Horcynus Orca
Horcynus Orca ist ein Roman des italienischen Schriftstellers Stefano DâArrigo (1919â1992). Das sprachgewaltige Epos wurde bei der VerĂśffentlichung 1975 als Meisterwerk der italienischen Literatur gefeiert. Auf fast 1500 Seiten erzählt DâArrigo die letzten acht Tage im Leben eines Kriegsheimkehrers des Zweiten Weltkriegs, des Matrosen âNdrja CambrĂŹa, auf dem Weg in sein Heimatdorf auf Sizilien.
Das wegen seiner inhaltlichen und sprachlichen FĂźlle lange fĂźr unĂźbersetzbar gehaltene Werk wurde erst 40 Jahre nach der VerĂśffentlichung in einer anderen Sprache zugänglich: Die Ăbertragung ins Deutsche durch Moshe Kahn wurde 2015 mit dem Deutsch-Italienischen Ăbersetzerpreis und dem Jane Scatcherd-Preis ausgezeichnet.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mit dem ersten Satz sind Ort und Zeit der folgenden rund 1450[1] Seiten des Romans angelegt:
âDie Sonne ging auf seiner Reise viermal unter, und am Ende des vierten Tags, welcher der vierte Oktober neunzehnhundertdreiundvierzig war, erreichte der Matrose âNdrja CambrĂŹa, einfacher Oberbootsmann der ehemaligen KĂśniglichen Marine, den Landstrich der Feminoten an den Meeren zwischen Skylla und Charybdis.â
Die darauf folgende monumentale inhaltliche FĂźlle lässt sich mit wenigen Worten nur notdĂźrftig zusammenfassen: Der Protagonist des Romans, âNdrja CambrĂŹa, sucht nach MĂśglichkeiten, die StraĂe von Messina zwischen Italien und Sizilien zu Ăźberqueren (mythologisch: die Meerenge zwischen den beiden Seeungeheuern der Odyssee, Skylla und Charybdis), um nach Hause zurĂźckzukehren. Dies gelingt ihm letztlich zwar, allerdings verliert er am Ende, am achten Tag seiner Reise, beim Training fĂźr einen Ruderwettkampf sein Leben durch einen verirrten Schuss.
Die Reise des Matrosen ist eingewoben in zahlreiche RĂźckblenden und Reflexionen, gegliedert in 50 einzelne Episoden, zu Erinnerungen des Protagonisten, zu Ereignissen seiner Vergangenheit, zur Mythologie der Gegend, zur realen Situation der Menschen, insbesondere der Fischer in der unmittelbaren Nachkriegszeit in SĂźditalien, zur ZerstĂśrung ihrer Lebensgrundlagen, zur Armut der Menschen, zur Hitze der Mittelmeersonne. Und seine Reise ist eingesponnen in eine FĂźlle von Begegnungen mit Personen, die durch den Krieg tiefgreifend verändert sind, teilweise reale oder real erscheinende Personen, teilweise Wesen und Figuren, die zur Mythologie des Landstrichs gehĂśren. âNdrja CambrĂŹa sammelt und beobachtet SinneseindrĂźcke, eigene und fremde Erinnerungen und Traumgestalten und ist âdamit beschäftigt, mit all den Splittern zu Rande zu kommen, in die sich die alte Welt aufgelĂśst hatâ.[3]
Die titelgebende Delfinart Orcinus Orca selbst ist durchgehend mythologisch ĂźberhĂśht (schon in der Eigen-Schreibweise DâArrigos im Titel, âHorcynusâ);[4] der Orca ist leitmotivische Todesmetapher des Romans.
Entstehungsgeschichte und Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]DâArrigo fand sein Thema schon 1956: Nach einjähriger Arbeit hatte er einen Roman mit dem Titel La testa del delfino (Der Kopf des Delfins) abgefasst, die Urfassung des Horcynus Orca. Zwei Episoden daraus, etwa 100 Seiten, sah der Autor 1958 offenbar als so weit fertiggestellt an, dass er sie losgelĂśst zur VerĂśffentlichung vorsah. Die beiden Erzählungen erschienen 1960 in der von Elio Vittorini und Italo Calvino herausgegebenen Literaturzeitschrift Menabò unter dem Titel I giorni della fera (Tage der Fere).[5]
Diese VerĂśffentlichung stieĂ auf groĂe Resonanz der italienischen Literaturkritik, und allgemein bestand die Erwartung, dass im folgenden Jahr 1961 ein epochales Romanwerk erscheinen werde. Auf Empfehlung von Vittorini nahm der Verleger Arnoldo Mondadori das Manuskript unter dem Titel I fatti della fera (Geschichten um die Fere) zum Druck entgegen und lieĂ Korrekturfahnen erstellen. Die Erwartung war allerdings verfrĂźht; der Roman erschien erst 1975 beim Verlag Mondadori in Mailand, 14 Jahre nach Ăbersendung der Fahnen zur letzten Korrektur, jetzt mit dem Titel Horcynus Orca. DâArrigo hatte sein Werk in der Zwischenzeit grundlegend Ăźberarbeitet, mit groĂen sprachlichen und stilistischen Ănderungen, und mit einer Verdopplung des Umfangs auf gut 1200 eng bedruckte Seiten.[6]
Während der Roman anschlieĂend international lange nicht zur Kenntnis genommen wurde, reagierte die literarische Kritik in Italien selbst zunächst verhalten, nach kurzem Schweigen aber sehr aufmerksam, wenn auch unterschiedlich: Die Mehrzahl wichtiger Literaten und Kritiker[7] feierte den Roman enthusiastisch als epochales Werk der Weltliteratur, als â1257 Seiten reine Poesieâ (Pasolini), eine kleinere Gruppe[8] äuĂerte sich abwertend.[9] 1977 wurde DâArrigo fĂźr sein Werk mit dem âSpezialpreis der Juryâ des Premio Mondello ausgezeichnet.[10]
1982 wurde das Werk bei Mondadori in zwei Bänden neu aufgelegt, ein Reprint erfolgte 1994. Die Urfassung des Romans mit dem Titel I fatti della fera (Geschichten um die Fere) â die Druckfahnen von 1961, mit deren Ăberarbeitung der Autor anschlieĂend 14 Jahre beschäftigt war â wurde 2000 in einer textkritischen Ausgabe verĂśffentlicht.[11]
MaĂgebliche kritische Edition des Werks â und Grundlage der Ăbersetzung Moshe Kahns ins Deutsche â ist die Neuauflage 2003 beim Verlag Rizzoli (RCS MediaGroup) in Mailand mit einer Einleitung des Literaturwissenschaftlers Walter PedullĂ , des Herausgebers der Gesamtausgabe der Schriften DâArrigos, und umfangreicher Bibliografie. Bei dieser Ausgabe wurden die fortlaufenden Ăberarbeitungen und Ănderungen des Autors im Anschluss an die Erstausgabe berĂźcksichtigt.[12]
Ăbersetzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Lange galt Horcynus Orca als unĂźbersetzbares Werk: Die Verleger schreckten vor dem finanziellen Risiko zurĂźck, die Ăbersetzer vor der Ăźberbordenden Sprachgewalt des Originals.
Bereits Anfang der 1960er Jahre â nach dem Erfolg der ersten VerĂśffentlichung der beiden einzelnen Kapitel â hatte Mondadori die Rechte zur fremdsprachlichen Ăbersetzung auf dem Buchmarkt angeboten. Im deutschen Sprachraum war der Piper-Verlag auf Empfehlung des Ăbersetzers Heinz Riedt auf das Angebot eingegangen. Als das Werk aber 14 Jahre später dann in der endgĂźltigen Form vorgelegt wurde, gaben die ausländischen Verlagshäuser ihre Optionen zurĂźck, weil die Gutachter, auch Riedt fĂźr den Piper-Verlag, den Text mit den von DâArrigo neu entwickelten Sprachformen fĂźr unlesbar und den Inhalt fĂźr unverständlich hielten.[13]
Im März 2015, mithin 40 Jahre nach der ErstverĂśffentlichung des Epos, wurde mit der Ausgabe in deutscher Sprache beim S. Fischer Verlag die erste Ăbersetzung Ăźberhaupt verĂśffentlicht; acht Jahre, von 2006 bis 2014 hatte der Ăbersetzer Moshe Kahn daran gearbeitet,[14] die ersten sechs Jahre an der Ăbersetzung, die letzten beiden Jahre an der Ăberarbeitung, gemeinsam mit seinem Lektor und Herausgeber, dem Verleger Egon Ammann.[15] Kahn gibt in einem umfangreichen Nachwort Aufschluss Ăźber die Probleme, vor die er sich als Ăbersetzer gestellt sah: DâArrigo hatte fĂźr sein opus magnum eine vĂśllig neue Sprache geschaffen, auf der Grundlage des sizilianischen Italienisch. In Absprache mit dem Autor, mit dem er seit Anfang der 1980er Jahre regelmäĂig persĂśnlichen Kontakt hatte, sah Kahn seine Aufgabe daher darin, eher eine kongeniale Ăbertragung als eine Ăbersetzung im herkĂśmmlichen Sinne zu unternehmen, eine âUmgestaltung, Anverwandlung, als Fährmannstätigkeit zwischen zwei entfernten Ufern. Der Klang, die Satzrhythmen, die alten, mittleren und neuen Sprachebenen des Deutschen verlangten, dass ich mich gelegentlich vom Original entfernen musste, um ähnliche Wirkungen wie im Original hervorzurufenâ.[16]
Kahns Ăbersetzung â und mit ihr die Entdeckung des Werks fĂźr den deutschsprachigen Raum â wurde in den Feuilletons fast durchweg gefeiert: Die Wiener Zeitung benennt die Ăbertragung als âbrillante Transliteration und Nachdichtungâ,[17] Peter von Becker bezeichnet im Tagesspiegel die Wiederentdeckung des Romans wie die Ăbersetzung schlicht als âliterarische Sensationâ,[18] die Rezensentin der NZZ, die Romanistin Franziska Meier, liest DâArrigos Roman als âirrwitziges Sprachkunstwerk, das sich als TotenbeschwĂśrung vor dem Hintergrund kriegerischer Verheerungen erhebtâ und sieht den Autor âim Dialog mit Weltliteratur von Homer Ăźber Dante bis zu Melville und Joyceâ.[19] Vom Rezensenten der FAZ, Hubert Spiegel, wird die Ăbersetzung Kahns gelesen als Wortfassung einer Mahler-Sinfonie,[20] und auch Maike Albath ordnet die Leistung Kahns in der Literaturbeilage der ZEIT als âĂźbersetzerische GroĂtatâ ein.[21] Skeptischer äuĂerte sich Tim Caspar Boehme in der taz, fĂźr den die LektĂźre zur âkĂśrperlichenâ Anstrengung wurde; der Rezensent sieht die Gefahr der ErschĂśpfung und Kapitulation des Lesers vor der Textflut und den sprachlichen âHeftigkeitenâ des Werks.[22]
Auszeichnungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1977: Premio Mondello, Spezialpreis der Jury
- 2015: Deutsch-Italienischer Ăbersetzerpreis fĂźr Moshe Kahns Ăbertragung
- 2015: Jane Scatcherd-Preis fĂźr Moshe Kahns Ăbertragung
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Werk
- Horcynus Orca. Verlag Rizzoli, Reihe Scala italiani, Mailand 2003, ISBN 978-88-17-87228-7.
- Horcynus Orca. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn. Herausgegeben von Egon Ammann, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-10-015337-1.
Sekundärliteratur
- Andrea Cedola: La parola sdillabbrata. Modulazioni su Horcynus Orca. Giorgio Pozzi Editore, Ravenna 2012, ISBN 978-88-96117-28-6.
- Andrea Cedola (Hrsg.): Horcynus Orca di Stefano DâArrigo. (Tagungsband) ETS, Pisa 2012, ISBN 978-88-467-3232-3.
- Fernando Gioviale: Crepuscolo degli uomini. Attraverso D'Arrigo in un prologo in tre giornate. Bonanno, Rom 2010, ISBN 978-88-7796-612-4.
- Marco Trainito: Il codice D'Arrigo. Anordest, Villorba 2010, ISBN 978-88-96742-06-8 (online (Scribd); abgerufen am 23. Oktober 2018).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Moshe Kahn: Nachwort zu âHorcynus Orcaâ von Stefano DâArrigo, Webpräsenz der Erlanger Ăbersetzerwerkstatt, 21. November 2014; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- Pasquale Vitagliano: I fatti della fera (1975), ItaliaLibri.net, Mailand, 24. September 2003; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- Marco Trainito: L'Orca. Genesi, vicenda editoriale, genealogia culturale e simbolismo nel romanzo di Stefano DâArrigo. ItaliaLibri.net, Mailand, 28. Januar 2004; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- Marco Trainito: Horcynus Orca (1975-2003), ItaliaLibri.net, Mailand, 28. Januar 2004; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- Marco Trainito: Stefano D'Arrigo (1919-1992), ItaliaLibri.net, Mailand, 10. Februar 2004; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- Benjamin Geissler: Horcynus Orca von Stefano D'Arrigo und die deutsche Ăbersetzung von Moshe Kahn, Kurzfilm, YouTube, verĂśffentlicht 19. Dezember 2014; abgerufen am 23. Oktober 2018.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â In der deutschen Ăbersetzung.
- â Stefano DâArrigo: Horcynus Orca. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Frankfurt/Main 2015, S. 11.
- â zit. Franziska Meier: Die Irrfahrten eines Kriegsheimkehrers, NZZ 4. April 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Moshe Kahn, Anmerkungen des Ăbersetzers zu Horcynus Orca, S. 1458, ähnlich Franziska Meier: Die Irrfahrten eines Kriegsheimkehrers, NZZ 4. April 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018; vgl. dazu weiter Marco Trainito: L'Orca. Genesi, vicenda editoriale, genealogia culturale e simbolismo nel romanzo di Stefano DâArrigo. ItaliaLibri.net, Mailand, 28. Januar 2004; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â I giorni della fera. Il Menabò Nr. 3, Verlag Einaudi, Turin 1960. Vgl. Marco Trainito: Stefano DâArrigo (1919-1992), ItaliaLibri.net; abgerufen am 23. Oktober 2018. âFereâ ist ein Kunstwort DâArrigos fĂźr âDelfinâ, s. Moshe Kahn: Anmerkungen des Ăbersetzers, Horcynus Orca, Frankfurt/Main 2015, S. 1458.
- â Moshe Kahn: Nachwort, Horcynus Orca, Frankfurt/Main 2015, S. 1465.
- â Moshe Kahn: Nachwort, Horcynus Orca, Frankfurt/Main 2015, S. 1466, nennt namentlich u. v. a. Pasolini, Malerba, Levi, Calvino.
- â Moshe Kahn: Nachwort, Horcynus Orca, Frankfurt/Main 2015, S. 1466, nennt Cases und Siciliano. Kahn vermerkt ebd., dass Siciliano sich später dafĂźr bei DâArrigo entschuldigte und seine Kritik nicht in seine Gesammelten Schriften aufnahm.
- â weitere Rezensionsmeinungen sind gesammelt bei Marco Trainito: Stefano D'Arrigo (1919-1992), ItaliaLibri.net, Mailand, 10. Februar 2004; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Il Premio Letterario Internazionale Mondello: Albo d'Oro dei vincitori del Premio Internazionale Letterario Mondello; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â I fatti della fera. Herausgegeben von Andrea Cedola und Siriana Sgavicchia, Verlag Rizzoli, Mailand 2000, ISBN 978-88-17-66981-8. Zur Editionsgeschichte dieses Ur-Horcynus vgl. die Kurzrezension von Pasquale Vitagliano: I fatti della fera (1975), ItaliaLibri.net, Mailand, 24. September 2003; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Marco Trainito: Horcynus Orca (1975-2003), ItaliaLibri.net; abgerufen am 23. Oktober 2018. Zur Bedeutung der Ausgabe von 2003 im Rahmen einer textkritischen Gesamtausgabe der Werke DâArrigos vgl. auch die Anmerkungen von Moshe Kahn bei seiner Ăbersetzung des Horcynus Orca, Frankfurt/Main 2015, S. 1457.
- â Moshe Kahn, Nachwort zu Horcynus Orca, S. 1465ff.
- â Moshe Kahn, Nachwort zu Horcynus Orca, S. 1470.
- â Hubert Spiegel: Nein, es war nicht wahnsinnig, FAZ 12. März 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Moshe Kahn, Nachwort zu Horcynus Orca, S. 1469.
- â Lennart Laberenz: DâArrigo, Stefano: Horcynus Orca, Wiener Zeitung, 14. März 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Peter von Becker: Im Meer der Sprachen, Tagesspiegel, 18. Februar 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Franziska Meier: Die Irrfahrten eines Kriegsheimkehrers, NZZ 4. April 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018.
- â Hubert Spiegel: Nein, es war nicht wahnsinnig, FAZ 12. März 2015; abgerufen am 23. Oktober 2018. Vgl. auch Hubert Spiegel: Moderner Odysseus auf Heimatsuche, Deutschlandfunk, BĂźchermarkt, 8. Februar 2015.
- â Maike Albath: Sizilianisches Wettrudern, Zeit-Literatur 11, März 2015, S. 12.
- â Tim Caspar Boehme: Verloren an der StraĂe von Messina, taz, 9. Mai 2015, S. 14.