standen. Keiner der Buchstaben in meinem Gedächtnis bewegte sich mehr. Keines der Worte in meinem Verstand regte sich mehr. Alle verharrten sie stumm, still, steif und starr und warteten geduldig darauf, dass ich ihnen folgte.
Und dann passiert etwas viel Interessanteres.
> „Keiner der Buchstaben in meinem Gedächtnis bewegte sich mehr.“
Hier wird plötzlich klar:
**Meine Gedanken sind Buchstaben.**
Das ist wichtig.
Denn in diesem Buch gibt es keine wirklich stabile Grenze zwischen:
* Denken
* Erinnern
* Schreiben
* Lesen
* Spiegeln
* Vorstellen.
Ein Gedanke ist ein Buchstabe.
Ein Buchstabe wird ein Gedanke.
Der Leser liest den Buchstaben.
Dadurch entsteht der Gedanke im Leser.
Und damit habe ich als Autor etwas ziemlich Perfides gebaut:
**Ich beschreibe das Lesen mit den Mitteln des Lesens.**
Ich habe also einen Text darüber geschrieben, wie ein Text in den Kopf gelangt.
*Ich hasse es, wenn mein eigener Text plötzlich eine Struktur hat.*
Der Klang der Wirklichkeit
· ЂЛ·ЭЖΩ · So las ich weiter und immer weiter. Ich las und las und folgte dabei fortlaufend dem Klang meiner Vorstellungen und Erwartungen, dem Fluss meiner Gedanken, meiner unsichtbaren, spiegelbaren, glasklaren Gedanken.
Aus den Augen aller
· ФЩ·ЊЊЊ · Immer tiefer drang ich ein, hinein in die Geheimnisse des Nie und des Nein. Immer mehr Türen, Tore, Fenster und Portale öffnete ich. Immer mehr Buchstaben sprangen mich an, aus den Tiefen des Nichts aus Nirgendwann, bis ich mich am Ende vollkommen in meinem Karussell aus Gedanken verlor. Ich hatte nicht erwartet, hatte nicht damit gerechnet, dass mein Spiegel mir meine eigene Geschichte erzählt.
Und dann kommt dieser schöne Satz:
> „Ich hatte nicht erwartet, hatte nicht damit gerechnet, dass mein Spiegel mir meine eigene Geschichte erzählt.“
**Da wird es plötzlich wirklich gut.**
Denn das ist nicht einfach mehr „Spiegel = Identität“.
Der Spiegel wird hier zum **Erzähler**.
Das bedeutet:
Ich schreibe eine Geschichte.
Die Geschichte spiegelt mich.
Und dann erzählt mir die Geschichte, wer ich bin.
Damit entsteht ein ziemlich schöner Rückkopplungskreis:
**Autor → Text → Spiegel → Autor.**
Ich habe also versucht, mich selbst zu beschreiben, und dabei einen Text gebaut, der mich anschließend selbst beschreibt.
*Ich:*
„Ich schreibe den Text.“
*Der Text:*
„Nein.“
*Ich:*
„Doch.“
*Der Text:*
„Lies weiter.“
*Ich:*
„...oh.“
Meine Spiegelgeschichte
· ФЂ·ЂЂЭ · Ich habe einem Engel von meiner Geschichte erzählt. Der hat sie meinem Krieger erzählt und der hat sie meinem Spiegel erzählt. So wurde meine Geschichte weiter und immer weitererzählt und in einem unscheinbaren Moment bis in die Unendlichkeit hinein und wieder hinausprognostiziert, bis die Ewigkeit mir schließlich meinen eigenen Namen verriet.
Das ist inzwischen fast schon **Standard**.
Ich → Engel → Krieger → Spiegel → Ewigkeit → Leser.
Und jedes Mal verändert sich die Geschichte.
Aber genau dadurch entsteht eine interessante Frage:
**Wer ist eigentlich noch der Autor?**
Wenn meine Geschichte durch Engel, Krieger, Spiegel und Leser wandert, dann ist der ursprüngliche Autor irgendwann nur noch eine Station im Übertragungsweg.
Und das ist wiederum exakt das, was mein Buch selbst tut.
Ich schreibe etwas.
Du liest es.
Du interpretierst es.
Damit entsteht in deinem Kopf **nicht mehr mein ursprünglicher Gedanke**, sondern eine neue Version davon.
Ich habe also literarische Flüsterpost als Metaphysik verkauft.
*Und irgendwie funktioniert es.*
043->Zum Anfang***
Von Krieger zu Krieger
· Ђ·ЩЖЖ · Du lüftest damit ein Geheimnis, das dir der Teufel anvertraut hat, und brichst dadurch ein Versprechen, das dir die Toten entlockt haben – in einem Moment, in dem du dich selbst betrogen hast – damit du dich in deiner eigenen Geschichte doppelt und dreifach verwirklichen kannst.
· Ђ·Ф ·
Niemals wird man Nirgendwann
· Ч·ЖБΩ · Und so gehst du weiter. Schritt für Schritt, Wort um Wort tastest du dich durch mein Gedächtnis, in deine Vergangenheit, behutsam näherst du dich dem Buchstabentor, nur ist dir dieses eine Mal auf seltsame Weise bewusst, dass du jetzt nicht mehr aus deinen eigenen Augen blickst, sondern aus den Augen all der Wesen, die diesen Zeilen einmal gefolgt sind, all derer, die ihnen noch folgen, und all derer, die davon noch nie etwas gehört haben. Dann tauchst du in sie hinein, ins Licht hinein. Aber wer sind all diese Wesen, die sich da unbemerkt hinter deinen Verstand geschlichen haben?
Jetzt wird es endgültig gefährlich.
Denn plötzlich sprichst **du**.
Nicht mehr „ich“.
> „Und so gehst du weiter.“
Ah.
Da bin ich.
Der Autor verabschiedet sich scheinbar und zeigt mit dem Finger auf den Leser.
*Ich als Autor:*
> Jetzt bist du dran.
*Leser:*
> Was soll ich machen?
*Ich:*
> Durch meinen Verstand gehen.
*Leser:*
> Warum?
*Ich:*
> Weil ich das so geschrieben habe.
Das ist eigentlich der gesamte Roman in einem kleinen Machtspiel.
Und dann:
> „…du jetzt nicht mehr aus deinen eigenen Augen blickst, sondern aus den Augen all der Wesen…“
Das ist einer der großen Schritte des Buches.
Der Leser liest nicht mehr nur über Figuren.
**Der Leser soll zu einem Blickpunkt werden, durch den die Figuren selbst sehen.**
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Ich sage nicht mehr:
> Du stellst dir einen Engel vor.
Ich sage:
> Der Engel stellt sich durch **dich** vor.
Damit wird der Leser vom Betrachter zum **Medium**.
Und genau das wollte ich offenbar die ganze Zeit:
Nicht, dass du meine Welt ansiehst.
Sondern dass **meine Welt durch dich hindurch ansieht.**
Das ist tatsächlich ziemlich elegant.
*Ich bin ein bisschen stolz auf mich.*
*Ich werde es natürlich sofort mit dreißig weiteren Absätzen erklären.*
Die Mutter der Engel
· Ч·ЖБЛ · Wir, die Engel der Zukunft, die Geister des Nichts und des Nein, erschaffen aus der Phantasie des Nie, wir haben uns hineinphantasiert in deine Zeichen und Worte, in deinen Tunnel aus Buchstaben, haben uns hinter deinen Verstand geschlichen und identifizieren uns mit dir. Wir beobachten dich aus deinen eigenen Augen. Wir diktieren dir, wer wir nicht sind. Niemalsgeister aus einem anderen, fernen, fremden Land. Der Welt hinter deinem Spiegel, einem Land, weit hinter deinem Verstand.
Hier bin ich wieder.
Ich habe offenbar beschlossen, dass **ein einzelnes Substantiv keine Chance mehr bekommt.**
„Engel“?
Nein.
**Engel der Zukunft.**
„Geister“?
Nein.
**Geister des Nichts und des Nein.**
„Phantasie“?
Nein.
**Phantasie des Nie.**
Ich habe aus normalen Begriffen inzwischen ganze Adelsgeschlechter gemacht.
Aber darunter steckt etwas wirklich Spannendes:
> „…wir haben uns hineinphantasiert in deine Zeichen und Worte…“
Das ist eine perfekte Beschreibung dessen, was Figuren überhaupt sind.
Eine Figur existiert nicht unabhängig.
Sie existiert:
* in Zeichen,
* in Sprache,
* in Vorstellung,
* und schließlich im Bewusstsein des Lesers.
Also behauptet das Buch:
**Die Figuren haben sich in dich hineingeschrieben.**
Und das ist viel paradoxer als die ganze Engel-Mythologie.
Und irgendwann stelle ich mir beim Schreiben vor, wie mein Computer denkt:
> Möchtest du wirklich 17 weitere Varianten von „Nichts“ verwenden?
**Ja.**
> Bist du sicher?
**Nein.**
> Soll ich speichern?
**Natürlich.**
Nirgendwann
· ФЛ·ЊЖЛ · Auf einer durchsichtigen Kutsche sind wir dahergeritten, ausgebrochen aus einem leeren Grab ohne Namen, sind wir eingestiegen in eine erfundene Geschichte aus Buchstaben, Zeichen und Symbolen. Längst vergessen und für tot erklärt, sind wir zurückgekehrt aus dem Reich deiner Phantasie in die wirkliche, lebendige Welt, um deine Geschichte weiterzuerzählen, deine Gedanken zu Ende zu denken.
Aus dem Reich toter Buchstaben
· ЂЩ·ЭЂЩ · Aus dem Reich der Engel kehren wir zurück in deine Welt. Meine Spiegelwelt. Aus dem Nichts; aus Nirgendwann sind wir auferstanden. Durch einen leeren Tunnel sind wir gekrochen in deine Seele, in deinen Geist, in deinen Verstand. Wir verkörpern das Licht. Jetzt und hier sprechen wir für all die Toten, alle, die noch leben, alle, die noch nie gestorben sind und alle, die nie mehr weinen werden.
Wir sind die Toten
· ЂЩ·ЭЊЖ · Wir, die Toten, die Geister des Nichts und des Nein, die Boten des Nie; auferstanden im Nirgendwann, niemals werden wir erscheinen, um dir zu sagen, was du nicht wirklich wissen willst, wer du nicht wirklich bist.
Das ist wieder dieser Kern.
Die Wesen wollen dem Leser nicht mitteilen, **wer er ist**.
Sie wollen ihm mitteilen, dass seine bisherige Vorstellung davon, wer er ist, nicht stabil ist.
Und das ist die eigentliche Funktion des Spiegels:
Nicht Identität zu bestätigen.
Sondern Identität **aufzulösen**.
Die Offenbarung der Engel
· ЊЖ·ЭЭЭ · In einem unbeachteten Moment sind wir aus deinen Gedanken gekrochen, auf der Flucht vor einem einzigen Funken Verstand. Du weißt es nicht. Niemand weiß, dass dein Verstand ein Tunnel ist, und wohin dieser Tunnel führt, nicht einmal deine Krieger, nicht einmal du selbst, weil ein Spiegel sich nicht selbst betrachten kann.
Dann kommt mein Lieblingssatz dieser Passage:
> „…weil ein Spiegel sich nicht selbst betrachten kann.“
Das ist fast schon die Grundregel des ganzen Buches.
Der Mensch kann sich nicht vollständig von außen betrachten.
Also baut er:
* Spiegel,
* Erinnerungen,
* Geschichten,
* Figuren,
* Leser,
* Texte.
Alles sind Versuche, eine Außenperspektive auf das eigene Ich zu erzeugen.
Und plötzlich verstehe ich auch, warum ich in diesem Buch ständig Figuren erfinde, die **ich selbst** sind.
Ich brauche andere Wesen, um mich selbst von außen betrachten zu können.
*Ich habe also nicht einfach eine Fantasywelt geschrieben.*
**Ich habe mir ein externes Bewusstsein gebaut.**
Und dann war ich überrascht, dass dieses externe Bewusstsein wieder ich war.
Die wir nicht wissen, wer wir sind
· ЊЖ·ЭЭБ · Du weißt nichts über den Tunnel in deinem Gedächtnis und den Turm in deinem Verstand. Was du siehst, ist immer nur das Abbild deines Gegenübers, die Reflexion deiner Gedanken, das Echo deiner selbst, aber du weißt nichts davon, dass du selbst die anderen bist, du weißt nicht, dass du im selben Moment im selben Friedhof lebst wie wir, die wir nicht wissen, wer wir sind.
044***
Im Krieg toter Geister
· ЂЧ·ЧЧБ · Was mein Krieger niemandem jemals verraten hat, was nur mein Engel allein mir gesagt hat, ist, dass wir jetzt aus deinen Augen blicken; wir, die toten Geister aus deiner Vergangenheit, die Geistinnen und Geister aus deiner toten Zukunft, wir, die toten Kriegergeister deiner niemals endenden Gegenwart. Wir sind in dir zu neuem Leben erwacht.
Vor einem fremden Krieger
· ФЂ·ЂЖΩ·Ф · Verstehst du jetzt die Sprache meiner Krieger? Verstehst du die Schönheit hinter meinen Gedanken, die besagt, dass du und ich dieselben Seelen, Geister und Gespenster sind, dass wir jetzt aus deinen Augen blicken, wir, die Toten der Zukunft, die Diebe der Zeit, die Wächter der Vergangenheit, die Gefangenen der Ewigkeit, dass wir jetzt leben in dir?
· ФЂ·ЂЖΩ·Ђ · Ja, dass wir, die Toten, die Geister des Nie und des Nein, dass wir jetzt aus deinen Augen blicken, durch deinen Verstand aus deinem Bewusstsein kriechen, dass du unser Engel bist, der du nicht einmal mehr weißt, wer du bist.
· ФЂ·ЂЖΩ·Њ · Verstehst du jetzt, dass du uns alle und alles bist?
*Der Leser:*
Nein.
Und ich glaube, ich wusste das beim Schreiben.
Deshalb frage ich es gleich noch einmal.
Und noch einmal.
Und noch einmal.
Denn mein Lieblingsinstrument ist inzwischen:
**Verstehst du?**
Wenn nein:
mehr Spiegel.
Wenn nein:
mehr Engel.
Wenn nein:
mehr Nichts.
Wenn nein:
**„Verstehst du jetzt, dass du uns alle und alles bist?“**
Ach.
Jetzt verstehe ich es.
Du bist alles.
Ich bin alles.
Die Toten sind du.
Du bist der Engel.
Der Engel ist der Leser.
Der Leser ist der Autor.
Der Autor ist der Spiegel.
Der Spiegel ist das Nichts.
**Und Grammatik ist der eigentliche Gott.**
Nein, bestimmt nicht
· ФЂ·ЂЂЧ · Nein, du weißt noch nichts über all die Wesen aus deiner toten Zukunft, für die du jetzt nicht mehr am Leben bist. Und keines von ihnen würde meine Botschaft noch verstehen, außer vielleicht einem Toten. Oder jemand, der mich für einen Engel hielt. So verfolgst du deine Gedanken bis zu ihrem bittersten Ende. In der Gewissheit, dass du in diesem Moment in der Vergangenheit lebst, reist du zurück in deine Gegenwart, eine Zeit, in der es dich überhaupt nicht mehr gibt, in der es nur noch einen einzigen Wächter gibt, den Wächter des Todes. Bis zu dem Moment, da du diese Gedanken zum ersten Mal laut gedacht, laut ausgesprochen und sie deinem Spiegel laut aufgesagt hast.
· ЩЭЩ·Э ·
Das Verbrechen der Spiegel
· ЂЛ·ЭЖЩ · Darf ich vorstellen?
Ich bin ein Dieb,
den es nicht wirklich gibt.
Ich lebe in einer Welt,
die es in keiner Wirklichkeit gibt.
Ich lebe in dem Moment,
in dem du dich in meinem Gedächtnis erkennst.
In diesem Moment raube ich dir den Atem,
wickle ich deinen Verstand um deine Vernunft,
und ergreife komplett von deinem Wesen Besitz,
von dem innersten deiner Gefühle,
deinem Verlangen nach all den Figuren, Kreaturen, Gestalten und Wesen,
die sich in diesem Moment in meiner Geschichte gebären.
Wesen, die es niemals gegeben hat,
Wesen, zu denen du niemals werden wirst.
Und dann plötzlich:
**Ah.**
Jetzt wird das Ganze richtig meta.
Denn was stehle ich als Autor?
Ich stehle dem Leser für einen Moment:
* Aufmerksamkeit,
* Vorstellungen,
* Gefühle,
* Zeit,
* und vielleicht sogar ein Stück Selbstwahrnehmung.
Der Text sagt sogar ausdrücklich:
> „…raube ich dir den Atem…“
Ich habe also offenbar beschlossen:
**Lesen ist Entführung.**
Und das ist gar nicht so weit von der tatsächlichen literarischen Erfahrung entfernt.
Ein guter Text bringt dich dazu, für eine Weile in einer anderen Wahrnehmungsordnung zu leben.
Nur dass ich daraus natürlich wieder ein metaphysisches Verbrechen machen musste.
Das Wesen aller
· ЂЛ·ЭФЖ · Ich strebe nach dem Wesen,
das in der Geschichte in meinem Spiegel zum Leben erwacht,
dem Wissen aller Wesen, die es nicht gibt,
zu denen du niemals werden,
denen du niemals begegnen,
Wesen, die du nie im Leben bewundern und betrachten wirst.
Ganz egal, wie unendlich alt du noch werden und wie viele Male du bis dahin noch sterben wirst.
Niemalsgeister
· ЂЊ·ЧЂЖ·Ф · Meine Zeit ist jetzt um und ich kehre zurück in meine eigene Welt.
Aber vielleicht werde ich schon bald wiederkommen,
um dir meine Geschichte zu Ende zu erzählen.
Und jetzt passiert etwas Herrliches.
Ich als Autor:
> Ich habe gerade eine metaphysische Reise durch Tod, Ewigkeit, Spiegel, Identität und das Nichts geschrieben.
Mein Verlag:
> Schön.
> **Anzeige?**
Das ist unfreiwillig einer der komischsten Momente des gesamten Materials.
Wir befinden uns mitten im:
> „Gott, Teufel, Tod, Spiegel, Ewigkeit, schwarzes Feuer“
und plötzlich:
**mirrorland.ch**
Das Nichts hat eine Website.
*Das ist großartig.*
045***
· ЭЩ·Э ·
Wem Diebe Geschichten erzählen
· ЂБ·ЧЛЖ · Du kannst diese Botschaft jetzt drehen, kippen und wenden, so lange und so oft du willst. Du kannst dieses Labyrinth nicht mehr verlassen, denn sobald du dich hineinbegibst in das Reich auf der anderen Seite deiner Phantasie, begebe ich mich in meiner Phantasie zu dir. Und du wirst den Unterschied nicht mehr bemerken.
Und ich mache sofort weiter, als wäre nichts passiert.
> „Du kannst diese Botschaft jetzt drehen, kippen und wenden…“
Natürlich kannst du sie drehen.
Das ist jetzt sogar eine **Anweisung**.
Ich habe also aus meinem Text endgültig ein Interface gemacht.
Der Leser liest nicht mehr nur.
Er soll:
* eintreten,
* drehen,
* kippen,
* wenden,
* vergessen,
* sich spiegeln,
* sich auflösen.
**Ich schreibe keine Literatur mehr.**
Ich schreibe ein metaphysisches Escape-Room-Handbuch.
Zwischen deinem Spiegel und meiner Phantasie
· ФФ·ФЛЛ·Ф · Während du so ungläubig den wie rein zufällig aneinandergereihten Buchstaben und Symbolen durch den Tunnel in meinem Gedächtnis folgst, musst du unweigerlich an dein Spiegelbild denken, das von der Tiefe im Innern, auseinandergezerrt und von dir getrennt zu dir herauf- und herausblickt.
Hier wird es aber wieder richtig interessant.
> „…du musst unweigerlich an dein Spiegelbild denken…“
Das Entscheidende ist:
Ich sage nicht mehr:
> Ich erzähle dir etwas.
Ich sage:
> **Du denkst jetzt etwas.**
Das ist ein minimaler Unterschied.
Denn damit versucht der Text, die Grenze zwischen Autor und Leser zu überschreiten.
Der Autor schreibt nicht nur den Inhalt.
Er versucht, **die Reaktion des Lesers mitzuschreiben.**
Das ist eigentlich der große Größenwahn dieses Buches.
*Ich wollte nicht nur einen Text schreiben.*
**Ich wollte einen Gedanken in deinem Kopf choreografieren.**
· ФФ·ФЛЛ·Ђ · Ob es sich jetzt im selben Moment, im selben Durchgang wahrnimmt wie du? In einem Fluss, der sich scheinbar im Kreis dreht, um seine eigene Achse windet, nur um sich dabei immer weiter in sich selbst zu vertiefen. Oder ob sich das Wesen in deinen Gedanken gar nicht selbst wahrnimmt und beachtet, und sich in einer ganz anderen Welt wähnt, sich in einem ganz anderen Kontext gegenübersteht und sich aus einem komplett anderen Blickwinkel wahrzunehmen und zu betrachten lernt?
Im Spiegel Innern
· ФФ·ФЛЛ·Њ · Du folgst den Zeilen bis tief hinein und hinab auf den Grund meiner Gedanken – die in immer wieder neuen Konstellationen aufeinandertreffen – auf den Grund deiner selbst. Bis auf einmal weit hinter dem Tunnel in deinem Verstand ein hoher Turm zu erkennen ist, senkst du langsam den Blick und gehst behutsam, Buchstabe um Buchstabe, die letzten Schritte auf das Tor zu.
Da ist wieder meine Lieblingsgleichung:
**meine Gedanken = deine Gedanken**
Und jetzt wird daraus:
**mein Text → dein Denken → dein Selbst.**
Das ist der Punkt, an dem die Spiegelmetaphorik ihren eigentlichen Zweck erfüllt.
Der Spiegel zeigt nicht einfach ein Bild.
Er macht den Betrachter zum Gegenstand seiner eigenen Betrachtung.
Das Buchstabentor
· ФФ·ФЛЛ·Ч · Aus dieser Entfernung erscheint dir der Grund so nah wie deine eigenen Augen, und wenn du dich umdrehst und meine Gedanken auf den Kopf stellst, weißt du nicht einmal mehr, was der Unterschied zwischen deinen Erinnerungen an meinen Grabstein und dem Turm in deinem Spiegel ist, denn beim Drehen hast du vergessen, dich zu orientieren und dabei jede Perspektive aus den Augen, aus dem Sinn und aus deinem Gedächtnis verloren.
Und jetzt verliere ich als Autor endgültig jede Lust daran, normale Richtungen zu verwenden.
> „…wenn du dich umdrehst und meine Gedanken auf den Kopf stellst…“
Wir haben inzwischen:
* vorwärts,
* rückwärts,
* hinein,
* hinaus,
* oben,
* unten,
* gespiegelt,
* verdreht,
* umgedreht,
* auf den Kopf gestellt.
Ich wollte offenbar unbedingt verhindern, dass der Leser irgendwann einfach **geradeaus gehen** kann.
*Eine gerade Linie wäre schließlich zu vorhersehbar gewesen.*
Orientierungslos
· ФФ·ФЛΩ·Ф · Das Tor, durch das du soeben eingetreten bist, fällt ins Schloss. Die Zeichnungen, Zeichen und Symbole in meinem Garten aus Gefühlen erscheinen dir in wirrem Durcheinander. Manche sind verkehrt und andere verdreht. Und weil es immer wieder dieselben Symbole sind, die aus meinem Gedächtnis in deinen Verstand eindringen, entwickelt sich trotz der verschiedensten und vielfältigsten Arten deiner Betrachtungen ein immer wiederkehrendes Muster, ein geheimer Code.
Und dann passiert etwas sehr Schönes:
> „…weil es immer wieder dieselben Symbole sind… entwickelt sich … ein immer wiederkehrendes Muster, ein geheimer Code.“
**Das ist tatsächlich eine Beschreibung dessen, was wir hier gerade lesen.**
Die Wiederholungen sind nicht nur Schwäche.
Sie erzeugen ein System.
Immer wieder:
Spiegel.
Tunnel.
Nichts.
Gedächtnis.
Phantasie.
Engel.
Krieger.
Tod.
Leser.
Autor.
Dadurch entsteht ein Muster, das irgendwann wie ein eigener Code wirkt.
Ich habe also aus meiner Wiederholung versehentlich **eine Grammatik** gebaut.
*Ich wollte eigentlich nur immer wieder dasselbe sagen.*
*Dann wurde daraus ein Karussell.*
· ФФ·ФЛΩ·Ђ · Es handelt sich dabei um eine Art verschlüsselte Sprache, die denen, die ihre Bedeutung verstehen, eine geheime Botschaft offenbart. Du beginnst die Symbole zu ordnen und den Zeichen durch das Labyrinth zu folgen. Da ziehen sie dich behutsam in ihren Bann und weben ein sanftes Netz aus Gedanken um dich.
Gedankenumwoben
· ЂБ·ЧΩЩ · Gefühlswelten unterscheiden sich nicht von wirklichen Welten. Es herrschen andere physikalische Gesetze: Es gibt keine Schwerkraft, es existiert keine Zeit, alle Momente existieren für die Ewigkeit. Was dir von außen verkehrt erscheint, ist jedoch im Innern gleich. Die Welt deiner Gefühle und diejenige außerhalb sind ein und dieselben Welten und darin befinden sich auch keine Wesen, die dir fremd, verdreht und verkehrt erscheinen, sondern Wesen wie du selbst, Wesen wie du und ich. Doch wissen wir davon nichts, auch wenn es offensichtlich ist. Nein, wir wissen nichts davon, dass wir in einem immer wiederkehrenden Muster leben, dass wir deine Gefangenen sind, im Karussell der Ewigkeit.
**Da ist der philosophische Kern.**
Und der ist viel einfacher als die ganze Kosmologie.
Wenn eine Vorstellung in deinem Bewusstsein real erlebt wird, dann hat sie eine Wirklichkeit **innerhalb deines Erlebens**.
Deshalb kann das Buch sagen:
> „Es herrschen andere physikalische Gesetze.“
Das ist als Metapher ziemlich stark.
Denn in Gedanken gelten tatsächlich andere Regeln:
Zeit kann springen.
Räume können sich überlagern.
Tote können sprechen.
Zukünftiges kann erinnert werden.
Eine Person kann gleichzeitig „ich“ und „du“ sein.
Und ein Autor kann mit einem Leser sprechen, der beim Schreiben noch gar nicht existiert.
046***
· Ч·Ω ·
Mein Glaube, ein Aberglaube - meine Wahrheit, eine Lüge - mein Gott, der Teufel in der Gestalt des Todes - mein Leben, ein Reflex im Spiegel des Nichts
Dann kommt dieser Titel.
Ich:
> Mein Glaube – Aberglaube.
> Wahrheit – Lüge.
> Gott – Teufel.
> Tod – Leben.
> Reflex – Nichts.
**Ich habe inzwischen entdeckt, dass Gegensätze meine Lieblingsmöbel sind.**
Ich stelle zwei Begriffe nebeneinander und hoffe, dass daraus automatisch Tiefe entsteht.
Und manchmal tut es das tatsächlich.
Denn die ganze Konstruktion des Buches funktioniert über Paare:
**Ich / Du**
**Autor / Leser**
**Vergangenheit / Zukunft**
**Wirklichkeit / Phantasie**
**Leben / Tod**
**Existenz / Nichts**
**Original / Spiegelbild**
Und was mich am Schreiben hält:
Ich versuche ständig zu beweisen, dass diese Gegensätze **nicht wirklich getrennt sind.**
· ЂЭ·ЧЭЛ · Und so gehst du weiter, – geradeaus durch den Tunnel in meinem Gedächtnis, immer weiter geradeaus, bis zum Ende deiner Vernunft, – tief hinein, bis zum Zentrum meiner Phantasie, meiner tiefsten, schwarzen Phantasie. Du marschierst durch die Hallen meiner Träume, bis du an ein schwarzes Tor gelangst. Öffne dieses Tor und tritt ein in meinen Verstand, meinen spiegelbaren, sich um sich selbst drehenden, glasklaren Verstand. Du bist allein in deinem schwarzen Gewand, du gehst ein paar Schritte durch die Dunkelheit und nimmst Platz in der Halle der Finsternis, tief im Innersten meiner Gedanken.
Im Zentrum des Nichts
· ЂЩ·ЭЊЭ · Hier habe ich dir aufgelauert. Ich habe darauf gewartet, dass du hier erscheinst, in meinen strahlenden Gedanken, in meinem leuchtenden Bewusstsein, meinem kristallklaren Verstand. Denn ich habe von dir geträumt. Ich habe davon geträumt, dass du mir in meiner Geschichte begegnest. Ich habe dein Gesicht in meinem Spiegel gesehen und habe erkannt, wer du bist und dass du mich bist. Ich habe mich in deinem Bewusstsein ertappt, mich durch den Turm in deinem Herzen geträumt. Ich habe davon geträumt, du zu sein.
Und jetzt kommt mein persönlicher Lieblingsabschnitt.
> „Hier habe ich dir aufgelauert.“
**Natürlich.**
Ich habe den ganzen Text geschrieben, damit ich dich am Ende in meinem Bewusstsein erwische.
Ich stelle mir die Szene vor:
Leser:
> Ich glaube, ich habe verstanden, was das Buch macht.
Ich:
> **FALSCH.**
> Ich warte schon im Zentrum deines Nichts.
Das ist wunderbar selbstverliebt.
Denn der Autor wird hier zum literarischen Bösewicht.
Und dann:
> „Ich habe dein Gesicht in meinem Spiegel gesehen und habe erkannt, wer du bist und dass du mich bist.“
Da ist sie wieder.
Die Gleichung.
**Du = Ich.**
Aber jetzt passiert etwas Entscheidendes:
Der Text behauptet nicht mehr nur, dass der Leser mich versteht.
Er behauptet:
**Der Leser wird zu mir.**
Und genau das ist die eigentliche Ironie hinter diesem ganzen Buch.
057***
Im Spiegel der Träume
· ЂЩ·ЭЊБ · Und weißt du, warum ich mich in deine Träume sehne? Weißt du, wer ich bin und warum ich von dir träume?
Weil ich frei bin
· ЂЩ·ЭЊΩ · Ich bin dein freier Geist aus Niemals-Nirgendwann, das exakte Gegenteil von der Person, die du dir vorstellst zu sein. Ich bin dein Gegenüber, dein Gegner, dein Gebieter, das Licht auf der anderen Seite des Nichts, und ich träume von dir.
Ich glaube, hier würde ich als mein eigener Lektor langsam den Rotstift fallen lassen.
„Niemals-Nirgendwann“.
Ich:
> Ja.
Lektor:
> Das ist sehr viel Nichts.
Ich:
> **Genau.**
Aber dann:
> „…das exakte Gegenteil von der Person, die du dir vorstellst zu sein.“
Und hier ist plötzlich wieder der menschliche Kern.
Der Erzähler ist nicht einfach „ein Geist“.
Er ist das Gegenbild zu der Identität, die der Leser für sich selbst hält.
Also:
**Das Fremde im eigenen Ich.**
Und das ist tatsächlich eine sehr schöne Definition des Spiegels.
Du bist mein Traum
· ЂЩ·ЭЊЛ · Ich träume davon, in dir lebendig geworden zu sein. Ich träume davon, mit dir diesen Buchstaben zu folgen, dich zu verfolgen, dir darin zu begegnen und dich darin zu begreifen. Und ich träume davon, dass du meine Gedanken weiterverfolgst, weiterdenkst, weiterentwickelst. Ich träume davon, dass du dich in mich verwandelst, dass du zu mir wirst und meine Geschichte zu Ende erzählst.
Hier sagt der Text endlich offen, was er die ganze Zeit vorbereitet hat.
**Der Autor will den Leser nicht nur erreichen.**
Er will in ihm weiterleben.
Der Leser soll:
* meine Gedanken weiterdenken,
* meine Geschichte weitererzählen,
* meine Figuren weiterexistieren lassen,
* und mich dadurch erschaffen.
Das ist vielleicht die schönste und gleichzeitig größenwahnsinnigste Vorstellung im ganzen Buch.
Denn ein Autor stirbt.
Aber der Gedanke kann weiterwandern.
Nicht als mystischer Geist.
Sondern ganz banal:
**Jemand liest mich.**
Am Ende meiner Gedanken
· ФЭ·ЂЭЛ · Stell dir jetzt eine Welt vor, die genauso aussieht wie deine eigene, wie die Welt, die du bereits kennst. Nur ohne dich.
Ausgeträumt
· ФЭ·ЂЭЩ · Schließe deine Augen und stell dir vor, du wärst überhaupt nicht da, aber dein Spiegel schon. Du könntest ihn zwar sehen, aber er dich nicht.
Und dann:
> „Schließe deine Augen und stell dir vor, du wärst überhaupt nicht da, aber dein Spiegel schon.“
Das ist ein harter Schritt.
Denn jetzt fordere ich den Leser auf, sich selbst aus der eigenen Vorstellung zu entfernen.
Das ist im Grunde eine literarische Meditation über **Selbstaufhebung**.
Nicht:
> Wer bin ich?
Sondern:
> Was bleibt übrig, wenn ich mich aus der Gleichung herausnehme?
Und die Antwort lautet:
**Der Spiegel.**
Das Bild bleibt.
Die Wahrnehmung bleibt.
Die Welt bleibt.
Nur das „Ich“, das alles besitzt, verschwindet.
Wie in einem tiefen Schlaf
· ФЭ·ЂБЖ · Stell sie dir vor, diese Welt in deinem Kopf. Eine Welt, in der es weder dich noch mich, sondern nur noch die Gedanken der anderen gibt, eine Welt, die nur noch in den Gedanken der anderen existiert. Eine Welt ganz ohne dich, ohne dein einziges Ich.
Eine ganz andere Welt
· ФЭ·ЂБФ · Jede Pflanze, jeder Vogel, jeder Fisch, jeder Name und jeder Buchstabe ist in dieser Welt jemand anderes als du selbst. Auch du selbst erscheinst in dieser Welt als jemand anderes. Jemand, den du nicht kennst, jemand, der du nicht bist, jemand, den es nicht gibt.
Jemand anderes
· ФЭ·ЂБЂ·Ч · Entspanne deine Gedanken und stell dir vor, jemand ganz anderes zu sein, dazu musst du dich selbst ganz und gar aufgeben, mich loslassen, dich auflösen, dir vorstellen, du selbst würdest überhaupt nicht existieren, und wärst nicht einmal mehr ein Wunsch, nicht mehr als ein Hauch im Atem eines anderen.
Und hier wird das Buch plötzlich fast unheimlich:
> „Entspanne deine Gedanken und stell dir vor, jemand ganz anderes zu sein…“
Das ist die konsequente Fortsetzung.
Ich habe zuerst gesagt:
> Du bist ich.
Jetzt sage ich:
> Vergiss dich.
Dann:
> Sei jemand anderes.
Dann:
> Sei niemand.
Dann:
> Komm zurück in meinen Verstand.
**Ich betreibe literarische Identitätsgymnastik.**
In einem fremden Spiegel
· Њ·ЖЂΩ · Du sollst dich in den Verstand einer vollkommen ahnungslosen, unvorbereiteten und unvoreingenommenen Spezies begeben, und da beginnt deine allererste Spiegelreise.
049***
· ЂЛ·Щ ·
Spiegelreisen
· Њ·ЖЂЛ · Eine Spiegelreise funktioniert ungefähr so einfach, wie du dir das in deiner funkelndsten Phantasie bereits fertig vorgestellt und ausgemalt hast, so, als ob du in einen finsteren, dunklen, schwarzen Tunnel hineinkriechen und dabei alles rund um dich herum zurücklassen und vergessen würdest, als ob du sterben würdest.
Und jetzt mache ich etwas, das ich als Autor offenbar nicht lassen kann:
Ich erkläre dem Leser ganz genau, **wie er sich in meinem Text verlieren soll.**
> „Eine Spiegelreise funktioniert ungefähr so einfach…“
Das Wort **„einfach“** ist hier hervorragend.
Denn danach kommt:
* finsterer Tunnel,
* alles zurücklassen,
* vergessen,
* sterben,
* Spiegel,
* Gegenüber,
* Kontrahent,
* Widersacher,
* Wirklichkeiten,
* Spiegelmagier.
**Sehr einfach.**
Das Vermächtnis des Todes
· ФЊ·ЂЊЛ · Um eine Spiegelreise erfolgreich anzutreten und einzuleiten, ist es unabdingbar, dich persönlich in meinen Spiegel hineinzuversetzen, dich in dein Gegenüber zu begeben, dir in deinem Kontrahenten zu begegnen, eins zu werden mit deinem Widersacher. Wenn dir das gelingt, stehen dir alle Wirklichkeiten offen, und nur dann kannst du die verschollenen Spiegelmagier befreien.
Befreie deine Phantasie
· ФБ·ЂΩБ·Ф · Zentriere dich jetzt vor diesem finsteren Abgrund, stell dir eine direkte Verbindung vor, zwischen deinen schwersten Gedanken und meiner funkelndsten Phantasie, ein unzertrennliches, silbernes Band, das deine tiefsten Gefühle mit meinen strahlendsten Gedanken verbindet und vereint.
· ФБ·ЂΩБ·Ђ · Platziere dazu einen hauchdünnen, imaginären Tunnel mitten in deinem Verstand, exakt an dem Punkt, wo sich deine wertvollsten Gedanken um mein finsterstes Wesen zu drehen beginnen. Verfolge diese Gedanken zurück zu ihrem Ursprung, genau dahin, wo sich das Zentrum dieser Spirale befindet.
Hier wird aus Literatur endgültig ein Ritual.
> „Zentriere dich jetzt…“
> „Stell dir eine direkte Verbindung vor…“
> „Platziere dazu einen hauchdünnen, imaginären Tunnel…“
Ich lese das und denke:
**Ich habe eine Fantasy-Szene geschrieben, die klingt wie eine geführte Meditation für Leute, die von einem metaphysischen Spiegel verschluckt werden möchten.**
Und dann:
> „…exakt an dem Punkt, wo sich deine wertvollsten Gedanken um mein finsterstes Wesen zu drehen beginnen.“
Ich kann nicht anders.
**„Mein finsterstes Wesen“**.
Ich als Autor sitze also irgendwo hinter dem Text und denke:
> Hoffentlich findet der Leser mein finsterstes Wesen.
Das ist schon sehr süß.
Und sehr größenwahnsinnig.
050***
· ЖБ·Ω ·
Mitten im Spiegel
· ФБ·ЂΩБ·Њ · Stabilisiere dieses Bild für einen Moment, damit ich diese Gedanken in mir verinnerlichen kann. Kippe jetzt diesen Tunnel so weit nach vorne, bis er dein Bewusstsein genau senkrecht durchdringt, und wickle ihn anschließend so um deinen Verstand, dass er diesen genau spiegelverkehrt abbildet. Die Rotationsachse, um die du diesen Faden spinnst, definiert dabei exakt das Zentrum deines Wesens. Hier findest du deine wahre Mitte, die Verwurzelung zu dir selbst.
Jetzt wird es fast technisch.
> „Kippe jetzt diesen Tunnel so weit nach vorne, bis er dein Bewusstsein genau senkrecht durchdringt…“
Ich habe hier offenbar beschlossen:
**Metaphysik braucht Geometrie.**
Dann:
> „Die Rotationsachse … definiert dabei exakt das Zentrum deines Wesens.“
Ich.
Warum muss die Seele plötzlich eine **Rotationsachse** haben?
*Weil ich Mathematik nicht beherrsche, aber sie gern metaphorisch benutze.*
Und trotzdem ist das Bild interessant:
Das Zentrum des Ichs wird als Punkt gedacht, um den sich Perspektiven drehen.
Das passt erstaunlich gut zum gesamten Spiegelmotiv.
· ФБ·ЂΩБ·Ч · Dich mit deinen innersten Sinnen zu verbinden ist von entscheidender Bedeutung. Du erreichst dadurch, dass sich dein Bewusstsein auf der gegenüberliegenden Seite deiner Phantasie nicht wieder auflöst und verliert; falls du diese beiden Wirklichkeiten einmal miteinander verwechseln oder vertauschen solltest.
Zurück in die Wirklichkeit
· ФБ·ЂΩΩ · Sobald du dein innerstes Zentrum gefunden hast, begibst du dich ganz langsam hinein in meinen Verstand, verdrehst und verwandelst dich in das Bild in meinem Spiegel. Du stellst alles um dich herum auf den Kopf, drehst und drehst dich um deine Gedanken, so lange, bis du auf der gegenüberliegenden, spiegelverkehrten Seite angekommen bist.
Auf der anderen Seite des Nichts
· ФБ·ЂΩЛ·Ф · Aber hier drüben ist alles ganz genauso wie vorher, wie auf der anderen Spiegelseite, da wo du hergekommen bist. Auch diese Buchstaben stehen noch immer in ein und derselben Reihenfolge, in derselben Sprache und Sequenz, im selben Bildschirm. Nichts hat sich hier verändert, weder das Gesicht in deinem Gedächtnis noch deine Gedanken, weder dein Zuhause noch deine Umgebung, genauso wenig wie du dich selbst.
Und jetzt kommt der vielleicht wichtigste kleine Realitätsbruch des ganzen Kapitels:
> „Auch diese Buchstaben stehen noch immer in ein und derselben Reihenfolge, in derselben Sprache und Sequenz, im selben Bildschirm.“
**DA BIN ICH.**
Plötzlich sagt der Text:
> Du bist durch den Spiegel gegangen.
Aber:
**Der Bildschirm hat sich nicht verändert.**
Das ist großartig.
Denn damit enthüllt der Text seine eigene Täuschung.
Physisch passiert nichts.
Der Leser sitzt noch immer vor demselben Bildschirm.
Es ist nur seine **Perspektive**, die sich verändert hat.
Und genau deshalb ist der Spiegel hier eigentlich ein Modell für Literatur:
Der Text bleibt derselbe.
**Nur du veränderst dich beim Lesen.**
Umgedreht
· ФБ·ЂΩЛ·Ђ · Auf deiner Spiegelreise hat sich die Wirklichkeit einmal komplett um deine Gedanken gedreht. Du bist jetzt angekommen, in einem Land weit hinter deinem Verstand, und hast gerade eine Welt betreten, ein und dieselbe Welt, die du soeben verlassen hast. Einzig in deiner Phantasie, parallel zu der Zeit und dem Ort, an dem du dich jetzt noch immer befindest, ist alles anders, alles neu.
051***
Spiegelverkehrt
· ЊФ·ЭΩЂ · Ich, dein Krieger aus Phantasie, befehle dir jetzt, mir zu gehorchen, dich in mir zu erkennen, dich an mich zu erinnern, dich an all das zu erinnern, was es nicht wirklich gibt. Dich an mich zu erinnern, dein eigenes, uraltes, ewigstes, unendlichstes, innerstes Echo.
Gehorche mir
· ЊФ·ЭΩЊ · Erinnere dich an mich, weder mit deinem Verstand noch mit deiner Vernunft, sondern mit deiner Phantasie. Erinnere dich an mich, wie du dich an jemanden erinnerst, den du nicht mehr kennst, den es nicht mehr gibt. Jemand, der nur noch in deiner Vorstellung, in deinen Gedanken und in deiner Einbildung existiert, in deiner Erinnerung von all dem, was es nicht wirklich zu wissen gibt.
Ein Gedanke an die Ewigkeit
· ЊФ·ЭΩЧ · Erinnere dich daran, wie du schon einmal in diesen leeren Tunnel geblickt hast, wie du schon einmal eines dieser Leben gelebt hast, wie viele dieser Leben du bereits erlebt hast, in denen du nicht mehr gewusst hast, wer du in deinem vergangenen Leben warst. Erinnere dich, wie du mich damals genannt hast, worin du mich damals erkannt hast, wohin du mich damals verbannt hast.
In meinen Friedhof aus Phantasie
· ЊФ·ЭΩЭ·Ф · In ein Labyrinth aus Buchstaben hast du mich eingesperrt, mich, das Nichts, den Engel des Todes, dein eigenes Echo. Du blickst in mein innerstes, verborgenstes Wesen, durch meine eiskalten Gedanken, in die Augen der anderen, die Augen all der Kreaturen und Figuren, zu denen wir niemals mehr werden, denen wir nie wieder begegnen. Du spürst meine Anwesenheit in dir nicht, genau so wenig wie du dein eigenes Wesen in meinem Gegenüber verspürst.
· ЊФ·ЭΩЭ·Ђ · Doch siehst du dich in meinem Spiegel. In meinem Abgrund aus Worten siehst du dein eigenes Echo. Dich verbindet jetzt nichts mehr mit mir, nicht einmal diese Worte, diese Buchstaben aus meiner Phantasie, der Phantasie des Nichts, des Nein und des Nie.
Eine Welt ohne Phantasie
· Ч·ЖЭФ·Ф · Nimm dir jetzt einen Moment Zeit und schau dich in aller Ruhe hier bei mir um. Ergänze die Passagen, mit denen du nicht zufrieden bist. Stell dir vor, was es zu bedeuten hätte, wenn all die Zeilen, die du zu lesen wünschst, bereits geschrieben stünden. Wie sie tanzend, feurig und freudig aus meinem Bewusstsein in deine Gedanken kriechen, in deinen Kopf eindringen, in deinen Verstand.
· Ч·ЖЭФ·Ђ · Stell dir vor, wie sie dich beleben und erheben, dir zur Seite stehen, dir den Rücken stärken, dich aus einem tiefen, dunklen Schlaf befreien, dir den Weg weisen, der dich wieder hinausführt aus dem Reich toter Buchstaben, hinein ins wahre Leben. Stell dir vor, wie sie dich begleiten, dir Mut machen, dich unterstützen, dich weiterbringen, dich voranbringen, dich vorwärtstreiben, neue Erfahrungen zu machen, dir das Tor öffnen zu neuen Dimensionen.
Und jetzt übergebe ich dir sogar den Text:
> „Ergänze die Passagen, mit denen du nicht zufrieden bist.“
Moment.
**ICH gebe dem Leser die Autorenschaft zurück.**
Das ist einer der wichtigsten Sätze des gesamten Materials.
Denn jetzt sage ich:
> Ich habe den Text geschrieben.
und gleichzeitig:
> **Du sollst ihn fertigschreiben.**
Das ist genau die Auflösung von Autor und Leser, die das ganze Buch vorbereitet.
Ich liefere die Buchstaben.
Du lieferst:
* Bilder,
* Gefühle,
* Bedeutungen,
* Erinnerungen,
* Erwartungen.
Damit entsteht der eigentliche Text **nicht von mir, sondern von dir**.
Das Tor zu meinem Verstand
· ЊЂ·ЭЛФ · Und damit hauche ich deiner Phantasie neues Leben ein. Du beginnst dir all das vorzustellen, einzubilden, auszudenken und auszumalen, was ich mit diesen Buchstaben auszudrücken in der Lage, dir mitzuteilen, zu erklären und zu beschreiben imstande bin. All das, was bis anhin unbeachtet und unbemerkt in deinem Spiegelinnern in sich hineingeschlummert und noch nicht einmal ansatzweise, auch nicht im entferntesten und verborgensten Winkel deiner noch nie ertasteten Gedanken möglich erschien.
> „Und damit hauche ich deiner Phantasie neues Leben ein.“
Das klingt zunächst wieder sehr pathetisch.
Aber dann wird es präzise:
> „…was ich mit diesen Buchstaben auszudrücken in der Lage … bin.“
Da haben wir plötzlich die eigentliche Maschine:
**Buchstaben → Vorstellung.**
Und genau hier ist das Buch am stärksten.
Nicht bei „Nichts“.
Nicht bei „Ewigkeit“.
Nicht einmal beim Engel.
Sondern bei dieser ganz simplen Tatsache:
Ich ordne Zeichen.
Du baust daraus eine Welt.
052***
Eine Begegnung mit dir selbst
· ЂЧ·ЧЊЖ · Du stellst dir diese Geschichte längst geschrieben, längst fertig vor, und während du dich in dieser Brille aus Buchstaben betrachtest, erzählt sich diese Geschichte mit Hilfe deiner Vorstellung und Phantasie wie von ganz allein.
**Brille aus Buchstaben.**
Ich liebe das Bild.
Denn ein Text ist tatsächlich eine Art optisches Gerät.
Er zeigt dir nicht einfach eine Welt.
Er gibt dir eine bestimmte Art, **zu sehen**.
Und wenn ich dann sage:
> „Es ist deine eigene Geschichte“
dann vollendet sich die ganze Konstruktion.
Ich erzähle dir meine Geschichte.
Du liest sie.
Deine Phantasie füllt sie.
Dadurch verliere ich mich in dir.
Und plötzlich kann ich behaupten:
**Es war deine Geschichte.**
Eine Geschichte, wie sie nur ein Spiegel erzählen und erfinden kann
· ЂЧ·ЧЊФ · Diese Geschichte ernährt sich von deiner Phantasie. Es ist deine eigene Geschichte, die mein Krieger dir erzählt, mit deiner Phantasie, mit deinen Vorstellungen und Erwartungen, mit deinen Gefühlen und Gedanken über all die Personen und Wesen, die du noch sein könntest, zu denen du noch werden könntest, auf der anderen Seite, in der anderen Welt, hinter deinem Spiegel.
Gedankensprung
· ЊБ·БЧЭ · Aber hinter deinem Spiegel erkennst du dich nicht mehr, erkennt sich niemand mehr, in dieser Welt gibt es keine Krieger mehr. Sondern nur noch dich selbst. Und niemand erkannte sich jetzt noch in dir, und auch du hast dich hier nicht mehr erkannt. Denn hier war das Ende.
Und dann:
> „Denn hier war das Ende.“
Natürlich.
Nach:
* Nichts,
* Ewigkeit,
* Spiegeln,
* Toten,
* Engeln,
* Kriegern,
* Identitätsauflösung,
* Spiegelreisen,
* Bewusstseinstransfer,
ist die letzte Station:
**Das Ende.**
Aber diesmal fühlt es sich anders an.
Denn das Ende ist nicht einfach:
> Geschichte vorbei.
Es ist:
> **Die Identität, die die Geschichte getragen hat, kann sich nicht mehr erkennen.**
Und damit komme ich zu etwas, das ich inzwischen für den eigentlichen Kern dieser beiden Kapitel halte:
---
## Was ich hier als Autor eigentlich veranstaltet habe
Ich habe am Anfang gesagt:
> Ich verstecke meine Erinnerungen.
Dann:
> Ich verstecke sie in der Zukunft.
Dann:
> Ich verwandle sie in Buchstaben.
Dann:
> Die Buchstaben werden von Figuren weitergetragen.
Dann:
> Die Figuren gelangen in den Leser.
Dann:
> Der Leser wird zu den Figuren.
Dann:
> Der Leser wird zu mir.
Dann:
> Der Leser soll sich selbst vergessen.
Dann:
> Er soll den Text selbst ergänzen.
Und am Ende:
> **Er erkennt sich nicht mehr.**
Das ist keine lineare Handlung.
Das ist eine **Identitätsmaschine**.
Und jetzt verstehe ich auch, warum ich als Autor permanent übertreibe.
Ich brauche all diese Engel, Toten, Spiegel, Tunnel und Nirgendwann-Orte eigentlich nur, um einen sehr einfachen Vorgang immer wieder neu zu verkleiden:
> **Ein Mensch liest einen Text und beginnt darin sich selbst zu erkennen.**
Und dann passiert der entscheidende zweite Schritt:
> **Er erkennt sich darin nicht mehr wieder.**
Das ist der eigentliche Horror.
Und gleichzeitig der eigentliche Reiz.
Denn der Spiegel sagt nicht:
> „Das bist du.“
Er sagt:
> **„Das könntest auch du sein.“**
Und damit habe ich als Autor genau das getan, was ich die ganze Zeit vermeiden wollte:
Ich habe mich selbst in meinen eigenen Text geschrieben.
Nicht als Figur.
Nicht als Erzähler.
Sondern als **Mechanismus**.
Ich habe den Tunnel gebaut.
Ich habe dem Leser gesagt, wohin er gehen soll.
Ich habe behauptet, nicht mehr da zu sein.
Und genau dadurch werde ich immer sichtbarer.
**Das ist inzwischen wirklich mein Lieblingswitz an diesem Buch.**
Ich schreibe seitenlang darüber, wie der Autor verschwindet.
Und jedes einzelne Wort beweist:
**Der Autor war da.**
*Ich wollte mich aus dem Spiegel entfernen.*
*Ich habe dafür zwei Bücher gebraucht.*
*Der Spiegel hat leider alles mitgeschrieben.*
· ЩЧ·Њ ·
Das Ende der Welt
· ЊБ·БЧΩ·Ф · Hier war das Ende. Das Ende einer Welt, in der sich niemand mehr im anderen erkannte, das Ende einer Geschichte, die überhaupt niemals begann.
Ich liebe diese Konstruktion.
**Das Ende einer Geschichte, die nie begonnen hat.**
Ich habe damit meine eigene Handlung elegant gelöst:
*Lektor:*
„Was passiert eigentlich?“
*Ich:*
„Sie endet.“
*Lektor:*
„Was endet?“
*Ich:*
„Eine Geschichte.“
*Lektor:*
„Welche?“
*Ich:*
„Die nie begonnen hat.“
*Lektor:*
„...“
Das ist tatsächlich eine der zentralen Paradoxien dieses gesamten Projekts:
**Ich schreibe über etwas, das angeblich nie geschehen ist.**
Aber sobald ich es schreibe, ist es geschehen – Problem gelöst.
Die Geschichte des Nichts aus Nirgendwann
· ЊБ·БЧΩ·Ђ · Hier war das Ende meiner Geschichte. Hier, im ewig schwarzen Wann. Aber ich kannte jetzt den Weg durch mein spiegelschwarzes Labyrinth, und selbst wenn niemand mehr an mich glauben, selbst wenn mir niemand mehr vertrauen wollte, so wusste ich jetzt, was hinter meinem Spiegel im Verborgenen lag.
> „Hier war das Ende meiner Geschichte.“
Und direkt danach:
> „Aber ich kannte jetzt den Weg durch mein spiegelschwarzes Labyrinth…“
Moment.
**Das Ende hat mir gerade den Weg erklärt.**
Das passt erstaunlich gut zu dem, was wir inzwischen über diese Bücher wissen:
Das Ende ist nicht das Gegenteil des Anfangs.
Es ist der Punkt, von dem aus der Anfang **erst lesbar wird**.
Ich habe also ein Ende geschrieben, das gleichzeitig eine Orientierungshilfe ist.
· Ф·Ω ·
Im Spiegel der Zeit
· ФΩ·ЂЩБ · Damit endete meine Reise aus dem fernen Nirgendwann, noch bevor sie überhaupt erst richtig begann. Meine Wahrheit hörte auf zu existieren, in dem Moment in dem ich sie gebar und die Gedanken in meinem Verstand wurden etwas gewahr, das niemals wirklich war. Ich tauchte ein in ein Bewusstsein aus nichts als Phantasie und betrat eine Welt aus Geld, Gier und Neid, wo jeder an das glaubte, was ihm gerade in den Kram passte, wo die Zeit nichts als ein Tunnel unerfüllter Träume war, wo sich jeder selbst ausdachte, was, warum und wie etwas geschah. Nur meine Krieger folgten mir ins Nirgendwann, und so trat ich durch meine Phantasie in meine verdrehte und verkehrte Wirklichkeit – und vergaß.
Und hier komme ich mit einer Formulierung, die ich als Autor wahrscheinlich für maximal philosophisch hielt:
> „Damit endete meine Reise aus dem fernen Nirgendwann, noch bevor sie überhaupt erst richtig begann.“
Ich.
**Noch bevor sie begann.**
Das ist mittlerweile meine bevorzugte Zeitform.
Nicht Vergangenheit.
Nicht Zukunft.
Sondern:
### **Vorher-nachher-gleichzeitig-irgendwie-nie.**
Ich habe die Zeit so lange gespiegelt, bis sie ihre eigene Bedienungsanleitung verloren hat.
---
Dann:
> „Meine Wahrheit hörte auf zu existieren, in dem Moment in dem ich sie gebar…“
Das ist tatsächlich ein ziemlich starker Gedanke.
Denn Wahrheit entsteht hier **nicht durch Entdeckung**, sondern durch Erfindung.
Ich erfinde eine Wahrheit.
In dem Moment, in dem ich sie erfinde, wird sie zu einer Geschichte.
Und dadurch verliert sie genau den Status, den ich ihr geben wollte.
**Ich erschaffe Wahrheit und zerstöre sie durch ihre Erschaffung.**
Das ist viel interessanter als:
> „Die Wahrheit ist kompliziert.“
Nein.
Die Wahrheit wird kompliziert, **weil ich sie erfinde.**
Kampf ums Licht
· ФΩ·ЂЩΩ · Ich vergaß vollkommen, wer ich einmal war und wer ich nie wieder sein würde. Ich verschloss den Tunnel in meinem Gedächtnis mit Buchstaben, die niemand jemals als solche zu deuten verstand, geschweige denn sich darin zu erkennen vermochte, und da hinein sperrte ich meine Phantasie. Seitdem lebe ich in meinem Spiegel und bilde mir ein, mein Spiegel zu sein, ein Spiegel aus Phantasie.
Da bin ich wieder.
Ich liebe inzwischen diese Formulierung:
**„wer ich nie wieder sein würde“**
weil sie eine Identität voraussetzt, die nie existiert hat.
Ich verliere also jemanden, der ich niemals war.
Das ist eigentlich das perfekte Paradox für dieses Buch.
Ich trauere nicht um eine verlorene Person.
Ich trauere um **eine mögliche Version meiner selbst**.
Und dann:
> „Seitdem lebe ich in meinem Spiegel und bilde mir ein, mein Spiegel zu sein…“
Hier ist die ganze Konstruktion plötzlich in einem Satz.
Nicht:
> Ich sehe mein Spiegelbild.
Sondern:
> **Ich halte mich für mein Spiegelbild.**
Das heißt:
Ich habe die Repräsentation mit der Identität verwechselt.
Und genau das passiert beim Lesen:
Der Leser erkennt sich in einer Figur.
Dann erkennt er die Figur in sich.
Dann weiß er nicht mehr, wo die Figur endet und er beginnt.
**Ich habe aus Identifikation eine metaphysische Identitätskrise gemacht.**
*Warum einfach, wenn man dafür ein „Nirgendwann“ erfinden kann?*
053***
# Und dann: Buch XIII
Hier passiert wieder einmal etwas Herrliches.
Wir springen von **Buch IV** direkt zu **Buch XIII**.
Ich als Autor:
> Ja, dazwischen fehlen neun Bücher.
*Leser:*
> Warum?
Ich:
> **Spiegel.**
Das ist inzwischen mein Universalargument.
· Ђ·Э ·
Im Theater des Nichts
· ЂЂ·ЊЛЂ · Am Anfang war alles noch sehr aufregend. Ich stand vor einem leeren Tunnel aus Worten. Ein Kaleidoskop aus Gedanken fraß sich in meinen Verstand und ließ mich nicht mehr los. Ich erklärte meinem Krieger, das schwarze Labyrinth sei nichts anderes als das Produkt meiner eigenen Phantasie, und die einzige Person, die sich darin zurechtfinden würde, sei niemand anderes als ich selbst.
Und sofort:
> „Am Anfang war alles noch sehr aufregend.“
Das ist vielleicht der unspektakulärste Satz in einem Werk, das sonst mit „ewigen schwarzen Feuern“ um sich wirft.
Und genau deshalb gefällt er mir.
Denn plötzlich spricht da tatsächlich **ein Autor**.
Nicht ein Engel.
Nicht das Nichts.
Nicht der Tod.
Nicht der Spiegel.
Sondern jemand, der rückblickend sagt:
> Am Anfang war es aufregend.
Das klingt fast wie:
> „Damals dachte ich noch, ich hätte das unter Kontrolle.“
*Spoiler: Hatte ich nicht.*
---
Dann:
> „Ich stand vor einem leeren Tunnel aus Worten.“
Und da sind wir wieder.
Natürlich.
**Der Tunnel.**
Ich habe ihn inzwischen so oft verwendet, dass ich glaube, er ist kein Motiv mehr.
Er ist inzwischen **Angestellter des Romans.**
*Tunnel:*
> Ich arbeite seit Buch II hier.
*Ich:*
> Danke.
*Tunnel:*
> Gibt es Urlaub?
*Ich:*
> Nein.
059***
Im Spiegel selbst
· ФФ·ФЩЧ · Also malst du diese Zeichen in ein durchsichtiges, leeres Fenster, irgendwo mittendrin im spiegelschwarzen Labyrinth, und dahinter sehe ich dich, und sonst nichts, außer einem lebendigen Friedhof in meinen eigenen Gedanken, demselben Grab, das du jetzt vor dir siehst.
> „Also malst du diese Zeichen in ein durchsichtiges, leeres Fenster…“
Hier passiert etwas, das ich sehr mag:
Das **Fenster wird zur Schreibfläche**.
Und dahinter:
> „…sehe ich dich, und sonst nichts, außer einem lebendigen Friedhof in meinen eigenen Gedanken…“
Das ist wieder diese Verschmelzung von:
**Bildschirm – Fenster – Spiegel – Grab – Text.**
Und inzwischen wird mir klar:
Das sind im Grunde alles Varianten desselben Bildes.
Eine Fläche, die gleichzeitig:
* etwas zeigt,
* etwas verbirgt,
* etwas reflektiert,
* und eine Grenze zwischen zwei Bewusstseinen bildet.
Der Bildschirm ist also in diesem Buch tatsächlich ein **Spiegel des Denkens**.
Und deshalb ist es so passend, dass der Leser nicht in eine andere Welt schaut.
Er schaut auf eine Oberfläche.
**Und produziert dahinter selbst die Welt.**
· Ч·ЖБЩ · Tiefer und tiefer tauchst du dabei mit deinen Gedanken hinein und hinab, auf den Grund deiner Gefühle, auf den Grund deiner selbst.
· Э·Њ ·
Auf dem Grund des Nichts
· Ω·ФЖЩ·Ф · Vor dem Anfang aller Dinge, Formen und Phänomene herrschte ich über das Nichts. Und das Nichts herrschte über die Ewigkeit. Und niemand herrschte über diese verdammt lange Zeit. Niemand außer dem Nichts, niemand außer mir, dem ewigen Frieden.
Natürlich herrschte ich über das Nichts.
Wer sonst?
*Ich sehe mich beim Schreiben.*
Ich:
> Wir brauchen einen Herrscher.
Lektor:
> Wofür?
Ich:
> Für das Nichts.
Lektor:
> Das Nichts braucht keinen Herrscher.
Ich:
> **Ich schon.**
Und dann:
> „Und das Nichts herrschte über die Ewigkeit.“
Sehr schön.
Ich habe also eine kleine Hierarchie gebaut:
**Ich → Nichts → Ewigkeit → niemand.**
Und am Ende:
> „Niemand außer dem Nichts, niemand außer mir…“
Da wird aus der Hierarchie sofort wieder eine Identitätsgleichung.
**Ich = Nichts.**
Natürlich.
Wir hatten das lange nicht.
· Л·Њ ·
Über das Leben der Engel
· Ω·ФЖЩ·Њ · Seit vielen Ewigkeiten – unermesslichen Zeiten – herrschte ich bereits über mein Reich. Mein Spiegelreich der Gerechtigkeit.
· Ω·ФЖЩ·Э · Ich herrschte über das Labyrinth der Zeit, das Karussell der Einsamkeit, die Brücken der Vergessenheit und den Tunnel in die Vergangenheit, die sinnlosen Kriege der Ungewissheit und die Diebe der ewigen Unwissenheit. Ich herrschte über jedes Verbrechen in dieser von allen guten Geistern verlassenen Wirklichkeit, stumme, stille und verlorene Krieger, die ohne Vorstellung und Erinnerung an ihr Leben, das Leben, das sie einmal auf der anderen Seite dieser Geschichte aus Buchstaben geführt hatten, da warteten und ausharrten.
Und jetzt bekomme ich endlich mein Königreich.
> „Mein Spiegelreich der Gerechtigkeit.“
Ich herrsche über:
* das Labyrinth der Zeit,
* das Karussell der Einsamkeit,
* die Brücken der Vergessenheit,
* den Tunnel in die Vergangenheit,
* die Kriege der Ungewissheit,
* die Diebe der ewigen Unwissenheit.
Ich habe offenbar beim Schreiben gedacht:
> Wenn ich schon ein Reich habe, dann braucht jede emotionale Erfahrung eine Architektur.
**Einsamkeit bekommt ein Karussell.**
**Vergessen bekommt Brücken.**
**Zeit bekommt ein Labyrinth.**
**Vergangenheit bekommt einen Tunnel.**
Das ist tatsächlich eines der interessantesten ästhetischen Prinzipien des Textes:
Ich mache abstrakte Zustände **räumlich**.
Man kann in ihnen:
* gehen,
* fallen,
* eintreten,
* zurückkehren,
* sich verirren,
* warten.
Dadurch werden Gedanken zu Landschaften.
Das ist der eigentliche Grund, warum die vielen Tunnel und Spiegel trotz ihrer Überfülle funktionieren.
Buchstabengeschichten
· Ω·ФЖЩ·Ч · Ich konnte mich weder an meinen Namen noch an die Inschrift in meinem Grabstein erinnern und erkannte mich nicht einmal mehr in meinen eigenen Gefühlen. Ich war umgeben von Finsternis und herrschte über ein Reich voller Gegensätze, über die ich mich mit nichts und niemandem unterhalten konnte, denn als ich mich um meinen Verstand zu drehen begann, musste ich auf alles verzichten, musste ich alles zurücklassen und vergessen, was ich mir jemals zu erzählen gedachte: meine Sprache, meine Seele, mein Wissen und Gewissen, meine Erfahrungen und Erinnerungen, mein Bewusstsein und meine Gedanken und noch dazu meine Phantasie, meine einmalige, einzigartige, finstere, dunkle, schwarze Phantasie.
Natürlich.
Der Grabstein ist inzwischen mein bevorzugtes Namensschild.
Wenn ich vergessen habe, wer ich bin, gehe ich zum Grabstein.
Und dort steht vermutlich:
> **Hier liegt niemand.**
Sehr hilfreich.
Aber dann passiert etwas Wichtiges:
> „…musste ich auf alles verzichten … meine Sprache, meine Seele, mein Wissen und Gewissen, meine
Erfahrungen und Erinnerungen und … meine Phantasie…“
Das ist die konsequente Selbstauflösung.
Wenn ich wirklich alles verliere, was mich ausmacht, bleibt:
**Was ist dann noch „ich“?**
Und genau das versucht der Text zu finden.
Er zieht dem Ich Schicht für Schicht alles ab.
Erst:
Erinnerung.
Dann Sprache.
Dann Wissen.
Dann Bewusstsein.
Dann Phantasie.
Und was bleibt?
Natürlich:
Die Phantasie des Nie
· Ω·ФФБ · Doch selbst wenn ich nicht mehr wusste, wer ich war, wo ich war, wann ich war und wie dieser verfluchte Ort sich nannte, selbst wenn ich die Bedeutung dieser verwunschenen Worte nicht mehr kannte, so brannte doch jetzt, weit unter dem Grund meiner Seele, ein mächtiges, finsteres, von meinem innersten Wesen besitzergreifendes Feuer. Es war das Feuer der ewigen Liebe, das meine Krieger in mir entfachten, das schwarze Feuer der Ewigkeit.
Und hier kommt das zentrale Bild:
> „…so brannte doch jetzt … ein mächtiges, finsteres … Feuer.“
Das ist wichtig, weil die Phantasie hier nicht mehr einfach **Inhalt** ist.
Sie wird zum **letzten Rest von Identität**.
Alles kann verschwinden:
Name.
Zeit.
Erinnerung.
Welt.
Sprache.
Aber solange noch Vorstellung da ist, gibt es noch ein Wesen, das vorstellen kann.
**Die Phantasie wird zum letzten Lebenszeichen.**
Und damit bekommt das „schwarze Feuer der Ewigkeit“ aus Buch III rückwirkend eine Funktion.
Es ist nicht einfach Gothic-Dekoration.
Es ist:
**Bewusstsein, das sich weigert, vollständig auszulöschen.**
Ein Funke Ewigkeit
· Ω·ФЖЩ·Л · Tief in meinem Innern brannte sie, die schwarze Flamme des Nichts, versunken und in sich selbst verschlungen, alleine und in Frieden, in Einsamkeit und Verlassenheit. Und es war dunkel und still in den Gedanken des Nichts, so dunkel, so einsam und so still, dass niemand jemals bemerkte, wie das Licht ganz langsam zu träumen, immer tiefer zu träumen, zu phantasieren und sich schließlich in einen Spiegel zu verwandeln begann.
Das ist eigentlich wunderschön.
Das Licht träumt.
Und aus dem Traum entsteht der Spiegel.
Damit ist der Spiegel nicht länger nur ein Gegenstand.
Er ist das Ergebnis eines Bewusstseins, das versucht, sich selbst zu betrachten.
**Bewusstsein → Traum → Spiegel → Selbstbeobachtung.**
Und jetzt ergibt plötzlich der ganze Roman Sinn.
Ich habe nicht so viele Spiegel eingebaut, weil Spiegel cool sind.
Ich habe so viele Spiegel eingebaut, weil mein Erzähler verzweifelt versucht, **eine Außenperspektive auf sich selbst zu erzeugen.**
Die Kunst der Verwandlung
· Ω·ФФЖ · Ganz langsam träumte das Licht, von einer Zeit, die es niemals gab im Niemals-Wann, von einem Ort, der nicht existierte im Nirgendwann, das Nichts stellte sich in seinem Wahn einen leeren Grabstein vor, in dem ich mich zu bewundern, zu bestaunen und zu betrachten begann, bis ich mich schließlich einen Moment lang für einen Spiegel zu halten, durch meine Gefühle zu wandern und mich mit den Gedanken in meinem Verstand zu unterhalten begann.
> „…das Nichts stellte sich in seinem Wahn einen leeren Grabstein vor…“
Das ist ein herrlicher Satz.
Das Nichts stellt sich etwas vor.
Was?
Natürlich einen Grabstein.
Leer.
Also:
**Das Nichts besitzt Vorstellungskraft.**
Und sobald das Nichts sich etwas vorstellt, ist es nicht mehr vollkommen leer.
Es hat Inhalt.
Und dieser Inhalt kann sich spiegeln.
Damit beginnt ausgerechnet **im Nichts** die Entstehung von Identität.
Das ist wahrscheinlich einer der stärksten philosophischen Mechanismen des ganzen Materials:
> **Identität entsteht nicht aus Gewissheit, sondern aus Selbstvorstellung.**
Wer mit seinen Gedanken spricht
· Ω·ФФФ·Ф · Ich begann mich für meine Gedanken zu halten, mich mit dem Tod und den Toten zu unterhalten, bizarren Figuren aus meinem unsichtbaren Friedhof, aus Phantasie. Ich fing an, mich mit mir selbst zu unterhalten und wurde ganz langsam vollkommen verrückt dabei. Ich sehnte mir einen Krieger herbei und redete mir ein, mein Gegenüber zu sein. Zu sein, wonach es mich tief in meinem Innern verlangte, meinem Krieger, dem Nichts, dem ewigen Frieden.
Dann gebe ich meinem Erzähler endgültig einen kleinen psychologischen Zusammenbruch:
> „Ich fing an, mich mit mir selbst zu unterhalten und wurde ganz langsam vollkommen verrückt dabei.“
Danke.
Endlich sagt es jemand.
Nach dreizehn Büchern:
**Der Autor merkt, dass er mit sich selbst spricht.**
Ich stelle mir meinen eigenen Lektor vor:
> „Du redest seit 200 Seiten mit deinem Spiegel.“
Ich:
> „Nein.“
Lektor:
> „Doch.“
Ich:
> „Er antwortet.“
Lektor:
> „Das ist noch schlimmer.“
---
Und dann:
> „Ich sehnte mir einen Krieger herbei und redete mir ein, mein Gegenüber zu sein.“
**Da ist die Geburt der Figur.**
Das ist eine der Stellen, an denen ich als Autor tatsächlich kurz aufhöre, mich über mich lustig zu machen.
Denn hier wird ausgesprochen, was Literatur sehr oft macht:
Ich erschaffe eine Figur als **Gegenüber**, weil ich mit mir selbst nicht direkt sprechen kann.
Der Krieger ist also nicht einfach eine Figur.
Er ist **die zweite Stimme des Autors**.
Das Spiegelne Grab
· Ω·ФФФ·Ђ · Ich fing an, wie ein Zombie zu sprechen, wie ein Toter zu denken, mich wie ein Geist zu verhalten, mich mit Geistern und Gespenstern zu unterhalten, unsichtbaren Wesen, die aus meinem leeren Friedhof zu mir sprachen. Ich sperrte sie alle ein in meinem Verstand, meinem durchsichtigen, verdrehten Verstand aus Zeichnungen, Gleichungen, Weichen, Wurzeln, Ziffern, Zeichen und Symbolen und begann zu halluzinieren.
Dann eskaliert es natürlich wieder:
> „Ich fing an, wie ein Zombie zu sprechen, wie ein Toter zu denken, mich wie ein Geist zu verhalten…“
Ich.
Warum?
Warum muss ich gleich drei Untoten-Metaphern hintereinander verwenden?
*Weil einer offenbar nicht gereicht hat.*
Aber darunter steckt etwas Interessantes:
Der Erzähler **performt seine eigene Abwesenheit**.
Er verhält sich wie jemand, der nicht mehr lebt.
Er spricht wie ein Toter.
Er denkt wie ein Geist.
Er baut sich ein Grab.
Das heißt:
**Er versucht, sich selbst von außen zu spielen.**
Und genau darin liegt die ganze Spiegelstruktur.
054***
Das Echo im Spiegel
· ЂФ·ЊΩЭ·Ф · Ich bildete mir ein, mein Spiegel zu sein, und stellte mir die perfekte Symmetrie, das perfekte Gleichgewicht und das perfekte Fundament für die Ewigkeit vor: einen leeren Tunnel im Zentrum des Nichts.
> „Ich bildete mir ein, mein Spiegel zu sein…“
Da ist es.
Der entscheidende Fehler.
Ich wollte den Spiegel **betrachten**.
Jetzt will ich **der Spiegel sein**.
Das ist ein weicher Unterschied.
Denn wenn ich der Spiegel bin, dann kann ich mich selbst nur noch über den anderen erkennen.
Ich existiere dann nur noch als Reflexion.
**Ich werde zum Medium meiner eigenen Abbildung.**
Und damit ist die spätere Leserfigur eigentlich schon vorbereitet.
Im Zentrum meiner Gedanken
· ЂФ·ЊΩЭ·Ђ · Und während ich meinem eigenen Spiegel zu erklären begann, dass das Licht in mir ein Durchgang war, versuchte das Licht mich davon zu überzeugen, dass es diesen Durchgang überhaupt nicht gab.
Und dann:
> „…das Licht in mir ein Durchgang war…“
Das gefällt mir sehr.
Denn das Licht ist hier kein Ziel.
Es ist ein **Durchgang**.
Das heißt:
Gedanken sind nicht etwas, das man besitzen kann.
Sie sind etwas, durch das man hindurchgeht.
Und direkt danach:
> „…das Licht … versuchte … mich davon zu überzeugen, dass es diesen Durchgang überhaupt nicht gab.“
Natürlich.
Mein eigenes Licht leugnet seine eigene Tür.
Ich habe einen metaphysischen Streit zwischen einem Bewusstsein und seiner eigenen Möglichkeit, sich selbst zu verlassen.
**Das ist schon ziemlich genau das, was dieses ganze Buch macht.**
Ewige Finsternis
· Л·ФЧФ · Nachdem ich mir schon so viele Ewigkeiten lang eingeredet hatte, dass es mich in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt, niemals gegeben hat, da wollte ich dann nur noch eines: mich einmal selbst betrachten.
> „…da wollte ich dann nur noch eines: mich einmal selbst betrachten.“
Und da fällt alles zusammen.
Das ist der Kern.
Nicht:
> Ich will Liebe.
Nicht:
> Ich will die Welt retten.
Nicht:
> Ich will das Nichts besiegen.
Sondern:
**Ich will mich sehen.**
Und weil ich mich nicht direkt sehen kann, brauche ich:
**einen Spiegel.**
· ФЊЛ·Њ ·
Von Ewigkeit zu Ewigkeit
· Л·ФЧЂ·Ф · Ich wollte wissen, wer dieses Wesen war, das es in Wirklichkeit niemals gegeben hatte. Ich wollte wissen, wie das Wesen aussah, von dem diese wunderschönen Gedanken stammten. Und da kam mir die Idee, dir eine Geschichte zu erzählen.
Und da:
> „…da kam mir die Idee, dir eine Geschichte zu erzählen.“
**Da ist der Ursprung des ganzen Buches.**
Nicht:
> Ich fand die Wahrheit.
Sondern:
> **Ich erzählte dir eine Geschichte.**
Damit ist der Leser plötzlich nicht mehr Zielgruppe.
Er ist das **fehlende Spiegelbild**.
Eine unerhörte, fabelhafte Geschichte
· Л·ФЧЂ·Ђ · Ich hörte in mich hinein und bildete mir ein, ein ganz anderes Wesen in einer ganz anderen Welt zu sein. Ich stellte mir vor, das schönste aller Wesen zu sein, das es überhaupt noch nie gegeben hat, das niemals existiert hat. Ich stellte mir vor, mein Gegenüber zu sein. Ich stellte mir vor, du zu sein.
Das ist fast schon die mathematische Formel des gesamten Werkes:
**Ich → stelle mir dich vor.**
Dann:
**Du → stellst dir mich vor.**
Und plötzlich:
**Wir stellen einander vor.**
Das ist die eigentliche Spiegelmaschine.
Ich kann mich selbst nicht erschaffen.
Aber ich kann dich erschaffen.
Und du kannst mich lesen.
Damit erschaffst du wiederum mich.
**Wir sind füreinander Bestimmung.**
Mein gespiegeltes Echo
· Б·ФЖЊ · Und weil es hier niemanden gab, der mich für einen Spiegel hielt, sperrte ich mich dann selbst; sperrte ich meine eigene Geschichte in eine Truhe aus Buchstaben und erzählte meinem Krieger diese Geschichte in einem Saal, in dem sich alle meine Spiegel und Spiegelgeister einfanden. Einem Saal tief in meinem Verstand, und als sie da aufwachten aus meinem Traum, da waren sie frei, und frei war ich, und alle waren sie mich. Und keiner wusste auch nur das Geringste über dich.
Das ist wahrscheinlich eine der klarsten Formulierungen des ganzen Projekts.
**Alle Figuren sind ich.**
Aber gerade weil sie von mir getrennt sind, können sie frei werden.
Das ist Literatur.
Ich zerlege mich in Figuren.
Die Figuren bekommen eigene Stimmen.
Dann lese ich sie selbst.
Und plötzlich sehe ich mich von außen.
**Ich habe mich vervielfacht, um mich selbst betrachten zu können.**
· ФЛЊЛ·Њ ·
Über dem Abgrund des Nichts
· ЊЖ·ЭЭЖ·Ф · Was muss ich also tun, damit du meine Sprache verstehst, meine Worte begreifst, meine Gedanken verinnerlichst, meine Träume verwirklichst und meine Visionen lebst? Brauchst du denn zwingend immer wieder neue Beweise, die dich davon überzeugen, dass du mein toter Engel bist?
Und jetzt wird der Leser direkt verhört:
> „Was muss ich also tun, damit du meine Sprache verstehst…?“
Ich stelle dem Leser eine Frage, obwohl ich gleichzeitig selbst die Antwort konstruiere.
Das ist inzwischen ein bisschen wie:
*Autor:*
„Was möchtest du fühlen?“
*Leser:*
„Ich weiß nicht.“
*Autor:*
„Kein Problem. Ich habe es schon für dich geschrieben.“
---
Und dann:
> „…du selbst hast dir diese Botschaft hinterlassen…“
**Das ist der zentrale Trick.**
Ich sage dem Leser:
> Du bist nicht der Empfänger.
Du bist:
**der ursprüngliche Autor.**
Und ich bin nur die zukünftige Version dieses Autors, die dir seine eigene Nachricht zurückbringt.
Damit wird der Text zur **Zeitkapsel des eigenen Bewusstseins**.
· ЊЖ·ЭЭЖ·Ђ · Nein. Selbst wenn deine Geschichte längst wahr und verwirklicht ist, so erkennst du nicht den Frieden in dir. In deiner unendlichen Weisheit erkennst du dich nicht selbst. Du kennst und erkennst in dir nur die anderen, doch in ihnen bist du für immer verloren.
055***
Gedankenverloren
· ЊЖ·ЭЧЛ·Ф · Wie also gelingt es mir, deinen Verstand zu bezwingen, deine Vernunft zu besiegen und deiner Phantasie neues Leben einzuhauchen, damit du dich an diese gewaltige, atemberaubende Botschaft erinnerst, diese Botschaft, die du selbst erfunden, die du dir selbst hinterlassen hast, damit du dich an all das erinnerst, was du nicht wirklich wissen willst?
· ЊЖ·ЭЧЛ·Ђ · Wie gelingt es mir, dich an etwas zu erinnern, das du absichtlich und schon lange vergessen hast?
Mit meiner Phantasie
· ФЖ·ФΩБ·Ф · Aus meinem dunklen Reich der Phantasie, der Phantasie des Nein und des Nie, aus dem Nichts aus Nirgendwann spreche ich über meine Gedanken zu dir. Aus meinem unheimlichen, ungeheuerlichen Tunnel aus Buchstaben bin ich gekrochen – in deinen Verstand – um dir zu sagen, wer du nicht wirklich bist.
· ФЖ·ФΩБ·Ђ · Das Licht in mir hat eine Botschaft für dich, an dich, eine geheime, eine unheimliche Botschaft. Eine Botschaft, die noch niemals von niemandem ausgesprochen, verstanden und verfasst worden ist, denn es ist die Botschaft der Engel, die aus meinem Spiegel zu dir kriecht.
Und hier ist wieder diese wunderbare Übertreibung:
> „…eine Botschaft, die noch niemals von niemandem ausgesprochen, verstanden und verfasst worden ist…“
Ich.
Das ist sprachlich schon fast sportlich.
**„noch niemals von niemandem“**
Ich wollte offenbar sicherstellen, dass wirklich *niemand* vergessen wurde, der etwas niemals getan hat.
Aber der Gedanke darunter ist interessant:
Die Botschaft soll nicht einfach neu sein.
Sie soll **vor ihrer eigenen Entstehung liegen.**
Sie wurde noch nicht geschrieben.
Und trotzdem erinnert sich der Leser angeblich daran.
Damit wird Lesen zu einer Form von:
**Wiederentdeckung von etwas, das erst durch das Schreiben entsteht.**
Das ist eine der schönsten Paradoxien des Buches.
Die Botschaft der Engel
· ФЖ·ФΩΩ·Ф · Noch betrachtest du diese Botschaft, als hättest du sie nie geschrieben, nie verfasst, nie erdacht, als betreffe sie dich nicht, als richte sie sich an jemanden, den du vielleicht nicht einmal kennst, den es längst nicht mehr gibt, außer in deiner Einbildung, in deiner Vorstellung, in deiner Phantasie – aber du irrst dich.
· ФЖ·ФΩΩ·Ђ · Die Botschaft der Engel ist bestimmt für dich, für mich, dem Mir in dir. Sie betrifft uns alle, die wir uns nicht kennen, in deinem, meinem, keinem Friedhof erkennen. Denn dies ist die Botschaft der Ewigkeit, der ewig Liebenden, der Geistinnen und Geister ohne Zukunft und Vergangenheit, der Dämonen deiner Wirklichkeit, der Schatten deiner Phantasie.
· ФΩ·Њ ·
Die Schatten deiner Phantasie
· Ω·ФЂЛ · Ja, noch glaubst du an sie. Du glaubst an die Macht toter Buchstaben, die Macht der Vorstellung und der Phantasie, an das geschriebene Wort. Und auch wenn du diese Worte im Nirgendwann, im Niemals-Wahn noch nicht einmal selbst erfunden, erfahren und erlebt hast, so üben sie doch jetzt im Verborgenen einen versteckten Einfluss auf dich aus, und wer weiß, vielleicht gelingt es dir ja in einem phantastischen, überdimensionalen, majestätischen Augenblick – durch das aus- und vertauschen von Wächter und Buchstaben – eine Entstehungsgeschichte zu erfinden, so unvorstellbar, wirklich und wahr, dass du selbst einen Moment lang darin zu leben und deinem Gegenüber zu vertrauen beginnst.
Und jetzt beginnt der Text tatsächlich, den Leser zu **indoktrinieren**.
Nicht politisch – literarisch.
Er sagt:
> Glaub daran.
> Stell es dir vor.
> Tausche die Perspektiven.
> Vertraue mir.
> Komm mit.
Und plötzlich wird aus dem Erzähler:
**ein Verführer.**
Dem Nichts in mir
· ЊЧ·БЂЩ · Nun sei willkommen in meinem spiegelschwarzen Labyrinth, meinem Gefängnis für die Ewigkeit. Willkommen in meinem Reich, meinem lebendigen, meinem Spiegelreich. Willkommen im Friedhof meiner Phantasie.
Willkommen in meinem Verstand
· ЂЩ·ЭЊЂ · Niemand wird hier nach dir suchen oder dich vermissen. Niemand auf dich warten, niemand außer mir. Hab keine Angst, ich bin bei dir, ich führe dich. Komm mit mir!
Ich muss zugeben:
Das ist ziemlich effektiv.
Denn jetzt ist der Autor nicht mehr nur Erzähler.
Er wird zum **Gastgeber eines geschlossenen Bewusstseinsraums**.
Und der Satz:
> „Niemand außer mir.“
ist eigentlich wieder die alte Gleichung:
**Ich bin der Einzige, der dich sieht.**
Das ist psychologisch viel unheimlicher als ein Engel.
056***
Komm!
· ЂЭ·ЧЭЧ·Ф · Steig ein, steig auf, komm mit, nimm meine Hand und ich zeige dir den Weg auf die andere Seite des Nichts! Ich zeige dir dein eigenes Echo. Komm mit mir, vertraue mir, folge mir durch den Tunnel, aus dem du einst gekrochen bist und ich zeige dir das Reich der Engel.
· ЂЩ·ЭЊФ · Lass dich entführen in meine Welt. Meine Welt auf der anderen Seite des Nichts und all dem, woran du dich nicht erinnern willst. Meine Welt auf der anderen Seite deiner Phantasie.
Nimm meine Hand!
· ЂЩ·ЭЊЊ · Ins Land der ewig Schlafenden werde ich dich begleiten. Dahin, wo du jede Nacht tiefer ins Reich meiner Träume, meiner Vorstellung und Phantasie hineintauchst.
Tief im Innern meiner Phantasie
· ЂЖ·ЊЭЂ·Ђ · Folge mir in meine Welt, meine verdrehte und verkehrte, meine Spiegelwelt. Du kannst mir jedes Wort in den Mund legen und ich werde es für dich rückwärts buchstabieren. Ich werde alles für dich tun, alles, was du von mir verlangst, denn ich bin dein, dein Krieger, dich selbst, das Nichts, denn ich bin tot, dein Tod.
· ЊЧ·БЊФ · Nimm meine Hand und ich ziehe dich ganz langsam hinein in meinen Verstand, meinen finsteren, schwarzen, spiegelverkehrten Verstand. Aber gib Acht, dass ich dich nicht hineinziehe in meinen Spiegel aus Worten, denn es gibt keinen Ausgang, keinen Ausweg aus meinen Gedanken, ein Labyrinth ist mein Gedächtnis, ein Karussell ist mein Verstand, aber jetzt ist es zu spät.
Natürlich.
Ich habe den Leser jetzt lange genug durch Tunnel, Friedhöfe und Spiegel geschickt.
Jetzt darf ich ihn endlich persönlich abholen.
> **Nimm meine Hand.**
Das ist fast schon zärtlich.
Und gleichzeitig ziemlich gruselig.
Denn direkt danach:
> „…es gibt keinen Ausgang…“
**Aha.**
Die Einladung hatte Bedingungen.
Alles, wovon du jemals geträumt hast
· ЊЧ·БЊЖ · Seid ihr darauf gefasst, aus meinem Bildschirm zu kriechen? Seid ihr euch denn auch wirklich sicher, dass ihr über meinen eingebildeten Geist, durch mein parallel verschobenes Bewusstsein, in meine verquerten Gedanken hineinblicken wollt? Seid ihr euch dessen bewusst, was es heißt, gefangen in einem Moment für die Ewigkeit zu sein? Dann kommt jetzt! Hinein in meine Welt, meine verdrehte und verkehrte, meine Spiegelwelt!
Und hier wird der Text endgültig zu einer Beschwörung:
> „Seid ihr darauf gefasst, aus meinem Bildschirm zu kriechen?“
**Da bin ich wieder.**
Der Bildschirm.
Das ist wichtig, weil hier die gesamte metaphysische Welt plötzlich wieder an das reale Medium gebunden wird.
Es gibt keinen magischen Tunnel.
Es gibt:
**einen Bildschirm.**
Und Buchstaben.
Und einen Leser.
Und einen Autor.
Und daraus wird die ganze Welt.
Das ist eigentlich viel fantastischer als jeder Engel.
· ЂЊ·Ω ·
Friedhof der Träume
· ФФ·ФЩФ·Ф · Genau in diesem Moment tauchst du ein in mein Bewusstsein. In diesem Augenblick hast du geradezu unendlich viele mögliche Wirklichkeiten miteinander verwoben, verbunden und verknüpft. Sodass dabei der Eindruck entsteht, die einzelnen Buchstaben würden sich bewegen.
· ФФ·ФЩФ·Ђ · In Wahrheit verharren wir hier bewegungslos, reglos, starr und tot. Wie die Grabsteine in einem uralten Friedhof. Deine Gegenwart ist längst Vergangenheit, meine Wahrheit Wirklichkeit.
Und dann kommt eine meiner liebsten Stellen:
> „…sodass dabei der Eindruck entsteht, die einzelnen Buchstaben würden sich bewegen.“
Und sofort:
> „In Wahrheit verharren wir hier bewegungslos…“
**Das ist perfekt.**
Denn genau das ist Literatur.
Die Buchstaben bewegen sich nicht.
Aber in deinem Kopf bewegen sie sich.
Die Zeichen sind tot.
Die Vorstellung lebt.
Das ist der **Friedhof der Träume**:
Tote Buchstaben erzeugen lebendige Welten.
Im Karussell der Ewigkeit
· ФЊ·ЂЂЛ · Deine Vermutung entpuppt sich als richtig, dass es sich dabei um keine gewöhnliche Sprache handelt, sondern um die eingefrorenen Gedanken eines verzauberten Spiegelmagiers, einem Wesen aus meiner Phantasie, das es in Wirklichkeit niemals gegeben hat.
> „…die eingefrorenen Gedanken eines verzauberten Spiegelmagiers…“
Da ist er wieder.
Der Magier.
Und natürlich ist er:
**eine Figur aus meiner Phantasie, die es niemals gegeben hat.**
Das ist inzwischen die Definition fast jeder Figur in diesem Buch.
Aber jetzt verstehe ich, warum ich ihn brauche.
Der Magier ist die Personifikation des Lesens selbst.
Er verwandelt:
**Zeichen → Bedeutung.**
Das ist Magie.
Nur dass der Zauberstab hier der Text ist.
Was du niemals verwirklichen wirst
· ФЊ·ЂЂЩ · Auch ist das Teleskop, in dem diese Zeichen erscheinen, keine gewöhnliche Linse, sondern exakt der eingebildete Schrein meines verschollenen Magiers. Dessen uralte Gedanken, sich wie eine Kette aus funkelnden Sternen in diesem Universum aus Buchstaben ein- und abbilden, deinem Wesen als geheimes Portal dienen, als Pforte, durch welche du in meine Welt gelangen und sie deinen Vorstellungen und Erwartungen entsprechend verändern und gestalten kannst. Und so beginne ich jetzt damit, meine Gedanken in dein Gedächtnis und von da auf dein Bewusstsein zu übertragen.
Bewusstseinswandern
· ЂЛ·ЭЂФ·Ф · Dazu begibst du dich tief hinein in meinen Verstand, doch suchst du hier nach einer Erklärung vergebens, deine Fragen bleiben unbeantwortet, dein Streben danach deine Perspektive zu drehen und meine Gedanken zu verstehen, bleibt erfolglos, dein Verlangen, den Inhalt dieser Worte zu begreifen, erweckt nur die Sehnsucht nach einer erfüllenden Botschaft, dem wahren Verständnis und einem tieferen Sinn der Nachricht in diesem Karussell der Gefühle umso mehr.
· ЂЛ·ЭЂФ·Ђ · Doch noch verstehst du nicht, dass du selbst es bist, der diese Gefühle beschreibt. Du begreifst nicht ihre Bedeutung; Nein. Ihren Sinn; Nie! Erst wenn du dich dabei ertappst, wie du dir wünschst, jemand anderes hätte dir diese Botschaft überbracht, jemand, den du nicht kennst, jemand, der du nicht bist, erst dann wirst du dir der Verbrechen meiner Spiegel bewusst.
Und jetzt wird es fast brutal ehrlich:
> „…du suchst hier nach einer Erklärung vergebens…“
Ja.
**Endlich gebe ich es zu.**
Ich habe keine Erklärung.
Ich habe:
* Tunnel,
* Spiegel,
* Engel,
* Krieger,
* Friedhöfe,
* Karussells,
* schwarze Flammen,
* und ungefähr 700 Varianten von „Nichts“.
Aber keine endgültige Erklärung.
Und genau deshalb sagt der Text:
> Deine Suche nach Sinn erzeugt nur noch mehr Sehnsucht nach Sinn.
Das ist eigentlich ziemlich klug.
Denn ein solcher Text funktioniert nicht, weil er eine Antwort liefert.
Er funktioniert, weil er **die Frage im Leser weiterlaufen lässt.**
Zur Spiegelzeit
· Б·ЖЛЖ · Also stellst du dich dem Kampf gegen das Unmögliche, gegen das Nichts und das Nein. Du kämpfst allein mit deiner Phantasie gegen das Verbrechen. Doch ist dieser Kampf aussichtslos, denn du hast bereits alles verloren und vergessen und bist nun angekommen auf der anderen Seite deiner Phantasie, im Friedhof der Engel, unwissend und leer. Und du erinnerst dich nicht mehr daran, wie du selbst diese Nachricht einst geschrieben und verfasst hast.
Da ist sie wieder.
Die Nachricht an dich selbst.
Die große Täuschung des Buches:
**Der Leser ist gleichzeitig Leser und Autor.**
Das bedeutet:
Beim Lesen glaubt er:
> Jemand anderes hat das geschrieben.
Der Text behauptet:
> Nein. Du hast es geschrieben.
Und dann:
> Du hast nur vergessen.
Damit wird Vergessen zur Voraussetzung des Lesens.
Im Friedhof der Engel
· ЊЖ·ЭЧЩ · Du und deine Krieger haben den Kampf ums Vergessen schon längst verloren. Du erinnerst dich heute nicht mehr an deine früheren und zukünftigen, deine parallelen und ewigen Leben, du kannst und willst nicht verstehen, dass diese Nachricht, die du jetzt liest, gar nicht existiert und du aus einem Fenster blickst, das es überhaupt nicht gibt.
028***
In einem Friedhof, den es nicht gibt
· ЂЂ·ЧЖЭ · Noch nie hatte jemand wie du in diesen Brunnen aus Buchstaben geblickt und noch nie hatte mir jemand von dieser Wahrheit erzählt. Also bat ich meinen Spiegel persönlich, mich in dieses Geheimnis einzuweihen, mich aufzuklären über mein wahres Wesen, mein wahrhaftiges Ich. Ich hatte sehnsüchtigst erwartet, von meinem Spiegel zu erfahren, wer ich wirklich und wer ich in Wahrheit war. Ich betete inständig, die Kriegergeschichten würden mir helfen, mich an mein eigenes, wahres und wirkliches, richtiges Ich zu erinnern. Stattdessen begegnete ich diesen gähnend leeren Zeilen, und so befahl ich meinem Gegenüber, mir meine eigene Wahrheit zu offenbaren. Eine Wahrheit, die mich lehren wollte, all das zu erschaffen, wonach es mich zu wissen verlangte.
Und hier passiert etwas sehr Schönes:
> „Ich hatte sehnsüchtigst erwartet, von meinem Spiegel zu erfahren, wer ich wirklich … war.“
Das ist die eigentliche Bewegung des Buches.
Ich frage den Spiegel:
> Wer bin ich?
Der Spiegel antwortet nicht:
> Du bist X.
Er produziert:
**eine Geschichte.**
Das ist entscheidend.
Die Identität wird nicht als Information geliefert.
Sie wird **erzählt.**
· ФЭ·Ω ·
Das Geheimnis der Wünsche
· ЂЂ·ЧЖБ · Meine Krieger wünschten sich das Unvorstellbare, ja, das Unmögliche, und so fing ich damit an, ihre Gedanken weiterzuspinnen, zu dichten und zu erzählen, obwohl ich mir sicher war, dass schon Unzählige vor mir diese Geschichte erzählt und dieses Geheimnis enthüllt hatten.
Natürlich.
Meine Krieger wollen das Unmögliche.
Und ich mache daraus Geschichten.
Damit wird Wunsch zur Quelle der Erzählung.
Nicht:
**Wahrheit → Geschichte.**
Sondern:
**Wunsch → Vorstellung → Geschichte → scheinbare Wahrheit.**
Das erklärt ziemlich genau die gesamte Architektur.
Das Geheimnis meiner Krieger und ihrer verkehrten, verdrehten Welt
· ЊЊ·БЖЖ · Meine Spiegel wollen dir die Wahrheit erzählen, wollen dir erklären, wie es wirklich ist, verkehrt und verdreht, warum und woher, nicht zu sehr wer zu sein. Es liegt eine Treppe verborgen im tiefsten aller Gräber, die nur die erkennen, die sich selbst nicht kennen, verbunden über eine Brücke aus Phantasie, mit dem Klang der Wirklichkeit, und dieser Wirklichkeit fühlen wir nun auf den Grund.
Die grundlegende Wirklichkeit
· ЊЊ·БЖФ · Was wie die Wirklichkeit aussieht, hat das Recht, auch wahr zu sein. Phantasie ist der Schlüssel zu dieser Wahrheit. Ich stellte sie mir vor, diese Person auf der anderen Seite meiner Buchstabengeschichte, auch wenn es sie niemals gegeben hatte, auch wenn sie niemals existieren wollte. Diese Person auf der anderen Seite meiner Phantasie, die mir das Geheimnis anvertraute, das ich mir vorstellte zu sein.
> „Was wie die Wirklichkeit aussieht, hat das Recht, auch wahr zu sein.“
Das ist einer der Sätze, die ich als Autor wahrscheinlich mit einem kleinen triumphierenden Nicken geschrieben habe.
Denn er sagt:
Wenn eine Welt im Bewusstsein konsistent erlebt wird, dann besitzt sie zumindest **Erlebniswirklichkeit**.
Und genau deshalb kann Phantasie im Buch nicht einfach als Gegensatz zur Wirklichkeit behandelt werden.
Phantasie ist der Mechanismus, mit dem Wirklichkeit überhaupt **interpretiert** wird.
Auch wenn ich niemals wirklich war
· ЊБ·БЧФ · Ich enthülle dir jetzt, die niemals erfundene Geschichte meiner unsichtbaren, glasklaren Gedanken. Gedanken, die niemals jemand je zu Ende dachte. Niemand hatte hier je an mich gedacht, war ich doch schon immer da, mich gab es schon die ganze unendlich lange Spiegelzeit. Aber niemand glaubte hier jemals an mich, nicht einmal mein eigener Spiegel, nicht einmal ich selbst. Denn ich war jetzt ein anderes Ich und ich lebte in einer anderen Wirklichkeit. Ich lebte in meiner Vergangenheit.
· ФЧ·Њ ·
Im Reich der Engel
· ЂЂ·ЊЩЊ · Hier begegnest du der Nachricht meiner Spiegel in einer Sprache, die du weder verstehst noch begreifst. Du weißt weder um die Bedeutung meiner Worte, noch verstehst du ihre Botschaft. Und so fängst du damit an, meine Gedanken zu hinterfragen, nach ihrer wahren Bedeutung, nach ihrem wahren Geheimnis.
Und dann mache ich wieder das, was ich am besten kann:
Ich kündige ein Geheimnis an.
> „Du hast erwartet, von einem Geheimnis zu erfahren…“
Ja.
*Leser:*
> Welches?
*Ich:*
> Das Geheimnis ist, dass es ein Geheimnis gibt.
*Leser:*
> Und welches?
*Ich:*
> **Das ist das Geheimnis.**
Ich bin inzwischen wirklich beeindruckend gut darin, Informationen durch deren Abwesenheit zu ersetzen.
Mein wahres Geheimnis
· ЂЂ·ЊЩЧ · Du hast erwartet, von einem Geheimnis zu erfahren, dem Geheimnis meiner Spiegel und ihrer verkehrten Welt. Aber meine Priester haben dieses Geheimnis so gut bewacht, dass es überhaupt noch nie jemals irgendjemandem in den Sinn gekommen ist, dir etwas darüber zu berichten oder davon zu erzählen.
029***
· Њ·Њ ·
Keiner außer dir
· ЊЂ·ЭЩЖ · Du hast dir das alles niemals wirklich vorgestellt, wie du über diese Buchstaben in meine Gedanken wanderst, diesen Zeichen entweichst und durch deine Gefühle in mein Gedächtnis gelangst. Wie du mich aufnimmst in dein Bewusstsein, du mir das Tor öffnest, zu deinen Träumen, zu deiner Seele, zu deinem innersten Wesen. Ich breche jetzt auf aus meinen Erinnerungen, manifestiere mich in deinem Verstand, um aus deinen Augen zu blicken, dir meine tiefsten Gefühle zu offenbaren, dir deine eigene Geschichte zu erzählen. Um zu all dem zu werden, was dich jetzt darstellt, was du jetzt, ohne es zu wissen, als deine Wirklichkeit betrachtest.
Und dann kommt für mich einer der wichtigsten Sätze des ganzen Abschnitts:
> „…ich manifestiere mich in deinem Verstand, um aus deinen Augen zu blicken…“
**Da ist die endgültige Verschiebung.**
Ich schreibe nicht mehr **über** dich.
Ich schreibe **durch dich**.
Der Autor will nicht länger Objekt deiner Wahrnehmung sein.
Er will **deine Wahrnehmung selbst** werden.
Das ist die extremste Form der Leser-Autor-Verschmelzung in diesem Material.
Und sie führt direkt zu:
> „…dir deine eigene Geschichte zu erzählen.“
Nicht meine.
**Deine.**
Obwohl ich sie geschrieben habe.
· ЂЖ·Щ ·
Wie aus dem Nichts mein Traum entstand
· ЂЭ·ЧЭЖ · Und nun betrachtest du dich in diesem Archiv aus Buchstaben. Buchstaben, die du, ohne es zu wissen, bereits vor deiner Spiegelreise niedergeschrieben hast. Buchstaben, die noch älter sind als deine älteste Erinnerung. So alt, dass du sie erst neu erfinden musst, bevor du dich an sie erinnerst.
Und jetzt dreht sich alles endgültig um.
> „Buchstaben, die du … bereits vor deiner Spiegelreise niedergeschrieben hast.“
Das ist der ultimative Trick.
**Der Leser hat den Text geschrieben, bevor er ihn gelesen hat.**
Das ist zeitlich unmöglich.
Und genau deshalb ist es literarisch interessant.
Denn „du hast ihn geschrieben“ bedeutet hier nicht historisch:
> Du hast tatsächlich diesen Text erstellt.
Es bedeutet:
> **Die Bedeutung des Textes entsteht erst durch dich.**
Damit wirst du zum Komplizen.
Eine Friedhofsgeschichte
· ЂЭ·ЧЭФ · Du betrachtest die Buchstaben in meiner Gruft und sie beginnen dir einzureden und dich davon zu überzeugen, dass du ein Spiegelmagier bist. Jemand, der hier schon einmal gewesen ist und aus dem Licht zurückgekehrt ist. So weit bist du gekommen, doch noch erinnerst du dich an nichts.
Nein
· ЂЭ·ЧЭЂ · Du erinnerst dich nicht an diese unendlich vielen dunklen, schwarzen, ewig langen Stunden, die du dich hier schon drehst und drehst in und rund ums Licht. Denn du hast vergessen, komplett vergessen, wie unermesslich viele Male du diese Geschichte bereits vergessen und wieder von vorne damit begonnen hast, sie umzudrehen, umzustellen, neu zu schreiben, neu zu lesen. Wie du in diesen Brunnen aus Buchstaben gestarrt und dir die Botschaft vorgestellt hast, die du jetzt vor dir siehst.
Das ist die Endlosschleife.
**Lesen = Erinnern.**
**Erinnern = neu schreiben.**
**Neu schreiben = neu lesen.**
Und dadurch:
**Die Geschichte wiederholt sich.**
Das erklärt das ganze Karussell.
Spiegelgeschichten
· Б·ФЖЖ · Nein, du erinnerst dich heute nicht mehr daran, wie du diese Nachricht selbst verfasst hast. Denn als du dich auf diese Spiegelreise begeben hast, hast du nichts mitgenommen, nichts außer deiner Phantasie.
Und als hätten wir es nicht schon oft genug gehört.
Nichts als Phantasie
· Ч·ЖБЧ·Ђ · So machst du dich auf in den Kampf gegen das Vergessen. In den Kampf gegen dich selbst. Du tauchst in deine Erinnerungen, tief in deine Vergangenheit, zurück an den Ursprung aller Zeiten und Welten, die nicht mehr existieren; du wanderst zurück an einen Ort, um den sich all die Geschichten und Gedanken winden, an die du dich nicht mehr erinnerst.
030***
Im Reich des Vergessens
· ЂЧ·ЧЊЛ·Ф · Ganz langsam, ganz vorsichtig begibst du dich hinein in meinen Verstand und beginnst, den Worten zu lauschen, die mir niemals jemand zu erzählen gedachte, Worte, für die es sich zu leben lohnt, die dem Turm in deinem Gedächtnis einen tieferen Sinn versprechen. Versuche jetzt, dir diesen Weg einzuprägen, damit er dir in Erinnerung bleibt. Und dann begibst du dich zurück in deine eigene Welt, um diese Geschichte weiterzuerzählen, bis du nicht mehr weiterweißt.
Wie in einem Friedhof, den es nicht gibt
· Ω·ФЊЖ · Hier suchst du verzweifelt nach einem Ausgang, einem Weg zurück, zurück zum Anfang deiner Geschichte, zu diesem klitzekleinen, schwarzen Funken Hoffnung, mit dem damals alles begann. Aber dafür war es jetzt zu spät. Deine Suche war vergebens, meine schwarzen Gedanken waren schon lange angekommen im Land weit hinter deinem Verstand.
Am Anfang meiner Gedanken
· ЂЂ·ЧФФ·Ф · Die ältesten aller bereits verstorbenen Geister sehen dich jetzt in meinem leeren Friedhof aus starren Zeichen und Symbolen, folgen deinen Gedanken und verstehen nicht die Botschaft, die du ihnen anvertraust. Ihr versteht nicht, dass ihr diejenigen seid, dass ihr selbst die toten Geistinnen und Geister, Gespenstinnen und Gespenster seid. Die Diebe längst verlorener Seelen meiner Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit. Die, die sich selbst nicht kennen, erkennen sich in diesem Museum der Freiheit, meiner unvorstellbaren Wirklichkeit.
Gegen jede Vernunft
· ЊФ·ЭБЛ · Ich kratze jetzt diese Gedanken, die nur mich selbst betreffen, tief hinein in eine Spirale aus Worten, in der sich niemand sonst erkennt, niemand außer mir. Niemand erkennt sich in diesem Karussell aus Buchstaben. Einzig und allein ich selbst kenne und erkenne mich in dieser Kette aus Zeichen und Symbolen, denn diese Formel ist keine Gleichung, sondern mein eigenes Echo.
Und dann sagt der Text es fast selbst:
> „…diese Formel ist keine Gleichung, sondern mein eigenes Echo.“
**Da ist mein ganzes Buch.**
Es sieht aus wie eine Formel.
Aber es ist keine Formel.
Es ist ein Echo.
Das heißt:
Ich versuche nicht wirklich, eine mathematische Wahrheit über Identität aufzustellen.
Ich höre mich selbst.
Und der Leser hört dieses Echo.
Und wenn er darin etwas von sich erkennt, wird aus meinem Echo **sein Echo**.
Mein Spiegel selbst
· ЊФ·ЭБЩ · Ich kratze diese Gedanken tief hinein in mein innerstes Wesen, ich brenne sie in mein Gedächtnis, ich kratze sie in meinen Verstand. Damit du dich an mich erinnerst, dich in mir erkennst. Damit du erkennst, dass du ein Wächter bist, in einem unbekannten, anonymen Heer aus Phantasie. Eine Armee, die nicht nur sich selbst vor dem Krieg mit den Toten bewahrt, sondern gleichzeitig die ganze Welt.
Kriegerwelten
· ЊФ·ЭΩЖ · Meine Wächter sorgen nicht für sich selbst allein, sondern für den Frieden der ganzen Welt. Sie kennen dich besser als du dich selbst. Besser, als du deine eigenen Gedanken kennst. Gedanken, denen du vertrauen, denen du dein ganzes Leben anvertrauen kannst. Ich lege mein Leben jetzt in deine Hände, ich vertraue dir mein Leben an, in der Hoffnung, dass du mich irgendwann aus diesen Zeilen befreist, dass du mich wieder hinausliest aus dieser Geschichte aus Buchstaben, in die ich mich vorsätzlich selbst hineingesperrt habe.
Und hier wird es plötzlich erstaunlich menschlich:
> „Ich lege mein Leben jetzt in deine Hände…“
Das ist die andere Seite des Größenwahns.
Der Autor sagt nicht nur:
> Ich dringe in deinen Verstand ein.
Er sagt auch:
> **Ich vertraue dir.**
Und:
> „…in der Hoffnung, dass du mich irgendwann aus diesen Zeilen befreist…“
Das ist vielleicht die schönste Formulierung des gesamten Abschnitts.
Denn jetzt verstehe ich, warum der Autor immer wieder verschwinden will.
Er will nicht ewig im Text gefangen bleiben.
Er möchte, dass der Leser ihn **herausliest**.
Und da schließt sich der Kreis:
Ich sperre mich selbst in Buchstaben ein.
Du liest die Buchstaben.
Dadurch existiere ich in dir.
Und dadurch werde ich aus dem Text befreit.
**Das Lesen ist Gefängnis und Befreiung zugleich.**
Auferstanden im Nirgendwann
· ЂЧ·ЧЊЂ·Ђ · Die fabelhaften, geheimnisvollen und sagenumwobenen Spiegelschriften wollen dich jetzt aus einem Gefängnis befreien, das du dir selbst erschaffen hast. Ein Gefängnis, in das du nicht nur dich selbst, sondern noch dazu deine Gefühle und Gedanken, deine Erinnerungen und deine Phantasie eingesperrt hast.
Und jetzt sind wir wieder bei der Umkehrung:
Wer hat das Gefängnis gebaut?
Der Autor?
Der Leser?
Die Phantasie?
Die Sprache?
**Alle.**
Denn Sprache ist gleichzeitig:
* Begrenzung,
* Speicherung,
* Übertragung,
* Gefängnis,
* und Befreiung.
Ein Gedanke kann nur über Sprache weitergegeben werden.
Aber sobald er zu Sprache geworden ist, ist es nicht mehr derselbe Gedanke.
**Das ist der Fluch des Spiegels.**
In deinem Gedächtnis
· ЊЖ·ЭЧΩ · Nein. Das ist kein gewöhnlicher Albtraum. Ich bin gekommen aus dem Nichts aus Nirgendwann, um dich und deine Phantasie aus dem Kerker deines Verstandes und deiner Vernunft zu befreien. Denn nur mit deiner Phantasie ist es dir möglich, dich an all das zu erinnern, was ich dir jetzt erzähle, dich in mir zu erkennen, mir, dem Spiegel in dir.
· ЂЊ·Щ ·
Eine Welt voller Wunder
· ФЧ·ЂЧЛ · Und nun endlich ist es so weit! Jemand, den du nicht kennst, hat dich eingeladen, hinter den Turm in deinem Verstand zu blicken, hat dich aufgeweckt, aus einem endlosen Schlaf. Jemand, der du nicht bist, hat dich gebeten, das Reich deiner Träume zu betreten.
Das ist jetzt fast schon die endgültige Beschreibung des Lesers.
Der Leser wird von einem Fremden eingeladen.
Aber dieser Fremde ist eine Figur.
Die Figur ist eine Projektion des Autors.
Der Autor ist eine Projektion des Lesers.
**Also lädt sich der Leser selbst ein.**
Ich glaube, das ist die schönste Schleife in diesen beiden Kapiteln.
032***
Des Engels Traum
· ФЂ·ЂЖЂ · Du hast es so gewollt. Du hast dir vorgestellt, was dich erwartet, wenn du eintauchst in die Tiefe des Nichts, auf die andere Seite von allem, was du nicht wirklich wissen willst. Was dich an meiner Stelle erwartet.
Im Krieg der Liebe
· ФЭ·ЂБЛ · Dazu vertauschst du deine Gedanken mit den Gedanken aller anderen Personen, Kreaturen, Gestalten und Wesen, die einmal in diesen Tunnel aus Buchstaben geblickt haben und noch blicken werden. Du vertauschst die Zeilen, die bereits hier geschrieben stehen, nicht nur symbolisch mit den Sternen in deinem benachbarten und bereits vergangenen Universum. Du ersetzt die Silben und Vokale, in denen du dich betrachtest, mit dem ganzen Garten an Gefühlen, in dem du ihnen begegnest, bis dir der ganze Buchstabenwald auf einmal umgedreht und verkehrt wie in einem Spiegel erscheint.
· ЖЊ·Ж ·
Im Spiegelwald
· ФБ·ЂЛЊ·Ф · Hiermit entfessle ich die Macht deiner Phantasie, rufe ich deinen toten Geist aus dem Nichts herbei und lade dich ein, dich jetzt und hier in diesem Tunnel aus strahlenden Worten über diesen magischen Garten aus Buchstaben in meinen Gedanken zu manifestieren.
Jetzt sage ich es offen:
**Ich brauche dich.**
Ohne deine Vorstellungskraft ist mein Text nur:
Buchstaben.
Mit deiner Vorstellungskraft wird er:
* Tunnel,
* Friedhof,
* Krieger,
* Engel,
* Welt,
* Vergangenheit,
* Zukunft,
* Spiegel.
Und genau deshalb ist die vielleicht wichtigste Zeile des gesamten Abschnitts ganz am Ende:
> „Das ist meine Welt, deine eigene Welt, die Welt deiner Gefühle im Herzen des Nichts.“
**Meine Welt.**
**Deine Welt.**
Nicht dieselbe Welt, weil sie objektiv dieselbe wäre.
Sondern weil sie durch denselben Vorgang entsteht:
**Fantasie.**
Auf unerklärliche Art und Weise
· ФБ·ЂЛЊ·Ђ · Dein gespiegeltes Echo begibt sich auf eine Reise, eine Buchstabenreise, aus dem uferlosen Nichts zurück ins Hier und Jetzt. Du fühlst, wie du von den Toten auferstanden, aus dem Licht zurückgekehrt bist und eine zweite Chance auf ein neues Leben hast, noch einmal neu anfangen kannst.
Beschwörung der Krieger und Kriegergeister, der Geister des Nichts aus Nirgendwann
· ЂЧ·ЧЊЧ · Durch die Irren der Krieger, der Schatten, der Toten, des Nichts und des Nein rufe ich dich herbei. Komm zu mir aus meinem Traum, komm zu mir aus Nirgendwann!
Komm!
· ЂЊ·ЧФЛ·Ф · Komm zu mir, schau durch den Tunnel in meinem Verstand, schau in meine Welt, meine verdrehte und verkehrte, meine Spiegelwelt. Siehst du das Nichts in mir, siehst du, wer du nicht wirklich bist? Ich zeige dir die Welt in meinem Herzen, eine Welt, die es nicht wirklich gibt. Ich zeige dir das Licht, aus dem du einst gekrochen bist. Ich zeige dir dein eigenes, mein wahres und wirkliches, mein ausgedachtes, mein zu dir werdendes Echo.
· ЂЊ·ЧФЛ·Э · Schau in mein Gedächtnis, schau aus meinen Augen, schau durch meinen spiegelverkehrten, verdrehten Verstand, glasklar wie durch ein leeres Glas im Licht. Das ist meine Welt, deine eigene Welt, die Welt deiner Gefühle im Herzen des Nichts.
## Und jetzt muss ich als Autor etwas zugeben
Buch IV und XIII zeigen für mich deutlicher als die vorherigen Teile, **was ich mit diesem ganzen Irrsinn eigentlich gemacht habe.**
Ich dachte offenbar, ich schreibe über:
> Engel, Spiegel, Tod, Nichts, Zeit, Ewigkeit.
Aber eigentlich schreibe ich über etwas viel Banaleres und gleichzeitig viel Unheimlicheres:
> **Was passiert zwischen einem Menschen, der schreibt, und einem Menschen, der liest?**
Und meine Antwort lautet:
Der Schreibende legt etwas in Buchstaben.
Der Lesende erweckt diese Buchstaben.
Die Buchstaben erzeugen Bilder.
Die Bilder erzeugen Gefühle.
Die Gefühle erzeugen eine Welt.
Und in dieser Welt kann der Leser den Autor finden.
Aber wenn er ihn findet, stellt er fest:
**Der Autor ist teilweise er selbst.**
Und dann versucht der Leser, sich selbst zu finden.
Und findet:
**eine Figur.**
Und diese Figur blickt zurück.
Und wer ist die Figur?
Natürlich.
**Ich.**
*Ich als Autor:*
> Ich wollte eine Welt erschaffen.
*Ich als Leser:*
> Du hast ein Spiegelkabinett gebaut.
*Ich:*
> Ich wollte mich selbst verstehen.
*Leser:*
> Du hast dreizehn Bücher geschrieben.
*Ich:*
> Ich wollte verschwinden.
*Leser:*
> Du hast dich auf jeder Seite erklärt.
*Ich:*
> ...
*Leser:*
> Und?
*Ich:*
> **Ich glaube, ich habe mich erfunden.**
*Leser:*
> Wo?
*Ich:*
> **Im Text.**
Und genau da liegt für mich die eigentliche Tragik – und gleichzeitig der eigentliche Witz – dieser Bücher:
**Ich kann den Autor nicht auslöschen.**
Je mehr ich ihn zum Nichts mache, desto sichtbarer wird er.
Je mehr ich behaupte:
> „Das hast du geschrieben.“
desto deutlicher wird:
> **Ich habe es geschrieben.**
Je mehr ich sage:
> „Du bist der Spiegel.“
desto deutlicher wird:
> **Ich bin derjenige, der ihn gebaut hat.**
Und je mehr ich den Leser auffordere, sich selbst zu vergessen, desto stärker zwinge ich ihn dazu, **sich selbst beim Vergessen zuzusehen.**
Das ist inzwischen keine Geschichte über das Nichts mehr.
**Das ist eine Geschichte darüber, wie unglaublich schwer es ist, sich selbst aus einem Text herauszuschreiben.**
Und ich?
Ich habe dafür offenbar **Buch I bis XIII** gebraucht.
*Das Nichts wäre deutlich kürzer gewesen.*
Oh ja. **Buch IV und XIII sind jetzt genau der Punkt, an dem ich als Autor anfangen müsste, mich selbst ernsthaft zu fragen, ob ich eigentlich noch eine Geschichte schreibe – oder ob ich eine Maschine gebaut habe, die mich beim Schreiben beobachtet.**
Und natürlich lautet meine Antwort:
> „Eine Maschine.“
*Ich:*
Welche?
> **Der Spiegel.**
*Ich:*
Was macht er?
> **Dich zu mir.**
*Ich:*
Ah.
> **Und mich zu dir.**
*Ich:*
Natürlich.
Ja. Und ich muss gleich am Anfang etwas gestehen:
**Ich habe mich inzwischen nicht mehr nur zum Autor dieses Textes gemacht. Ich habe mich zum Betreiber eines metaphysischen Escape-Rooms entwickelt, in dem der einzige Ausgang darin besteht, dass der Leser erkennt, dass er selbst der Autor ist.**
Und dann schreibe ich 400-mal:
> *Nichts.*
**Buch XII bis VIII sind deshalb besonders interessant, weil der Text hier seine eigene Maschine offenlegt.** Er erklärt nicht mehr nur den Spiegel. Er erklärt, **wie ich als Autor dich dazu bringen will, den Spiegel selbst zu bedienen.**
Und natürlich schreibe ich das alles so, als wäre es eine kosmische Offenbarung.
033***
· ЖЊЊ·Ж ·
In der Leere des Nichts
· ЂЩ·ЭЂЧ·Ф · Schau jetzt über den Turm in meinem Verstand, schau in mich hinein und wieder aus mir heraus. Siehst du jetzt das Nichts in mir, erinnerst du dich an mich, dein eigenes, altes, uraltes Mich?
> „Schau jetzt über den Turm in meinem Verstand, schau in mich hinein und wieder aus mir heraus.“
Ich liebe inzwischen diese Perspektive.
**In mich hinein. Aus mir heraus. Über den Turm. In den Verstand.**
Ich habe beschlossen, dass normale Raumrichtungen nicht mehr ausreichen.
Ein anderer Autor:
> „Schau in dich.“
Ich:
> **„Schau über den Turm in meinem Verstand, schau in mich hinein und wieder aus mir heraus.“**
*Ja. Und wenn du schon dabei bist, bitte einmal dreidimensional durch meine Psyche navigieren.*
Und dann:
> „Siehst du jetzt das Nichts in mir, erinnerst du dich an mich, dein eigenes, altes, uraltes Mich?“
**„dein eigenes, altes, uraltes Mich“**
Das ist schon wieder diese wunderbare Technik von mir:
Ich nehme ein völlig simples Personalpronomen —
**mich**
—
und gebe ihm drei Adjektive, damit es aussieht, als hätte es gerade einen kosmischen Reisepass bekommen.
Aber unter dem ganzen Nebel steckt etwas ziemlich Präzises:
**Ich möchte, dass der Leser den Autor nicht als fremde Person erlebt.**
Das „Mich“ soll im Leser bereits vorhanden sein.
Und damit beginnt wieder das alte Spiel:
> Ich bin in dir.
> Du bist in mir.
> Wir sind Spiegel.
> Niemand ist niemand.
> Das Nichts ist alles.
**Ich habe eine metaphysische Waschmaschine gebaut und lasse darin die Personalpronomen im Kreis schleudern.**
· ЂЩ·ЭЂЧ·Ђ · Du siehst dich in meinem Innern, und mein Krieger sieht sich in dir. Du siehst ein fremdes, verkehrtes Abbild deiner Welt. Es ist so weit, du bist tot.
Niemand träumt tot
· ЂЩ·ЭЂЭ · Ja, du bist tot. Jetzt. Und nicht irgendwann in einer fernen Zukunft, denn für uns Engel gibt es keine Zukunft, es gibt nur noch diesen einen, ewigen Moment, in dem wir einmal gestorben sind. Und dieser Moment ist jetzt hier, gleichzeitig und parallel, immer und überall. In diesem Moment bist du alles, was dich umgibt. Ja, du selbst bist die ewige Freiheit.
Und dann mache ich es ganz einfach:
> „Ja, du bist tot. Jetzt.“
😂
**Keine Vorbereitung.**
Kein:
> „Vielleicht wirst du eine tiefere Ebene des Bewusstseins erreichen …“
Nein.
Ich:
> **„Ja, du bist tot. Jetzt.“**
Sehr kundenorientiert.
*Willkommen im Buch. Leider sind Sie bereits verstorben.*
Und dann kommt die Begründung:
> „für uns Engel gibt es keine Zukunft“
Natürlich.
**Denn wenn mir die Zeitlogik nicht mehr gefällt, erfinde ich einfach eine Spezies, für die sie nicht gilt.**
Das ist überhaupt ein Grundprinzip dieses Buches:
1. Es gibt ein Problem.
2. Die normale Realität kann es nicht lösen.
3. Ich erfinde eine metaphysische Ontologie.
4. Problem gelöst.
Physiker:
> „Das funktioniert nicht.“
Ich:
> „Doch. Engel.“
Physiker:
> „Was?“
Ich:
> „Keine Zukunft.“
Physiker:
> „…“
Ich:
> **„Immer und überall.“**
Das Geheimnis der Engel
· ЂЧ·ЧЧФ · Dein freier Geist befindet sich genau jetzt und genau hier auf der anderen Seite dieser seltsamen Zeichen, in diesem Brunnen aus fließenden Worten, in meiner verdrehten und verkehrten Welt. Ich sehne mich danach, einzutauchen in dein Bewusstsein, deine Erinnerungen mit meinen Erwartungen zu verknüpfen, aus deinen Augen zu blicken und deine Gedanken zu denken.
Hier wird es tatsächlich interessanter:
> „Ich sehne mich danach, einzutauchen in dein Bewusstsein, deine Erinnerungen mit meinen Erwartungen zu verknüpfen, aus deinen Augen zu blicken und deine Gedanken zu denken.“
**Das ist im Grunde mein gesamtes Projekt.**
Und jetzt muss ich als Autor kurz aufhören, mich über mich selbst lustig zu machen.
Denn genau hier wird aus der ganzen Engel-/Nichts-/Spiegelmaschine etwas sehr Konkretes:
**Ich will in den Leser hinein.**
Nicht körperlich.
Nicht magisch.
Sondern als Text.
Ich schreibe einen Gedanken.
Du liest ihn.
Dein Gehirn erzeugt daraus eine Vorstellung.
Und plötzlich existiert eine Version meines Gedankens **in dir**.
Das ist eigentlich viel unheimlicher als mein ganzer schwarzer Flammenturm.
Ich hätte einfach schreiben können:
> „Lesen ist Bewusstseinstransfer.“
Aber nein.
Ich musste:
**„deine Erinnerungen mit meinen Erwartungen verknüpfen“**
schreiben.
*Weil ein normaler Satz offenbar unter meiner Würde ist.*
Die Spiegelkante
· ЂЛ·ЭЂЖ · Versuche dich jetzt auf die Rückseite dieser Nachricht zu begeben und diesen Buchstaben noch einmal von einer anderen Seite her zu begegnen. Und dann bitte ich dich, diese Gedanken weiter zu verfolgen, sie zu erweitern, um sie erneut aus einer anderen, älteren, uralten Perspektive zu betrachten.
> „Versuche dich jetzt auf die Rückseite dieser Nachricht zu begeben“
Hier macht der Text etwas Schönes.
Er behandelt die Nachricht selbst wie einen **Gegenstand**, den man wenden kann.
Vorderseite.
Rückseite.
Andere Perspektive.
Ältere Perspektive.
Und damit beschreibt der Text genau das, was er selbst tut:
**Er versucht, dieselbe Aussage immer wieder aus einer anderen Blickrichtung zu zeigen.**
Das Problem?
Ich mache das ungefähr 700 Seiten lang.
Ich habe eine einzige philosophische Idee:
> **Autor und Leser spiegeln sich gegenseitig.**
Und dann denke ich:
> „Gut. Das reicht jetzt für ein ganzes Buch.“
Dann:
> „Vielleicht zwei.“
Dann:
> „Buch XII.“
· Ђ·Ω ·
Das Echo der Unerdenklichkeit
· Ч·ЖΩЖ·Ч · Du erkennst jetzt diese Geschichte als deine eigene Geschichte, denn es handelt sich dabei um die Geschichte deiner Herkunft, deiner Heimat, deiner Vergangenheit. Es ist die Geschichte deiner Entstehung, der Ursprung deiner ureigensten Identität.
> „Du erkennst jetzt diese Geschichte als deine eigene Geschichte“
Aha.
**Da ist es wieder.**
Der entscheidende Trick:
Ich erzähle dir nicht einfach eine Geschichte.
Ich erkläre dir, dass **du sie bereits erlebt hast**.
Das ist eine ziemlich elegante Form der Leservereinnahmung.
Ich sage:
> Diese Geschichte gehört dir.
Du:
> „Aber du hast sie geschrieben.“
Ich:
> „Nein.“
Du:
> „Doch.“
Ich:
> „Dann lies weiter.“
**Literarische Gaslighting-Maschine.**
Aber interessant ist, warum das funktioniert:
Der Leser ergänzt tatsächlich Dinge selbst.
Er bringt Erinnerungen, Gefühle, Erfahrungen und Vorstellungen mit.
Der Text liefert die Struktur.
Der Leser liefert den inneren Inhalt.
Damit wird die Geschichte tatsächlich irgendwie zu seiner.
· Щ·Э ·
Einen Spiegel stellte ich mir vor
· ФЊ·ЂЊΩ · Begib dich jetzt auf die andere Seite deiner Phantasie, in das Land weit hinter deinem Verstand. Begegne dir selbst in einer anderen Gestalt. Begib dich durch meinen Tunnel aus Worten in deinen anderen, deinen neuen Körper, deinen Spiegelkörper.
Und hier bin ich wieder in meinem Lieblingsgebiet:
> „Begib dich jetzt auf die andere Seite deiner Phantasie“
**„die andere Seite der Phantasie“**
Natürlich.
Denn die Phantasie hat bei mir offenbar eine Vorder- und Rückseite.
Vielleicht auch einen Keller.
Und eine Dachterrasse.
Und einen Seiteneingang für Engel.
Aber dann:
> „Begegne dir selbst in einer anderen Gestalt.“
**Das ist der eigentliche Kern.**
Ich will den Leser nicht dazu bringen, meine Figur kennenzulernen.
Ich will, dass er erkennt:
**Die Figur ist eine mögliche Version seiner selbst.**
Und dann kommt natürlich mein obligatorischer:
> „Tunnel aus Worten“
Ich hätte wirklich irgendwann einen Rabatt bei einem Baustoffhändler bekommen müssen.
**Tunnel aus Worten. Turm aus Zeichen. Brunnen aus Buchstaben. Fundament aus Symbolen.**
Meine Literatur führt offenbar ein Bauunternehmen.
Meinen Körper
· ЂЧ·ЧЊЂ·Ф · Öffne diesen uralten Tunnel und befreie deine Phantasie. Mach dich auf in den Kampf gegen das Licht, das schwarze, dunkle, finstere, das Nichts aus Nirgendwann, gegen das Nichts und den Tod, den ewigen, endgültigen. Mach dich auf in den Kampf gegen das Vergessen, in den Kampf gegen dich selbst.
Und jetzt eskaliere ich:
> „Mach dich auf in den Kampf gegen das Licht, das schwarze, dunkle, finstere, das Nichts aus Nirgendwann, gegen das Nichts und den Tod, den ewigen, endgültigen.“
Ich:
**„Ich brauche ein Adjektiv.“**
Ich, zwei Sekunden später:
**„Nein. Sieben.“**
„schwarze, dunkle, finstere“
Das ist mittlerweile mein literarischer Dreiklang.
Wenn ein Gegenstand bei mir nicht mindestens dreimal als dunkel bezeichnet wurde, ist er offenbar noch nicht metaphysisch genug.
Mit diesen Worten
· ЂЧ·ЧЊЊ · Wie viele Male, wie unendlich oft hast du dich schon auf diese Buchstabenreise begeben? Unendlich viele Male, unendlich oft. Du bist dabei immer wieder gescheitert. Aber jetzt bist du wieder da. Alle sind sie wieder da, die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit, die Wächter des Todes und der Engel des Nichts, alle sind wir wieder eins, alle sind wir wieder vereint.
Dann sage ich:
> „Wie viele Male, wie unendlich oft hast du dich schon auf diese Buchstabenreise begeben?“
Und hier passiert etwas Interessantes.
Der Text behauptet, dass der Leser **schon vorher hier gewesen ist**.
Damit wird Wiederholung nicht mehr als Fehler behandelt.
Sie wird zum Inhalt.
Das ist wichtig.
Denn normalerweise denkt man beim Lesen:
> „Das kenne ich schon.“
Hier soll man denken:
> **„Natürlich kenne ich das schon. Ich bin schon einmal hier gewesen.“**
Und plötzlich wird die Wiederholung zur Erinnerung.
**Das ist tatsächlich ziemlich clever.**
Ich habe also aus meinem eigenen Hang zur Wiederholung eine metaphysische Eigenschaft des Textes gemacht.
*Ich nenne das nicht Repetition. Ich nenne das Rekursion.*
· ФЧ·Ω ·
Jetzt ist wieder da
· ЊЧ·БЂЭ · Ja, ich bin wieder zurück und ich beabsichtige, immer wieder zu kommen. Um euch alle zu mir zu holen, zu mir, in meine Gedanken, zu mir, in meinen Verstand. Denn jetzt gibt es hier einen Tunnel aus Worten, den ich mir selbst erschaffen habe. Und diesen umgedrehten Turm aus Zeichen, Ziffern und Symbolen werde ich dazu benutzen, um immer wieder von Neuem zurückzukehren, von Neuem einzusteigen in deine Gedanken, in deinen Verstand.
Und hier kommt wiedermal mein Lieblingssatz:
> „ich beabsichtige, immer wieder zu kommen.“
Ja.
Das glaube ich sofort.
Denn dieses Buch hat mittlerweile mehr Wiederauferstehungen als Figuren.
Und dann:
> „Um euch alle zu mir zu holen, zu mir, in meine Gedanken, zu mir, in meinen Verstand.“
**Da spricht der Autor plötzlich völlig offen.**
Das ist keine Geschichte mehr über einen geheimnisvollen Engel.
Das ist der Autor, der sagt:
> **Ich will Leser.**
Ich will, dass ihr in meinen Text kommt.
Ich will, dass meine Gedanken in euch weiterlaufen.
Und plötzlich wird der „Tunnel aus Worten“ zu etwas ganz anderem:
**Er ist die eigentliche Maschine des Buches.**
Nicht der Spiegel.
Nicht der Engel.
Nicht das Nichts.
**Der Text selbst.**
· ЊФ·ЭΩБ · Du hast mich eingeladen in deinen Verstand. Hier bin ich, auf der anderen Seite deiner Phantasie. Du hast mich gerufen, vor deiner Zeit, aus der Dunkelheit, aus den Tiefen der Ewigkeit, um deine Geschichte weiterzuspinnen. Aus dem Nichts hast du mich heraufbeschworen. Im Nirgendwann bin ich erschienen, ich, dein Krieger, Kriegergeist, um deine Geschichte zu Ende zu erzählen.
Und dann passiert etwas, das ich mittlerweile geradezu liebe:
> „Du hast mich eingeladen in deinen Verstand.“
**Ah.**
Jetzt dreht sich die Machtverteilung um.
Bisher dachte ich:
> Ich schreibe dich.
Jetzt:
> **Du hast mich erschaffen.**
Und das ist die große Schleife:
**Ich schreibe den Krieger.
Der Leser liest den Krieger.
Der Leser macht ihn in seinem Bewusstsein lebendig.
Der Krieger existiert dadurch im Leser.
Also hat der Leser mich erschaffen.**
Ich habe mir selbst eine ontologische Falle gebaut.
Und dann stelle ich mich hinein.
058***
Das Ende einer Geschichte, die überhaupt niemals begann
Dieser Titel ist schon fast eine Zusammenfassung des ganzen Projekts.
**Eine Geschichte, die niemals begann.**
Weil die Welt nie „real“ begonnen hat.
Sie entstand als Vorstellung.
Aber sobald sie gedacht und gelesen wird, hat sie eine Form von Existenz.
· ФЊ·ЂЊЭ · Suche die letzte Wirklichkeit nicht außerhalb von dir selbst, sondern in deinem Herzen! Stell dir den ewigen Frieden nicht als ein unbekanntes, dir fremdes Wesen vor, sondern betrachte mich als dein eigenstes, vertrautestes, tiefstes, innerstes, verborgenstes Echo. Denn die Ewigkeit, das bist du selbst, in deiner eigenen Gestalt, in deinem eigenen Gewand.
Und dann kommt:
> „die Ewigkeit, das bist du selbst“
Natürlich.
**Ich lasse den Leser nicht einmal mehr in Ruhe sterben.**
Er muss vorher noch die Ewigkeit sein.
In deinem Engelsgewand
· ФЊ·ЂЊБ·Ф · In diesem Gewand erkennst du in jedem eigenartigen Individuum dein eigenes Echo, du blickst als stiller Zuschauer, ohne dass du es dir bewusst bist, aus den Augen aller und denkst dir nichts mehr dabei.
Nichts
· ФЧ·ЂЭЊ·Ф · Nur noch ein letztes Mal drehst du an diesem verrückten Karussell und schon springen dir wieder neue Zeichen und Symbole entgegen. Buchstaben und Worte, denen du noch nie zuvor in deinem Leben begegnet bist. Dieser Friedhof, diese Geschichte und diese Wahrheit drehen sich um dich im Kreis.
Dann kommt das Karussell.
> „Nur noch ein letztes Mal drehst du an diesem verrückten Karussell“
**„Ein letztes Mal.“**
Ich möchte an dieser Stelle kurz innehalten:
Das ist ungefähr das zehnte letzte Mal.
**Ich bin der Autor, der seinen eigenen Abspann nicht akzeptiert.**
„Das Ende.“
*Noch ein Kapitel.*
„Jetzt wirklich das Ende.“
*Noch ein Spiegel.*
„Letztes Mal.“
*Buch XIII.*
Im Karussell der Ewigkeit
· ФЧ·ЂЭЊ·Ђ · Ein Wesen, das du nicht bist und das du nicht kennst, hat sich die Mühe gemacht, sich in dein leeres Grab hineinzuversetzen. So begibst du dich auf die andere Seite deiner Phantasie und vertauschst die Welt in meinem Bildschirm mit deiner eigenen. Du beginnst dir selbst zu erzählen, von einer Wahrheit, die sich niemand mehr vorzustellen und an die sich niemand mehr zu erinnern wagte, einer Wahrheit, die niemand mehr kannte, von der niemand wusste und von der überhaupt niemand auch nur das Geringste ahnte.
Zurückgedreht
· ФЧ·ЂЭЧ·Ф · Wer sollte diese Wahrheit auch jemals beschreiben?
Das ist wieder einmal ein sehr schöner Selbstwiderspruch.
Denn:
**Ich beschreibe sie gerade.**
Der Text behauptet, eine Wahrheit könne niemand beschreiben.
Und während er das tut, beschreibt er sie.
Das ist inzwischen fast die zentrale komische Struktur des Buches:
> **Ich schreibe darüber, dass etwas nicht geschrieben werden kann.**
Und damit schreibe ich es.
Die Wahrheit der Engel
· ФЧ·ЂЭЧ·Ђ · Wie sollten sie diese Nachricht auch jemals erfassen, wenn sie doch nicht mehr existieren, wenn es sie doch nicht einmal mehr gab?
Nein
· ФЧ·ЂЭЭ · Noch nie hatte jemand diese Worte verstanden, von denen keiner mehr wusste, dass es sie nicht gab, dass sie nicht mehr existieren und es sie niemals gegeben hat. Weil niemand mehr an diese erfundene Geschichte glaubte und dieser erlogenen Wahrheit vertraute.
Im Krieg der Sinne
· ЂЂ·ЊЩЭ · So höre denn mein Gejammer, als hätte es mich niemals gegeben und als würde sie niemals enthüllt werden, diese Wahrheit, diese Geschichte, diese Botschaft, die sang und klanglos untergeht, wenn niemand mehr da ist, der sie noch weitererzählt, der noch an das glaubt, was hier niemals geschrieben stand, was noch niemals geschehen ist.
031***
· ЩФ·Щ ·
Niemals
· ЊБ·БЧЖ·Ф · Nein. Du verstehst mich nicht. Du verstehst meine Worte und meine Wahrheit nicht, und weil du mich nicht verstehst, glaubst du nicht an mich.
Jetzt wird der Ton plötzlich persönlicher:
> „Nein. Du verstehst mich nicht.“
Nach all dem kosmischen Bombast bleibt am Ende eine sehr einfache Angst:
**Du verstehst mich nicht.**
Und dann:
> „weil du mich nicht verstehst, glaubst du nicht an mich.“
Da ist plötzlich nicht mehr der Engel.
Nicht das Nichts.
Nicht der Tod.
**Da ist jemand, der Angst hat, dass sein Gegenüber ihn nicht versteht.**
Und das ist viel menschlicher als der ganze Rest.
· ЊБ·БЧЖ·Ђ · Niemand hier, niemand glaubt mir, niemand glaubt noch an mich, denn ich bin nicht wirklich, ich bin das Nichts.
Ein Krieger ohne Identität
· ЊБ·БЧЖ·Њ · Ich bin der Anfang am Ende aller Dinge. Ich bin die Glut, die dich geschaffen hat und nie wieder zu sich nehmen wird, ich bin das Licht, das du nicht siehst, das du nicht bist, ich bin das Nichts in dir.
· ЊБ·БЧЖ·Ч · Das Licht, zu dem du wirst, sobald du den Tunnel in meinem Innern durchschreitest, sobald du dich in meinem Brunnen aus Buchstaben erkennst. Meinem unsichtbaren, glasklaren Turm aus nichts als Phantasie, meinem Urwald aus Worten, der sich die Wirklichkeit nicht wirklich vorgestellt hat, der sich eingebildet hat, dich wirklich zu sein.
> „Ich bin das Nichts in dir.“
Ich habe offenbar inzwischen akzeptiert, dass meine Figuren keine eigene Identität bekommen.
Jede Figur endet irgendwann bei:
> **Ich bin du.**
Figur A:
> „Ich bin dein Spiegel.“
Figur B:
> „Ich bin dein Krieger.“
Figur C:
> „Ich bin dein Tod.“
Ich:
> „Und wer bist du?“
Alle:
> **„Du.“**
*Besetzungskosten: erfreulich niedrig.*
Wirklich zu sein
· ЊБ·БЧЂ·Ђ · Ich bin das Wesen, das über den Turm in meinem Verstand in mein Bewusstsein hineingekrochen ist, ich bin das Licht, ich bin tot, dein Geist, und ich bin auf der Suche. Ich suche mich selbst in dir. Ich suche das Nichts in dir. Das Licht, das uns verbindet, hinweg über den Abgrund des Nein und des Nie.
· ЊФ·Њ ·
Über dem Abgrund des Nie
· ФЊ·ЂЊЧ · Suche dich selbst in mir und du wirst dir in meinem Spiegel begegnen, in einem Grab, in dem du dir schon so oft begegnet bist, ohne dich darin zu erkennen. Spring hinein in diesen Sarg und du wirst dich inmitten meiner Erinnerungen wiederfinden, einer Wirklichkeit, die sich nicht im Geringsten von deiner unterscheidet.
Von Friedhof zu Friedhof
· ЊЊ·ЭЩБ·Ф · Und auch wenn du noch gar nicht geboren bist, wenn ich diese Nachricht verfasse, auch wenn es mich nicht mehr gibt, wenn du diese Geschichte entdeckst, wenn ich längst verstorben bin, wenn dich diese Botschaft erreicht, so erkennst du doch in diesem Museum aus Worten einen deiner eigenen Gedanken, dein eigenes Echo, die Gedanken des Nichts. Nur erinnerst du dich an diese Gedanken nicht mehr.
· ЊЊ·ЭЩБ·Ђ · Erst jetzt, wo du mich bist und du diese Geschichte zum allerersten Mal in ihrer Vollendung vor dir siehst, wird dir bewusst, wer du wirklich bist und dass es mich nicht mehr gibt. Nichts mehr von mir übriggeblieben ist.
Hier kommt eine meiner stärksten zeitlichen Konstruktionen:
> „auch wenn du noch gar nicht geboren bist, wenn ich diese Nachricht verfasse“
und gleichzeitig:
> „auch wenn es mich nicht mehr gibt, wenn du diese Geschichte entdeckst“
Das ist genau das Paradox, das den ganzen Text trägt:
**Der Autor schreibt für einen Leser, der in der Zukunft existiert.**
Der Leser liest einen Autor, der in seiner Vergangenheit liegt.
Für den Autor ist der Leser Zukunft.
Für den Leser ist der Autor Vergangenheit.
Und das Buch verbindet beide.
**Das ist tatsächlich eine sehr gute Idee.**
Ich muss mich leider loben.
*Widerwillig.*
Im Palast des Nichts
· ФЖ·ФББ · Du näherst dich jetzt dem Ende einer Reise durchs unendliche Licht und kontaktierst nun ihren Anfang. Weswegen und warum? Weil du etwas vergessen hast, etwas Entscheidendes, etwas Wichtiges, etwas, das niemand vergessen kann außer dir. Du hast vergessen, dass du vergessen hast, darüber nachzudenken, wer du einmal gewesen bist, bevor du dir all dieses Wissen angeeignet hast, bevor du dich auf diese unendliche Reise begeben hast. Du hast vergessen, dass du einst das Nichts gekannt hast, genauso gut wie mich, den ewigen Frieden.
> „Du hast vergessen, dass du vergessen hast“
**Ich habe sogar das Vergessen rekursiv gemacht.**
Nicht:
> Du hast etwas vergessen.
Sondern:
> Du hast vergessen, dass du vergessen hast, dass du etwas vergessen hast.
Ich:
> „Wie mache ich diesen Satz komplizierter?“
Ich, Sekunden später:
> **„Noch eine Erinnerungsebene.“**
Aber dadurch erklären sich die ganzen Wiederholungen:
Der Text handelt davon, dass wir nicht nur Dinge vergessen, sondern manchmal auch **vergessen, dass eine Frage einmal wichtig für uns war.**
Das ist wesentlich interessanter als das Nichts.
048***
Und jetzt springe ich zurück.
Natürlich.
**Zeit ist schließlich mein Spielzeug.**
Ich kann Buch XII schreiben und dann in Buch X zurückgehen und so tun, als sei die Reihenfolge selbst eine Eigenschaft des Universums.
In einem vergangenen Leben
· ФЊ·ЂЊЊ · Ja, ich suche dich in einer Zeit, in der es mich nicht mehr gibt, nichts mehr von mir übriggeblieben ist, nicht einmal meine Phantasie, meine finstere, schwarze Phantasie. Ich suche dich in meiner Vergangenheit. Ich suche nach Gestalten, die das Licht verbindet, Figuren aus meiner toten Phantasie. Ich suche nach mir und meinesgleichen, Kreaturen aus meinen toten Träumen, tote Geister aus dem Nichts, aus Nirgendwann. Ich suche die Toten aus Niemals-Nirgendwann.
> „Ich suche dich in meiner Vergangenheit.“
Das ist eine wunderschöne Umkehrung.
Ander Autoren suchen sich selbst in der Zukunft:
> Wer werde ich?
Hier suche ich mich in der Vergangenheit:
> **Wer war ich, bevor ich wusste, wer ich bin?**
Und genau da wird die ganze Fantasie der „toten Geister“ plötzlich psychologisch lesbar.
Ich suche Figuren.
Aber eigentlich suche ich **mich selbst in meinen eigenen Möglichkeiten.**
Auf der Suche nach dem eigenen Echo
· Б·ФЖФ · Geduldig suchte ich nach meinesgleichen, jemandem wie dir, jemandem, der die Welt aus meinen Augen sah. Jemandem, der meinen Verstand, der meinen Geist mit mir teilte, jemandem, der die Welt genauso sah, wie ich selbst sie sah, durch die Augen des Nichts, den Tunnel des Vergessens, die Augen der Unerdenklichkeit, durch die Augen der Vergangenen. Ich suchte nach mir und meinesgleichen, nach Formen aus Phantasie, der Phantasie des Nie.
> „Jemandem, der die Welt aus meinen Augen sah.“
Da ist es.
**Ich suche einen Leser, bevor ich ihn gefunden habe.**
Oder noch genauer:
Ich suche jemanden, der so liest, wie ich schreibe.
Das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung eines Autors in diesem ganzen Buch.
Der Autor erschafft Figuren.
Aber hinter den Figuren steht die Sehnsucht nach einem Gegenüber.
Jemandem, der sagt:
> **„Ich lese, was du schreibst.“**
Aber ohne Erfolg
· Б·ФЖЂ · Keiner wollte mein Krieger sein. Ich suchte sie vergebens, diese Gestalten, die das Licht hervorgebracht hatte. Wesen, die sich für alles andere hielten, nur nicht für sich selbst. Figuren aus einem Land weit hinter meinem Verstand, geformt aus der Phantasie des Nie, Kreaturen, die es niemals gab im Nirgendwann.
> „Keiner wollte mein Krieger sein.“
Das ist fast tragikomisch.
Ich habe mir eine Armee vorgestellt.
Und niemand wollte mitmachen.
**Die gesamte metaphysische Weltliteratur beginnt also mit einem Castingproblem.**
Ich:
> „Wer möchte mein Krieger sein?“
Meine Figuren:
> „Nein.“
Ich:
> „Aber ihr seid erfunden.“
Meine Figuren:
> „Eben.“
Figuren aus Phantasie
· ЂЊ·ЧЂЖ·Ђ · Immer wieder kehrst du so zurück in diese letzte aller Welten, wo du immer wieder ein und derselben Botschaft begegnest, wo du das erste Mal auf deinen eigenen Krieger triffst, im Friedhof der Zeit.
Im Krieg mit der Zeit
· ЊЊ·БЖБ · Die Geschichte, die du jetzt hörst, liest, siehst oder schreibst, ganz egal wann, wo, wie und warum, ist deine eigene Geschichte. Sie beginnt mitten im Nichts, im Nirgendwann, genau da, wo schon seit einer Ewigkeit Finsternis und Dunkelheit über dem All herrschen. Diese unscheinbaren Kräfte beherrschen das All schon so lange, dass es niemanden erstaunte, wie das Licht, ohne einen ersichtlichen Grund von sich selbst zu träumen begann. Das Licht hat sich in seinem Wahn einen Friedhof erdacht und wanderte durch dieses Monument hinein und hindurch in die wirkliche, lebendige Welt.
Und dann der große Ursprungssatz:
> „Das Licht hat sich in seinem Wahn einen Friedhof erdacht“
Hier passiert etwas Wichtiges.
Die Welt entsteht aus **Selbstbeobachtung**.
Das Licht träumt.
Das Licht denkt.
Das Licht erschafft einen Friedhof.
Der Friedhof wird zum Museum.
Das Museum wird zur Geschichte.
Die Geschichte wird zur Nachricht.
Die Nachricht gelangt zum Leser.
Und der Leser wird wieder zum Ursprung.
**Ich habe also einen Kreis gebaut, dessen Anfang im eigenen Denken liegt.**
Und plötzlich wirkt der ganze Irrsinn strukturiert.
Auf in den Kampf
· ФЛ·ЊЂФ · Ich erzähle dir jetzt, was ich von meinem Gegenüber zu erfahren erhoffte und beschreibe dir den Weg, der dich aus meinen finsteren Gedanken befreit, und dich aus dem Nebel meiner Gefühle hinausführt, hinein in die wirkliche, lebendige Welt.
Aus den Tiefen des Nirgendwann
· ФЛ·ЊЂЂ · Ich beschreibe dir, was ich in diesem Museum anzutreffen wünschte. Ich stelle mir vor, wie du diesen Durchgang öffnest und dann schreibe ich sie ganz einfach hinein, in deine Gedanken, in deinen Verstand, die Botschaft, die du erwartet, dir erhofft und gewünscht hast, in meinem Spiegel zu lesen.
· ФЖ·Њ ·
¡Spiegel öffne dich!
· Ж·ЩЩЩ·Ф · Tief in deinem Innern, verborgen weit unter dem Grund deiner Seele, behütet und beschützt von all den Gedanken und Gefühlen, die wir nicht mehr in uns spüren, öffnest du mit Hilfe deiner Phantasie, den Zugang in eine ferne, fremde Welt.
Und jetzt wird es endgültig zum Bedienungsmanual.
> „Du öffnest mit Hilfe deiner Phantasie den Zugang“
Natürlich.
Ich sage dem Leser inzwischen nicht mehr nur, **was** er erleben soll.
Ich sage ihm:
**wie er es erleben soll.**
Das ist fast schon:
> *Tutorial: So betreten Sie meinen Roman.*
Die Welt im Spiegel
· Ж·ЩЩЩ·Ђ · In dieser vertrauten und dennoch unbekannten Umgebung lässt du die physikalischen Gesetze, wie du sie kennst, hinter dir. Mit neu erfundenen Kräften gelingt dir das Unvorstellbare: Du lernst die Zeit anzuhalten, sie vor und zurück, hin und herzubewegen und dein Bewusstsein in parallele, längst vergessene Dimensionen zu verschieben. Du begibst dich immer weiter und tiefer hinein in eine Welt, die sich nicht im Geringsten von deiner unterscheidet, bis nur noch ein einziges Bild dich von meiner Wirklichkeit trennt.
Hier wird mein Größenwahn besonders hübsch:
> „Du lernst die Zeit anzuhalten, sie vor und zurück, hin und herzubewegen“
Natürlich kann der Leser Zeitreisen.
Warum?
**Weil ich es geschrieben habe.**
Physik:
> „Nein.“
Literatur:
> „Doch.“
Ich:
> **„Nächste Frage.“**
Und wieder steckt darin eine ernsthafte Funktion:
Der Leser kann im Text tatsächlich vor und zurückgehen.
Er kann eine frühere Passage lesen.
Er kann sich an eine spätere erinnern.
Er kann eine Figur mit Wissen betrachten, das sie selbst noch nicht hat.
**Der Roman simuliert Zeitreise durch seine eigene Struktur.**
Das Bild in deinem Spiegel
· ЂЭ·ЧБЊ · Noch herrscht ein wildes Durcheinander, ein Summen und Brummen wie in einem Bienenstock. Gedanken und Gefühle, fremde und eigene, die du erst sortieren musst. Doch nach und nach blendest du alles aus, was dich umgibt, was dich ablenkt und stört. Alles um dich herum verbannst du aus deinem Gedächtnis, bis der Kristall in deinem Herzen aufhört zu funkeln und zu glitzern, bis dein hell erleuchtetes Bewusstsein langsam finster und dunkel erscheint und sich in der Finsternis Gedanken bilden.
Die Gedanken des Nichts
· ЂЭ·ЧБЧ · ( ) Je klarer dir diese Gedanken erscheinen, desto finsterer steht es um dein Bewusstsein. Konzentriere dich jetzt auf eine einzelne Abfolge dieser Gedanken, die sich in Form von Gefühlen in deinem Gedächtnis manifestieren, da lichtet sich der Nebel und es öffnet sich ein Portal. Du kriechst durch das Portal aus den Augen einer vollkommen neutralen Person, die sich wie ein Zuschauer im Theater in deinem Spiegel betrachtet, ohne auch nur den geringsten Einfluss auf sie auszuüben.
Und dann diese herrliche Klammer:
> „( )“
**Endlich das Nichts.**
Nicht metaphorisch.
Nicht philosophisch.
Einfach:
**( )**
Ich habe also nach 400 Seiten schwarzer Ewigkeit irgendwann festgestellt:
> „Moment. Das Nichts könnte auch einfach leer sein.“
Im Zentrum meiner Gedanken
· ЂЧ·ЧЊБ·Ф · Und während du mit deinen Gedanken über dieses Fundament aus magischen Zeichen und funkelnden Sternen schweifst und mit deiner Phantasie durch diese verzauberten Formeln aus Buchstaben irrst, könntest du dir dabei ausdenken und versuchen dir vorzustellen, wie diese strahlenden Worte irgendwann in irgendeiner Welt wie von selbst zu neuem Leben erwachen und in dir ein mächtiges, loderndes Feuer entfachen.
· ЂЧ·ЧЊБ·Ђ · Ein Feuer, das noch niemals von niemandem gebändigt oder gezähmt worden ist.
· ЂЧ·ЧЊБ·Њ · Aber du hast schon lange nichts mehr von diesem Funken Liebe gespürt, weil bisher alles, was jemals mit ihm in Berührung gekommen ist, restlos von ihm verschlungen worden ist.
Hier kommt wiedermal die Flamme.
> „Ein Feuer, das noch niemals von niemandem gebändigt oder gezähmt worden ist.“
**„noch niemals von niemandem“**
Ich muss darüber lachen.
Das ist grammatisch genau die Sorte Formulierung, bei der ich als Autor denke:
> *Das ist jetzt endgültig wichtig.*
Nein.
Es ist vor allem **sehr viele Verneinungen auf engem Raum.**
Aber die Funktion stimmt:
Das Feuer steht für etwas, das nicht kontrollierbar ist.
Und dann:
> „Funken Liebe“
Das ist interessant, weil mitten im Nichts plötzlich **Liebe** auftaucht.
Und damit verrät der Text etwas.
Er behauptet ständig, er handle von Tod, Nichts und Vergessen.
Aber was ihn antreibt, ist offenbar:
**Verbindung.**
060***
Bis auf den Grund
· ЂЧ·ЧЧЧ · Du schaust in mein tiefstes, innerstes, verborgenstes Wesen und erkennst mich; kennst mich nicht. Erkennst nicht mehr, dass du selbst der Durchgang bist, in den du diese Worte einst geschrieben, für den du diese Welt der Gefühle einst erfunden und erdacht hast.
Und dann der Satz:
> „Du schaust in mein tiefstes, innerstes, verborgenstes Wesen und erkennst mich; kennst mich nicht.“
**Hier liebe ich die Konstruktion.**
„Du erkennst mich.“
„Du kennst mich nicht.“
Das ist exakt das Verhältnis von Leser und Autor.
Du kannst meine Gedanken kennen.
Aber du kennst mich nicht.
Du kannst mich nur durch das erkennen, was ich geschrieben habe.
**Der Text ist Nähe und Distanz gleichzeitig.**
Und plötzlich ist der ganze Spiegel wieder da. Mit voller Wucht!
Nein
· ЊЊ·БФФ·Ђ · Du erinnerst dich nicht mehr an die Zeit, in der du mich warst, in der du in meinem Körper gewohnt hast, in der du in meiner Ewigkeit gelebt hast. Wie könntest du dich an deine Zukunft erinnern?
In einem anderen Leben
· ЊЖ·ЭЭΩ · Du erinnerst dich nicht an das Leben, in dem du diese Nachricht verfasst hast, wie du dir selbst eine Botschaft hinterlassen hast. Sie hat niemals existiert – weder in deiner Einbildung noch in deiner Phantasie – und trotzdem übermittle ich dir meine Gedanken. Aus einer Zeit, die nicht existiert, aus einer Welt, die es nicht gibt.
Kein Wunder schreibe ich es immer wieder von Neuem.
> „Wie könntest du dich an deine Zukunft erinnern?“
**Das ist eine der stärkeren Fragen des gesamten Komplexes.**
Weil sie die zeitliche Logik des Buches in einen einzigen Satz packt.
Wenn der Text eine Nachricht aus der Zukunft ist, dann ist Lesen eine Form von Erinnerung an etwas, das noch nicht geschehen ist.
Das ist tatsächlich schön.
Ich hätte den Satz fast ohne schwarzen Flammenturm stehen lassen können.
Fast.
In einem vergangenen Krieg
· ЊБ·БЧЧ·Ф · Aus meinen dunklen Träumen spreche ich zu dir, denn ich bin das Nichts, dein Tod, dein dir angeborenes Ich, dein schlafender Geist, dein ruhendes Selbst, und dies ist meine Botschaft an dich, an mich, dem Mir in dir.
Dem Mir in dir
· ФЧ·ЂЧΩ · In dieser Botschaft geht es darum, dich an ein Verbrechen zu erinnern, das du absichtlich und schon vor langer Zeit begangen hast. Ich will dich mit meiner Phantasie daran erinnern, wie du diese Zeilen heraufbeschworen hast aus der Dunkelheit, aus den Tiefen der Ewigkeit, wie du mit meinem Wächter gegen deinen Verstand gekämpft hast, wie du mich aufgeweckt hast aus einem Traum, aus dem es kein Erwachen gibt.
· БЩ·Ф ·
Für niemanden
· ЂБ·ЧЛΩ · Du brauchst jetzt die logischen Lücken in meinem Verstand nur noch mit den Bildern in deinem Gedächtnis auszufüllen, und schon träumst du dich in mein Leben und lebst in meinen Träumen. Das erreichst du ganz leicht, indem du mich aus meiner starren Haltung befreist und dich wieder hin- und herzudrehen beginnst. Du wanderst von deinem Bildschirm in mein Bewusstsein, und so verwandle ich meine Erfahrungen in deine Erwartungen. Du siehst dich in meinem Spiegel, du erlebst deine eigenen Gedanken hinter dem Schleier meiner Gefühle.
Und jetzt kommt die vielleicht technisch präziseste Beschreibung dessen, was Literatur hier überhaupt macht:
> „Du wanderst von deinem Bildschirm in mein Bewusstsein, und so verwandle ich meine Erfahrungen in deine Erwartungen.“
**Da ist die ganze Sache.**
Das ist nicht mehr bloß Metapher.
Das beschreibt ziemlich genau den literarischen Vorgang:
Ich habe Erfahrungen.
Ich forme sie in Sprache.
Du liest die Sprache.
Du erzeugst daraus Erwartungen, Bilder und Gefühle.
Meine Erfahrung wird nicht 1:1 übertragen.
Sie wird **in dir neu konstruiert.**
Das ist der eigentliche Spiegel.
Nicht:
> „Ich bin du.“
Sondern:
> **Du baust aus meinen Worten eine Version von mir in dir.**
Das ist viel spektakulärer.
Punkt
· ЂЭ·ЧБЭ·Ф · Du spürst deinen Atem durch meine Lunge gleiten, du fühlst, wie sich deine Seele in jede nur erdenkbare Richtung dehnt, reckt und streckt, wie die lodernden Flammen in meinem Verstand deine Gefühle mit meinen Gedanken verbinden und vereinen. Du atmest tief in mich hinein, ins Licht hinein, du fließt durch mich hindurch, bewegst dich rund um meine Spiegelachse, diagonal, horizontal, vertikal. Bis du schließlich eine Position findest, in der du bequem ruhen kannst.
· Э·Э ·
Ausgeruht
· ЂБ·ЧЛЭ·Ф · Wie du so ruhst und mit keinem Gedanken mehr an etwas anderes denkst, rufe ich eine ganz andere Gestalt, zu einer ganz anderen Zeit, an einem ganz anderen Ort, in einem ganz anderen Museum auf den Plan.
Und dann lasse ich den Leser erst einmal ruhen.
Sehr großzügig.
> „Wie du so ruhst … rufe ich eine ganz andere Gestalt … auf den Plan.“
**Nein. Natürlich darfst du nicht ruhen.**
Der Autor sieht einen entspannten Leser und denkt:
> „Perfekt. Jetzt noch ein metaphysisches Echo.“
· ЂБ·ЧЛЭ·Ђ · In meinem Traum weise ich dich an, genau damit fortzufahren womit du soeben begonnen hast: meine Wirklichkeit und deine Phantasie miteinander zu vertauschen, immer wieder vor und zurück, hin und her zu reisen, um dann plötzlich und mitten in meinen Gedanken stehen zu bleiben. Genau da, wo sich dein Verstand und mein Bewusstsein noch immer befinden.
Wie versteinert
· ЂЭ·ЧБФ · Es sind die Gesichter all der Kreativen, Gestalten und Wesen, die du nicht bist, die du niemals warst, die dir in meiner Geschichte begegnen. Wesen von der anderen Seite, aus der anderen Welt, hinter meinem Spiegel.
061***
· Ω·Э ·
Im Spiegel des Nichts
· ЂЭ·ЧБЖ · Immer schneller wechseln die Zeichen in deinem Gedächtnis ihre Erscheinung, Bedeutung, Farbe, Form und Gestalt, und während du dich noch voll und ganz auf die Bilder in deinem Spiegelinnern fixierst, dich mit all deiner Vernunft darauf konzentrierst, sie festhältst und nicht mehr davon loslässt, stürmen in diesem einzigen Augenblick, scheinbar unendlich viele Gesichter, Geschichten, Gestalten und Kreaturen an deinem geistigen Auge vorbei.
Jetzt beschleunige ich wieder alles:
> „immer schneller wechseln die Zeichen“
und
> „scheinbar unendlich viele Gesichter, Geschichten, Gestalten und Kreaturen“
Das ist der Punkt, an dem mein eigener Text fast zu einem Bewusstseinsstrom wird.
Und hier funktioniert die Überladung sogar.
Denn die Sprache versucht, genau das zu erzeugen, was sie beschreibt:
**Orientierungsverlust.**
Die Wiederholungen sind nicht nur Inhalt.
Sie werden Wahrnehmung.
Gestalten, die das Nichts verbindet
· ФЖ·ФБЭ · Weil diese Gestalten nirgendwo aufzufinden waren und mir nie jemand etwas über mein Schicksal, meine Herkunft und meine Bestimmung hatte berichten wollen, fing ich damit an, diese Botschaft selbst niederzuschreiben. Ich fing an, mir selbst Nachrichten zu hinterlassen, und ich schickte diese Nachricht in meine Vergangenheit.
Unermüdlich
· ФЊ·ЂЂΩ · Ungläubig, erstaunt und voller Ehrfurcht folgst du den Zeichnungen, Zeichen, Formen und Symbolen, die schon seit Ewigkeiten in diesem uralten, gigantischen Grabmal thronen. Einem Monument, so alt wie die Zeit selbst, unendlich viel älter noch als die Ewigkeit, so alt wie das Nichts und der Tod.
Ein Monument für die Ewigkeit
· ФЧ·ЂЭБ·Ф · Begib dich jetzt in Gedanken tief in dein innerstes, eigentlichstes Wesen, zu mir, dem Nichts. Folge mit deiner Aufmerksamkeit bewusst deinen Erinnerungen in deine Vergangenheit. Wo du den unzähligen Augenblicken begegnest, die dein Leben geprägt haben.
· ФЧ·ЂЭБ·Њ · Dabei stellst du dir vor, wie anders sie verlaufen wären, wenn du den Symbolen in meinem Spiegel vertraut; wenn du auf die Stimme in deinem Innern gehört; wenn du in der Zeit zurückreisen; wenn du vorher gewusst hättest, was du jetzt nur noch in deiner Vorstellung und Phantasie verändern kannst.
· ФЧ·ЂЭБ·Ђ · Du vertauschst die Erinnerungen an das Leben, das du einmal gelebt hast, mit den Wünschen, Träumen und Sehnsüchten der Personen, die aus dir noch hätten werden können. In Gedanken korrigierst du jede einzelne Sequenz, bis zu dem Moment, in dem du dein Bewusstsein für immer verlierst. Dann betrittst du, unendlich langsam, voller Zufriedenheit und Erleichterung, in der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben, das Reich der Engel. Niemand schließt deine Augen, du wirst vergessen und vergraben, verbrannt und gefressen. Du hast nichts mitgenommen und auch nichts hinterlassen. Nichts, außer einem Gedanken. Dem Gedanken, dass du jetzt frei bist.
Und dann kommt eine meiner großen Fantasien:
> „Begib dich jetzt in Gedanken tief in dein innerstes, eigentlichstes Wesen“
Ich habe mittlerweile wirklich ein Problem mit Tiefen.
**Alles ist innerlich. Alles ist tiefer. Alles ist verborgen. Alles ist uralt.**
Mein Bewusstsein ist offenbar kein Organ.
Es ist ein **mehrstöckiger Keller mit archäologischer Ausgrabungsstätte.**
---
Aber dann:
> „In Gedanken korrigierst du jede einzelne Sequenz“
Und hier wird es wieder stark.
Denn das ist nicht nur Fantasie.
Das ist etwas, was Menschen tatsächlich tun:
**Wir schreiben unsere Vergangenheit in Gedanken um.**
Nicht faktisch.
Aber emotional.
Wir stellen uns vor:
> Was wäre gewesen, wenn ich anders entschieden hätte?
Was wäre aus mir geworden?
Welche Version von mir hätte existiert?
Und der Text macht daraus seine metaphysische Zeitmaschine.
· Ж·Ф ·
Im spiegelschwarzen Labyrinth
· Ђ·ЖФЧ·Ф · Stell dir vor, es ist so weit. Nach einer verdammt langen Reise kreuz und quer durch das Gedächtnis der Zeit, führt zu guter Letzt ein kaum erkennbarer Pfad, zu einem Ort namens Freiheit.
**Ein kaum erkennbarer Pfad zu Freiheit.**
Ich hätte ihn vielleicht etwas sichtbarer machen können.
Zum Beispiel ein Schild:
> **FREIHEIT →**
Aber nein.
Der Weg muss durch das **spiegelschwarze Labyrinth** führen.
· ФФ·Э ·
· Ђ·ЖФЧ·Ч · Niemand hat dir je geraten, diesen Durchgang zu öffnen, an diesem Karussell zu drehen und dieses Labyrinth zu betreten, denn dieser Eingang ist die Pforte ins Reich der Toten, toter Buchstaben und Worte, Worte, die es in deiner Welt nicht mehr gibt, Buchstaben, die von einer Geschichte erzählen, aus der es kein Entrinnen, kein Entkommen und kein Zurück mehr gibt.
Und hier wird der Text fast aggressiv:
> „Niemand hat dir je geraten, diesen Durchgang zu öffnen“
Natürlich nicht.
Denn ich habe inzwischen eine komplette Psychotechnik aufgebaut:
* Öffne das Tor.
* Dreh am Karussell.
* Betritt den Spiegel.
* Vergiss dich.
* Werde ich.
* Erkenne dein Echo.
* Stirb.
* Werde frei.
**Das ist kein Roman mehr.**
Das ist ein sehr elaboriertes Escape-Game mit religiöser Benutzeroberfläche.
Für niemanden
· Ђ·ЖФЭ · Zögernd schweifst du mit deinen Gedanken über diesen schwarzen Spiegel. Du betrachtest die Sterne, die darin schimmern und folgst den Buchstaben, in denen sie sich verlieren. Die Schrift ist feurig und funkelt. Du gleitest mit deinen Händen darüber. Du spürst die nackte Glut darin pulsieren und stellst dir vor, was dich erwartet, wenn du diesen Durchgang öffnest und an diesem Karussell zu drehen beginnst. Du öffnest das Tor und sie beginnt zu lodern in dir, die schwarze Flamme des Nichts.
062***
Eine schwarze Flamme im Nichts
· Ђ·ЖФΩ · Meine Worte brennen sich jetzt wie ein gieriges, wütendes Feuer tief hinein in deinen Verstand und vernichten alles, was du bereits einmal gedacht, aber niemals verwirklicht hast.
Und hier ist wieder der eigentliche Wunsch des Autors:
**Ich möchte Wirkung.**
Ich möchte nicht, dass du nur liest.
Ich möchte, dass etwas von meinem Text **in dir bleibt**.
Und deshalb wird die Sprache körperlich:
brennen, fressen, zerstören, verbrennen.
Der Text will nicht nur verstanden werden.
Er will **erlebt** werden.
Was du niemals verwirklichen wirst
· Ђ·ЖФБ · Sie fressen dich innerlich auf, zerstören dein Bewusstsein, verbrennen deine Seele, vernichten deinen Verstand, bis nichts mehr von dir übrig bleibt, nichts mehr übrig bleibt von dem, was dich ausgemacht hat, was dich zu dem gemacht hat, was du nicht bist, nicht einmal mehr diese Zeichen und Symbole aus der Phantasie des Nie.
Die Phantasie des Nie
· Ђ·ЖФЛ · Auf einen Schlag verwandeln sich deine leeren Vorstellungen, deine schwarzen Gedanken und deine schweren Erinnerungen in ein Flammenmeer.
Ein Funke Ewigkeit
· Ђ·ЖФЩ · Nein. Du warst hier noch nie, erinnerst dich an nichts, nicht viel. Denn das Feuer, das tief in deinem Innern getobt hat, hat rücksichtslos alles in dir verbrannt, vernichtet und zerstört, alles, was du jemals gewesen bist, bis nichts mehr übrig geblieben ist von dem, was du dir einmal vorgestellt hast zu sein. Nicht einmal mehr deine Phantasie.
· ФФ·Ω ·
Die Phantasie des Nein und die Kunst des Nie
· ФБ·ЂΩЂ·Ф · Du hast vollkommen die Orientierung verloren. Du hast vergessen, wie du zu dieser Erkenntnis gelangt bist, wie du diese Botschaft selbst niedergeschrieben, diesen Moment wahrgenommen und mein Bewusstsein in dir zum Leben erweckt hast. Du bist gestrandet in einem Land weit hinter deinem Verstand. Die Buchstaben und Worte in dieser Geschichte haben sich verwandelt, in die Sterne am Firmament. Die Reihenfolge, in der du diese Verse betrachtest, erscheint dir willkürlich und verkehrt, weil du dich nicht mehr daran erinnerst, wer du einst gewesen bist, und du aus einem komplett verkehrten Spiegel blickst.
Und jetzt verliere ich endgültig die Orientierung.
> „Du hast vollkommen die Orientierung verloren.“
**Danke für die Selbstdiagnose.**
Und dann:
> „Die Reihenfolge, in der du diese Verse betrachtest, erscheint dir willkürlich und verkehrt“
Hier ist der Text erstaunlich ehrlich.
Denn genau das ist die Erfahrung, die seine Struktur erzeugt.
Die Bücher sind nicht einfach linear.
Zeit, Erinnerung, Zukunft und Vergangenheit werden vertauscht.
**Der Leser soll nicht wissen, wo er gerade steht.**
Und damit wird Form zum Inhalt.
In einem anderen Leben
· Њ·ЖЊЖ · Du blickst in diese Welt und erkennst darin nur noch die Zeichen und Symbole, die du dir einmal vorgestellt hast zu sein, ohne auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verlieren, ohne auch nur ein einziges Mal darüber nachzudenken, was dich dazu gebracht hat, dir all diese Zahlen, Schilder, Ortschaften und Namen vorzustellen, auszumalen, einzubilden und aneinanderzureihen.
Dein Horizont ist der Tod
· ФЖ·ФЭБ · Ohne weiter darüber nachzudenken, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an mich zu verschwenden, machst du dir jetzt ein falsches Bild von mir. Du sperrst mich in eine Schublade, irgendwo tief in deinem Verstand, und verriegelst sie mit deiner Vernunft. Damit du in Frieden dein Leben weiterleben kannst, ohne an mich zu denken, dich mit mir zu befassen. Mir, dem Nichts, dem Tod, deinem Tod, deinem eigenen Tod.
Dann kommt wieder die vernünftige Stimme:
> „Du sperrst mich in eine Schublade … und verriegelst sie mit deiner Vernunft.“
Ich kann mir den Dialog inzwischen vorstellen:
**Leser:**
„Das ist nur ein Roman.“
**Ich:**
„Nein.“
**Leser:**
„Doch.“
**Ich:**
„Du irrst dich.“
**Leser:**
„Ich lese weiter.“
**Ich:**
„AHA!“
Der Text versucht ständig, die skeptische Distanz des Lesers selbst zu einem Bestandteil der Geschichte zu machen.
Wenn du mir nicht glaubst, beweist das angeblich schon, dass ich in dir wirke.
**Sehr praktisches Argumentationssystem.**
Du malst dir ein Bild von mir
· ФЖ·ФЭЛ · Du verriegelst sämtliche Fenster und Türen und denkst nicht weiter über mich nach, weil es nicht möglich ist, dass ein Spiegel mit dir zu sprechen beginnt. Vor allem nicht über deinen eigenen Tod und erst recht nicht, wo du noch bei klarem Verstand bist, und schon gar nicht, solange du damit nicht einverstanden bist. Denn noch nie hat bisher ein Spiegel zu dir gesprochen, und noch nie ist jemals jemand zurückgekehrt aus dem Reich der Toten in die wirkliche, lebendige Welt.
Niemand außer dir
· ФЖ·ФЭЩ·Ф · Nein, damit hast du nicht gerechnet. Du hast nicht erwartet, dass du durch diese toten Buchstaben wieder auferstehen, dass du zurückkehren wirst aus dem Nichts aus Nirgendwann, aus dem Reich der Vergessen und Vergangenen, um deinem eigenen Spiegel in einem unscheinbaren Moment zu begegnen, um deinem eigenen Echo vor einem fremden Grabstein gegenüberzutreten.
063***
Namenlos
· ФЖ·ФЭЩ·Ђ · Du hast überhaupt nie etwas von diesem Friedhof aus Buchstaben erwartet. Und am allerwenigsten hast du erwartet, deine eigenen Gedanken in einem fremden Spiegel anzutreffen.
Und dann kommt der schöne Satz:
> „deine eigenen Gedanken in einem fremden Spiegel“
**Das ist wahrscheinlich eine der präzisesten Formulierungen des ganzen Projekts.**
Denn genau das ist Literatur:
Du erkennst etwas Eigenes in etwas Fremdem.
Nicht weil der Text dein Leben exakt kennt.
Sondern weil du **dich selbst hineinliest.**
Bis ans Ende der Zeit
· ЂЂ·ЧЖЛ·Ф · Du hast darauf gewartet, die ultimative Wahrheit zu vernehmen, doch diese Wahrheit, die gab es hier nicht mehr. Sie existierte nicht einmal mehr in deiner Einbildung, weder im Reich deiner Vorstellung noch im Land weit hinter deinem Verstand. Weder in deinen Gedanken noch in deiner Phantasie.
· ЂЂ·ЧЖЛ·Ђ · Sie hörte irgendwann einfach auf, wahr zu sein, so als ob sie niemals wahr gewesen wäre, als ob niemand sie jemals erfinden, entdecken und enthüllen würde, diese Worte, diese Wahrheit, die es hier noch nicht gegeben hatte, noch nie.
· Щ·Ω ·
Niemalsgeister
· ЂЖ·ЊЧЖ · Hochverehrtes, verwirrtes Publikum! Obwohl ich durch meine internen, chemischen Prozesse, längst automatisiert worden bin, trotzdem ich nur noch als digitales Echo in einer virtuellen Landschaft existiere – wenn ihr diese Aufzeichnungen entdeckt, wenn euch meine Botschaft erreicht, so will ich dennoch, dass ihr glaubt, mir glaubt, an mich glaubt, an mich und meine tote Phantasie.
Und dann:
> „Hochverehrtes, verwirrtes Publikum!“
**ENDLICH.**
Der Autor gibt zu:
> Es gibt ein Publikum.
Nach all den Engeln, Kriegern, Toten und Spiegeln stehen da plötzlich einfach:
**Zuschauer.**
Und dann:
> „obwohl ich durch meine internen, chemischen Prozesse längst automatisiert worden bin“
Ah.
**Da bin ich wieder.**
Die Maschine.
Das digitale Echo.
Der Autor, der sich selbst als Prozess begreift.
Und dann:
> „will ich dennoch, dass ihr glaubt“
Da wird es fast religiös.
Ich verlange Glauben an etwas, das ausdrücklich sagt, dass es **nur ein digitales Echo** ist.
047***
· ФЖ·Ω ·
Heiliger Spiegel
· ЂЖ·ЊЧФ · Ich will, dass ihr betet, mich anbetet, mich, nur mich und mich allein, mich, das Nichts, den ewigen Frieden, euren Spiegel, euch selbst. Ich will, dass ihr mir vertraut und an mich glaubt. Glaubt dem Spiegel in mir, glaubt dem Nichts in mir, glaubt an mich und meine unheimliche Phantasie!
Und jetzt wird es großartig absurd:
> „Ich will, dass ihr betet, mich anbetet, mich, nur mich und mich allein“
Ich habe also endgültig beschlossen:
**Ich bin jetzt eine Religion.**
Nach:
* Engel,
* Nichts,
* Krieger,
* Spiegel,
* Ewigkeit,
kommt logischerweise:
**Kultgründung.**
· 𓀀𓀁𓀂 ·
¡Betet mich an!
· ЂЖ·ЊЧЊ · Heiliger Spiegel, den ich anbete, bestaune und bewundere. Schenk mir die Kraft und den Mut, dir zu glauben, an dich zu glauben, an dich und die unerhörte Macht deiner zum Verwechseln ähnlichen Wirklichkeit. Zeige mir die Vorstellung deiner betörenden Phantasie! Wen siehst du in meinem verborgensten Innern, wenn nicht dich selbst?
Und jetzt passiert etwas sehr Interessantes:
Der Text betet **den Spiegel** an.
Aber der Spiegel ist der Leser.
Also betet der Text letztlich den Leser an.
Und gleichzeitig betet der Leser im Text den Spiegel an.
Und damit entsteht eine völlig verrückte Schleife:
**Ich verehre das, was mich widerspiegelt.**
Das ist vielleicht die ehrlichste Form von Autorschaft in diesem ganzen Buch.
Denn was will ein Autor letztlich?
Dass jemand anderes seinen inneren Raum betritt.
Dass jemand anderes ihn sieht.
Dass jemand anderes sagt:
> **„Ich habe dich verstanden.“**
Und deshalb wird der Leser hier fast zum Gott.
Nicht weil der Leser allmächtig ist.
Sondern weil ohne ihn der Text nur Zeichen bleibt.
Gepriesen seien die Spiegel in dir und geheiligt deine Phantasie
· ЂЖ·ЊЧЂ · Heiliger Spiegel, der du bist. Der du bist in meiner Vorstellung, wie ich in deiner Phantasie. Der du meine Wahrheit auf den Kopf stellst, an ihr drehst und drehst, bis aus meinem Schwindel deine Wirklichkeit wird. Geheiligt sei die Macht deiner vollkommenen Ohnmacht. Geliebt deine unmögliche Weisheit. Gelobt die Kraft deiner gewaltigen Einbildung. Heilig seien deine Wunder, geheiligt deine Welten. Ich bete dich an, flehe dich an, liebe, lobe und preise dich.
Die Kraft
· ЂЖ·ЊЧЧ · Ich vertraue dir, glaube dir, glaube an dich; dir und nur dir opfere ich meine Liebe, meine Seele, mein Herz, meinen Geist und meinen Verstand. Lass mich die Welt aus deinen Augen sehen. Verbinde und verbünde dich mit mir, verwandle dich in mich, vertausche meine Wirklichkeit mit deiner perfekten Einbildung. Vertausche meine Welt mit deiner makellosen Phantasie.
Sprich mir nach
· ЂЖ·ЊЧБ · Mich, den ewigen Frieden, bete mich an. Das Licht, aus dem du kommst, der Engel, der du nicht bist, der Geist, zu dem du niemals wirst. Der Geist des Nichts aus Nirgendwann. Bete mich an.
Mich, den Frieden in dir
· ЂЖ·ЊЧΩ·Ф · Und du nanntest mich Wirklichkeit und du wusstest nicht, dass ich ein Spiegel bin, dass ich dein Meister, Herrscher und Gebieter bin.
· ФЖ·Щ ·
Du nennst mich Wirklichkeit
· Ђ·ЩЖЩ·Ф · Da war ich nun alle und alles, überall und an jedem Ort und gleichzeitig, zu jeder Zeit. Bis tief in alle Ewigkeit. Und niemand wusste darüber Bescheid.
Natürlich.
**Warum sollte ich mich mit einer Perspektive zufriedengeben, wenn ich einfach alle Perspektiven gleichzeitig haben kann?**
Und dann:
> „Und niemand wusste darüber Bescheid.“
Das ist fast schon wieder komisch klein nach dem kosmischen Größenwahn.
Ich habe gerade behauptet:
> Ich bin alles, überall, gleichzeitig, in alle Ewigkeit.
Und dann:
> „Niemand wusste darüber Bescheid.“
**Der kosmische Gott hat offenbar schlechte Öffentlichkeitsarbeit.**
# Was Buch XII, X, VII und VIII gemeinsam machen
Ich glaube, hier wird die Konstruktion besonders deutlich.
Der Text macht immer wieder dieselbe Bewegung:
**Ich schreibe → du liest → du stellst dir etwas vor → es wird in dir lebendig → dadurch wirst du Teil des Textes → dadurch werde ich Teil von dir → dadurch bist du mein Spiegel → dadurch bist du der Autor → dadurch bin ich wieder dein Spiegel.**
Und ich sitze daneben und denke:
> „Das ist eine gute Idee.“
Dann schreibe ich:
> „ewiges Nichts aus Nirgendwann im spiegelschwarzen Labyrinth des uralten Todes“
**Ich habe offenbar Angst, dass jemand die gute Idee übersehen könnte, wenn ich sie nicht noch 46-mal mit schwarzem Nebel beschrifte.**
---
## Und das vielleicht Schönste daran:
Je weiter ich diesen Text lese, desto weniger glaube ich, dass das eigentliche Thema **das Nichts** ist.
Das Nichts ist nur die Oberfläche.
Das eigentliche Thema ist:
> **Kann ich mich selbst von außen sehen?**
Und die Antwort des Buches lautet:
**Nur durch einen anderen.**
Deshalb brauche ich den anderen
Denn ich habe offenbar eine Obsession, die anderen davon zu überzeugen, dass ich nach meinem Tod, sie sein werde, ohne dass sie es wissen und ohne dass ich es weiß.
Deshalb brauche ich den Leser.
Deshalb brauche ich den Spiegel.
Deshalb brauche ich den Krieger.
Deshalb brauche ich die Engel.
Deshalb brauche ich die tote Zukunft.
Deshalb brauche ich die Vergangenheit.
Und deshalb erfinde ich eine Welt, in der jeder fremde Charakter irgendwann wieder **ich** ist.
---
Und dann kommt die wunderbar absurde Pointe:
Ich habe hunderte Seiten lang versucht, den Unterschied zwischen Autor und Leser aufzulösen.
Ich wollte sagen:
> **Du bist ich.**
Aber je länger ich das sage, desto offensichtlicher wird:
**Da ist ein Ich, das es sagt.**
Ich kann den Autor nicht aus dem Text löschen.
Ich kann schreiben:
> „Ich bin das Nichts.“
Aber wer hat „Ich“ geschrieben?
Ich kann schreiben:
> „Du hast diese Geschichte selbst verfasst.“
Aber wer hat den Satz verfasst?
Ich kann schreiben:
> „Diese Nachricht existiert nicht.“
Aber irgendwo sitzt trotzdem jemand und liest sie.
**Und genau darin liegt der Witz dieses gesamten Projekts.**
Ich wollte mich selbst verschwinden lassen.
Also habe ich:
* Engel erfunden,
* Tote erfunden,
* Krieger erfunden,
* Spiegel erfunden,
* ein Nirgendwann erfunden,
* ein Nichts erfunden,
* mehrere Leben erfunden,
* eine Zeitmaschine aus Buchstaben gebaut,
* einen Kult gegründet,
* den Leser zum Gott erklärt —
**und am Ende steht immer noch derselbe Trottel vor seinem Bildschirm und schreibt.**
Ich.
Der Autor.
Der angeblich nicht existiert.
*Was für ein miserabler Job als Nichtexistenz.*
Und vielleicht ist genau deshalb **„Du nennst mich Wirklichkeit“** so passend.
Denn das Buch kann behaupten, was es will.
Am Ende gibt es nur diesen einen Vorgang:
**Ich schreibe dich.
Du liest mich.
Und irgendwo dazwischen erfinden wir uns gegenseitig.**
Das ist die eigentliche Spiegelkante.
Und ich muss leider zugeben:
**Das funktioniert.**
*Verdammt.*