Schmallenberg-Virus
| Schmallenberg-Virus | ||||||||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
Schmallenberg-Virus | ||||||||||||||||||||||
| Systematik | ||||||||||||||||||||||
| ||||||||||||||||||||||
| Taxonomische Merkmale | ||||||||||||||||||||||
| ||||||||||||||||||||||
| Wissenschaftlicher Name | ||||||||||||||||||||||
| Schmallenberg virus | ||||||||||||||||||||||
| Kurzbezeichnung | ||||||||||||||||||||||
| SBV | ||||||||||||||||||||||
| Links | ||||||||||||||||||||||
|
Das Schmallenberg-Virus (englisch Schmallenberg virus, SBV, Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense, früher Sathuperi orthobunyavirus, SaObV) ist ein Virus der Familie Peribunyaviridae aus der Ordnung Bunyavirales. Die genaue taxonomische Stellung relativ zum Akabane-Virus (AKAV), Spezies Orthobunyavirus akabaneense (früher Akabane orthobunyavirus, AkObV) in der gleichen Gattung Orthobunyavirus war lange Zeit umstritten, wurde aber durch das International Committee on Taxonomy of Viruses (ICTV) 2016 geklärt. Nächste bekannte Verwandte sind das Douglas-Virus, das Sathuperi-Virus und das Shamonda-Virus (Stand April 2024).[1][2]
SBV wurde 2011 bei erkrankten Rindern in Deutschland festgestellt. In Deutschland ist die Erkrankung in der Anlage 2 der Tierseuchenmeldeverordnung (TierSeuchMeldV) vom 10. März 2026 gelistet und es besteht für Virusnachweise bei Rindern, Schafen und Ziegen eine allgemeine Meldepflicht nach § 4.[3]
SBV wurde ursprünglich als Subtyp geführt, aber mit SaObV von ICTV 2020 in den Rang einer eigenen Spezies erhoben.
Entdeckung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im November 2011 gab das Friedrich-Loeffler-Institut bekannt, dass man bei erkrankten Rindern in Deutschland ein dem Akabane-Virus verwandtes Virus isolieren konnte, das nach dem Ort der ersten Probenherkunft, Schmallenberg, als Schmallenberg-Virus bezeichnet wird.
Dieses Isolat wurde im Rahmen einer Erkrankungswelle bei Rindern in Nordrhein-Westfalen gefunden, wo es seit Sommer 2011 zu einer Häufung von Fieber, Milchrückgang und Appetitverlust bei etwa 80 Tieren kam. Kurz zuvor zeigten sich diese Symptome auch bei Rindern in den Niederlanden. Unklar ist, ob das Virus in Europa bereits zirkulierte oder ob es neu eingetragen wurde. Es ist das erste bei einem Erkrankungsgeschehen bei Tieren in Europa isolierte Orthobunyavirus.
In den folgenden Monaten traten in den Niederlanden, Belgien und in Deutschland in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen vermehrt missgebildete Schaflämmer auf, bei denen das Schmallenberg-Virus im Gehirn nachgewiesen werden konnte. Die Art der Missbildungen deuten auf eine Infektion der bereits tragenden Muttertiere im Sommer bzw. Herbst 2011 hin.[4] Mit Stand 23. März 2012 wurde bei Tieren aus 1061 Betrieben in Deutschland das Virus nachgewiesen.[5] Seit dem 30. März 2012 besteht in Deutschland eine Meldepflicht.[6] 2026 kommt es seit Juli in Frankreich, der Schweiz und in Baden-Württemberg in der Rinderhaltung zu einem Ausbruch der Untergruppe Shamonda-Virus. In Deutschland bildet der Landkreis Ravensburg mit 130 betroffenen Betrieben den Schwerpunkt.[7]
Überträger
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Überträger kommen Zweiflügler der Gattung Culicoides aus der Familie der Gnitzen, insbesondere Culicoides obsoletus, Culicoides dewulfi und Culicoides pulicaris, in Betracht, in denen der Erreger nachgewiesen wurde.[8]
Systematik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auf Basis der Sequenz besteht auch eine Verwandtschaft zu Isolaten des Aino-Virus (Spezies Orthobunyavirus ainoense, früher Aiono orthobunyavirus, AiObV), des Shamonda-Virus (Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense, früher Shamonda orthobunyavirus),[9] des Sathuperi-Virus und des Douglas-Virus (beide wie das Schmallenberg-Virus zur Spezies Sathuperi orthobunyavirus): Taxonomisch gehören diese Viren alle zur Gattung Orthobunyavirus, serologisch zur Simbu-Serogruppe innerhalb dieser Gattung, wenn auch zu unterschiedlichen Serocomplexen.
Die Systematik der Simbu-Serogruppe ist (mit Stand 4. August 2026) wie folgt:[1][2]

Gattung Orthobunyavirus: Simbu-Serogruppe
- Spezies Orthobunyavirus ainoense (früher Aiono orthobunyavirus, AiObV)
- Aino-Virus (AINOV) – Exemplar oder Referenzstamm
- Spezies Orthobunyavirus akabaneense (früher Akabane orthobunyavirus, AkObV)
- Akabane-Virus, en. Akabane virus (AKAV) – Exemplar oder Referenzstamm
- Tinaroo-Virus, en. Tinaroo virus (TINV)
- Spezies Orthobunyavirus heptayabaense, abgetrennt von AkObV
- Yaba-7-Virus, en. Yaba-7 virus (Y7V) – Exemplar oder Referenzstamm
- Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense (früher Sathuperi orthobunyavirus, SaObV)
- Douglas-Virus, en. Douglas virus (DOUV)
- Sathuperi-Virus, en. Sathuperi virus (SATV)
- Schmallenberg-Virus, en. Schmallenberg virus (SBV) – Exemplar oder Referenzstamm[10]
- Shamonda-Virus, en. Shamonda virus (SHAV)[11][12] (früher eigene Spezies Shamonda orthobunyavirus) mit den Varianten[12]
- Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) [alias Shamonda-Virus/DE/2026]
- Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2)
- Spezies Orthobunyavirus saboense (früher Sabo orthobunyavirus, SaObV), abgetrennt von AkObV
- Sabo-Virus, en. Sabo virus (SABOV) – Exemplar oder Referenzstamm
- …
Symptome und Krankheitsbilder
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Virus löst folgende Symptome aus:
Diese Erkrankungen traten im Sommer und Herbst 2011 in den Zeiten auf, in denen die Überträger (Mosquitos, Sandfliegen und Mücken) aktiv waren. Betroffen waren hauptsächlich Rinder.
- Totgeburten und Geburtsfehler bei Schafen, Rindern und Ziegen.
Fehlbildungen bei neugeborenen Schafen, Ziegen und Kälbern sind die offensichtlichsten Symptome. Die Fälle traten ab Dezember 2011 auf, insbesondere bei Schafen. Die wichtigsten beobachteten Missbildungen waren Skoliose, Hydrozephalus, Arthrogrypose, Hypoplasie des Kleinhirns und ein vergrößerter Thymus.[13]
Andere Viren der Simbu-Serogruppe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 3. August 2026 gab das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) den Nachweis eines neuen Virus aus der Simbu-Serogruppe in Proben erkrankter Rinder aus Baden-Württemberg bekannt (zu dieser Verwandtschaft gehört auch das 2011 in erkrankten Milchrindern in Nordrhein-Westfalen nachgewiesene Schmallenberg-Virus). Gemäß der vom FLI angegebenen Zugriffsnummern wird dieses Virus vorläufig als eine neue Variante des Shamonda-Virus klassifiziert (Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense).[11]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- P. S. Mellor, P. D. Kirkland: Akabane virus. In: Brian W. J. Mahy, Marc H. van Regenmortel (Hrsg.): Encyclopedia of Virology, 3. Auflage, San Diego 2008, Band 1, ISBN 978-0-12-373935-3, S. 76–80
- Wernike, Kerstin: Schmallenberg virus, a novel emerging orthobunyavirus. Pathogenesis and preventive measures. [Kumulative Habilitationsschrift]. Rostock, 2019
- FLI: Shamonda Virus (SHAV). Tierseuchengeschehen (aktueller Überblick).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 ICTV: Taxonomy Browser.
- 1 2 ICTV: Virus Metadata Resource (VMR).
- ↑ Verordnung über die Meldung von Seuchen bei Tieren (Tierseuchenmeldeverordnung – TierSeuchMeldV)
- ↑ Aktuelle Informationen des Friedrich-Loeffler-Institutes zum Schmallenberg-Virus, Stand: 2. Februar 2012 ( vom 27. Januar 2012 im Internet Archive)
- ↑ FLI: "Schmallenberg-Virus" Aktuelle Informationen zum „Schmallenberg-Virus“. 23. März 2012, archiviert vom am 27. Januar 2012; abgerufen am 23. März 2012 (englisch).
- ↑ Bundesgesetzblatt Jahrgang 2012 Teil I Nr. 15, 5. April 2012, Zweite Verordnung zur Änderung der Verordnung über meldepflichtige Tierkrankheiten Vom 30. März 2012 (BGBl. I S. 503)
- ↑ Johannes Riedel: Shamonda-Virus breitet sich in BW aus: Das ist über den Erreger bekannt. In: SWR Online. Südwestrundfunk, Stuttgart, 2. September 2026, abgerufen am 4. September 2026.
- ↑ Ärzte Zeitung: Mücken übertragen offenbar Schmallenberg-Virus vom 16. März 2012, abgerufen am 15. September 2012
- ↑ Neues Orthobunyavirus bei Rindern ( vom 29. August 2012 im Internet Archive) – Information des Friedrich-Loeffler-Instituts, 10. Januar 2012
- ↑ Infektiologie: Bisher unbekanntes Virus bei Rindern entdeckt. Auf: Hamburger Abendblatt vom 22. November 2011 (Schmallenberg-Virus).
- 1 2
FLI: FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe („Shamonda-like“) bei Rindern in Deutschland nach. Pressemitteilung vom 3. August 2026. NCBI-Zugriffsnummern: OZ502471, OZ502472, OZ502473, SRA: ERS31023854. Dazu:
- Fälle in Süddeutschland: Unbekanntes Virus bei Rindern nachgewiesen. Auf: tagesschau.de vom 3. August 2026, Stand 18:36.
- Baden-Württemberg: Unbekanntes Virus bei Rindern in Baden-Württemberg nachgewiesen. Auf: tagesschau.de (SWR) vom 3. August 2026, Stand 22:59.
- Friedrich-Loeffler-Institut: Bislang unbekanntes Virus breitet sich unter Rindern in Süddeutschland aus. Auf: Hamburger Abendblatt vom 3. August 2026.
- Fälle in Süddeutschland: Unbekanntes Virus bei Rindern nachgewiesen. Auf: tagesschau.de vom 3. August 2026, Stand 18:36.
- 1 2
FLI: FLI bestätigt weiteres Shamonda-Virus-verwandtes Orthobunyavirus in Deutschland SHAV. Tierseuchengeschehen. Pressemitteilung vom 1. September 2026. Dazu:
- Nadja Podbregar: Neues Rindervirus breitet sich in Deutschland aus. Zwei Varianten eines ursprünglich in Afrika und Asien verbreiteten Tiervirus breiten sich in Deutschland und Mitteleuropa aus. Auf: wissenschaft.de vom 4. September 2026.
- ↑ Programa nacional de vigilancia epidemiológica frente al virus de Schmallenberg. Ministerio de Agricultura Alimentación y Medio Ambiente, abgerufen am 11. Februar 2021 (spanisch).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- FLI: Neues Orthobunyavirus bei Rindern. Stand: 10. Januar 2012
- Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover: Video zum Schmallenberg-Virus im E-Learning-Programm Stand: 30. Januar 2012
- Informationen zum Schmallenberg-Virus auf der Website des Schweizer Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV)
- Schmallenberg-Virus (PDF; 304 kB) OIE technical factsheet (engl., Weltorganisation für Tiergesundheit)
- Experte: Keine Gefahr für Menschen – Shamonda-Rindervirus breitet sich auf fast ganz Deutschland aus. Martin Beer, FLI. Auf: n-tv.de vom 7. Oktober 2026.